Günther Gotthardt 1918 - 1940

Eroberungskrieger der Nazi-Wehrmacht

Text: Christian Gotthardt

Veröffentlicht: Dezember 2015














(1) Pose oder Bedürfnis? Der leutselige Unteroffizier zwischen zwei Gefechten

 

Günther Gotthardt kam während der Novemberrevolution 1918/19 in Harburg zur Welt und starb im Alter von 21 Jahren am 5. Juni 1940 neben seinem Panzer bei Amiens in Nordfrankreich. Er war Sohn des Lehrers Friedrich Gotthardt und der Hausfrau Hedwig Gotthardt. Er hatte einen älteren Bruder, Walter (Jahrgang 1913), und einen jüngeren, Hartwig (Jahrgang 1921). 1933 sagte Hedwig, "es wird Krieg geben, und meine Söhne werden sterben." Alle drei Söhne waren seit 1939 als Soldaten im Krieg. Hartwig, mein Vater, war der einzige der Brüder, der ihn überlebte.

Vorbemerkung:

Diese Darstellung entstand 2005. Die Arbeit daran half mir damals, den Verlust eines Bruders zu verkraften, indem ich diesem Verlust in einer Art kindlicher Magie die Erinnerung an ein fast vergessenes Familienmitglied entgegenstellte. Das Ergebnis war ursprünglich nur für mich und die Familie gedacht.

Die „Mail aus Göteborg“ hat mich jetzt umgestimmt. Es gibt Bezüge zwischen Gustav Martens und Günther Gotthardt, die insgesamt einen Erkenntnisgewinn versprechen und insofern eine Veröffentlichung des Günther-Textes nahelegen:

  1. Gustav und Günther haben sich vermutlich gekannt. Gustav war politisch nahe beim Bruder Walter, der zur rebellischen Jugend der Harburger SPD gehörte und mit der SAP sympathisierte. Bruder Hartwig wiederum war vor 1933 Mitglied einer Kindergruppe der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ), die von Gustav geleitet wurde. Hartwig hat ihn sehr verehrt und bekam immer leuchtende Augen, wenn dessen Name fiel.
  2. Die individuellen Sichtweisen der beiden zeigen irritierende Gemeinsamkeiten und gewichtige Unterschiede. Gerade die zahlreichen Fotos in den von ihnen selbst gestalteten und kommentierten Alben lassen dies erkennen. Dies ist sehr lehrreich.
  3. Und letztlich: Die beiden Leben stehen zu einander wie die Folgen einer Fortsetzungsgeschichte. Gustav sagt 1976, am Ende seines Lebens: 1939 hatten wir gegen die Faschisten verloren, und sie konnten ihren lange geplanten Eroberungskrieg beginnen. Und genau 1939 brach Günther, nach systematischer Vorbereitung, nach Polen auf, als Angriffsmaschine der Wehrmacht.

Der Familienüberlieferung nach war Günther außerordentlich freundlich und aufgeschlossen, er war beliebt und hatte viele Freunde. Darüber hinaus ist die Überlieferung schwach. Es wurde wenig sonst von Günther erzählt. Wenn Hedwig oder Hartwig einmal anfingen, über Günther zu sprechen, dann hörten sie bald wieder auf. Es schien mir immer, als wäre ihr Schmerz noch zu groß und auch ihre Einsamkeit darin.

Seit langem lebt niemand mehr, der noch über persönliche Erfahrungen mit Günther hätte berichten können. Das wenige, was ich über ihn aufgeschnappt hatte, ergab kein Bild, dass ich bewahren konnte. Deshalb habe ich mit der Arbeit an diesem Text versucht, ein solches Bild zu gewinnen.

Überliefertes und Vermutetes zu Kindheit und Jugend

Günther war der Lieblingsbruder Hartwigs – wegen seiner Fähigkeit, bei anderen Offenheit, Freundlichkeit und Sympathie zu wecken, wurde er von ihm gemocht und wohl auch bewundert. Hartwig war ja eher schüchtern und anhänglich, er konnte Freundschaften leben, aber selten von sich aus herstellen.

(2) Günther und "Lütt Hartwig" in der Bremer Straße 48, ca. 1926

 

Günther hat in Abgrenzung zum kognitiv-intellektuell orientierten älteren Brüder Walter die emotionale Rolle besetzt. Ob in der Familie hierfür genügend Raum war, weiß ich nicht. Vielleicht nicht. Jedenfalls spielten Freundschaften mit Gleichaltrigen und emotionale Beziehungen zu Lehrern für ihn eine sehr große Rolle.

(3) Günther (vorne rechts) mit Lehrer und Klasse auf einer naturkundlichen Exkursion...

 

Hartwig erzählte, Günther sei in seinen Gefühlen extrem gewesen. In der Jugend sei er jedes Jahr mit den gleichen Jungs auf Sommerfahrt gefahren, ich glaube auch Walther war zunächst dabei, und jedesmal hätten sie sich alle zerstritten und wären einzeln nach Hause gekommen. Trotzdem habe die Wiederholung der Fahrt nie in Frage gestanden.

(4) ...die wohl auch mit Übernachtungen einherging; ca. 1935

Günther hatte eine starke Bindung an bündische Jugendkultur und damit an einen Pol außerhalb der sozialdemokratischen Lehrer- und Politikerfamilie, der er entstammte. Diesen Pol wusste er zu schützen und zu verteidigen, er ließ ihn durch den Rest der Familie nicht in Frage stellen. Laut Hartwig war Günther vor 1933 nicht wie Walther und er selbst in sozialistischen Kinder- und Jugendorganisationen, sondern im "Scharnhorst", Bund deutscher Jungmannen, dem Jugendbund des Stahlhelm. Der Scharnhorst nahm Jugendliche zwischen 14 und 17 auf und widmete sich vorwiegend einer paramilitärischen Wehrerziehung. Im Juni 1933 wurde er in die HJ eingegliedert. Günther stand also spätestens seit 1932 auf der anderen politischen Seite, so sehr und eindeutig, dass eine Vermittlung der Standpunkte nicht möglich und Schweigen hierüber der einzige Ausweg waren.

(5) Mit den Freunden Ilse Künnecke und Walter Stemman auf dem Rathausplatz, Anfang 1939

Autonomie gegenüber der Familie durch Eingliederung in einen fremde Lebenswelt: Günther wurde nach dem Abitur 1937 Berufssoldat aus Wunsch und Neigung. In dieser Berufswahl verwirklichte sich noch einmal der bündische Hang zur Männerkultur, die Freude an Hierarchie, Führung und Verantwortung.

Aber es steckte noch mehr dahinter: Günther wählte die neue, technisch attraktive Gattung der Panzerwaffe, und er wusste um deren Rolle in den geplanten Angriffskriegen im Osten und im Westen. Er wollte diese Kriege, und er wollte Teil der angreifenden Elite sein. Nach seinem Grundwehrdienst bezog er die Kaserne des Panzer-Regiments 7 in der Baden-Württembergischen Garnisonsstadt Vaihingen.

Die Panzertruppen der faschistischen Wehrmacht waren seit 1934 in Aufstellung, zunächst auf Basis des neuen Panzertyps 1A. Die moderne Panzertechnik, verbunden mit einer neu eingeführten schwarzen Uniform, einem modischen Barett, einem Totenkopf als Abzeichen in bewusster Anknüpfung an die berühmte Kavallerie der "Totenkopfhusaren" (1785), erzeugte ein außerordentlich starkes Image, vergleichbar dem der ebenfalls mit neuartigem Gerät ausgestatteten Luftwafffe. In der Presse ließen sich die Panzertruppen als "Schwarze Husaren" feiern. Bei Propagandaschauen trugen sie einen Totenkopfstander am Führungspanzer. Und man "ritt" zusammen mit Kavallerieinheiten, bis diese ganz aufgelöst wurden und den Panzern endgültig Platz machten.

(6) Öffentliche Präsentation der Panzertruppe in Vaihingen 

Das Panzer-Regiment 7 war erst am 1. Oktober 1936 in Vaihingen gebildet worden. Regimentskommandeur war ein Oberst Landgraf. Das Regiment unterstand gemeinsam mit dem Schwester-Regiment 8 der selbständigen 4. Panzer-Brigade (Stuttgart). Das Regiment wurde zuerst mit nur 2 Abteilungen aufgestellt. Günther war 1939 Leutnant in der 1. Abteilung.

(7) In Ausgehuniform, 1939

Angaben zur Bewaffnung in dieser Zeit gibt es für das Panzer-Regiment 8: Es hatte inzwischen die neuen Panzer II (mit 2-cm-Kampfwagenkanone (KwK) 38), Panzer III (mit der 3,7-cm KwK L/45) und Panzer IV (mit der 7,5-cm KwK L/24) erhalten. Einübung in diese Geräte ist Gegenstand des 1. Halbjahres 1939.

Am 1.4.1939 werden die beiden Panzerregimenter 7 und 8 der neuen Panzerdivision 10 mit Sitz in Prag unterstellt (nach anderer Lesart nur das Regiment 8, während Regiment 7 zunächst Teil der Panzerdivision Kempf bleibt und erst Mitte Oktober dem Prager Stab unterstellt wird). Es beginnt nun die unmittelbare operative Vorbereitung des geplanten Angriffes auf Polen.

Den neuen Waffen und Kampfesweisen der Luftwaffe und der Panzer-Regimenter kam beim Angriff auf Polen ab dem 1. September 1939 die Schlüsselrolle zu. Während vor allem die sog. Sturzkampfbomber ("Stukas") polnische Truppen, Stellungen und Städte im Hinterland beschossen, bildeten die Panzer die Spitze der vorrückenden Infanterie, also die vorderste Front. Ihre taktischen Aufgaben im Rahmen der "Blitzkrieg"-Konzeption waren vor allem der "Durchbruch" durch die Verteidigungslinien und die "Verfolgung" der sich im Anschluss zurückziehenden Gegner. Für den Angriff auf Polen brachte die Wehrmacht im Juli/ August 1939 insgesamt 3000 Panzer und 2800 Flugzeuge in Stellung.

Das Regiment 7 wurde bereits Ende Juli/ Anfang August 1939 von Vaihingen nach Ostpreußen transportiert, nach offizieller Darstellung, um an einer Tannenberg-Gedenkfeier teilzunehmen. Bis Ende August 1939 war es im Raum Napierken, südwestlich Neidenburg versammelt. Von hier aus nahm es an dem Angriff auf Polen teil.

 

Das Front-Album zum Polenfeldzug

Angaben zur Quelle:

Das Album ist ein handelsübliches Fotoalbum mit starken Pappdeckeln und Lederrücken, im Format 19 x14 cm.

Alle Seiten des Albums sind genutzt. Eine Seite wurde mit groben Scherenschnitten herausgetrennt und ist nicht mehr vorhanden. Auf zwei Seiten wurden ursprünglich vorhandene Fotos entfernt. Das erste Foto ist direkt auf die Pappe geklebt, alle weiteren sind mit Fotoecken eingesetzt.

Die Fotos sind mit verschiedenen Kameras aufgenommen und auf unterschiedlichen Papieren ausgefertigt. Mindestens drei fotografische "Handschriften" sind erkennbar. Augenfällig sind einige betont gesellige Genrefotos von hoher technischer Qualität, besonders aus der Anfangsphase des Feldzugs, die möglicherweise von einem mitreisenden Armeefotografen stammen. Ob Günther selbst fotografiert hat, ist nicht belegbar, aber wahrscheinlich. Die Bilderrückseiten sind überwiegend ohne Notate oder dergleichen, einige wenige tragen Nummern. Ein Foto ist hinten gestempelt mit "Krauss Photo, Stuttgart".

Vermutlich hat Günther dieses Album als eine Art Gedenkbuch für sich und seine Abteilung konzipiert und zu diesem Zweck eigene Fotos, Abzüge des Fotografen und Privatfotos anderer zusammengestellt. Vielleicht wurde nach den Ereignissen eine Art Foto-Pool gebildet. Das Album ist allein dem Polenfeldzug gewidmet, strikt chronologisch geordnet und schließt mit der Liste der Gefallenen. Das herausgetrennte Blatt könnte dem Kontext nach eine Darstellung eines Gefallenengrabes enthalten haben, vielleicht entnommen, um es den Verwandten des Toten zu geben. Gleiches könnte für die beiden weiteren entnommenen Fotos gelten. Aber auch eine Zensur/ Selbstzensur ist denkbar.

(8) Die Bewegungen und Hauptkämpfe der Einheit Günthers 1939

 

Mitte Oktober 1939 hatte die 10. Panzerdivision die folgende Gliederung:

Panzerregiment 7

Panzerregiment 8

Panzer-Pionier-Bataillon 90

Panzergrenadier-Regiment 69

Panzergrenadier-Regiment 86

Panzeraufklärungsabteilung 90

Panzerartillerie-Regiment  90

Heeresflakabteilung 302

Panzerjägerabteilung 90

 

Kommandeur war ein Generalleutnant Schaal (1. 9. 1939 - 2. 8. 1941).

Im Dezember 1939 wurde die 10. Panzerdivision zur Verfügung der 16. Armee nach Westdeutschland verlegt. Es begann die operative Vorbereitung des Angriffs auf Belgien und Frankreich.

 

Angriff auf Frankreich, Tod

Wie beim Angriff auf Polen kam der Panzerdivision 10 auch beim Angriff auf Belgien und Frankreich eine entscheidende Rolle zu. Auch hier war die taktische Funktion der deutschen Panzereinheiten die der eigentlichen "Durchbruchstruppen", unterstützt durch vorbereitende Terrorbombardements der Luftwaffe mit Brand- und Splitterbomben gegen militärische und zivile Ziele. Die taktische Funktion der französischen Panzer war wie herkömmlich die Unterstützung der Infanterie, ihre Zahl und Feuerkraft war demgemäß geringer.

Die Bewegungen der Panzerdivision 10 bis zum vorläufigen Abschluss des Feldzuges im Überblick:

  • Ende Januar 40 Verlegung über den Rhein in die Eifel, als Teil der 16. Armee, Heeresgruppe A
  • 5. Überschreiten der luxemburgischen Grenze bei Echternach, am 11.5. Durchbruch durch die südbelgischen Grenzbefestigungen nördlich Arlon
  • Mitte Mai Vorstoß über die Maas bei Sedan
  • Nordschwenk und Verfolgungskämpfe zur Kanalküste, dort Unterstellung unter das 19. Korps (Guderian)
  • Einnahme von Calais
  • Abwehrfront an der Somme
  • Juni Durchbruch durch die Weygandlinie südlich Amiens
  • Verfolgung zur Oise, über Aisne, Marne, Seine, Yonne,
  • Vormarsch durch Burgund auf Lyon,
  • Verfolgungskämpfe bis in den Raum von Bordeaux
  • Rückmarsch in den Raum von Paris; Besatzungsdienst.

Die Einsatzorte und Bewegungen des Panzer-Regiments 7 in diesem Feldzug sind teilweise dokumentiert in einem ausführlichen Bericht aus dem Dunstkreis des Schwesterregimentes 8. Dieser Bericht ist auf der militaristischen Website "Lexikon-der-Wehrmacht.de" unter dem Stichwort "Panzer-Regiment 8" veröffentlicht. Nähere Angaben zur Quelle fehlen. Seinem Duktus nach ist der Text mit Sicherheit in zeitlicher Nähe zum Geschehen verfasst worden, entweder als dokumentierendes Regimentstagebuch aus der Feder eines damit beauftragten Schreibers, oder als Regimentsgeschichte eines beteiligten Panzer-Offiziers auf Basis persönlicher Notizen oder offizieller Lageberichte. Für das letztere sprechen einige milde Raisonnements über die Unverständlichkeit höherer Weisungen und über Fehlleistungen der Luftwaffe und der Infanterie. Eine glättende Nachbearbeitung des Textes zum Zwecke der Internet-Veröffentlichung ist denkbar, sie hat am faktischen Gerüst aber wohl nichts verändert.

Generell kann man davon ausgehen, dass – insoweit eine direkte Erwähnung des Regiments 7 in diesem Bericht fehlt - dasselbe sich immer zumindest in der Nähe des Regimentes 8 bewegte. Die beiden Regimenter waren im Rahmen der Panzerdivision 10 bzw. der Panzerbrigade 4 in die gleichen Kampfhandlungen verstrickt und operierten häufig in direkter taktischer Kooperation. Wenn der Bericht diese Formationen erwähnt, ist das Panzerregiment 7 also immer implizit dargestellt.

(9) Die Bewegungen und Hauptkämpfe der Einheit Günthers 1940

Die strategische Bedeutung des in der Übersicht erwähnten Nordschwenks Richtung Kanal lag in der Chance, am Kanal die flüchtenden englischen und französischen Truppen abzufangen und gefangen zu nehmen. Andererseits drohten hier besonders blutige Nachhutgefechte ohne essentielle Bedeutung für den Terraingewinn im Westen und Südwesten. Schließlich waren die Gefangennahmen auch zu dosieren, denn große Gefangenenlager/-märsche etc. hätten den deutschen Vormarsch organisatorisch und logistisch behindert.

Nach einer anfänglichen und offenbar für den Berichterstatter unverständlichen Zurückhaltung vor Dünkirchen (48-stündige Unterbrechung der Kampfhandlungen am 23./24. Mai durch den Chef des OKW von Rundstedt auf Veranlassung Hitlers: 340.000 Alliierte retteten sich daraufhin über den Kanal nach England) durfte die 10. Panzer-Division nun statt dessen auf Calais vorrücken, wo ebenfalls feindliche Truppen zur Insel übersetzen wollen.

Nach dieser Bereinigung der Nordflanke galt es den Kampf gegen die verbliebenen französischen Truppen im Binnenland aufzunehmen. Hierzu der Bericht im Wortlaut:

"Bis zum 2. Juni 1940 verbleibt das Regiment im Versammlungsraum südlich Guines. Währenddessen war die Division dem XIV. Korps unterstellt worden. Am Abend des 2. Juni 1940 wird das Regiment in den Raum Amiens in Marsch gesetzt, hier soll der Durchbruch durch die Weygand-Linie südlich der Somme erzwungen werden, um die Reste der französischen Armee zu zerschlagen. Diese Operation wird später als die Schlacht um Frankreich bezeichnet werden. Im Nachtmarsch mit hoher Geschwindigkeit, so manche Laufrolle war dem hohen Tempo zum Opfer gefallen, geht es los."

Bei dieser Aktion im Raum Amiens hat Günther sein Leben verloren. Der Bericht gibt die Situation exakt wieder und erlaubt eine präzise Identifikation der Örtlichkeiten. Die entsprechende Passage über die Zeit vom Abend des 4. Juni bis zum Abend des 6. Juni wird hier deshalb ungekürzt wiedergegeben:

 

"Das Regiment (8, CG) wird unterrichtet, dass es am 5. Juni 1940 aus dem Brückenkopf Amiens, über die 9. Infanterie-Division hinweg, nach Süden angreifen soll. Für die Vorbereitung des Angriffs stehen 36 Stunden zur Verfügung, die zur Erholung, Versorgung und Instandsetzung genutzt werden.

Kurz nach Mitternacht in der Nacht vom 4. zum 5. Mai (Schreibfehler, gemeint ist Juni, CG) 1940 marschieren die Kampfstaffeln in den Bereitstellungsraum, der gegen 02:30 Uhr erreicht wird. Die materielle Einsatzbereitschaft liegt bei ca. 70%. Nicht alle ausgefallenen Panzer konnten rechtzeitig ersetzt bzw. instandgesetzt werden. Das Regiment greift im Schwerpunkt auf St. Fuscien, Angriffsbeginn 05:00 Uhr, an. Als erstes Zwischenziel war das Höhengelände südlich Flers-sur-Noye in 15 Kilometer Entfernung befohlen worden. Nach Artillerievorbereitung und Stuka-Angriff gehen die Kampfstaffeln um 05:15 Uhr entlang der Angriffsachse, Straße Amiens - Ailly-sur-Noye, vor. Die begleitende Infanterie bleibt bald zurück. Starkes PaK- und Artilleriefeuer schlug den Spitzen der Kampfstaffeln entgegen. Diese schlugen mit den Panzern IV und Panzern III voraus, tiefe Breschen in die Feldbefestigungen. Das Regiment kämpfte gegen Teile der 16. französischen Infanterie-Division, die sich hartnäckig und zäh verteidigten. Die französische Artillerie zeigte ihr ganzes Können, die 7,5-cm-Geschütze sind mit in den PaK-Riegeln eingebaut. Im Angriffsstreifen sind viele kleine Waldstücke und Häusergruppen durchsetzt mit 4,7-cm-PaK-Stellungen und MG-Nestern, immer wieder durch Minenfelder gesichert. Die Stützpunkte werden überrollt und im schweren Kampf werden die PaK's und Geschütze ausgeschaltet. Um 06:00 Uhr stehen die Kampfstaffeln 5 Kilometer tief im Feind, auf den Höhen bei Sains-en-Amienois. Die Infanterie hing zu dieser Zeit noch 3 Kilometer zurück, im Kampf um vor St. Fuscien. Gegen 09:30 Uhr fuhren Teile der Kampfstaffeln auf ein Minenfeld auf, sie wurden sofort durch schwere Artillerie (15,5 cm) beschossen, die ersten Toten und Verwundeten des Tages.

(10) Eine Darstellung der Truppenbewegungen aus dem Standardwerk des Franzosen Pierre Vasselle.

Das Regiment muss umgliedern und folgt vorerst dem Panzer-Regiment 7. Sains-en-Amienois wird umgangen und an Rumigny vorbei wird der Angriff, nun wieder neben dem Panzer-Regiment 7, über die Straße St. Sauflieu - Grattepanche auf Oresmaux fortgeführt.

Am Mittag stehen die Kampfstaffeln 8 Kilometer tief im Feind vor Oresmaux. Gegenangriffe mit Panzern vom Typ S-40 wurden abgeschlagen, dass flankierende Feuer aber nicht ausgeschaltet werden, da die Infanterie noch nicht heran war.. Aus Oresmaux und Grattepanche erhielten die Kampfstaffeln ständig Artilleriefeuer und PaK-Beschuss. Wegen Munitions- und Betriebstoffmangels des Regiments wurde angekündigt das Regiment aus der Luft zu versorgen, was aber bis zum Abend nicht geschah. An diesem Abend erfolgte nochmals ein Gegenangriff des französischen Panzer-Bataillon 12, der mühsam abgewehrt wurde. Die Division entschied daher, die 4. Panzer-Brigade hinter die Stellungen der Schützen bei Sains-en-Amienois zurückzunehmen. Ab 21:00 Uhr setzten sich die Panzer unter andauerndem Artilleriefeuer ab, aus  Sains-en-Amienois erhielten sie noch starkes PaK-Feuer.

Dieser schwere Tag brachte 34 Abschüsse gegnerischer Panzer, die Vernichtung einer Artillerie-Batterie und etwa 100 Gefangene. 14 Stunden im Kampf hatten aber auch beim Regiment (8, CG) Verluste gefordert, 19 Tote und zahlreiche Verwundete und verlorengegangene Panzer waren die Gegenseite der Medaille. Oberleutnant Neumann fiel an der Spitze der 1. Kompanie fahrend. Für den 6. Juni 1940 konnte das Regiment noch 14 Panzer einsatzbereit melden, daraufhin sollte das Regiment dem Schwester-Regiment 7 (noch 76 Panzer) unterstellt werden, was aber nach Einspruch des Kommandeurs unterblieb. Unter großen Anstrengungen der Werkstatt-Züge und der Kompanien kann die materielle Einsatzbereitschaft verbessert werden, außerdem hatten sich 4 Panzer am frühen Morgen aus Minenfeldern herausarbeiten können.

Den Angriff dieses Tages (des 6.6., CG) führte die 10. Schützen-Brigade, vor den Panzern des Regiments, Richtung Essertaux an. Die Panzer-Brigade wurde durch das Infanterie-Regiment "Großdeutschland" sowie durch Panzeraufklärer und Panzerjäger verstärkt und als Reserve nachgeführt. Als die Schützen in den Ort Oresmaux zwar eindringen, ihn aber nicht nehmen konnten, wurde Teile des Regiments dem Infanterie-Regiment "Großdeutschland" unterstellt, eine Abteilung des Panzer-Regiment 7 wurde der 10. Schützen-Brigade unterstellt. Damit hatte sich die Form des Angriffs völlig gedreht und Panzer unterstützten wieder die Infanterie. Am Abend des 6. Juni 1940 standen die Spitzen der Division vor Essertaux und 5 Kilometer südlich von Estrees-sur-Noye."

Es gibt zu diesen Vorgängen selbstverständlich auch französische Darstellungen (Literaturhinweise Wikipedia). Ferner hat ein englischer Autor auf der Grundlage französischer Quellen, zumeist Erinnerungen und Regimentsgeschichten, die Kampfhandlungen umfassend und genau rekonstruiert (Lehmann 2008). Sogar die Schweizer Armee hat die Ereignisse analysiert (Montfort 1960). Hintergrund ist, dass hier erstmals im Verlauf des II. Weltkrieges eine erfolgreiche Taktik gegen die moderne deutsche Panzerwaffe zum Einsatz kam. Da es sich bei diesen Texten um Militaria im engsten Sinne handelt (v.a. kleinteilige Gefechtsfeldschilderungen), habe ich auf weitere Zitate verzichtet.

Die Meldung von Günthers Tod bezeichnet den 5.6. als Todesdatum. Sie stammt vom Kommandeur des 7. Panzerregiments, Oberstleutnant Schmidt. Über die näheren Umstände des Todes geben zwei Briefe von Regimentsangehörigen Auskunft, die im Juni und Juli 1940 an die Eltern gesandt wurden.

Demnach war Günther nach einem kurzen Aufenthalt in Deutschland (vermutlich Harburg) erst am 4.6. abends im Raum Amiens eingetroffen. Sein Panzer war offenbar schon vorgerückt oder durch frühere Kämpfe zerstört. Er stieg in Harponville, einem kleinen Ort nordöstlich von Amiens, in den Panzer III eines Leutnants Held. Dieser Panzer fuhr auf einer Höhe etwa 7 km südlich vom Südrand von Amiens unter dem heftigen Beschuss der Franzosen in einen Graben und wurde manövrierunfähig. Günther und andere stiegen aus und beteiligten sich Kampfhandlungen der Infanterie. Hierbei bekam er einen Brustschuss und starb. Die Kilometerangabe und die Geländebezeichnung Höhe legen es nahe, dass dies bei Dury (Kampfzone) oder bei Sains en Amienois (Kampfzone) geschah.

Seine Leiche wurde am 7.6. von den zu diesem Zeitpunkt wieder vorrückenden Deutschen geborgen und auf dem englischen Weltkrieg I - Friedhof in Harponville beerdigt. Es existieren Photos der ersten Grabstelle, die wohl den genannten Briefen beigelegt waren.

(11) Das erste Grab in Harponville 1940

(12) Der Friedhof von Harponville 2007

 

Üblicherweise wurden Leichen von Offizieren während der Besatzungszeit exhumiert und nach Deutschland überführt. Warum dies im Falle Günthers nicht geschah, ist unklar. Vielleicht wollten es die Eltern nicht, weil sie die damit verbundene Begräbnisfeier vermeiden wollten. In den 60er Jahren wurde der Sarg auf den deutschen Soldatenfriedhof in Bourdon überführt, der als zentrale Begräbnisstätte für die Kriegstoten der drei Departements Nord, Pas - de – Calais und Somme eingerichtet und am 16. September 1967 eingeweiht wurde.

Die Gemeinde Sains en Amienois gab 2005 ausführliche Informationen zum Kampfgeschehen. In ihrer damaligen Präsentation (aktuell ist sie nicht aufrufbar) wurde die Zahl der am 5. Juni 1940 innerhalb der 10. Panzerdivision eingesetzten Panzer mit 170 angegeben. Die deutschen Angriffe seien in Gruppen von 50-60 Fahrzeugen erfolgt.

 

(13) Links ein deutscher Panzer, ein Modell IIA oder IIIA, ausgestattet mit Kanone und Maschinengewehr, wurde von der einer französischen 47 mm Artilleriekanone östlich von St. Fuscien abgeschossen. Der rechts abgebildete Panzer IVA wurde östlich von Sains en Amienois ausgeschaltet. Es sind beides mit Sicherheit Panzer des 7. oder 8. Panzer-Regiments.

Sains en Amienois wurde am 6. Juni von den Deutschen erobert und blieb bis zum 31. August 1944 besetzt.

 

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Es war eingangs von verwirrenden Gemeinsamkeiten und gewichtigen Unterschieden die Rede.

Gemeinsam ist Beiden die unbedingte Sicherheit, das richtige und unvermeidbare zu tun. Und damit verbunden, eine gewisse Leichtigkeit in der Einordnung in den lebensgefährlichen militärischen Dienst. Günther war dies seit langem ein Ideal, alle Vorstufen dazu hat er durchlaufen. Gustav hat sich derartiges sicher nicht erträumt. Es war dies eine Konsequenz, die ihm die Geschichte aufgezwungen hatte. Er schöpfte die Disziplin aus sich selbst. Wie gerne hätte er anderes getan.

Damit sind wir schon bei den Unterschieden.

Günther erobert Polen, aber die polnische Bevölkerung oder auch nur die polnische Armee existiert bei ihm nicht. Er stürmt voran, kämpft scheinbar nur gegen Pulver und Eisen und zerbombt Sachwerte. Galten ihm die Polen als Untermenschen, die einen Gedanken nicht wert waren? Jüngst haben Forschungen ergeben, dass die schweren deutschen Kriegsverbrechen bereits im polnischen "Blitzkrieg" begannen, wobei sie zu 60 % der Wehrmacht und zu 40 % dem SD, der Waffen-SS und der Polizei zuzurechnen waren. Nun werden die auf Durchbruch und Verfolgung getrimmten Panzertruppen hier als Täter nicht vorrangig in Betracht kommen, aber über den Geist der Wehrmacht sagen diese Zahlen einiges.

Gustav dagegen macht in Bild und Wort deutlich, dass die spanische Bevölkerung sein Volk ist und er sich nur insoweit zum Kampf berechtigt sieht, als er ihre Interessen vertritt. Dabei ist sein Blick wach, auch die heikle Stellung der Frau in der spanischen Männergesellschaft nimmt er wahr.

Etwas anderes noch. In Günthers knappen Kommentaren ist stets ein gewisser, unangenehmer Wochenschau-Ton zu spüren. Gustav dagegen verzichtet oft ganz auf Kommentare. Er klebt lieber Zeitungsartikel ein, fotografiert Wandzeitungen oder malt Parolen. Dabei vermittelt er mehr über seine Beweggründe als Günther mit seinem schneidigen Gehabe. Gustav zeigt, was ihm durch den Kopf geht - Günther geht nichts durch den Kopf als sein Funktionieren.

Erklärungen?

Ins Auge springen die unterschiedlichen Prägungen der Beiden durch ihr jeweiliges biographisches Umfeld. Gustav ist Arbeiterkind, lernt Schlosser. Er arbeitet zumeist in Großbetrieben wie etwa der Hamburger Werft Blohm & Voss. Seine Kollegen sind die politisch und gewerkschaftlich erfahrensten Arbeiter Hamburgs. In diesem Umfeld wird man nicht zu einem Phantasten oder Fanatiker, sondern zu einem kampfbereiten Realisten mit eigenem Kopf. Hinzu kam die in den den ersten harten Jahren des Exils erworbene Reife.

Günther war dagegen ein noch relativ unbesorgter Sohn einer ins Kleinbürgertum aufgestiegenen Familie mit dem weltanschaulichen Kompass eines idealistischen Nationalisten. Er hat den sozialdemokratischen Impuls des Vaters - der bei aller in den Weimarer Jahren hart erarbeiteten äußerlichen Bürgerlichkeit seiner Herkunft aus einer wendischen Bauernkate immer treu geblieben ist - nicht annehmen wollen. Er folgte lieber den reaktionären Lehrern seiner Heimfelder Oberschule. Wie bestimmend müssen diese damals gewesen sein, er war ja wahrlich nicht der einzige Abiturient, der mit Gesang in den Tod ging!  

 

 

Bildnachweis

(1) bis (9) Archiv Gotthardt

(10) Vasselle 1952

(11) bis (12) Archiv Gotthardt

(13) Commune Sains en Amienois (http://www.sainsenamienois.fr, 14.3.2013)

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