Carl Blohm 1886 - 1946

Maler der Marschen

Text: Christian Gotthardt

Veröffentlicht: Februar 2016













(1) "Hof in der Marsch"

Kritische LeserInnen dieser Website haben es vermutlich längst gemerkt: Sie ist multipolar. Da ist die Stadt Harburg, ihre industrielle Blütezeit in den Jahren 1870 bis 1970. Ebenso die industrielle Arbeiterbewegung als solche. Dann die Lebenserfahrungen meiner Herkunftsfamilien. Und schließlich weitere Assoziationsgeflechte, die sich von diesen Polen verzweigen. Carl Blohm ist Ast in einem solchen Geflecht. Sein Werk berührt mich auf vielfältige Weise.

Ich mache es zur Abwechslung mal kurz. Carl Blohm war ein norddeutscher Maler. Realist und Landschafts-versessen. Seine Schaffensperiode reichte von den 1920er Jahren bis zu seinem Tod 1946.

1923 konnte Blohm an einer bemerkenswerten Ausstellung des Harburger Kunstvereins teilnehmen, die wider Erwarten großen Erfolg hatte. Dabei waren beteiligt sogenannte „Heidemaler“ wie der Harburger Fritz Flebbe, Frido Witte und Leopold v. Kalckreuth, einige Künstler der Worpsweder Kolonie wie Otto Modersohn und Paula Modersohn-Becker (posthum), schließlich Hamburger Etablierte wie Ernst Eitner und Arthur Illies. Flebbe, einer der Ausrichter der Ausstellung, notierte damals aufgeregt:

„Oh jeh. Und das in Harburg. Alle haben gesagt, daß es in der Stadt unmöglich sei. Theodor Prael [ein Harburger Notar]  strahlt, denn er und ich, wir waren überzeugt, daß es möglich sei, nämlich die Menschen dafür zu interessieren. Und sie kamen zu der Eröffnung in Scharen.“[1]

Blohm war allerdings kein Harburg-Fan, die Marsch reizte ihn mehr als Heide, Moor und Geest. Er arbeitete lange in den Elbmarschen, machte auch volkskundliche Studien auf Eiderstedt. So kopierte er Epitaphien in Witzwort, meiner zweiten Heimat, und in den angrenzenden Dörfern.

(2) Studien: Wohlhabende Eiderstedter um 1650

 

Mit seinem bodenständigen Malstil und seinen traditionellen Sujets kam er den Nazis kaum in die Quere. Nur wenige seiner Bilder wurden beanstandet. Dennoch geriet er ins Abseits, da er seine Abneigung gegen die neuen Machthaber und den von ihnen begonnenen Krieg kaum verhehlte. Nach Stationen in Berlin, Pommern und wiederum der Elbmarsch verkroch er sich 1939 im kleinen Dorf Dägeling im Süden von Itzehoe, wo er vom Geesthang hinab in die breite Marsch blicken konnte.[2]

Hier ergibt sich, nach Harburg und Witzwort, der 3. Berührungspunkt. Gleich südlich von Dägeling liegt das Dorf Neuenbrook, wo meine Mutter Annemarie als Tochter des Malermeisters Hermann Kähler aufwuchs. Blohm, zumeist knapp bei Kasse, schnorrte gelegentlich des Malers Farbpigmente. Hermann Kähler seinerseits war dilettierender Künstler. Seine anfängliche Nazibegeisterung - sie entstand in der Agrarkrise 1928, als seine entscheidenden Auftraggeber, die Bauern, kein Geld mehr hatten - war seit dem Kriegsbeginn 1939 vollständig verflogen. Blohm und er, der selben Generation zugehörig, verstanden einander gut.

(3) Hermann Kähler mit Tochter Annemarie, um 1926. Hermann trägt noch die Kluft der völkisch-reaktionären Organisation "Stahlhelm". Ab 1929 war er SA-Mitglied.

 

Es gibt aus dieser Zeit eine traurige Geschichte, die mir meine Mutter berichtet hat.

Am 6. Januar 1944 wurde ein amerikanisches Bombenflugzeug B 17, das von England kommend auf dem Weg in den Hamburger Luftraum war, über Dägeling von deutschen Jägern abgeschossen. Es stürzte am Fuß des Geestrückens auf eine Viehweide. Blohm, der gerade mit seinem Fahrrad im Dorf unterwegs war, erreichte als einer der ersten die Absturzstelle mit dem brennenden Wrack. Er konnte einen der Insassen aus dem Wrack ziehen. Inzwischen waren weitere Menschen herbeigelaufen, unter anderem auch Hermann Kähler. Blohm war gerade dabei, den Herumstehenden klar zu machen, dass dem Verletzten geholfen werden müsse. Er kämpfte gegen eine aufkommende Lynchstimmung an. Hermann Kähler hatte eine Karre und eine Wolldecke beschafft, auf denen der Amerikaner zunächst gebettet wurde. Kurz darauf kamen deutsche Soldaten mit Lastwagen und Bergungsgerät. Sie bargen 8 weitere, tote Besatzungsmitglieder und transportierten den Verwundeten ins Krankenhaus Glückstadt.

In diesem Krankenhaus arbeitete Annemarie Kähler, damals knapp 20-jährig, als Schwesternhelferin. In der Nacht vom 6. zum 7. Januar war sie zur Nachtwache eingeteilt. Sie verbrachte die Nacht am Bett des Amerikaners, der mit dem Tode rang und, soviel konnte sie von der fremden Sprache verstehen, immer wieder nach seiner Mutter schrie. Am folgenden Tag starb er. Er war nicht viel älter als Annemarie gewesen.

(4) Annemarie Kähler (rechts) 1943, mit Kolleginnen in einer Arbeitspause auf dem Patientenbalkon des Krankenhauses Glückstadt.

 

Carl Blohm wurde wegen seines Einsatzes für den Verwundeten vom NSDAP-Ortsgruppenleiter Richard Hesebeck in Neuenbrook angezeigt und kam in KZ-Haft. Durch Fürsprache hochstehender Nazibonzen kam er noch im Frühjahr 1944 wieder frei. Er starb am 23.7.1946 in Dägeling.[3]

Carl Blohm hatte meinem Großvater Hermann Kähler in den Jahren ihrer Bekanntschaft eines seiner Ölbilder geschenkt. Es ist nicht signiert, gehört aber erkennbar zu seinen durchgestalteten Marschmotiven. Es zeigt jenen Teil der alten Reichstrasse/ Bundesstraße 5, der von Dägeling den Geesthang („Wellenberg“) hinab nach Neuenbrook führt – dessen Kirche ist am Horizont im Mittelgrund des Bildes angedeutet. In umgekehrter Richtung, von Neuenbrook aus, war der Wellenberg für meine fahrradfahrende Mutter damals der „Quälberg“ auf dem Weg nach Itzehoe. Im Vordergrund links der Chaussee beginnt die Viehweide, auf die der Bomber stürzte. Der Großvater schenkte das Bild meinen Eltern zum Einzug in ihren ersten gemeinsamen Haushalt in dem Harburger Thörlweg 1949. Seit dem Tod meiner Mutter hängt es bei mir.

(5) Ohne Titel [Neuenbrook, von Dägeling gesehen].

 

Wer sich mit dem künstlerischen Schaffen Carl Blohms näher beschäftigen will, hat hierzu momentan eine schöne Gelegenheit: Das Detlefsen-Museum in Glückstadt zeigt bis zum 29. 5. 2016 eine Werkschau seiner Ölbilder, Aquarelle, Holzschnitte und Plastiken. Dazu ist ein Katalog erschienen, der für nur 10 Euro eine Menge bietet.

 

Bildnachweis

(1) Archiv Gotthardt

(2) http://www.museen-sh.de/Objekt/DE-MUS-120614/lido/Alt+1537

(3) Archiv Gotthardt

(4) Archiv Gotthardt

(5) Archiv Gotthardt

 

Anmerkungen

[1] Caprano, Antonio/ Pinkepank-Appel, Sabine: Fritz Flebbe, Groß-Lafferde 1993, S. 56.

[2] Zu Blohms Biographie vgl. Bruhns, Maike: Kunst in der Krise. Künstlerlexikon Hamburg 1933-1945, Hamburg 2001, S. 68 ff.

[3] Diese Ereignisse sind von einem der Enkel Carl Blohms, dem Historiker Kay Blohm, nach den Akten rekonstruiert worden; Norddeutsche Rundschau v. 5.1.1994.

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