Als Werbeberater in der Harburger Industrie

Teil 1: Bei der Vereinigten Jute

Text: Jürgen Burkhart

Erinnert und veröffentlicht: Juli 2015

(1) Ankunft am Harburger Bahnhof - erst die Phoenix, dann ... links an ihr vorbei zur Jute. Den zwischen 1949 und 1953 verkehrenden Doppeldecker-Obus werden die jungen Hamburger sicher bestaunt haben.

An einem frostig kalten Dienstag im Februar 1952 fuhren 30 junge Männer um die Mittagsstunde mit dem schwarzen Dampfzug vom Hamburger Hauptbahnhof nach Harburg. Wir waren Lehrlinge in Hamburger Firmen aus verschiedenen Bereichen der Textilbranche. Der Begleiter Herr Brand, unser Klassenlehrer an der Berufsschule Schlankreye in Hamburg-Eimsbüttel, hatte eine Besichtigung bei den Vereinigten Jute Spinnereien und Webereien Harburg (VJH) arrangiert.

Vom Bahnhof Harburg aus in linker Richtung erreichten wir in gut zehn Minuten schnellen Schrittes das Werk mit seinem unscheinbaren Eingangsbereich. Gut erinnere ich mich noch an den markanten „Jute-Duft“, der uns schon im Vorraum umgab.

Der Rundgang durch ein Rohstofflager und die verschiedenen Verarbeitungs- und Fertigungsbereiche mit beeindruckenden Maschinenanlagen, u.a. für Jute-Teppiche und -Läufer, muss wohl zwei Stunden gedauert haben, denn es dunkelte schon, als wir mit dem Zug nach dieser lehrreichen Besichtigung zurückfuhren.

(2) Der Eingang zur Jute in der Nöldekestraße

Zeitsprung:

Für viele junge Menschen – so auch für mich – gab es nach dem Krieg in der Wiederaufbauzeit noch keine Einstiegsmöglichkeiten in ihren Wunschberuf. Aber endlich – ab 1956 – war ich bei einem alteingesessenen Hamburger Werbeberater über eine Volontärzeit voll in meinem Traumberuf Werbung tätig. Eines Tages – war es 1957? – sagte mein Chef, „der alte Griese“, so nennen wir Ehemaligen ihn heute noch respektvoll, zu mir: „Morgen fahren wir zwei nach Harburg, eine Teppichfabrik wünscht eine Beratung.“ Wie erstaunt war ich, als wir dann am nächsten Tag vor dem VJH-Gebäude standen, dem Werk, das ich vor fünf Jahren mit der Berufsschulklasse besichtigt hatte.

Der „alte Griese“ war damals im Großraum Hamburg neben Hans Domizlaff der bekannteste und erfahrenste Werbeberater. So einigte man sich im Gespräch ziemlich schnell auf eine längerfristige Zusammenarbeit.

VJH hatte die Fabrikation rechtzeitig umgestellt. Für Jute-Produkte wurde der Markt immer kleiner. In den Jahren des Wiederaufbaus und der vielen Neubauten standen ein schönes Zuhause und zunehmend auch ein modernerer Einrichtungsstil auf der Wunschliste der Bürger ganz oben an. Das Werk fertigte jetzt Teppichböden als Meterware in verschiedenen Breiten und Farben in Haargarn- und in Wollflor-Qualitäten. Das Angebot lief schon unter einer eigenen Produktmarke, sie lautete „VEHAL“.

Mit diesem neuen Konzept konnten nun Räume, Flure, komplette Wohnungen ganzflächig von Wand zu Wand mit Teppichboden ausgelegt werden. Zusammen mit der großen Farbpalette ergaben sich viele neue Möglichkeiten einer farblich aufeinander abgestimmten Raumgestaltung. Auch für zusätzliche Teppiche war diese Auslegware ein neutraler, wohnlicher Untergrund.

Mit großformatigen, zum Teil ganzseitigen VEHAL-Farbanzeigen in Einrichtungs-Fachzeitschriften, z.B. „Heimtex“, informierte und interessierte VJH nun deutschlandweit den Fachhandel. Eine überregionale Verbraucherwerbung wäre zu teuer gewesen. So konzentrierten wir uns werblich auf den Groß- und Einzelhandel und auf Werbeunterstützung mit Farbmusterkarten und Info-Prospekten am Ort des Verkaufs. Das Interesse der Verbraucher an neuen Einrichtungsideen war in diesen Jahren des Nachholbedarfs sowieso vorhanden.

Logo Vereinigte JuteLogo der Teppichmarke Vehal

(3) Genügsam schlicht: das Jute-Logo aus den 1920er Jahren, noch Ende der 1950er Jahre kaum verändert. Rechts die neue Marke VEHAL

Mein Gesprächspartner bei VJH war der Verkaufsleiter Herr Henn, ein erfahrener und entscheidungssicherer Mann, mit dem ich stets zügig und erfolgreich zusammen gearbeitet habe. Aber das neue Image und der steigende Bekanntheitsgrad von VEHAL weckten wohl neue Begehrlichkeiten. So wurde dem „alten Griese“ und mir bei einem extra vereinbarten Termin ein „neuer Mann“ vorgestellt, ein Manager, ein raumfüllender elegant in Kamelhaarlook gekleideter Mitdreißiger. Dynamisch erklärte er uns, was er hier alles anpacken wolle, was auszubauen und zu verändern sei.

„Toller Mann, toller Mann!“ sagte der „alte Griese“ auf der Rückfahrt in seinem silbergrauen, figurkompensierenden Status-Symbol-Porsche-Kabriolett. „Was meinen Sie“ fragte er mich, als ich nicht gleich begeistert zustimmte. „Etwas zu aufgesetzt“, war meine Antwort, „erst einmal abwarten.“

Und tatsächlich! Innerhalb eines guten Jahres hatte der „neue Mann“ zu vieles angepackt und umgekrempelt. Das alles passte nicht mehr zu dem bisher erfolgreichen VEHAL-Stil. Auch unsere Zusammenarbeit mit VJH hatte sich dadurch stark reduziert. Besagter Manager verschwand dann ganz plötzlich von der Bildfläche und ich arbeitete wieder mit Herrn Henn zusammen.

Aber irgendwie war vieles nicht wie vorher. Der frühere Schwung war einfach nicht mehr da. Hatten die Änderungsmaßnahmen des Managers beim Handel negative Spuren hinterlassen? Jedenfalls wurde unsere jahrelange Zusammenarbeit im guten Einvernehmen beendet und ich legte alle VEHAL-Unterlagen ins Archiv.

Nach ungefähr zwei Jahren – so um 1963? – rief mich unerwartet Herr Henn an:

„Ich melde mich aus Bad Hersfeld. VJH heißt jetzt VEHAL und ist hier stationiert. Ich würde gern wieder mit Ihnen zusammenarbeiten.“ So fuhren der „alte Griese“ und ich – dieses Mal mit dem Zug – zu einem Gesprächstermin nach Bad Hersfeld. Wohl auch dank der guten und erfolgreichen Zusammenarbeit mit Herrn Henn in Harburg, kam es dort zu einer neuen Vereinbarung und wir gestalteten von Hamburg aus für ca. zwei Jahre die Werbung für die VEHAL-Teppichboden-Auslegeware. Wie die Firmengeschichte weiter ging? Ich weiß es nicht, ich habe danach nie wieder etwas von VEHAL gesehen oder gehört.

Vereinigte Jute

(4) Die Jute in Wilstorf: mit den Wohnquartieren in Tuchfühlung

 

Nachtrag zur „Vereinigten Jute“

Die „Jute“, wie sie in Harburg kurz genannt wurde, war einer der prägenden industriellen Betriebe der Stadt. 1883 gegründet, fertigte sie aus indischer und pakistanischer Rohjute einfache Spinngarne, die sie zu Transportsäcken, sonstigen Verpackungstextilien, Bindfäden etc. weiterverarbeitete. Später kamen Grundgewebe  für Linoleumböden hinzu. Die Fabrik bot schwere, aber „einfache“ Arbeit an zahllosen Spinn- und Webmaschinen.

Arbeitskräfte gewann der Betrieb in großer Zahl aus Österreich, wo Fabrikagenten zur Anwerbung unterwegs waren. Viele Frauen waren darunter. Wilstorf bekam eine österreichische Färbung, was an der großformatigen katholischen Kirche an der Winsener Straße noch heute zu erkennen ist.

Eigentümer der Jute waren zunächst hanseatische Handelshäuser und Bankiers. In den 1920er Jahren wurde der Betrieb mehrheitlich (zu ca. 70 %) vom Blumenstein-Konzern übernommen, einem der damals dominierenden Textilunternehmen in Deutschland. 1930 konnte der Konzern in der Weltwirtschaftskrise die Zinsen für eine in England aufgelegte Unternehmensanleihe nicht mehr bezahlen, es kam zu einem Kapitalschnitt und die Jute-Mehrheit ging an das britische Bankhaus Ralli Brothers, das Rohjute importierte und für die Insel ein staatlich garantiertes Monopol zur Sandsackversorgung hatte. Auf diese Weise entging die Jute der 1933 einsetzenden Zerschlagung bzw.„Arisierung“ des Blumenstein-Konzerns. An die in England gehaltene Aktienmehrheit kamen der deutsche Staat und die mit ihm kooperierenden Banken nicht heran.

Heimstätte der Jute

(5) Die "Heimstätte" der Jute für ledige Frauen und stillende Mütter. Seit Anfang der 1930er Jahre Sitz der Politischen Polizei Harburgs

Nach dem Kriegseintritt der Briten allerdings geriet die Jute 1940 unter die Zwangsverwaltung des deutschen Reichskommissars für Feindvermögen. 1945 dann, der seit Mitte der 1920er Jahre amtierende Vorstand blieb im Amt, setzten die britischen Besatzer einen neuen Aufsichtsrat ein. Hier war, wie zeitgleich bei der Phoenix, der Warburg-Treuhänder Rudolf Brinckmann vertreten. Dominierende Hausbank wurde aber die Dresdener Bank mit ihrem seit 1936 amtierenden Hamburger Direktor Hugo Scharnberg, dem späteren CDU-Bundestagsabgeordneten.

Ende der 1950er Jahre, also genau in jenen Jahren, die Jürgen Burkhart schildert, befand sich das Jute-Geschäft in einer Sackgasse: Starke Papierqualitäten gewannen als Transportgebinde an Bedeutung. Bei Jute drückten neue Billiglohn-Konkurrenten in den Ursprungsländern auf die Produktpreise. Die Containerisierung leitete schließlich das Ende der Säcke als Stückgutstandard ein. Andererseits war der Mehrheitsaktionär Ralli wenig geneigt, in alternative Produktlinien zu investieren.

Eine Zeit lang experimentierte die Vereinigte Jute mit der Weiterentwicklung der Linoleum-Produktstrecke zu Kunstoffböden unter der Marke DUBLETTA (PVC und Filz). Aber schon formierte sich eine deutsche Konkurrenz, die hochwertigere Beläge nach dem amerikanischen Tufting-Verfahren (eingenähter Schlingen- oder Schnittflor statt Weberei mit Kette und Schuss) anbot. Hier lag offenbar das Motiv für die Produkt- und Markenbildung VEHAL, die auf diesen Markt abzielte. Angesichts der grundsätzlichen Bedeutung dieser Maßnahme war die Verpflichtung einer renommierten Werbeberatung sicher gerechtfertigt.

Die Hamburger Verkaufs- und Werbeberatungsfirma Carl-Heinz Griese war 1930 gegründet worden. Sie entwickelte eine große Zahl bekannter Markenzeichen und hierfür angepasster Werbe- und Vertriebsstrategien. Griese war Initiator der Hamburger Fachschule für Werbung und Verkaufskunst und des Werbefachverbandes. Er starb 67-jährig am 29.1.1965. 

Die Produktinnovation verband die Dresdener Bank mit einem harten Sanierungskurs. Strategischer Kern war der Komplettwechsel vom Naturrohstoff zur Kunstfaser. Der zur Gruppe gehörige, ebenfalls sehr alte Betriebsteil der Vereinigten Jute in Hamburg-Schiffbek wurde um 1958 geschlossen. 1962 übernahm die Bank das Ralli-Mehrheitspaket. Im gleichen Jahr wurde auch der Harburger Betrieb dichtgemacht. Es verschwand also die Bindung an Hamburg als dem Standort maritimen Umschlags. Statt dessen wurde das Geschäft mit neuen Investitionen auf die Standorte Bad Hersfeld (VEHAL) und Bonn-Beuel (DUBLETTA) konzentriert. 1965 reichte die Dresdener Bank die Ralli-Anteile mit gutem Gewinn an den Flick-Konzern durch, der den Betrieb in seine Chemie-Gruppe Dynamit-Nobel eingliederte und damit neben seinen seit den 1930er Jahren produzierten glatten Kunstoffböden (Marke Mipolam) auch Filz- und Tufting-Produkte bieten konnte. Bereits 1963 hatte die Phoenix die Harburger Betriebsgebäude der Jute übernommen.


(6) Auch von Griese: Die Marke für die Kunstoff-Böden aus Bonn-Beuel


Die Harburger Jute war nun Geschichte. Das VEHAL-Geschäft in Bad Hersfeld erwies sich aber als mühsam. 1969 holte sich Flick deshalb Geld und weitere Tufting-Lizenzen des amerikanischen Bigelow-Sanford Teppichkonzerns in das Unternehmen. Die Marken VEHAL und DUBLETTA verschwanden dabei in der Traditionsmarke Mipolam.

Die Geschichte des Werkstandorts ging aber weiter. Phoenix siedelte hier ein Zweigwerk seiner Aquisition Stankiewics an, eines Automobilzulieferers für Schall- und Vibrationsdämmungen. Nach der Zerschlagung der Phoenix bei der Übernahme durch Continental ging Stankiewics an den Automobil-Zulieferer IAC.

Die IAC Group, zu der das Harburger Werk gehört, machte 2012 weltweit rund 3,6 Milliarden Euro Umsatz. Der Konzern ist nach eigenen Angaben einer der führenden internationalen Automobilzulieferer für Innenraumkomponenten und -systeme, verfügt über 78  Fertigungsstandorte in 18 Ländern und beschäftigt rund 26.000 Mitarbeiter weltweit. In Harburg produziert das Unternehmen vor allem Kautschuk-basierte Dämmmatten und -beläge für PKW und LKW. Damit steht es in der Tradition der Jute wie ebenso der Phoenix. cg

 

(7) Juli 2015: Der Eingang des alten Werks direkt gegenüber der "Heimstätte" (s. Abbildung 5). Auch diese steht noch, in ihr wird zur Zeit ein Erstaufnahmelager für Flüchtlinge eingerichtet.

 

Bildnachweis

(2) Vereinigte Jute-Spinnereien und Webereien Aktien-Gesellschaft Zweigniederlassung Harbug vorm. Jutespinnerei und Weberei Hamburg-Harburg
Digitalisat: Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, http://digitalisate.sub.uni-hamburg.de/detail.html?tx_dlf%5Bid%5D=8252&tx_dlf%5Bpage%5D=113&tx_dlf%5Bdouble%5D=0&cHash=ea0d93cabdf69d4ddae5300a0032f6fe
(3) Archiv Gotthardt
(4) Vereinigte Jute, Werbeprospekt, o.J.
(5) Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, a.a.O.
(6) Archiv Gotthardt
(7) Archiv Gotthardt

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