Meine Kameras

Langjährige Begleiter, große Spaßbereiter

Kodak Folding Pocket Automatik 1 A (ca. 1908)

Text und Kamerafotos:
Christian Gotthardt

Veröffentlicht:
Dezember 2014, ergänzt April 2015

Kodak Folding Pocket Automatik 1 A (ca. 1908)

einlinsiges objektiv, stufenlose blende ab 11 aufwärts, 3 verschlüsse (1/25, b und b arretierbar), format 5,7 cm x 8,7 cm. aus dem familiennachlass meiner liebsten. irgendwie durch oma und amerikanische besatzung im ruhrgebiet hängengeblieben. corpus aus holz und aluminium, beledert (materialmix einzigartig!). erst spät reaktiviert, zuletzt zusammen mit der box (s.u.). hat leider etwas nebenlicht durch altersschwachen balgen, aber die aura des objektivs ist himmlisch. schärfe und unschärfe direkt nebeneinander, ineinander verwoben, ergibt eine insgesamt harmonische bildwirkung. malerisch. ein industrielles massenprodukt, das sehgewohnheiten mindestens 2er generationen geprägt hat. ich zitiere gern den photojournalisten dror garti, der mir aus dem herzen spricht: "I love to purchase old cameras, fix them and put them into use. Each old camera has its own story to tell and provides its own unique results – which cannot be recreated by any other. This inspires me" (ich liebe es, alte kameras zu kaufen, herzurichten und einzusetzen. jede alte kamera erzählt geschichten auf ihre eigene weise und liefert einzigartige ergebnisse - die von keiner anderen erzeugt werden könnten. das inspiriert mich).

arbeitsprobe:

harburg 2015, seehafenstraße, der tengor-photograph links am rand mitgetitscht

 

 

Box Tengor 54/2 (ca. 1936)

Box Tengor
3 entfernungen, 3 blenden (11, 16, 22), 2-linsiges objektiv, 2 verschlüsse (1/25, b), drahtauslöseranschluss  – nicht schlecht für eine box. negative im vollformat 6x9, brennweite 90 mm (entspricht ca. 45 mm kleinbild). nachdem vater und mutter aus dem krieg zurück waren, arzt und krankenschwester im lazaretteinsatz, und sich nach langer verlobung 1949 verheirateten, war diese box die erste familienkamera. weiß der himmel, wo sie herkam. auf jeden fall eine notlösung. dabei waren glückstreffer möglich. ich bekam sie später zum spielen. hab sogar meine ersten rollfilme damit durchgeknipst. noch mal anfassen? ja!

Arbeitsproben: Vater und Bruder, Hamburg-Altenwerder 1955

Vater und Bruder, Altenwerder 1955

 

Porträt, Harburg 2015




Agfa Isoly Junior (1961)

Agfa Isoly
einlinsiges objektiv 55 mm, verschluss 1/30s, keine entfernungseinstellung, nur 2 blenden: „sonne“ oder „wolken“. kinderkamera für damals 25 mark. bekam mein „mittlerer“ bruder zum 7. oder 8. geburtstag. als er sich rund 7 jahre später was besseres vom taschengeld leistete, wurde die isoly an mich durchgereicht. ich hab sie geliebt. ihre 4x4 aufnahmen sind magisch. schon damals in der dunkelkammer, aber auch heute mit negativ-scanner - man konnte und kann aus den gelungenen aufnahmen viel herausholen. leider war der anteil der völlig untauglichen aufnahmen immer sehr hoch. ihr optimum lag bei entfernungen zwischen 2 und 5 m, aber das habe ich erst heute verstanden.

Arbeitsproben:
Kokerei Hamburg-Kattwyk, Anfang der 1960er Jahre

Kokerei Hamburg-Kattwyk, Anfang der 1960er Jahre

Besuch bei Onkel und Tante, Dägeling 1967

Besuch bei Onkel und Tante, Dägeling 1967

Agfa Silette Apotar (1953)

Agfa Silette
herbst 1956, da gabs die erste neuangeschaffte familienkamera. endlich kleinbild, natürlich die billigere variante mit dem nicht so lichtstarken 1:3,5/45 mm objektiv, geld war ja knapp. aber wunderschöne photos aus der jungen ehe und der kindheit der drei söhne. für meinen vater, eher intuitiv und nicht besonders technisch begabt, schon zu überkomplex. ehrlich gesagt hat meine mutter oft die besseren photos gemacht. im sommerurlaub sagte vater immer, blende 8 belichtung 125stel, da machste nix falsch. die kamera hab ich recht spät übernommen, nach ihrer langen schrankphase im elternhaus. nicht recht warm geworden damit. 45 mm ist ein schwieriges format, nicht weitwinkel genug für architektur, aber zu weitwinklig für porträts. gut für familienaufstellung, schulklassen, wachbataillone oder fußballmannschaften. zeittypisch. aber eben für eine andere zeit.

Arbeitsprobe: Lesestunde ca. 1956
 
Agfa Silette Arbeitsprobe - Lesestunde 1956

 


Praktika L (ca. 1975)

Praktika L
tja, das ist wohl das elend (oder der vorteil) des jüngsten. bruder kauft wieder was besseres, reicht die alte möhre weiter. jahrzehnte hab ich gedacht, l steht für luxus. und mich immer gefragt, he, wo ist denn hier der luxus? heißt natürlich in wahrheit „lamellenverschluss“. ist tatsächlich eine gute kamera, nachdem ich das grottenschlechte, strukturell unscharfe pentacon standardobjektiv durch das (ebenfalls weitergereichte) yashinon 1: 1.7/50 mm der schwägerin ersetzt hatte. dazu noch ein spottbilliges reynox 1:3,5/135 mm mit super optik und massivem metallcorpus. diese kuriose kombi war lange zeit mein „cross-kamera-set“ bei fahrradurlauben. da war bei mir das geld knapp. und das set blieb heil, wenn der abgestellte lastesel mit allem gedöns mal krachend umkippte.

Arbeitsprobe: Hamburg am 10. November 1989, 9.30 Uhr.

Hamburg am 10. November 1989, 9.30 Uhr

Rollei 35 T (ca. 1979)

Rollei 35 T

seufz. das ist meine lieblingskamera und wird es immer bleiben. ich hatte sie schon in den frühen 70ern bei einem freund kennengelernt, anfang der 80er hab ich sie mir dann gebraucht gekauft, für immerhin rund 300 mark. sie hat mich gut 20 jahre, als ersatz für das cross-set, bei fahrradurlauben begleitet. war viel besser. jenes musste wegen des erheblichen umfangs immer in der lenkertasche stecken. und das gewicht! die kleine 35 war dagegen hinten in der trikot-tasche untergebracht und jederzeit griffbereit. und auch noch mit belichtungsmesser ausgestattet. das 1:3,5/40 mm objektiv  war ideal für tagsüber und draußen. unschlagbar mit farbdias, aber auch bei sw tapfer dabei. das lederetui, das ich später dazugekauft hatte, hat all die ströme von schweiß, die bei den bergetappen in frankreichs zentralmassiv so reichlich den rücken herunterflossen, absorbiert und von der kamera ferngehalten. und in der dämmerung oder nachts konnte man herrliche langzeitbelichtungen von kleinstadtkneipen machen. und und... schneuz.

Arbeitsprobe: (wird ergänzt)

Voigtländer Vitessa Color Skopar (1954)

Voigtlaender Vitessa
habe ich seit 2004. späte entdeckung, heiße affäre. noch nicht beendet. 1.3,5/50 mm, ein phantastisches objektiv. schafft magische räume. porträts von großer intimität. der korpus handlich und diskret. die feinmechanik, wie bei der kleinen rollei, ein wunderwerk. dabei robust und zuverlässig wie ein hammer. mit der studierten schwester, der vitessa ultron mit lichtstärkerem objektiv 1.2/50 mm und eingebautem belichtungsmesser, hatte ich nicht so viel glück. da ist die entfernungseinstellung mindestens verschmalzt, womöglich ausgeschlagen, jedenfalls unpräzise. aber für porträts mit stativ und zollstockgemessener entfernung ohne konkurrenz.

Arbeitsprobe Color Skopar: Le Havre, Musee Andre Malraux, Frühjahr 2006

Le Havre, Musee Andre Malraux, Frühjahr 2006 

Rollei Compactline 130 (2010)

Rollei Compactline
nach frühen erfahrungen mit der digitalen kompaktwelt (u.a. mit der vorzüglichen, damals sündhaft teuren konica revio, für die es leider keine gescheiten akkus mehr gibt), wurde dieses gebilde in einer art trotzreaktion für 39 euro beim discounter geschossen. trotzreaktion, weil sauer wegen konica und außerdem das eingeständnis, die dinger sind zwar eigentlich mist, aber verdammt praktisch und auch für berufliche zwecke durchaus notwendig. die arme rollei ist vermutlich auf die resterampe geraten, weil sie vom menü her ziemlich fehlkonstruiert ist und auch in der farbgebung und der schärfe nicht überzeugt. über die jahre hat sich der trotz dann in mitleid transformiert. heute mag ich sie in ihrer begrenztheit. vor allem: wenn ich mir von freunden mal ne bessere digitale ausleihe, dann merke ich, dass die macken meiner rollei eben nur z.t. individuell sind, und im wesentlichen aus der digitalen technik an sich resultieren. sie begleitet mich, und wenn ein motiv auftaucht und in meinem kopf klingelt, ist sie zur hand. in jeder lage. mit der box tengor oder der afga isoly ginge das nicht.

Arbeitsproben:
grundschulprojekt: mein dorf. die schmiede. witzwort 2014
 
Grundschulprojekt: Mein Dorf - die Schmiede, Witzwort 2014

Aubusson/ Frankreich, Graffitti an der Sportvereinsumkleide, 2014
 
Aubusson/Frankreich: Graffitti an der Sportvereinsumkleide, 2014

 

minolta srt 303b (1980)

Minolta SRT 303b
da vergehen die jahre, und plötzlich kostet so ein traum - lange in weiter ferne und auf hintere ränge der prioritäten geschoben – nahezu fabrikfrisch nur noch 70 euro. da wird der traum dann wirklichkeit. zumal ich dazu meiner liebsten das 1:1,4/ 58 mm minoltaobjektiv aus den mittleren 1970ern abschnacken konnte, das an ihrer verbeulten srt 101 hing, dort aber wegen deren ausgeschlagenen bajonetts nicht mehr sicher funktionierte. dieses objektiv ist ein traum für sich. mit dem ausprobieren stehe ich erst  am anfang.

Arbeitsproben:
Garding/ Eiderstedt, St. Christian, Winter 2012/13

Garding/Eiderstedt, St. Christian, Winter 2012/13
 
Tetenbüllspieker/ Eiderstedt, Herbst 2012
 
Tetenbüllspieker/Eiderstedt, Herbst 2012

 

canon epoca (1992)

Canon Epoca
auch irgendwie, vor kurzem, aus dem familienkontext bei mir gelandet. analoge kamera, objektiv 1:3,2-8/38-135 mm, autofokus, guter zoom, automatischer filmtransport. es gibt immer irrtümer in der industriegeschichte. meistens sind das nicht mal irrwege oder sackgassen oder schrott, sondern im gegenteil aus der sicht des verbrauchers gute produkte, die aber aus der sicht des herstellers zu teuer für ihren realisierbaren marktpreis sind.  weil zum beispiel sprunghafte technische fortschritte neue standards für features schaffen und das produkt urplötzlich alt aussehen lassen. sowas wird dann schnell aus dem regal genommen, verlustgeschäft plus imageverlust tut sich keiner an. die epoca gehört in diese kategorie. ok, sie ist sehr befremdlich, ein ziegel falschrum vor die nase gehalten, komische geräusche, ein bischen peinlich. „man wird sie lieben oder hassen“, so ein amerikanischer forenbeitrag. aber für bedeckten himmel, insbesondere halbtotale und porträt ist sie perfekt, und die farben kommen stimmig. eine kamera für fußballspiele, grillpartys, kinderfeste und spaziergänge. sie wird im einsatz bleiben.

Arbeitsprobe: Stuffhusen/ Eiderstedt, Frühjahr 2013
 
Stuffhusen/Eiderstedt, Frühjahr 2013

 

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