Harburg: Kurzfassung für Nervöse

Vom Eigensinn im Schatten Hamburgs

Text: Christian Gotthardt

Veröffentlicht: Juni 2015

(1) Am Anfang war die Horeburg - ein Versuch des Geestadels, im potentiellen Reichtum der Elbmarschen einen Claim abzustecken.

Die Geschichte des im tiefsten Elbmorast gelegenen Siedlungsplatzes Harburg begann zur Zeit der ersten Jahrtausendwende - mit einer Kaserne. Man nannte sie "Horeburg", was neuhochdeutsch Sumpfburg heißt. Die Herkunft der an diesen unerfreulichen Ort verschlagenen Söldner wechselte, ihre Aufgabe aber blieb im Prinzip immer die gleiche: die Landesgrenzen ihrer Fürsten zu verteidigen, und nebenbei den Bauern und friesischen Küstenfahrern, die in den umliegenden, mühsam entwässerten Marschen immer erfolgreicher wirtschafteten, feudale Abgaben abzupressen.

Den einfachen Soldaten folgten bald "hohe Tiere" nach. Unter den Herzogen von Braunschweig-Lüneburg wurde die Horeburg zum regionalen Herrschaftszentrum ausgebaut. Ein herzoglicher Vogt residierte nun hier, und zusammen mit einigen ihm unterstellten Rittern führte er einen nicht unbeträchtlichen Haushalt.

Für die Bauern bedeutete dies erhöhten Abgabendruck, aber auch etwas mehr Sicherheit und einen ersten Absatzmarkt für ihre Produkte. Auch die reisenden Kaufleute und Fuhrmänner, die von Süden her die Versorgung der Großstadt Hamburg betrieben, wurden bald auf die Horeburg aufmerksam. Sie erkannten die Möglichkeit, sich hier in einen attraktiven Handel einzuschalten und zugleich ein geschätztes Unterkommen zu finden. Seit dem Jahre 1288 siedelten sich einige von ihnen in direkter Nähe der Horeburg an, auf dem Knüppeldamm, der ihr inmitten der Sümpfe eine Zufahrt freihielt. Die Häuserreihe der Schlossstraße entstand, und damit das städtische Leben Harburgs.

(2) Burg und erste bürgerliche Siedlung entlang der Schlossstraße

 

Dunkles Mittelalter: Armut und Angst

Das Leben im mittelalterlichen Harburg war alles andere als ein Idyll. Willkür des herzoglichen Vogtes, der beständig neue Abgaben und Frondienste ersann, private Fehden und Erbfolgekriege, die die Herzöge anzettelten und deren Hauptlast die Bürger trugen - unter den Bedingungen der Adelsherrschaft waren Handel und Wandel in Ruhe nicht möglich. Mehrfach wurde der Ort dem Erdboden gleichgemacht, noch häufiger geplündert. Zudem litt er unter der Konkurrenz der größeren Städte Stade, Hamburg und Lüneburg, deren Kaufleute geschickt dafür sorgten, daß die Haupthandelswege um Harburg einen Bogen machten. Durch Jahrhunderte blieb die Stadt ein kleines Nest mit wenig mehr als 100 Einwohnern, armseligen Lehmhütten und Straßen voller Dreck. Sie war immer noch eine um die Schlossstraße gedrängte Einstraßensiedlung; die Bebauung reichte im Süden etwa bis zu deren heutiger Mitte. Der Markt fand auf der Straße statt, und das Ganze war umgeben von einem dürftigen Palisadenzaun. Kaum eine Händler- oder Handwerkerfamilie konnte darauf verzichten, für ihren Lebensunterhalt nebenher auf dem östlichen "Neulande" am jenseits der Palisade noch Ackerbau zu betreiben. Der Besitz eines Steinhauses galt als größter Luxus, den sich nur wenige leisten konnten, und selbst in friedlichen Zeiten waren verheerende Brände und Seuchen Bestandteil des Alltags.

Pracht auf Pump: Glanz und Abglanz in einer kleinen Residenz

Als im 16. Jahrhundert einer der Söhne des Herzogs auf die Erbfolge verzichtete und dafür mit der Pfründe Harburg abgefunden wurde, mag er nicht sonderlich begeistert gewesen sein. Aber sein und seiner Nachfolger Bestreben, die unschöne Kaserne der Horeburg in eine standesgemäße Residenz zu verwandeln, brachte etwas Leben in die Stadt. Ein prächtiger Schlossflügel entstand, und die Bürgersiedlung bekam durch Pflasterung, Wasserleitungen und die Ausweitung des Burgwalls einen moderneren Zuschnitt. Sie reichte nun bis zum Sand. Einige Händler verstanden es, aus dem adligen Prunkbedürfnis Nutzen zu ziehen. Die für den Ausbau nötigen Gelder, von den Harburger Regenten durch Grundstücksverkäufe, Söldnerdienste im Ausland oder schlicht auf Pump zusammengebracht, flossen in ihre Taschen. Der Bau eines größeren Rathauses, die ersten großzügigen Bürgerhäuser im Celler Fachwerkstil, die Schützengilde mit ihren Festumzügen, dies alles bezeugte bald die Entstehung einer wohlhabenden, selbstbewussten Bürgerschicht. Die Stadt hatte nun im Süden ein neues Stadttor, an der Ecke Sand und Schlossmühlendamm. Im Westen reichte sie bis zum Wallgraben, und im Osten schloss der Küchgarten die Bebauung ab, eine kleine, für den adligen Haushalt betriebene Kräuter- und Gemüseplantage.

(3) Links der Wehrbau des Mittelalters, durch einen Renaissancebau ergänzt (Zustand Ende des 19. Jh.)

Jedoch das Harburger Adelsgeschlecht verarmte, starb aus, und Harburg fiel an Celle, später an das Kurfürstentum Hannover. Das Geldverdienen wurde wieder mühseliger, und die Einwohner mussten erleben, dass die entfernten Herrscher der Stadt wieder die lebensgefährliche und geschäftsschädigende Rolle einer militärischen Festung zuteilten. Dies sollte in der „Franzosenzeit“, als Napoleon Harburg wie auch Hamburg seinem neuen „Departement Elbe“ einverleibte, wiederum zu großen Zerstörungen führen.

Neue Geburt: Vom Bürgernest zur Arbeiterstadt

In der Mitte des 19. Jahrhunderts änderte sich der Charakter der Stadt schlagartig. Die großen Handelshäuser Hamburgs entdeckten Harburg als Standort für eine großangelegte Industrieansiedlung. Hier, jenseits der Grenzen des damals das gesamte Hamburger Stadtgebiet umfassenden Freihandelszone, ließen sich die von Übersee importierten Rohstoffe zu Fertigprodukten verarbeiten und zollfrei bis nach Österreich vermarkten. Ein einträgliches Geschäft, für das der 1855 gewählte Bürgermeister Friedrich Wilhelm August Grumbrecht systematisch die Bedingungen schuf. Überall schossen riesenhafte Fabrikgebäude aus dem Boden, und tausende von Landbewohnern zogen in die Stadt, meist noch sehr junge Söhne und Töchter von verarmten Landarbeitern, denen man billige Löhne zahlen konnte.

In den alten Stadtbezirken machten sich bald Elendsquartiere breit, und der Raum wurde knapp. Neue Wohngebiete wuchsen im Westen nach Wilstorf hinein und im Südosten bis zu den ehemaligen Vororten Heimfeld und Eißendorf hinauf. In den Hügeln der Haake entstanden die ersten Villen der Fabrikbesitzer, und daneben zahllose Vergnügungslokale, die mit Tanzveranstaltungen am arbeitsfreien Sonntag sogar die Arbeiter Hamburgs anlockten.

Mit den Zeugnissen der Geschichte machte die Industrialisierung allerkürzesten Prozess. Das Gros der den Stadtkern bildenden mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Bebauung überlebte den Anbruch der neuen Epoche nicht lange. Hätte der Magistrat den Forderungen der Handelskammer nachgegeben, so wäre schließlich auch der wuchtige Zentralbau der Schlossanlage, der manchen Angriff überstanden hatte, in den 1870 er Jahren dem Angriff der Industrieritter zum Opfer gefallen.

Das eingesessene Harburger Bürgertum hielt sich in diesen stürmischen Zeiten mittels eines Wahlgesetzes an der Macht, das die Mehrheit der Einwohner von politischen Rechten ausschloss, aber das Regieren fiel ihm immer schwerer. Probleme der Hygiene, der Schulversorgung, der Umweltverschmutzung türmten sich auf, für deren Lösung mehr Geld erforderlich war, als die liberalen Fürsprecher des "Nachtwächter-Staates" auszugeben gewillt waren. Und vor allem machte sich die Arbeiterbewegung bemerkbar. Die Gewerkschaften und die Sozialdemokratie gewannen immer mehr Mitglieder, und es war nur noch eine Frage der Zeit, wann sie den Zustand ihrer politischen Einflusslosigkeit beenden würden.

Revolution und Demokratie: Die Mehrheit kommt zu Wort

Wie überall in Deutschland, so bedurfte es der militärischen Niederlage und des Matrosenaufstandes in Kiel im Jahre 1918, diesem Wandel auf die Beine zu helfen. Aber die Mehrheiten waren so deutlich verteilt, dass die Revolution in Harburg nur noch Formsache war: schnelle Organisation der Bevölkerung in Arbeiter- und Soldatenräten, Streik in den Rüstungsbetrieben, eine kurze Diskussion im Rathaus - die alte Ordnung war beseitigt. Als sie mit dem Kapp-Putsch 1920 zurückzukehren drohte, zeigten sich die Harburger wiederum entschlossen und griffen sogar zu den Waffen, ein Ereignis, das noch heute zu erregten Debatten Anlass gibt.

(4) Hugo Paul, Vorsitzender des Arbeiterrates und der USPD Harburg, hält 1919 die Mairede auf dem Sand.

Durch demokratische Wahlen zur absoluten Mehrheit getragen, versuchten die Sozialdemokraten sich nun an der Reform des sozialen Lebens in Harburg. Viel Neues wurde verwirklicht, etwa die Erwerbslosenfürsorge, die Volkshochschule, die Anfänge eines sozialen Wohnungsbaus, von dem noch einige nicht unattraktive Überbleibsel in der Hoppenstedtstraße, am Lohmühlenteich, am Hastedtplatz sowie an vielen Ecken insbesondere in Wilstorf und Heimfeld zu betrachten sind.

(5) 1928 eröffnet: Oberrealschule, Stadthalle, Realgymnasium in Heimfeld

 

Noch besser sollte es werden, als der trotz Revolution im Amt belassene, konservative Bürgermeister Heinrich Denicke ausschied und der aus Dortmund herbeigerufene Sozialdemokrat Walter Dudek an seine Stelle trat. 1927 wurde Harburg mit Wilhelmsburg vereinigt und trat nun mit über 100000 Einwohnern in die Riege der deutschen Großstädte ein. Als Metropole des nördlichen Teils der preußischen Provinz Hannover stand die Stadt auf dem Höhepunkt ihrer sozialen, kulturellen und politischen Entwicklung. Aber gegen Ende der Weimarer Republik zermürbte die Massenarbeitslosigkeit den Spielraum politischer Gestaltung. Die SPD musste sich mehr und mehr damit begnügen, ein beflissener Verwalter der Krise zu sein, und der Hinweis auf knappe Kassen geriet schon damals zur ewig wiederkehrenden Entschuldigungsformel kommunaler Obrigkeit.

Dies konnte jedoch das Vertrauen der Arbeiter in ihre politischen Vertreter nicht erschüttern. Bei den Reichstagswahlen vom 6. No­vember 1932 erhielten die Sozialdemokraten 34,9 % und die Kommunisten, die der SPD gelegentlich, z.B. bei der Wahl Dudeks, durch Stimmenthaltung den Weg freigaben, 23,1 %, die Nationalsozialisten hingegen nur 24,8 %. Harburg blieb eine "Rote Hochburg"; Hitler soll einmal, als er auf Wahlkampfreise im offenen Wagen durch Harburg fuhr, gehörig angespuckt und ausgepfiffen worden sein.

Gewalt und Bomben: Nazis an der Macht

Im Harburger Umland, etwa in Lüneburg und Stade, hatten die Nazis größeren Anhang. Aus diesen Orten wurde daher Verstärkung geordert, um den Widerstand in Harburg zu bekämpfen. Um den Stichtag des 30. Januar 1933 vermehrten sich die blutigen Schlägereien, ein Mann wurde sogar von SA-Männern auf offener Straße erschossen. Gewalt auch im Rathaus: Höhnisch wurden den Magistratsbeamten und gewählten Volksvertretern die Tür gewiesen und die eigenen Leute auf die Posten gehievt. Hand in Hand organisierten nun die NSDAP, die Verwaltung, die Polizei und ein Teil der Arbeitgeber den Krieg nach innen: Razzien gegen Gewerkschafter im Phoenixviertel, Demütigungen und Verhaftungen bekannter Antinazis, so des Liberalen Rieckhoff, an dessen Schicksal die Benennung des Harburger Kulturzentrums erinnern soll. Von den Juden Harburgs, deren Verfolgung in der Zerstörung der Synagoge in der Eißendorferstraße im Jahre 1938 einen ersten Höhepunkt erreichte, wusste man lange kaum noch die Namen.

(6) Oberbürgermeister Dudek, aus dem Amt gejagt von SA und Polizei.

 

Am 26. Januar 1937 wurde Harburg-Wilhelmsburg mit Hamburg vereinigt. Die Nazis feierten dies zwar, angebahnt aber hatte sich dieses Ereignis, das den Wünschen der Hamburger Wirtschaft nach einheitlichem Hafenausbau und industriellem Hinterland entgegenkam, schon seit Anfang des Jahrhunderts. Blickt man zurück auf die Ursprünge der Industrialisierung Harburgs, dann ist die Logik dieser Verbindung nicht zu verkennen: Nach 80 Jahren hatte Hamburg erkannt, das aus seinem Schmuddelkind im Süden etwas geworden war, und nahm es in die Familie auf.

Der Bombenkrieg allerdings machte viele Hoffnungen zunichte. Harburg war von Beginn an ein bevorzugtes Ziel, wegen drei großer Kasernen, der wichtigen Eisenbahnlinien, der rüstungsrelevanten chemischen Industrie, und nicht zuletzt als Ballungsraum im Rahmen der psychologischen Kriegführung. Am Ende waren fast alle Betriebe vernichtet, von den 30.000 Wohnungen waren 10.400 total zerstört, 17.200 mehr oder weniger beschädigt; nur 10 % der Bausubstanz blieb unbeschädigt. 1768 Harburger kamen in den Trümmern ums Leben.

Aufbau in Stromlinienform: Gewinn und Verlust in der Nachkriegszeit

Am Anfang stand die Rückbesinnung auf die zwanziger Jahre. Den Arbeiterparteien, die 1949 bei den ersten Wahlen zur Bezirksversammlung 33 von 50 Sitzen erhielten, oblag die mühsame Aufgabe des Wiederaufbaus. Die Industrie musste neu erstehen, die Wohnungsnot war zu beheben - daneben sollten Pläne aufgegriffen werden, die 1933 liegengeblieben waren. In die Kasernen zog ein Krankenhaus, ein Altenheim, und 1952 entstand auf Betreiben Dudeks, der nun im Hamburger Senat tätig war, die Schwimmhalle.

Aber spätestens Anfang der 1960 er Jahre, als die letzten Nissenhütten an der Hohen Straße verschwanden, trat Harburg wieder in eine neue Epoche ein - was waren die Wesenszüge der nun folgenden Jahre, in denen sich das Harburg herausbildete, das wir heute kennen? Wohl vor allem die immer dichtere Verknüpfung mit Hamburg, und, damit einhergehend, der Verlust an städtischem Eigenleben. Aus der wackligen Straßenbahnverbindung via Elbbrücke wurde die S-Bahn, die heute fast schon eine U-Bahn ist. Die Straßen nach Hamburg sind jetzt, auf Stelzen gebaut und durch Häuserblocks gebrochen, breiter, kurvenloser und schneller als früher. Die Ausbildungs- und Arbeitsplätze, das kulturelle Angebot der Nachbarstadt wurden damit zugänglich. Aber dies alles bedeutete auch Konkurrenzkampf und Verlust. Das lokale Pressewesen schrumpfte, das Theater und viele Kinos gingen ein, und die politische Bühne Harburgs, die Bezirksversammlung, verlor an Entscheidungskompetenz und Niveau. Hinzu kam, dass die Verwaltung im großen, allzu großen Stil operierte. Straßenbau und Besiedlung wurden nach großhamburgischen Gesichtspunkten entworfen und durchgesetzt, nicht selten dabei geschichtsträchtige Architektur, die den Krieg überstanden hatte, zerstört, und auf Erhalt und Ausbau attraktiver Milieus nicht geachtet.

(7) Harburgs Bronx? das Quartier um die Schüttstraße (entstanden 1880 bis 1900) um 1970

 

In Harburg galt dabei immer das Motto: Wir folgen Baumoden später als andere Städte, dafür bleiben wir ihnen unverbrüchlich treu, auch wenn die anderen sie längst als Bausünden erkannt haben und mit ihrem Rückbau beginnen. Der Harburger Ring ist ein Monstrum dieser Praxis, und wahrhaft historisch insofern, als er als konsequente Fortsetzung einer friedlichen Stadtzerstörung gelten kann, die mit Festungsbau und Abriss der Altstadt im 17. Jahrhundert begann, mit dem Hafenbecken, dem wiederum die Festung weichen musste, im 19. Jahrhundert weiterging, gefolgt vom Bau der großen Seehafenbecken im 20. Jahrhundert, dem das 800-Seeelen-Elbmarschendorf Lauenbruch zum Opfer fiel.

(8) Der neue "Seehafen" um 1910: Hier konnten große See und Binnenschiffe an tideoffenen Kais anlegen

 

Diese mag der Tribut sein, der notwendiger Stadterneuerung zu zollen ist, aber manchem scheint heute zu dämmern, dass auch eine Großstadt nur als Einheit verschiedener, in sich geschlossener "Viertel" denkbar ist, und dass zur Lebensqualität auch die Chance gehört, geschichtliche Entwicklungslinien überhaupt noch erkennen zu können.

(9) Der neue Plan für das Schüttstraßengebiet 1979 - leider verwirklicht

 

Harburg in Daten

1297 Harburg erhält das Stadtrecht.

1528 Gründung der Schützengilde für den militärischen Schutz der Stadt. Erste Austragung des später jährlich wiederkehrenden "Vogelschießens".

1578 Ergänzung des militärischen Burgkerns durch den repräsentativen "Renaissanceflügel".

1650 Umbau der Schlossanlagen zur Festung mit Bastionen, Graben, Außenwall und Vorwerken. Für die dabei abgerissenen Wohn- und Geschäftsgebäude wird an der "Neuen Straße" und der "Lämmertwiete" Ersatz geschaffen.

1810 Harburg wird Teil des napoleonischen Kaiserreichs ("Franzosenzeit").

1814 Im Rahmen der Befreiungskriege vertreiben russische und hannoversche Truppen die französischen Besatzer aus Harburg.

1824 In Harburg leben 4051 Einwohner.

1856 Die Industrialisierung beginnt mit dem Bau der großen Gummifabriken und der Gasanstalt. Bald nach Betriebsbeginn werden Klagen über die dreckige Luft laut, die zum Trocknen ausgehängte Wäsche schwarz färbt.

1863 Gründung der ersten Parteien in Harburg, des sozialistischen "Allgemeinen Deutschen Arbeiter-Vereins" und der liberalen "Fortschrittspartei".

1899 Die erste Straßenbrücke überquert die Süderelbe.

1920 Das rechtsradikale Freikorps des Leutnant Berthold, das im Verlauf des Kapp-Putsches auf Harburg marschiert war, wird von der Bürgerwehr in der Schule Woellmerstraße eingeschlossen und nach blutigen Auseinandersetzungen entwaffnet. 

1932 In Harburg sind 17.423 Arbeitslose registriert. Dies sind mehr als die Stadt im Jahre 1871 an Einwohnern zählte. Sie erreicht damit den 4. Platz in der Liste der am meisten von der Arbeitslosigkeit betroffenen Orte des Deutschen Reichs.

1937 Nach der ersten Straßennahmen-Umbenennung 1927 (beim Zusammenschluss von Harburg und Wilhelmsburg) und der zweiten 1933 (durch die Nazis) nun, beim Zusammenschluss mit Hamburg, die dritte: Alle Namen, die schon in Hamburg "verbraucht" wurden, müssen in Harburg geändert werden. Spätestens jetzt kann kaum ein Harburger mehr dem anderen den Weg erklären.

1944 Im Oktober und November gehen 3300 Sprengbomben der Amerikaner auf Harburg nieder. Die Wilhelmsburger Raffinerien verwandeln sich in die größte Ölbrandfläche des II. Weltkrieges.

1945 Der Sozialdemokrat Alfred Höhlein bekleidet als erster den Posten des Bezirksleiters, einer Art Bürgermeister im Taschenformat. Ihm folgen in den kommenden Jahren seine Parteifreunde Werner Stelly, Walter Mohr, Hans Dewitz, Hellmut Raloff und Jobst Fiedler; Raloff und Fiedler waren wieder, wie damals Dudek, Berufungen "von außerhalb."

1951 Mit der Eröffnung der "Wilhelmsburger Reichsstraße" finden die Zeiten, in denen Hamburg eine Reise wert sein musste, ihr endgültiges Ende: Harburg wird nun auch im praktischen Leben ein Stadtteil Hamburgs.

 

(10) Um 1875: Eisenbahn schon da, das Quartier "auf dem Schütt" (S2-Gebiet) erst ansatzweise besiedelt

 

Harburger Vororte

 

Appelbüttel

(11) Von der Arbeiterbewegung geschaffen: die "Volkswohl" mit Festwiese, Gartenbuden und großem Ausflugsrestaurant

Das Volkswohlgelände lag zwischen Eißendorf und Appelbüttel, eine alten Raststation an der "Bremer Chausse", seit 1856 "Bremer Straße". Deren schnurgerader Verlauf geht auf die strategischen Bedürfnisse Napoleons zurück. Für ihren Bau wurde die Harburger Bevölkerung zwangsverpflichtet, eine Maßnahme, die die Beliebtheit der französischen Besatzer nicht gerade steigerte. Ohnehin hatte die gegen die Franzosen gerichtete Kontinentalsperre das Leben in Harburg auf das Existenzminimum herabgedrückt. Später fuhren hier Postautobusse, dann erreichten die Straßenbahnen der Linien 38 und 44 vom Harburger Bahnhof aus hier ihre Endstation. Nach dem II. Weltkrieg war Appelbüttel neben der Goldenen Wiege in Heimfeld das Haupteinfallstor für Märsche in die Haake. Die Phantasieloseren unter den Lehrern leisteten hier regelmäßig ihren "Wandertag" ab, und alljährlich zogen am gleichen Tag die Schulkinder klassenweise wie Karawanen in den Wald, entweder über den Vahrendorfer Stadtweg in den Eißendorfer Sunder, oder nordwärts gen Heimfeld, um sich später müde und ein wenig gelangweilt an der Haltestelle zur Rückfahrt zu sammeln.

 

Bostelbek

(12) Mit der Straßenbahn von Hamburg bis an den Rand der Haake: An der Kehre in Bostelbek

Die Buxtehuder Straße wurde, dem alten Verbindungsweg nach Westen folgend, ab 1836 dem Elbufer entlang ausgebaut und mit Pflaster versehen. Jenseits der Stadttore aber war es mit der Straßenbeleuchtung aus. Wer sich hier im Dunkeln auf den Weg machte, war auf das unsichere Licht einer schwankenden Handlaterne angewiesen.

Die Anziehungskraft Bostelbeks entstand aus seiner Lage als Knotenpunkt zweier Ausflugsrouten. Einmal stiegen an dieser Stelle die Harburger aus der 1881 gebauten Unterelbebahn, um sich hinter "Meyers Park", dem lange Zeit in Privatbesitz gebliebenen, fast "englischen" Garten der Stockmeyer-Nachfahren, der Haake zuzuwenden; zum anderen trafen hier, mit dem gleichen Ziel, die Hamburger ein, die von der Schiffsanlegestelle Moorburg durch die Marschen zogen. Später fuhr die Straßenbahn bis hierhin.

(13) Bostelbek industriell: das Tempo-Werk, Hersteller der legendären Kleinlaster "Matador" (links) und "Hanseat" (rechts)

Die Hamburger, unter ihnen die großen Gruppen der sogenannten Mäßigkeitsvereine, galten als besonders unternehmungslustig - zumal die Mäßigkeit sich oft genug nur auf den Branntwein bezog und dem Bier dafür um so heftiger zugesprochen wurde.

 

Eißendorf

(14) Expansionraum hinter dem Irrgarten: links die ersten Häuserreihen entlang der Eißendorferstraße, rechts die Denickestraße nach Heimfeld

Eißendorf wurde am 1. Oktober 1910 zum Stadtteil Harburgs. Der Name "Eißendorfer Straße" war bereits seit 1856 in Gebrauch, die Straße "Am Irrgarten" sollte zunächst "Krankenhausplatz" heißen, jedoch entschied man sich 1893, bei der Namensgebung der ursprünglichen Bezeichnung des dort liegenden Gehölzes zu folgen. Das stadtnahe Göhlbachtal hatte schon früh seinen ländlichen Charakter verloren; die sich hier aneinanderreihenden, großen Teiche waren bis auf den "Lohmühlenteich" zugeschüttet worden. Auf einem von ihnen, dem "Walkmühlenteich", entstand 1892 das heutige Rathaus und der Rathausplatz. Das entferntere Göhlbachtal aber behielt seinen Reiz, und auch die Struktur des alten Eißendorfer Dorfkerns blieb lange erhalten. Hier oben verweisen noch heute viele Straßennamen auf die bäuerliche Kultur, z. B. die "Triftstraße" und die "Beerentaltrift" auf die Routen des Viehtriebs. Noch in den fünfziger Jahren konnte man zwischen den Mietskasernen alte niedersächsische Zweiständerhäuser finden, deren Bewohner nach wie vor Ackerbau betrieben.

 

Heimfeld

(15) Teilweise großstädtisch: Die zwischen 1890 und 1914 entstandenen Quartiere Heimfelds

Heimfeld wurde mit der Eingemeindung vom 1. Juli 1888 zu einem der großen, neuen Wohngebiete der Industriestadt Harburg. Die "Heimfelder Straße", benannt 1899, war ein alter Verbindungsweg, der zu einem schon 1417 erwähnten Versorgungsposten der Harburger Festung führte, dem "Vorwerk Heimfeldt". Der Winkel "An der Rennkoppel", an dem die Straße vorbeizieht, erinnert an den etwas größenwahnsinnigen Versuch Harburger Bürger im 19. Jahrhundert, sich hier eine Pferderennbahn zu leisten.

Überhaupt war Heimfeld der bevorzugte Wohn- und Ausflugsort der "feinen Leute". Zusammen mit den Offizieren der Pionier-Kaserne auf dem Schwarzenberg fanden sie sich in der noblen "Hotel-Pension Brunnenthal" ein, an der Ecke Heimfelder Straße und Triftstraße, wo heute Lindtner residiert. Wie berichtet wird, soll es damals zwischen diesem Publikum und den etwas handfesteren Gästen des "Goldenen Wiege" des öfteren zu Unstimmigkeiten gekommen sein. Die chinesische Handelsvertretung, die in den 1980ern das Lindtner ebenfalls sehr nahe Ausflugsrestaurant Waldschlösschen bezog, hat diese Tradition der Harburger Arbeiter nicht aufgegriffen.

 

Marmstorf

(16) Die alte Marmstorfer Schule am Löschteich

Marmstorf war ein verschlafenes Nest an der alten Poststraße, die von Harburg nach Soltau und Verden führte. Aber auch für dieses Dorf wurde die Nähe Harburgs zum Schicksal. So ging es 1814, als die in Harburg eingeschlossenen Franzosen verzweifelte Ausfälle wagten und auch in Eißendorf, Appelbüttel, Wilstorf, Rönneburg, Meckelfeld und Glüsingen nach Lebensmitteln suchten, fast vollständig in Flammen auf. Später verdankte es die gemessen an seiner Einwohnerzahl beträchtliche Menge an florierenden Gastwirtschaften dem Freizeitbedürfnis der großstädtischen Bevölkerung. Im 20. Jahrhundert, besonders nach dem II. Weltkrieg, wurde Marmstorf zur großen Wohnlandschaft Harburgs, in der dem Stile der Zeit gemäß als Ergänzung der Mietwohnungsblöcke in den älteren Vororten vor allem kleine Eigenheime und Mehrfamilienhäuser entstanden. Marmstorf wurde 1937 zum Ortsteil Hamburgs.

 

Neuland

(17) Heute überbrückt: die Süderelbe zwischen Neuland und Wilhelmsburg (Stich C. Hoffmeister, 1850)

Neuland - bis zum Groß-Hamburg Gesetz eine selbständige preußische Gemeinde - hatte seinen Ursprung in der schon 1296 im Schutze eines Elbdeiches gegründeten Marschsiedlung Lewenwerder. Von Neuland ging eine Fähre nach Wilhelmsburg ab, die bis zur Einweihung der Eisenbahnbrücke 1872 und der Straßenbrücke 1898 den lokalen Personenverkehr abzuwickeln hatte. Ab 1902 fuhr dann die Straßenbahn bis nach Hamburg. Weil bis zum Bau der Eisenbahnbrücke und der weiteren Gleisverbindung nach Hamburg viele Reisende, die von Süden her nach Hamburg wollten, abends in Harburg festsaßen (die letzte Fähre nach Altona fuhr in der Dämmerung ab), besaß Neuland eine ganze Reihe von Gasthäusern, und auch in Harburg gab es einige zum Teil sehr alte Hotels: den "König von Schweden", den "Weißen Schwan", den "Goldenen Engel". Während der Revolution von 1848/49, um den 6. Mai 1849 herum, nächtigte aus diesem Grunde auch Karl Marx in Harburg. Da er überdies sein Geld verbraucht hatte, konnte er seine Rechnung nicht zahlen und blieb hier hängen, bis ein von der Polizei gesuchter Freund ihm heimlich neues Geld überbringen konnte.

 

Rönneburg

Auch Rönneburg fiel mit dem Groß-Hamburg Gesetz von Preußen an die Hansestadt. Aber zu dieser Zeit und an diesem Ort endete der manchmal unersättlich scheinende Ausbreitungsdrang der städtischen Besiedlung, und die alten Chausseebäume, die großzügigeren Grundstücke blieben erhalten, ebenso wie manch charakteristisches Wohnhaus. "Weichbild" nennt man solche Gegenden; nicht mehr Stadt, aber auch nicht mehr ländliche Region, geprägt durch eine bunte Mischung aus villenartigen Anwesen, weiträumigen "Siedlungen" mit kleinen Gartengrundstücken, Handwerksbetrieben und seit einigen Jahren großen Einzelhandelsgeschäften, die sich um der großen Lager- und Ausstellungsflächen und der Parkplätze willen aus den engen Stadtkernen entfernt haben. Doch dies sind neuere Entwicklungen; bis in die 1950 er Jahre war Rönneburg den Harburgern vor allem als Ausflugsziel bekannt. Da es vom Stadtzentrum mit der Straßenbahn bequem erreichbar war, blieb es ein "Renner" unter den nicht wenigen schönen Flecken im Harburger Umland.

 

Sinstorf

(18) Die Sinstorfer Kirche

So klein das Dorf Sinstorf ursprünglich war, so groß war andererseits der Einzugsbereich ihrer Kirchengemeinde. Nicht nur die Rönneburger gehörten dazu, sondern es kamen von Westen und Nordwesten auch die Marmstorfer, Appelbüttler und sogar ein Teil der Neugrabener Gemeindeglieder hierher. Daher rührten auch die Namen für die weiteren "Kirchwege": den "Sinstorfer Kirchweg", und dessen westlichen Abschnitt, den "Neugrabener Kirchweg". Die Kirche selbst gehört zu den ältesten Bauwerken der Harburger Region. Sie wurde schon um das Jahr 1100 geweiht. Die Lebensader Sinstorfs aber war die von Harburg nach Winsen führende alte "Winsener Straße". Der Ort kam ebenfalls mit dem Groß-Hamburg Gesetz von Preußen an Hamburg und wurde mit den ganzen übrigen Erwerbungen des Geestrückens dem Kerngebiet Harburg zugeschlagen, während die Eingemeindungen aus den Marschen dem Ortsamt Süderelbe zufielen.

 

Wilstorf

(19) Kompakte Wohnbebauung: ein Torhaus in der Bonusstraße, das noch heute steht

Wilstorf gehörte zu den ersten Harburger Eingemeindungen vom 1. Juli 1888. Seine Verbindung zu Harburg war jedoch viel älter. Im 14. Jahrhundert, als die Stadt noch keine Kirchengemeinde hatte, war der Wilstorfer Pfarrer für sie zuständig und hatte auch die Toten zu beerdigen.

Mit der Industrialisierung aber änderte sich der Charakter des Dorfes in Windeseile. Zunächst trennte die Eisenbahn alle Verbindungen zur Marsch im Norden radikal ab. Die Betriebe, die  wegen ihrer großen Ausdehnung im gedrängten Hafengebiet keinen Platz mehr fanden, nutzten hier die freien Flächen: die Gummifabrik und die Jute. Mehrgeschossige Mietwohnungen folgten ihnen noch vor der Jahrhundertwende nach. Die "Produktion" praktizierte in der Winsener Straße neue, genossenschaftliche Wirtschaftsformen aus, ebenso wie der "Eisenbahn Bau-Verein Harburg", der in den zwanziger Jahren in der Friedrich List Straße und der Sophienstraße für seine Mitglieder neuen Wohnraum schuf.

Und wo noch etwas freigeblieben war, zwängten die "Städter" hunderte von Schrebergärten zusammen - eine Art der landwirtschaftlichen Nutzung, über die manch alter Bauer den Kopf geschüttelt haben mag, die aber in den an Notzeiten reichen Jahrzehnten bis 1950 durchaus ihren Sinn hatte.

 

Bildnachweis

(1) Bildkarte 1555; Staatsarchiv Hamburg

(2) Bildkarte 1577; Staatsarchiv Hamburg

(3) Staatsarchiv Hamburg

(4) Foto aus dem Besitz der KPD-Harburg; Gotthardt 2007

(5) Küttner, Sybille: Hamburg-Harburg, Erfurt 2005

(6) Foto aus der NSDAP-Zeitung "Niedersachsen-Stürmer"; Helms-Museum

(7) Helms-Museum

(8) Küttner 2005

(9) Helms-Museum

(10) Staatsbibliothek Hamburg

(11) Küttner 2005

(12) Schmidt, Irene: Harburg in alten Ansichten, Zaltbommel o.J.

(13) Küttner 2005

(14) Küttner 2005

(15) Holtz, Adalbert: Liebes schönes Harburg, Hamburg 1973

(16) Schmidt o.J.

(17) Archiv Gotthardt

(18) Schmidt o.J.

(19) Holtz 1973

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