Johann Christoph Neve (1844-1896)

Teil 1: Sozialrevolutionär aus Uelvesbüll

Text: Christian Gotthardt

Veröffentlicht:
Januar 2015

In der englischen und amerikanischen „Community“ der Anarchisten und Anarcho-Syndikalisten ist „John Neve“ fester Bestandteil der identitätsstiftenden Erinnerung. Er gilt in diesem politischen Spektrum als der Prototyp des aufrechten, unerschütterlichen und unbestechlichen Revolutionärs, der ohne jede Eitelkeit und unter großen persönlichen Opfern die Sache des Volkes vertrat. Sein Nimbus gleicht dem des Sozialisten August Bebel oder des Anarchisten Erich Mühsam in Deutschland. Wer war Neve, der aus seinem kleinen nordfriesischen Heimatdorf bis nach London, Paris und Amerika gelangte, um schließlich nach neun Jahren Einzelhaft im Berliner Gefängnis Moabit zu sterben?

Johann Christoph Neve wurde am 12. April 1844 im nordfriesischen 300-Seelen-Dorf Uelvesbüll bei Husum geboren. Sein Vater Jürgen Neve lebte dort als Zimmermann, seine Mutter Anna Elisabeth war eine geborene Trapp.[1] Die Familie Neve war seit längerem in Uelvesbüll ansässig. [2] 1846 zog die junge Familie vom Ortsteil Porrendeich – einem Quartier „kleiner Leute“ – in ein eigenes, neu gekauftes Haus (Hausnummer 60, alte Zählung).[3] Der Chronist Thomas Jensen aus dem Nachbardorf Witzwort, der das spätere Schicksal Johann Neves in der Zeitung verfolgte, betonte seine Herkunft „aus guter Familie“. Im Verständnis des ländlichen Eiderstedt war damit nicht Adel oder Reichtum gemeint, sondern ein Leben in ehelicher Treue, mit Fleiß und wirtschaftlichem Auskommen, Hausbesitz, Kirchgang und Wohltätigkeit, ohne Trunkenheit, Bankrott oder sonstige Gesetzeskonflikte.[4]

Johann Neve hatte einen Bruder Fritz, der Stellmacher lernte und später nach Altona zog, und eine Schwester, die sich nach Flensburg verheiratete. Er selbst ging bei einem Husumer Tischler in die Lehre.[5] 1863 packte er seinen in der väterlichen Werkstatt selbst gefertigten Koffer und verließ Elternhaus und Dorf, um als Wandergeselle Erfahrungen zu sammeln und lukrative Arbeitsstellen zu suchen. Von Husum ging es per Schiff nach Bremen, dann von dort nach London.[6]

 

London, Paris, Amerika und zurück

Bereits 1864 war er in London in Arbeit. Zu dieser Zeit wurden in England gute Handwerkerlöhne gezahlt. 1866 arbeitete er in Paris. 1868 zog es ihn nach Amerika, wo er – abgesehen von einer kurzen Rückkehr nach Europa - für rund 7 Jahre blieb.

Neve war ein qualifizierter und bei Arbeitgebern begehrter handwerklicher Arbeiter, der stets Arbeit fand und oft ansehnliche Löhne aushandeln konnte. Reisekosten schienen für ihn, anders als für viele andere auswanderungswillige Arbeiter, insbesondere aus Landwirtschaft und Fabriken, kein Problem zu sein. Da er zudem unverheiratet und ungebunden war, konnte er ganz seinen Neigungen folgen und alle Arbeitsorte ausprobieren, die ihm interessant erschienen.

Warum er 1874 seinen Aufenthalt in Amerika beendete, ist nicht bekannt. Er kehrte nach Europa zurück und arbeitete drei Jahre wechselweise wieder in London und Paris. Im Sommer 1876 kam er für kurze Zeit nach Norddeutschland zurück, um seinen Bruder und seine Eltern zu besuchen.[7] Seit 1877 blieb er dann auf Dauer in London. In diesem Jahr trat Neve zum ersten Mal als aktiver Sozialist in Erscheinung. Den Rahmen hierfür bot der seit längerem von der internationalen sozialistischen und kommunistischen Bewegung dominierte „Arbeiterbildungsverein“, der deutsche Altemigranten wie Karl Marx, Friedrich Engels und Wilhelm Liebknecht zu seinen Mitgliedern zählte, in dem aber auch englische Gewerkschafter, Anhänger des Anarchisten Bakunin oder des Lassalleschen Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) verkehrten.

Im Verein schloss sich Neve dem englischen Färber Frank Kitz an, der nach einigen Jahren Wanderschaft ebenfalls 1874 nach London zurückgekehrt war. Kitz hatte sich bei der Gründung der ersten politischen Clubs für englische Arbeiter beteiligt, so der Democratic and Trades Alliance Association 1874 und der Manhood Suffrage League 1875.[8] Gemeinsam gründeten sie, so Kitz Darstellung, im Sommer 1877 eine neue Gruppierung, „den Sozialdemokratischen Club“. Kitz wurde Leiter von dessen englischer Sektion, Neve übernahm den Vorsitz der deutschen Sektion, drei weitere nationale Sektionen kamen später hinzu.

Ein erstes Engagement zeigte der neue Club mit der Unterstützung des zu gleicher Zeit ausgebrochenen Steinmetzenstreiks auf der Großbaustelle für die neuen Justizgebäude im Londoner Stadtteil Strand. Der Club half, die Forderungen der Streikenden in die Öffentlichkeit zu tragen. Er organisierte darüber hinaus eine kleine Delegation englischer Gewerkschafter und deutscher Sozialisten, die an Steinbruch-Standorten in Süddeutschland über die Streikbrecher-Funktion dort für London angeworbener Steinmetzen aufklärte. Auch die deutsche sozialistische Parteipresse und die Gewerkschaftsorgane wurden informiert. Führend traten bei diesen Aktionen die Deutschen Johann Eccarius, Louis Weber und Franz Joseph Ehrhart in Erscheinung.[9] Sie verkörperten ein für das notorisch zerstrittene deutsche Exil außergewöhnlich breites politisches Spektrum: Eccarius war ein alter Weggefährte von Marx und Engels im Bund der Gerechten, Bund der Kommunisten und der IAA, der in den 1870er Jahren an die Seite der liberalen englischen Gewerkschaften getreten war und seitdem eine Marx-kritische Haltung einnahm. Weber war der Sohn eines 1848er Emigranten in London, der in den 1860er Jahren enge Verbindungen zu den Lassalleanern in Deutschland hatte. Ehrhart war deutscher Sozialdemokrat der Bebel-Liebknechtschen Richtung.

Insbesondere unter deutschen Arbeitern konnte der Club neue Mitglieder gewinnen, seine deutsche Sektion unter Neve wuchs bis Oktober 1878 auf 255 Mitglieder an. Dies und der Rückhalt im Arbeiterbildungsverein machten es dem Club schließlich möglich, im Unterschied zu allen anderen sozialpolitischen Zirkeln und Gruppierungen Londons eine eigene Immobilie zu erwerben und nicht mehr in Pubs tagen zu müssen. Das Haus stand in der Rose Street (heute Manette Street) in Soho. Februar 1878 begannen Reparaturarbeiten, am 3. August 1878 wurden die Räume vom Sozialdemokratischen Club und dem Arbeiterbildungsverein gemeinsam eröffnet.[10]

Noch bevor der Club ein eigenes politisches Profil ausbilden konnte, zog ihn die politische Entwicklung in Deutschland in ihren Bann. 1878 begannen dort die Verfolgungen auf Grundlage des Sozialistengesetzes und verursachten einen neuerlichen Emigrantenstrom nach London. Die deutschen Flüchtlinge suchten hier nicht nur ein politisches Zuhause, sie fanden im Haus des Sozialdemokratischen Clubs nun zudem eine Anlaufstelle, wo sie buchstäblich erst einmal ihre Koffer absetzen konnten. Was im Club diskutiert und beschlossen wurde, war in Folge ein Abbild der politischen und emotionalen Verfassung der deutschen Sozialdemokratie im Moment einer großen historischen Niederlage.

 

Neves politischer Weg

Wie war Neve zu seinem politischen Standort gelangt und was zeichnete diesen aus? Er trat 1877 auf die politische Bühne vor allem als ein Organisator und Aktivist. Zu erkennen sind ferner Sympathie und Verständnis für den gewerkschaftlichen Arbeitskampf. Aber wo steht Neve in den großen Debatten der Epoche zwischen Marx, Bakunin, Lassalle, um Möglichkeiten und Grenzen des Wahlrechts, der Demokratie, der Revolution und der Abschaffung des Staates?

Die Antwort muss zunächst ansetzen an den Motiven und dem Zeitpunkt seiner politischen Aktivität. Auszuschließen ist, dass Neve oder sein Elternhaus bereits in seiner Uelvesbüller Zeit bis 1863 mit dem modernen Sozialismus in Berührung kamen. In der Revolution von 1848/50 dominierten an der nordfriesischen Küste bürgerlich-demokratische und nationale Bewegungen, der sozialpolitische Ansatz der vom Bund der Kommunisten unterstützten Massenorganisation „Arbeiterverbrüderung“ drang nicht bis hierhin vor. Aufgrund seiner Zugehörigkeit zu Dänemark empfing der schleswigsche Landesteil vom Aufschwung der deutschen Arbeitervereinsbewegung ab 1859 und der Gründung des lassalleanischen ADAV im Jahr 1863 ebenfalls keine Impulse.[11] Zu ADAV-Gründungen kam es zunächst nur im Holsteinischen, 1864 in Pinneberg, Uetersen und Itzehoe, 1865 in Kiel, 1867 in Neumünster. Erst Ende 1871 konnte der ADAV von Kiel aus Versammlungen in Tönning organisieren, erst Anfang 1872 gelang hier die Gründung einer eigenen Mitgliedschaft – da war Neve längst schon in Amerika.[12]

Möglich ist eine Politisierung Neves während seiner ersten Aufenthalte in London und Paris. Hier gab es gerade in den 1860er Jahren ein lebhaftes, von der I. Internationale geprägtes sozialistisches Clubleben, an dem neben Emigranten gerade auch wandernde Handwerker teilnahmen. Aber Aktivitäten Neves in diesen Jahren sind nicht erkennbar und werden auch in seinen raren Selbstzeugnissen oder in Erinnerungen von Weggefährten nicht erwähnt. 

Zu Neves Amerika-Aufenthalt bemerkte sein Freund Karl Schneidt knapp, jener „lernte dort den Sozialismus kennen“.[13] Neve hatte später von London aus Briefkontakt zu dem bekannten New Yorker Sozialisten und Kneipenwirt Justus Schwab, einem Süddeutschen, der wie Neve 1868 nach Amerika ausgewandert war.[14] Ob diese Verbindung schon vor 1874 in New York entstand war oder erst aus Neves internationaler Korrespondenz für den Sozialdemokratischen Club hervorging, ist nicht mehr zu ermitteln.

Wäre ersteres der Fall, dann könnten erste politische Prägungen ausgegangen sein von der großen Wirtschaftskrise Amerikas ab 1873, von der German Tenth Ward Workingmen’s Association, einem deutschen Arbeiter-Club im Umfeld der 1872 nach New York verlegten Zentrale der Internationale, schließlich von der Massendemonstration der 7000 Arbeiter (darunter 1200 Deutsche) für Arbeitsbeschaffung im Januar 1874. Sie ging als „Tompkins Place Riot“ in die Geschichte New Yorks ein und kostete Schwab, der sich mit Absingen der Marseillaise und Schwenken einer roten Fahne prominent hervortat, eine Gefängnisstrafe.

 

 

(2) Justus Schwab (2.v.r): Seine Kneipe war der Treffpunkt der Deutschen Arbeiter in New York

 

Man darf annehmen, dass Neves Hinwendung zum Sozialismus durch Erfahrungen und Kontakte in Amerika angestoßen wurde, sein Einstieg in eine regelmäßige sozialistische Organisationsarbeit und Agitation aber erst in die Jahre nach seiner Rückkehr aus Amerika fiel und in direkten Zusammenhang mit der damaligen Entwicklungsetappe des traditionell stark von Deutschen geprägten Londoner Arbeiterbildungsvereins stand. Was fand Neve dort 1874 vor?

Das Stammpublikum des Arbeiterbildungsvereins stellten die Flüchtlinge der 1848er Revolution. Sie waren nun, rund 30 Jahre später, zumeist ältere Herren, seit langen Jahren Mitglieder englischer Gewerkschaften oder ähnlicher Vereinigungen. Politik fand nur mehr als Plauderei statt. Daneben standen jüngere Mitglieder, zunächst Engländer wie Kitz und dessen Mitstreiter Joseph Lane, dann vor allem die deutschen Flüchtlinge von 1878, die in den 1860er und 1870er Jahren jenen beispiellosen Aufstieg der politischen - und in der Folge - gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung in Deutschland mitgestaltet hatten.

Dies war offenbar die Logik der Kitz-Neveschen Idee des Sozialdemokratischen Clubs: Er sollte die jüngeren und radikalen Elemente zusammenführen und einander annähern. Eine Nebenidee war dabei, die englische Sektion des Clubs unter Kitz faktisch als englische Sektion der deutschen Sozialdemokratie oder einer erneuerten Internationale zu führen.[15] Hierin lag vielleicht auch das Motiv für die Wahl des Clubnamens, der in der englischen sozialistischen Tradition jedenfalls keinen Anknüpfungspunkt findet. Zur den ersten Publikationen des Clubs wurde 1879 eine Broschüre über „Die Prinzipien der sozialen Demokratie“, in der die deutschen und die amerikanischen Parteiverhältnisse erläutert wurden . Sie verkaufte sich tausendfach. Die Kosten hatte in der Hauptsache die deutsche Sektion vorgestreckt.[16]

Einer der bekanntesten Vertreter der deutschen 1878er Emigranten war Johann Most, ein in Deutschland wiederholt inhaftierter Publizist und Reichstagsabgeordneter. Auch er kam Ende 1878 nach London, und Neve schloss sich ihm schnell an. Most war gleichen Alters, vor allem aber der Redner, Autor, Volkstribun, den sich der Organisator und Aktivist Neve erträumt hatte und der er selbst nicht sein konnte. Neve gewann Most für das Projekt einer Zeitung, die der Agitation in Deutschland dienen sollte. Johann Most wurde ihr Herausgeber und wichtigster Autor, Neve Mitglied ihres Pressekomitees. Unter finanzieller und organisatorischer Mithilfe des Sozialdemokratischen Clubs erschien die erste Ausgabe der „Freiheit“ am 4. Januar 1879. In ihrem Untertitel kennzeichnete sie sich als „Sozial-demokratisches Organ“ und verweist damit auf ihre Einbindung in die deutsche Sozialdemokratie. Jedoch schon bald sollte sich diese Richtung verändern. Nachdem Most auf dem Wydener Parteikongress im August 1880 aus der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands ausgeschlossen worden war, änderte sich der Untertitel in „Organ der Sozialrevolutionäre deutscher Sprache.“ Seit 1882 lautete er „Organ der revolutionären Sozialisten“, seit 1885 „Internationales Organ der Anarchisten deutscher Sprache“. Hintergrund dieser Metamorphose war die fortschreitende Abwendung Mosts vom Parteisozialismus, seine Übernahme anarchistischer Positionen und seine zunehmende Vernetzung mit nach-bakunistischen Gruppen und Publizisten in der französischen Kolonie in London und in Paris. Neve folgte Most auf diesem Weg bereitwillig nach.

Weiteren Aufschluss über die politische Stellung des Sozialdemokratischen Clubs ergibt sich aus der Art und Weise, wie sich seine Existenz in der Korrespondenz von Marx und Engels widerspiegelt.

Im November 1878 erwähnt Marx den „Social Democratic Working Mens Club“ bzw. „Social Democratic Club“ als eine aus einer englischen und einer deutschen Sektion bestehenden Organisation, die bereits Mitglied der I. Internationale gewesen sei, solange diese noch bestanden habe (bis 1872). Damit machte er zwischen dem Arbeiterbildungsverein und dem Club offenkundig keinen Unterschied mehr. Die englische Sektion unter Kitz stellt er ausdrücklich in die Tradition der sozialistischen Linken.[17]

Kritischer sprach sich Engels aus, mit Blick vor allem auf die deutsche Sektion. In Briefen an alte Mitstreiter berichtete er von alten „1849er Maulhelden“ und jungen „Hohlköpfen“, die sich „in den letzten Jahren schon wenigstens sechsmal als Zentralkomitee der europäisch-amerikanischen Arbeiterbewegung konstituiert“ hätten; diese seien nun durch Most neu belebt worden. Namentlich erwähnt Engels Ehrhart, S.F. Kaufmann und Louis Weber, die später auch als Beiträger der „Freiheit“ wirkten.[18] Gegen Most hatten Engels und Marx zunächst nur seine „Naivität“ und „Eitelkeit“ einzuwenden, Marx traf sich sogar gelegentlich mit ihm.[19] Da aber der von Marx und Engels den deutschen Parteiführern Bebel und Liebknecht dringend angeratene Aufbau einer von der Schweiz aus nach Deutschland gerichteten Parteizeitung vorübergehend ins Stocken geriet und die „Freiheit“ in diese Lücke einzudringen drohte, wurde ihre Abgrenzung von Most und seinem Umfeld bedeutend schärfer.[20]

 

Vom Sozialdemokraten zum Sozialrevolutionär

Neve sah sich also um 1878 innerhalb der sozialistischen Weltfamilie auf der Seite der deutschen Sozialistischen Arbeiterpartei und der (seit 1876 ähnlich ausgerichteten) amerikanischen Socialistic Labor Party. Innerhalb dieser Position trat er für eine Verschärfung der Kampfformen ein, wie sie von Most und vielen anderen deutschen Sozialdemokraten gefordert wurde.

Zeitgleich mit dem Aufblühen des Clubs war Neve als Organisator großer öffentlicher Veranstaltungen in London tätig, z.B. für Erinnerungsfeiern für die Pariser Kommune im März 1878, für die Revolution von 1848 im selben Jahr, und noch einmal für die Pariser Kommune im März 1881. Sein organisationspolitisches Talent bewährte sich außerdem bei der Gründung einer Dependance des Clubs im Londoner East End. Im Juli 1881 war er Delegierter eines internationalen sozialrevolutionären Kongresses in London, versehen mit Mandaten vom Arbeiterbildungsverein London, von mehreren Gruppen am deutschen Niederrhein und von einem Teil der deutschen Sektion der Socialistic Labour Party in New York.[21]

 

(3) Mandat des KABV in London für die Kongressteilnahme der Delegierten Neve und Trunk.

Zu seiner Hauptaufgabe – der er nach seiner täglichen Erwerbsarbeit abends und in der Nacht regelmäßig nachging – wurde die Absicherung des Zeitungsprojektes. Neben der Sorge um die technisch-organisatorischen und finanziellen Voraussetzungen für die Herstellung gehörte hierzu auch der Aufbau und die Pflege eines Verteilernetzes durch konspirativen Briefverkehr und verdeckte Reisen in Deutschland (zuerst Ende 1880/ Anfang 1881, dann Sommer 1882) und schließlich der ebenfalls konspirative Versand der Zeitung. Diese Sendungen waren seit langem die erste radikale Propaganda seit dem Erlass des Sozialistengesetzes und brachten die deutsche Geheimpolizei in erheblichen Aufruhr.

Der sich stetig radikalisierende Ton der "Freiheit" bereitete der Aufbauarbeit Neves allerdings zunehmende Schwierigkeiten. Most kam wegen eines beifälligen Artikels zum Attentat auf den Zar Alexander II[22] im März 1881 für 16 Monate in Haft. Dieses Urteil war in England umstritten, für die Regierung war es eine gute Gelegenheit, den Wünschen des Auslands zu entsprechen. Bismarck hatte bereits persönlich interveniert.[23] Neve musste nun zusätzlich zu seinen anderen Tätigkeiten Most als Herausgeber und – gemeinsam mit Karl Schneidt – auch in der Redaktion vertreten. In diesen Funktionen geriet er im Frühjahr 1882 selbst in polizeiliche Verfolgung, als die "Freiheit" (i.e. Karl Schneidt) wiederum beifällig über ein Attentat auf den englischen Statthalter in Irland berichtete. Das Redaktionsbüro wurde durchsucht, Neve konnte knapp entkommen und fand zunächst Deckung bei Kitz und Joseph Lane in London. Die nächsten Ausgaben der "Freiheit" brachte er dann von Paris aus heraus, weitere im Herbst 1882 aus der Schweiz. Er reiste mit einem amerikanischen Pass unter dem Namen Ernest Stevens.[24]

Most wurde im Oktober 1882 aus der Haft entlassen, blieb aber unter Polizeiaufsicht. Am Ende des Jahres verließ er England, um die Zeitung von Amerika aus weiterzuführen, und übernahm wieder die alleinige Herausgeberschaft. Ab Sommer 1883 lag auch die redaktionelle Führung in seiner Hand. Man darf annehmen, dass das Handeln von Most mit Neve abgestimmt war und dessen volle Zustimmung fand. Anders wäre die über alle Schwierigkeiten hinweg beeindruckende Stetigkeit der Publikation (die erste in Amerika hergestellte "Freiheit" erschien bereits am 9. Dezember 1882 in Neu York!) nicht erklärbar.

Andererseits: Mit der vollständigen Bindung an Most hatte Neve in kurzer Zeit seinen politischen Einfluss bedeutend geschwächt. Vor allem nach dem Parteiausschluss von Most verloren Most und Neve das große Auditorium der deutschen sozialdemokratischen Basis. Der potenzielle und auch der tatsächliche Adressatenkreis der "Freiheit" schrumpfte zusammen. Die Auflage sackte 1881 deutlich ab, erholte sich danach zwar wieder, aber vor allem durch eine Zunahme von Abnehmern außerhalb Deutschlands – in Deutschland nahm die Zahl der Abonnenten und Verteiler stetig weiter ab. 1883 standen etwa 500 Abonnenten und maximal 1000 Druckexemplaren der "Freiheit" 5000 nach Deutschland geschmuggelte Exemplare der neuen Parteizeitung „Sozialdemokrat“ entgegen.[25] Hinzu kam, dass sich Most immer mehr mit amerikanischen Themen und den Interessen der deutschen Arbeiter in Amerika beschäftigte, die "Freiheit" also den deutschen Lesern immer weniger zu bieten hatte. Für Neves politische Tätigkeit bedeutete dies: Die ehemals radikale öffentlichen Propaganda für die Sache aller kam zur konspirativen Nestelei an anarchistischen Netzwerken herab.

 

Unter Anarcho-Terroristen und Lockspitzeln der Polizei

Neve hatte im Sommer 1882 von der Schweiz aus eine längere illegale Reise durch Deutschland unternommen, um mit den dortigen Kontaktleuten die Verteilung der Zeitung zu verbessern. Er kam über Mannheim, Hanau, Frankfurt und Augsburg im Dezember schließlich nach Wien. Die Wiener Polizei, der er aus Deutschland angekündigt worden war, setzte ihn für acht Monate fest, konnte aber seine Identität nicht beweiskräftig klären. Sie schob Neve Ende Juli 1883 über die bayrische Grenze nach Deutschland ab, wo er schnell ergriffen wurde. Wie in Wien gab er sich als englischer Staatsbürger Stevens aus, in London geboren als Kind einer deutschen Mutter und eines irischen Vaters, jung verwaist und von einem deutschen Handwerker in die Lehre genommen. Er wurde nach fünf Monaten Untersuchungshaft als Ernest Stevens zu weiteren sechs Monaten Haft verurteilt. Gerichts- und Haftort war Hanau, weil ihm hier die Verbreitung von Zeitungen nachgewiesen werden konnte.[26]

Im Juni 1884 kehrte er in die Schweiz zurück und setzte die Verteilung der "Freiheit" von Zürich aus fort. Von dort wies ihn die Schweizer Polizei im Dezember 1884 außer Landes.[27]

Neve reiste wieder nach London, nahm wieder Arbeit als Tischler an und baute ein weiteres Mal den Vertrieb der "Freiheit" neu auf. Zu den inzwischen ausgebrochenen bitteren inneranarchistischen Fehden im Arbeiterbildungsverein/ Sozialdemokratischen Club zwischen „Individualisten“ und „Kollektivisten“ wahrte er Distanz. Beiden Gruppen sah er sich allerdings näher als den deutschen Parteisozialisten und Marxisten, die den Rose Street Club schon 1880 verlassen und in der Tottenham Street eine neue Heimat gefunden hatten.[28]

Im Herbst 1885 verließ Neve London und bezog Quartier im belgischen Verviers. Von dort besorgte er ab Anfang Dezember persönlich den regelmäßigen Zeitungsschmuggel nach Deutschland, wobei er jetzt neben der (kollektivistischen) "Freiheit" auch den „Rebell“ der Londoner „Individualisten“ auslieferte.

In Belgien erlebte Neve – hierauf wird anhand seiner Briefe aus dieser Zeit noch einzugehen sein – eine Welle sprunghaft sich ausbreitender spontaner Arbeiterproteste, die z.T. schon den Charakter von Revolten annahmen. Andererseits hatte er große Schwierigkeiten, unter den belgischen Sozialisten Mitstreiter für ein planmäßiges Herbeiführen anarchistischer Aktionen zu finden. Da er aber die aus seiner Sicht herangereifte Situation auf keinen Fall verstreichen lassen wollte, konnte er die Chancen der politischen Lage nur noch als entschlossener Einzelkämpfer verwirklichen. Er ging dabei in seinen Korrespondenzen und persönlichen Kontakten immer mehr Risiken ein und verlor die Kontrolle über die Grundlagen seiner konspirativen Existenz. Vor allem hatte er keinen Überblick mehr, wer alles seine Deck- und Wohnadressen in Verviers kannte und wer darunter als Polizeispitzel anzusehen war.[29]

Neve war schon 1882/ 1883 in seiner schweizerisch-österreichisch-bayrischen Episode in Kontakt mit zweifelhaften Existenzen getreten. Von seinen dortigen Helfern bei der Herausgabe der "Freiheit" erwies sich einer, Hermann Stellmacher, Anfang 1884 in Österreich als Verräter, Raub- und Polizistenmörder, zwei weitere, Karl Schröder [d.i. Karl Schröder-Brennwald] und Josef Kaufmann, als deutsche Polizeispione.[30]

Bebel führte aus der Rückschau von 1898 hierzu aus: „Da ist Schröder-Brennwald in Zürich, jener Kerl, der vom Molkenmarkt [Sitz der Berliner politischen Polizei, CG], durch den Polizeirat Krüger, zuerst monatlich 200, dann 250 Mark Gehalt erhielt. Dieser Schröder hetzte und reizte in allen Versammlungen in Zürich zu Gewalttaten an. Damit ihn aber die Schweizer Behörden nicht ausweisen konnten, war er vorher vermutlich mit preußischem Polizeigelde Schweizer Bürger geworden. Dieser Schröder und der Polizeianarchist Kaufmann hatten im Sommer 1883 nach Zürich eine Konferenz einberufen, an der dreizehn Personen teilnahmen. Den Vorsitz führte Schröder. Auf dieser Konferenz wurden die Morde in Wien, Stuttgart und Straßburg verabredet, welche die Stellmacher, Kammerer und Kumitzsch nachher ausführten. Ich habe nicht gehört, daß jene gewissenlosen Schufte, obgleich sie im Dienste der Polizei standen, ihre Auftraggeber benachrichtigt hätten, daß jene Morde geplant waren. Oder sollten diese jene Taten im Stillen gebilligt haben? Die Stellmacher und Kammerer büßten ihre Taten am Galgen. Als Most in England im Gefängnis saß, ließ Schröder auf seine Kosten die „Freiheit” in Schaffhausen drucken. Das Geld bezahlte er natürlich nicht aus seiner Tasche.“[31]

Neve ahnte damals hiervon nichts. Nach seiner Haft in Wien und Bayern traf er in Zürich wiederum mit Josef Kaufmann zusammen, ferner mit Peter Hauser. Gemeinsam begrüßten sie öffentlich die Taten Stellmachers und Kammerers. Eine Haussuchung bei Hauser erbrachte Sprengstofffunde, dies war der Grund der damaligen Ausweisung Neves.[32]

Eine ähnlich glücklose Hand zeigte Neve bei neuen Kontakten in Magdeburg. Die "Freiheit" wurde hierhin bereits seit Sommer 1879 ausgeliefert. Durch Zuzug einiger aus Berlin verbannter Sozialisten erweiterte sich Anfang der 1880er Jahre die Resonanz, auch der "Rebell" wurde bezogen. Zeitweilig gingen weit über tausend Exemplare der beiden Zeitungen über diesen Weg, weil sich Magdeburg als Zulieferer für Berlin etabliert hatte. Möglicherweise auf eine Empfehlung Neves hin wechselte dessen ehemaliger Mitredakteur Schneidt im April 1885 von Berlin nach Magdeburg und baute sich dort im Umfeld der illegalen anarchistischen Gruppierungen mit legalen, nur mäßig politischen Zeitungen bis 1887 eine tragfähige Existenz auf. Wahrscheinlich wurden auch die in der "Freiheit" veröffentlichten Korrespondenzen aus dem Raum Magdeburg durch ihn übermittelt.

Allerdings waren die Magdeburger Anarchisten, als Neve Ende 1884 nach London zurückkam und die Korrespondenz mit ihnen übernahm, bereits im Visier der deutschen Polizei. Sie verfügte über einen verdeckten Informanten in der Gruppe, es kam am Ort zu Festnahmen und Verhören.

Von Belgien aus korrespondierte Neve rege mit den Magdeburgern. Einem ihrer Aktivisten, Robert Drichel, machte er im Frühjahr 1886 ein Angebot, das Polizei und Justiz später als Bereitschaft zur Zusendung von Sprengstoff deuteten. Mitte September 1886 traf eine Kiste mit Sprengmaterial in Magdeburg ein und wurde von der Polizei beschlagnahmt. Die Paketkarte und ein beiliegender Brief wurden aufgrund der Handschrift Neve zugeordnet.[33] Für die deutsche Polizei lag damit ein konsequenter Handlungsstrang im Sinne eines terroristischen Anarchismus offen.

 

Verhaftung, Urteil und Gefängnis

Der Verfolgungsdruck, der auf Neve lastete, war inzwischen weiter gewachsen – sowohl bei der polizeilichen Überwachung seiner Schmuggeltätigkeit als auch durch sich häufende Kontaktversuche von Lockspitzeln. Neve wurde schließlich im Februar 1887 beim verlassen eines Cafes in Lüttich von der belgischen Polizei unter dem Vorwand der Landstreicherei aufgegriffen und sofort an die deutsche Polizei ausgeliefert.[34]

Neve konnte in sieben Monaten Untersuchungshaft wiederum eine eindeutige Klärung seiner Identität verhindern, musste sich aber nach einer Konfrontation mit seinem alten Schullehrer Peter Jürgen Schlichting aus Uelvesbüll beugen. Dieser hatte 1850 seinen Dienst angetreten und Neve von der Einschulung bis ca. 1858 (Konfirmation und Eintritt in die Lehre) unterrichtet.[35] Die Anklage summierte Delikte wie Dynamitvergehen, Aufforderung zum Kaisermord, Majestätsbeleidigung, Gotteslästerung, Meineid, Anreizung zum Volksaufstand, Verbreitung verbotener Schriften usw., der Prozess fand vom 3. bis zum 10. Oktober vor dem zuständigen Reichsgericht in Leipzig statt.

Ankläger war der seit 1874 unter Sozialdemokraten als Scharfmacher berüchtigte Staatsanwalt Tessendorf. Eine große Rolle spielten die Magdeburger Vorkommnisse. Der Versuch, Neve überdies eine Beteiligung an dem Attentat gegen den Polizeichef von Frankfurt/Main, Rumpf, nachzuweisen, schlug fehl. Der nicht-öffentliche, nicht-protokollierte, eindeutig politische Prozess gegen Anarchismus und Sozialismus und für die weitere Rechtfertigung des Sozialistengesetzes endete im Oktober 1887 mit einem umfassenden Schuldspruch und der Verurteilung Neves zu 15 Jahren Zuchthaus. „Wahrscheinlich markierte der Prozess gegen John Neve ein Allzeit-Tief der deutschen Rechtsprechung,“ resümierte der amerikanische Historiker Andrew Carlson.[36]

Neve wurde ins Zuchthaus Halle überführt und in strikter Einzelhaft gehalten. Zunächst war ihm erlaubt, einen Brief pro Monat an Freunde zu schreiben. Most versuchte, durch Appelle an den deutschen Reichstag die Haftbedingungen Neves zur Sprache zu bringen und eine Freilassung zu erwirken. Im Januar 1888 wurden jedoch alle Kontakte zur Außenwelt auf die Familie beschränkt. Am 28. September 1888 wurde Neve in das Moabiter Gefängnis in Berlin verlegt. Er lebte nun angeblich in geistiger Umnachtung und starb am 8. Dezember 1896 an Tuberkulose. Am zweiten Weihnachtstag wurde die in Flensburg lebende Schwester Neves über seinen Tod informiert, am 28. Dezember erreichte eine diesbezügliche Nachricht aus Flensburg den sozialdemokratischen „Vorwärts“ in Berlin, der sie umgehend veröffentlichte.[37] Ebenfalls 1896 starb Lehrer Schlichting, seit 1890 mit dem Hausorden der Hohenzollern dekoriert – ob wegen seiner 40 Dienstjahre in Neves Heimatort oder wegen seiner kaisertreuen Aussage im Leipziger Prozess?[38] Nach den Vergabestatuten des Ordens war wohl Letzteres der Fall.[39] Neves Vater war schon 1884 gestorben.[40]

 

(4) Lehrer Schlichting brachte seinen Schüler Neve zur Strecke.

Stolz trägt er den Hohenzollernorden der niedrigsten Klasse.

 

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Aus der Rückschau betrachtet, hatte sich Neve durch seinen Anschluss an Most in eine politische und auch persönliche Sackgasse geführt. Dies mochte Neve selbst so nicht erscheinen, da für ihn Most der maßgebende Sozialrevolutionär war und die "Freiheit" die beste Zeitung und damit das beste Agitationsmittel blieb. Most war ihm auch weniger ein Messias als vielmehr sein Mittel zum Zweck – der zuallererst in der Aufklärung und Gewinnung von Arbeitern in Deutschland, Österreich und der Schweiz bestand. Es kam Neve insofern auch niemals in den Sinn, Most nach Amerika zu folgen. So blieb er bei seinem Ansatz der Freiheit-Agitation, ideologisch bei Most, organisatorisch auf sich allein gestellt.[41]

Der „Fall Neve“ war – hierauf wird ebenfalls noch ausführlicher einzugehen sein - eine staatlich unbedingt erwünschte Begleitmusik zur geplanten und im Januar 1887 im Reichstag durchgebrachten Verlängerung des Sozialistengesetzes. Er bedeutete zugleich das Ende für die erste Phase des Anarchismus auf deutschem Boden. Die vollständige Ausschaltung der Freiheit als dessen Organ und Neves als dessen (einziges!) Organisationszentrum waren ein großer Sieg des deutschen Polizeistaates.

Vernichtend getroffen wurde zudem die deutsche anarchistische Emigration in London. Der Streit darüber, wer Neve an die Polizei verraten habe, eröffnete den letzten Akt ihrer Selbstzerstörung.[42] Viele der Most-Anhänger folgten diesem nach Amerika, um die Sektenstreitereien dort mit amerikanischen Anarchisten fortzuführen. Für die politische Qualität dieser Bewegung gibt der bereits erwähnte Louis Weber ein Beispiel, der um 1886 gemeinsam mit anderen „Mostianern“ in New York durch Brandstiftungen zum Zwecke planmäßigen Versicherungsbetruges auffiel.[43] Neves Londoner Schöpfung, die deutsche Sektion des Sozialdemokratischen Clubs als wiederbelebter Kommunistischer Arbeiterbildungsverein, zerfiel zum Ende der 1880er Jahre ohne Rest.

Einen anderen Weg ging die englische Sektion des Clubs, in der eine polarisierende Leitfigur wie Most fehlte. Hier waren die Bindungen zwischen Parteisozialisten, Sozialrevolutionären, Anarchisten und Gewerkschaftern ebenso erhalten geblieben wie die traditionelle Orientierung auf rationale und demokratische Organisationsformen. Aus diesem Spektrum heraus gründete sich 1881 die „Democratic Federation“, aus der 1883 die „Social Demokratic Federation“ bzw. 1885 die „Socialist League“ hervorging, in der sich dann Persönlichkeiten wie Neves Freunde Kitz und Lane, der englische Künstler und Utopist William Morris, der Österreichische Anarchist Andreas Scheu und die Marx-Tochter Eleanor und ihr Mann Edward Aveling zusammenfanden. Auch Neve hatte sich in den letzten Monaten seines Londoner Aufenthalts dieser Organisation angeschlossen. Hier war ihm wohler als in der Intrigenhölle der deutschen Anarchistenclubs. In seiner Zeit in Verviers waren Mitglieder der „Leage“, neben Most in Amerika, seine wichtigsten Vertrauten. Auch die Socialist League verließ schließlich den Rose Street Club und fand ein neues Domizil in der Tottenham Street, wohin sich schon 1880 die parteitreue Minderheit der deutschen Sektion verzogen hatte.[44]

Der Fall des Sozialistengesetzes 1890 und die darauf folgende Wiedergründung der deutschen Sozialdemokratie als SPD setzten schließlich auch den politischen und psychologischen Voraussetzungen des frühen deutschen Anarchismus ein Ende. Die Erfolge der nun legalen politischen Aktivität überstiegen alle Erwartungen und ließen Gedanken an individuellen Terror nicht mehr entstehen. Manche der Most-Anhänger und Neve-Freunde kehrten nach Deutschland zurück, um ihre politische Tätigkeit als Mitglieder der SPD fortzusetzen. Hier erfüllte sich eine Prognose Friedrich Engels`, der bereits 1884 Bebel gegenüber die Massenpopularität sozialistischer Wahlpropaganda als Hebel zur Marginalisierung der Anarchisten herausgestrichen hatte.[45] Anarchismus entstand in Zentraleuropa erst wieder neu in anderer Form, als Anarchosyndikalismus der Belegschaften industrieller Großbetriebe ab der Jahrhundertwende. Zeitgleich wurde die Rolle revolutionärer Gewalt von den russischen Sozialisten aktualisiert, nun verknüpft mit dem bolschewistischen Parteikonzept, der Räte-Erfahrung aus der russischen Revolution von 1905 und einem tieferen Verständnis geeigneter revolutionärer Situationen.

Man kann spekulieren, wo Neve zu finden gewesen wäre, hätte er seine Entlassung aus dem Gefängnis noch erlebt. Freunde genug hätte er gefunden, in allen Lagern der sozialistischen Linken, wie die beindruckende politische Bandbreite der ihm gewidmeten Nachrufe belegt. Alle würdigten Neve als beharrlichen, selbstlosen und unbestechlichen Charakter, der in seiner Parteinahme stets instinktsicher und bei seiner Organisationsarbeit geradezu genial zu handeln vermochte. In der Tat darf man Neve zu jenem wenig bekannten Personenkreis der „geborenen Arbeiter“ zählen, ohne deren zumeist stille Leistungen die frühe Arbeiterbewegung nicht hätte bestehen können. In dieser Hinsicht steht er in einer Reihe mit dem Schuster Julius Vahlteich, dem Sekretär Lassalles 1863/64, mit dem Tischler Theodor York, Organisator der deutschen Gewerkschaftsbewegung vor 1875, und mit dem Weber Julius Motteler, Gestalter der illegalen Parteiarbeit unter dem Sozialistengesetz ab 1878. Ein doktrinärer anarchistischer Sektierer war Johann Neve jedenfalls nicht.

 

Zum Weiterlesen:

 

Teil 2: Anarchistische Praxis. Aus Neves Briefen an Victor Dave 1885 bis 1887

Teil 3: Anarchismus und Polizeistaat. Neves Verhaftung in neuer Perspektive

 

 

 

 

Anmerkungen

 

[1] Landesarchiv Berlin (LAB) Rep. 030 Nr. 11969 Bl. 63-70. Die Darstellung seiner Lebensstationen folgt im übrigen, soweit nicht andere Belege angeführt werden, der grundlegenden Studie von Heiner Becker (s. Literaturverzeichnis).

[2] Ein Hans Neve und seine Frau bzw. Witwe lebten dort von spätestens 1814 bis 1862 – vermutlich die Großeltern; Kreisarchiv Nordfriesland (KANF) A2 Nr. 8, Nr. 99.

[3] KANF A2 Nr. 38; vgl. Hess 1983, S. 224.

[4] Jensen 1998, S. 191.

[5] LAB Rep. 030 Nr. 11969, Bl. 67 f.

[6] Neve an Dave undatiert [Mai 1886], in: Victor Dave Papers, International Institute of Social History (IISG), Amsterdam. Vgl. Urteilsbegründung Leipziger Reichsgericht v. 31.1.1887, in: Landeshauptstaatsarchiv Sachsen-Anhalt (LHASA), Rep. C 29 II Nr. 13.

[7] LAB Rep. 030 Nr. 11969 Bl. 106 ff.

[8] Walter 2007.

[9] Rössler 1996, S. 168.

[10] Heath 2003. Vgl. Ehrhart 1908, S. 59, der die Cluberöffnung in der Rückschau als seine Leistung darstellt und Neve nur jovial als „Geschäftsführer des Regiebetriebes“ erwähnt: „Diese grundehrliche, fleißige Natur ward bald unser aller Liebling.“

[11] Vgl. als einschlägige Quellensammlungen, in denen die jeweilige Eindringtiefe ins nördliche Deutschland erkennbar wird: Der Bund der Kommunisten, Dokumente und Materialien, 3 Bde, Berlin 1983/84; Die Allgemeine Deutsche Arbeiterverbrüderung 1848-1850, Dokumente, hg. von Horst Schlechte, Weimar 1979; Na` Aman, Shlomo/ Harstick, Peter: Die Konstituierung der Deutschen Arbeiterbewegung 1862/63, Darstellung und Dokumente, Assen 1975.

[12] Osterroth 1965.

[13] Schneidt 1890, S. 71.

[14] Schneidt 1890, S. 99.

[15] Vgl. Heath 2003.

[16] Quail 2009.

[17] Marx an Alfred Talandier v. 10.11.1878, in: MEW 34, S. 351-357.

[18] Engels an Philipp Pauli v. 30.7.1979, MEW 34, S. 336; Engels an Johann Philipp Becker vom 1.7.1879, in: MEW 34, S. 382 f. Vgl. Freiheit Nr. 16 (April 1883), ferner Datenbank des deutschsprachigen Anarchismus, Lemna Freiheit, 2001, aufgerufen am 3.1.2015 unter http://ur.dadaweb.de/dada-p/P0001852.shtml und Fricke 1980, S. 11. Kaufmann wirkte noch 1877 gelegentlich als London-Korrespondent des sozialdemokratischen Vorwärts in Deutschland; Vorwärts v. 21.3.1877.

[19] Marx an Friedrich Albert Sorge vom 19. 9.1879, in: MEW 34, S.410 f.

[20] Marx/Engels an August Bebel, Wilhelm Liebknecht u.a. vom 17./18.9.1879, in: MEW 34, S. 394-408.

[21] G. Brocher Papers, Amsterdam 2013, http://hdl.handle.net/10622/ARCH00115, aufgerufen am 6.12.2013; Anonymus: Social Revolutionaries, o.J., S. 55, http://archive.org/stream/SocialRevolutionaries/SocialRevolutionaries_djvu.txt, aufgerufen am 6.12.2014; Garage Collective: Johann Sebastian Trunk, 1850-1933, 2013, http://garagecollective.blogspot.de/2013/09/johann-sebastian-trunk-1850-1933.html, aufgerufen am 20.6.2014.

[22] Freiheit v. 19.3.1881, abgedruckt in: Oberländer, Erwin: Der Anarchismus, Freiburg 1972, S. 291 – 296.

[23] Porter 1980, S. 842 f.

[24] Rocker 1925, S. 476 f.

[25] Eisfeldt 1980, S. 15; Datenbank 2001.

[26] Carlson 1972, S. 345, 381.

[27] Rocker 1924, 197 ff.; Rocker 1925, S. 477; Eichler 1983, S. 108.

[28] Rocker 1924, S. 219.

[29] Neve an Peukert vom November 1986, zit.n. Rocker, Most, S. 260; Neve an Trunk v. 14.1.1887, IISG Amsterdam; Neve an Dave v. 26.1.1887, IISG Amsterdam; vgl Eichler 1983, S. 150 f.

[30] Datenbank 2001; Rede Paul Singer im deutschen Reichstag v. 27.1.1888, in: Das Deutsche Kaiserreich 1871-1914, hg. von Gerhard Albert Ritter, S. 236 ff.; Langhard 1903, S. 265 f., S. 273.

[31] Bebel, August: Ausgewählte Reden und Schriften, München, 1995, Bd.4, S. 369ff. Vgl. Rocker 1924, S. 200.

[32] Langhard 1903, S. 291 f. Vgl. Schneidt 1890, S. 76.

[33] Neuber 2007. Vgl. Fricke 1983, S. 329 f.

[34] Vgl. Rocker 1924, S. 260 ff.; Carlson 1972, S. 361 f.

[35] Vgl. Hess 1985, S. 164.

[36] Carlson 1972, S. 363.

[37] Rocker 1924, S.291; Carlson 1972, S. 369.

[38] Vgl. Hess 1985, S. 166.

[39] „Diesen Unseren Königlichen Hausorden werden Wir und Unsere Nachfolger in der Krone an solche Personen verleihen, welche um die Erhaltung des Glanzes und der Macht Unseres Königlichen Hauses sich verdient gemacht, und eine besondere Hingebung an Uns und Unser Haus an den Tag gelegt haben, ... durch aufopferndes und mannhaftes Benehmen im Kampf für dasselbe gegen äußere und innere Feinde ...“; Schneider 1869, S. 24.

[40] KANF, Standesamt Uelvesbüll, Sterberegister.

[41] Rocker 1924, S. 251 ff., S. 268.

[42] Rocker 1924, S. 216, 289.

[43] Liberty v. 22.5.1886, dokumentiert auf: http://fair-use.org/benjamin-tucker/instead-of-a-book/the-facts-coming-to-light, aufgerufen am 11.7. 2014. Vgl. Goldmann Papers Project 2003, Lemna Most, und Rocker 1924, S. 298.

[44] Schneidt 1890, S. 32. Vgl. Rocker 1924, S. 246 ff. und MEW 35, S. 513.

[45] Engels an Bebel v. 11.10.1884, in: MEW 36, S. 214 f.

 

 

Benutzte Literatur

 

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Bebel, August:

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Wilckens, Karen:
Een Gang dörch Uelvesbüll - dat lütt Dörp achter de Diek, St. Peter-Ording 2000

 

 

Bildnachweis

 

(1) Neve: Zeitgenössische Fotographie, um 1880; Ehrhart 1908

(2) Justus Schwab: Zeichnung v. V. Gribayedoff; Heath 2011

(3) Mandat Neve: Quelle Internationales Institut für Sozialgeschichte, Amsterdam; Garage Collective 2013

(4) Lehrer Schlichting: Wilckens 2000

 

 

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