Ein Harburger Kommunist

Harry Naujoks 1901-1983

Text: Hans-Joachim Meyer

Veröffentlicht:
Dezember 2014

Harry Naujoks war ein typischer Vertreter der Harburger KPD: Lehrling, dann Facharbeiter im industriellen Großbetrieb, geprägt als noch junger Mann durch die Revolution im November 1918, die Generalstreiks der Folgejahre, den beharrlichen Aufbau der Partei- und Gewerkschaftsarbeit. Seit 1933 in Haft, übernahm er 1939 eine schier unlösbare Aufgabe: „Lagerältester“ der Häftlinge im KZ Sachsenhausen.

Harry Naujoks wurde am 18. September 1901 in Harburg geboren. Sein Bruder war Henry, geboren am 14. Oktober 1896, seine Mutter Luise Naujoks, die aus dem damaligen Ostpreußen stammte. Sie alle wohnten am Krummholzberg 2. Die Mutter zog ihre Söhne allein groß und arbeitete als Wäscherin, Köchin oder Badefrau. 

(2) Krummholzberg 2 um 1932. Die Wohnung der Naujoks lag Parterre links.

Der Bruder Henry Naujoks wurde Arbeiter, Harry lernte Kesselschmied in der Harburger Eisen- und Bronzewerke AG, ehemals Koebersches Eisenwerk. Nach der Novemberrevolution 1918 schlossen sich beide Brüder der KPD an. Harry Naujoks wurde Mitbegründer der Harburger Parteigruppe und 1920 Politischer Leiter der Harburger Gruppe des Kommunistischen Jugendverbands (KJVD). Henry Naujoks saß für die KPD im Harburger Bürgervorsteherkollegium (Stadtparlament). Außerdem war er Betriebsratsmitglied bei den Harburger Phoenix-Gummiwerken.

Nach dem Hamburger Aufstand im Oktober 1923 übernahm Harry Naujoks für ein halbes Jahr den Vorsitz des Hamburger KJVD. Er heiratete die Kommunistin Martha Pleul, die nach den Oktoberkämpfen zeitweise in Haft war. Er wurde 1924 Agitprop-Leiter des KPD-Unterbezirks Harburg und 1926 Organisationsleiter der KPD in Barmbek. Einem Instrukteur der Berliner Parteizentrale fiel er 1928 als „entwicklungsfähiger Genosse“ auf. 1932 war er bei der Bezirksleitung Wasserkante der KPD für die Arbeit der KPD in Betrieben zuständig.

Nach der Machtübertragung an Hitler übernahm Harry Naujoks im Auftrag der Bezirksleitung die Arbeit der KPD in Lübeck und wohnte vermutlich auch dort. Er organisierte eine Einheitsfront-Demonstration von SPD und KPD gegen die drohende NS-Diktatur. Anfang März wurde er festgenommen und kam im Mai ins Konzentrationslager Fuhlsbüttel (Kola-Fu). Als er am 1. Juni wieder freigelassen wurde, arbeitete er illegal als Politischer Leiter des KPD-Bezirks Nordwest in Bremen. Er ging auch in die Niederlande, um dort eine Konferenz des KJVD vorzubereiten.

Im August 1933 wurde er erneut verhaftet, kam ins KZ Langenlütjen I, einem Fort in der Wesermündung, und Anfang 1934 auf das KZ-Schiff Ochtumsand und anschließend ins Bremer Untersuchungsgefängnis. Am 29. Oktober 1934 wurde er wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu zwei Jahren und drei Monaten Zuchthaus verurteilt. Er verbüßte die Haft im Zuchthaus Bremen-Oslebshausen.

Nach der Haft wurde er nicht nach Hause entlassen, sondern kam am 11. November 1936 ins KZ Sachsenhausen bei Berlin. Seine Frau Martha Naujoks war in die Sowjetunion emigriert. Von Harry Naujoks wurde verlangt, er solle sich scheiden lassen, was er aber zurückwies.

Auch sein Bruder Henry Naujoks beteiligte sich am Widerstand. Er wurde 1933 festgenommen, kam zunächst ins KZ Esterwegen, dann mit einem Urteil über fünf Jahre Zuchthaus nach Hamburg-Fuhlsbüttel. 1940 wurde er entlassen. Er starb an den Folgen der Haft am 23. Januar 1945.

Harry Naujoks wurde 1939 Lagerältester im KZ Sachsenhausen. In dieser Funktion konnte er vielen Häftlingen helfen und das Leben retten. Die SS bemerkte aber, dass sein Einfluss im Lager immer mehr zunahm, und verlegte ihn und 17 andere Kommunisten am 27. November 1942 ins KZ Flossenbürg in der Oberpfalz. Hier wurde er misshandelt und für zwölf Monate in Dunkelarrest gesteckt. Als sich die amerikanischen Truppen näherten, wurden die Häftlinge am 20. April 1945 auf den Todesmarsch in Richtung Tirol geschickt. Drei Tage später konnten die Amerikaner sie befreien. Harry Naujoks schlug sich zu Fuß nach Hause durch. Im Mai 1945 traf er in Harburg bei seiner Mutter am Krummholzberg ein.

(3) Naujoks erster Nachkriegsausweis Juni 1945

Er gehörte zu den „Frauen und Männern der ersten Stunde“ und hatte bald Funktionen in Harburg, Hamburg und im nördlichen Niedersachsen. 1949 war er Direktkandidat der KPD im Wahlkreis Harburg für den Bundestag. Anfang der 1950er Jahre, beim Höhepunkt des Kalten Krieges und der Spionage-Hysterie, begannen KPD-Instanzen, Mitglieder zu maßregeln, die bei den westlichen Alliierten in Kriegsgefangenschaft waren oder Verbindung zum angeblichen amerikanischen Agenten Noel Field hatten. Beides konnte Harry Naujoks nicht vorgeworfen werden, weil er bis zum Schluss in Haft war. Trotzdem büßte er seine Funktionen ein. Was ihm konkret vorgeworfen wurde, war ein an den Haaren herbeigezogener „Kontakt“ zu Kriminellen – Naujoks habe Verbindung gehalten mit einem Harburger, der als „Berufsverbrecher“ im KZ gewesen und nach 1945 wieder kriminell geworden sei. In seinen Erinnerungen erwähnt Naujoks diesen Harburger als Kommunisten und berichtet, dieser habe ihm nach seiner Verlegung von Sachsenhausen nach FlossenbÜrg 1942 das Überleben ermöglicht. Naujoks selbst sah als eigentlichen Grund des ihm entgegengebrachten Misstrauens seine überwiegend „rechte“ Haltung in den internen Parteidebatten der 1920er Jahre. Er wurde später rehabilitiert, wurde Präsident des Sachsenhausenkomitees der Bundesrepublik und Vizepräsident des Internationalen Sachsenhausenkomitees. Diese Ämter hatte er bis zum seinem Tod inne. Außerdem wirkte er im Vorstand des Kuratoriums Gedenkstätte Ernst Thälmann. Er starb am 20. Oktober 1983.                                  

Der Schriftsteller Arnold Weiss-Rüthel, nach 1945 Rundfunkintendant in München, hat Harry Naujoks in seinen Sachsenhausen-Erinnerungen schon 1949 eine Art Denkmal gesetzt (S. 53 f.):

„Da die interne Verwaltung des Lagers ganz in den Händen von Häftlingen lag, konnte hier ein verantwortungsbereiter Lagerältester immerhin etwas zur Steuerung[1] der der von der SS gebilligten Demoralisierung beitragen. Leicht war das nicht, denn es war vor allen Dingen nicht ungefährlich. Jedenfalls setzte es einen ganzen Mann und tüchtigen Diplomaten voraus. Einen solchen hatte das Lager mehrere Jahre lang in der Person des langjährigen politischen Häftlings namens Harry Naujoks, eines für sein schweres Amt überaus befähigten und gerechten Mannes. Ihm zur Seite standen der zweite und der dritte Lagerälteste – der letztere ein „Bevauer“,[2] zur Wahrung der Interessen der kriminellen Häftlinge.“

[1] Veraltetes Deutsch: im Sinne von „zur Abwehr“, „zur Milderung“.

[2] KZ-Jargon für sog. Berufsverbrecher.

 

(4) In diesen 1906 und 1910 errichteten Werkshallen ging Harry Naujoks ab 1916 in die Lehre. Der Standort an der Buxtehuder Straße dient seit rund 160 Jahren noch immer dem Maschinenbau, heute für Harburg-Freudenberger/ Possehl-Gruppe.

 

 

Zum Weiterlesen

Gotthardt, Christian: Die Radikale Linke als Massenbewegung. Kommunisten in Harburg-Wilhelmsburg 1918 – 1933, Hamburg 2007

Weiss-Rüthel, Arnold: Nacht und Nebel. Ein Sachsenhausen-Buch, Potsdam 1949

Naujoks, Harry: Mein Leben im KZ Sachsenhausen 1936-1942, Köln 1987

Meyer, Hans Joachim: Demokratie in kurzen Hosen. Die Befreiung Harburgs und Wilhelmsburgs vom Faschismus und die verpassten Chancen nach 1945. Interviews und Berichte, Harburg 1995

Berlin, Jörg: Willi Prinz (1909-1973). Ein Vorsitzender der Hamburger KPD als Opfer des Stalinismus, Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte Bd. 96 (2010), S. 101-139

 

Bildnachweis

(1) Naujoks, Leben

(2) Ebd.

(3) Ebd.

(4) https://de.wikipedia.org/wiki/Harburg-Freudenberger

 

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