Lehramt, Fürsorge, Sozialpolitik

Drei Harburger Frauenleben

Text und Bilder: Christian Gotthardt
Veröffentlicht im Juli 2020








Junglehrerin Elfriede Paul, 1924

Diese Website redet (...und redet...) fast nur über Männer. Weil die Vergangenheit männerdominiert war? Ja klar, aber trotzdem blöde Ausrede: Frauen gabs ja wohl immer, die Version der Bibel mal ausgenommen. Frauen-Existenz aufzufinden, das ist die Aufgabe. Gut, die Quellenlage ist in dieser Hinsicht gemeinhin mies. Aber Geduld hilft. Hier ein weibliches Spotlight, mühsam zusammengeklaubt in der sozialistischen Hochburg Harburg-Wilhelmsburg.

Frauenarbeit – verstanden als Lohnarbeit in formellen Vertragsverhältnissen – gab es in der Industriestadt Harburg-Wilhelmsburg seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in immer größerem Ausmaß. In Fabriken der Gummiindustrie bildeten Frauen 20–50% der Belegschaften, in der textilverarbeitenden „Jute“ war ihr Anteil noch höher. Sie bekamen in der Regel die „einfachen“ Arbeiten zugewiesen, also solche mit einem hohen Anteil von Handarbeit (Nähen, Kleben) oder standardisierten Handgriffen an Fertigungsstrecken (Entgraten von Gußrohlingen, Kämmesägen). Die Geschichte dieser Arbeiterinnen ist erst in Ansätzen beschrieben. Der großartige Aufschlag des unermüdlichen Jürgen Ellermeyer, langjähriger Mitarbeiter des Harburger Helms-Museums und danach des Hamburger Museums der Arbeit, harrt immer noch einer Fortsetzung. [1]

Das werde ich als popeliger Privatforscher in Ermangelung institutioneller Schlagkraft nicht leisten können. Aber ich kann, nach vielen Jahren der Sammelei, einen Teilbereich der Frauenarbeit am Ort zumindest beleuchten: die Arbeit im pädagogisch-fürsorgerischen Bereich, in dem sich nach dem Ersten Weltkrieg eine Tür für qualifizierte Frauenarbeit öffnete – auf Basis der wachsenden Anzahl von Absolventinnen höherer Mädchenbildungsanstalten, und als Bedarfsdeckung für das wachsende Jobangebot in der Sozial- und Bildungsverwaltung.

 

Karoline Querfurth

Von Karoline Querfurth, am 5.9.1895 in Hameln in eine Lehrerfamilie hineingeboren , war auf dieser Website schon die Rede. Sie unterrichtete zu Beginn der 1930er Jahre an der Sammelschule Wilhelmsburg , wurde als Mitglied des „Internationalen Sozialistischen Kampfbunds“ (ISK) von den Nazis aus dem Schuldienst entlassen, geriet dann aus dem Blick. Inzwischen kann ich nach dem Auffinden einiger Akten zu ihrer Person ein etwas umfassenderes Bild ihres Lebens entwerfen.
Folgen wir zunächst ihrer eigenen Darstellung, die sie am 9.9.1928 einem Bewerbungsbrief an die preußischen Schulverwaltungen im Hamburger Umland (Altona, Wandsbek, Harburg) beigab:

1900 Tod der Mutter, Aufnahme bei Verwandten in Alfeld, Leine1901–1906 Seminar-Schule in Alfeld
1906–1908 Höhere Mädchenschule
1908–1912 Lyzeum in Wolfenbüttel
1912–1915 Oberlyzeum Wolfenbüttel, mit Abschluss Reifeprüfung
1915–1916 Seminarklasse Oberlyzeum mit Abschluss Lehramtsprüfung
1916–1917 Lehrerin an der Bismarck-Schule in Rotthausen/ Essen
1917-1920 Universitätsstudium Jena und Göttingen zur Vorbereitung des Oberlehrerexamens
1920-1923 Abbruch des Studiums wegen Geldmangels und Krankheit; Gelegenheitsarbeiten
1923 Leiterin der Beratungsstelle für Jugendpflege in Kiel
Sommer 1923 Kursus zur Ausbildung als Jugendpfleger in Merseburg
1923-1925 Aufgabe der unsicheren Stelle in Kiel, Hauslehrerin und Hausangestellte in Göttingen
1925-1927 Leiterin des Schulheims einer Hamburger Privatschule in Hützel (Sommer)
Unterricht an der Privatschule in Hamburg, Privatstunden (Winter)
1927-1928 Wechsel in eine besser bezahlte Stellung in einem Büro, Pflege der Pflegemutter
Okt. 1928 Entlassung aus dem Bürodienst aus organisatorischen Gründen

Wer deutsche Arbeitsbiographien aus den 1920er und 1930er Jahren kennt, begreift schnell, dass diese Vita nicht etwa Arbeitsunlust, mangelnde Anpassungsfähigkeit oder Inkompetenz widerspiegelt, sondern im Gegenteil höchstes Engagement und zähes Kämpfertum. Leider boten solche Tugenden in jenen Jahren keine Garantie für Erfolg. Was diesen verhinderte, waren Umstände, die meist jenseits der persönlichen Handlungsmöglichkeiten lagen: Armut und niedrigste Entgelte, Wirtschaftskrisen und staatliche Sparprogramme, nicht zuletzt auch Krankheit. Dass Karoline Querfurth seit Anfang der 1920 Jahre mehrfach und auch länger Auszeiten wegen Krankheit nehmen musste, erfahren wir aus ihren eigenen Darstellungen und auch aus den Akten. Mindestens zweimal ist die Rede von notwendigen Kuren in der Schweiz (1923, 1924) jeweils als Folge besonders aufreibender Gelegenheitsarbeit zur Überbrückung von Phasen ohne Anstellung (Privatstunden, Hauswirtschaft).

(2) Landheim Hützel, Querfurths „Sommerjob“ 1925 und 1926

 

Zurück zur Chronologie: Querfurth war 1925 wegen der Angebote der Privatschule nach Hamburg gezogen, gemeinsam mit ihrer kranken Pflegemutter. Einen weiteren Umzug wollte sie dieser nicht zumuten. Sie suchte daher Ende 1928 gezielt nach Arbeitsmöglichkeiten, die von ihrem Wohnort Fuhlsbüttel aus über das Hamburger Schnell- und Straßenbahnnetz erreichbar waren.

Von diesem Zeitpunkt bis Ende 1930 fehlt uns jegliche Information über Querfurth.

Dann: Das „Frl.“ Karoline Querfurth erschien in den Adressbüchern Harburgs und Wilhelmsburgs, die Ende 1930 für das Jahr 1931 herausgebracht wurden. Darin wurde sie als Lehrerin der Sammelschule Wilhelmsburg und Bewohnerin der Bonifatiusstraße 16 erwähnt. Sie wurde also von der Stadt Harburg-Wilhelmsburg irgendwann im Jahresverlauf 1930 als Lehrerin eingestellt, vermutlich sogar als verbeamtete Kraft, worauf die Laufzeit und der Inhalt ihrer Personalakte hindeuten. In dem Haus Nr. 16 wohnte auch der Wilhelmsburger Lehrer Heinz Ude, an derselben Sammelschule beschäftigt. Er hatte der neuen Kollegin vermutlich ein Zimmer vermittelt oder selbst vermietet.
Nun wird ein Seitenblick auf die politische Biographie Querfurths erforderlich. Die Harburger Schulverwaltung – sie war schon von den Nazis dominiert – sandte ihr im Sommer 1933 in Umsetzung des Gesetzes „zum Schutze des Berufsbeamtentums“ (d.h. der Berufsverbote) einen Fragebogen zu. Auf die Frage nach ihrer Mitgliedschaft in politischen Parteien antwortete sie, sie sei von 1923/24 bis Ende 1925 Mitglied der SPD gewesen. Das konnte stimmen, bedenkt man als Hintergrund, dass 1926 die Anhänger Nelsons und Mitglieder des ISK von der SPD ausgeschlossen worden waren. Die Harburg-Wilhelmsburger Nazi-Schulverwaltung hatte sich aber schon anderweitig informiert. Der Leiter des städtischen Schulamts Murtfeld kommentierte Querfurths Fragebogen mit der Anmerkung, sie vertrete den „politischen Radikalismus der Linksparteien“. Sie wurde umgehend entlassen. Als Querfurt Einspruch erhob und energisch eine Erläuterung dieser Einschätzung anforderte, legte das Regierungspräsidium Lüneburg am 17.7.1934 nach: Sie habe „den Typ einer fanatischen Marxistin erkennen lassen, die im Falle eines Kampfes zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus zweifellos als Erste auf der letzteren Seite zu finden gewesen wäre. (…) Bezeichnend für Ihre Einstellung ist unter anderem Ihre Äußerung gelegentlich einer Besprechung von Rassefragen: ,Warum sollte ich nicht einen Chinesen heiraten?‘.“[2]

Querfurth war Anhängerin des aus der SPD ausgeschlossenen Pädagogen und Linkssozialisten Leonard Nelson und Mitglied des von Nelson gegründeten ISK.[3] Im Protokoll des ISK-Bundestages 1928 in Göttingen ist eine „Luise Querfurt“ als Teilnehmerin vermerkt, wohl ein Fehleintrag oder eine Tarnung, von einer Schwester ist nichts bekannt, die Akten erwähnen lediglich einen Bruder Heinrich, Volksschullehrer in Wolfenbüttel.

Es gab noch andere ISK-Mitglieder an Harburger Schulen, das Zentrum der regionalen Organisation des ISK lag aber ohne Zweifel in Hamburg, wo die Oberlehrerin Klara Deppe, am 7.9.1893 in Harburg geboren, dessen Leitung innehatte.[4] Ob Querfurth in dieser sehr straff organisierten Gruppe Funktionen hatte, wissen wir nicht. Die Verankerung des ISK im Junglehrer*innen-Milieu war jedenfalls sehr stark.

In dem Ende 1933 für das Jahr 1934 herausgegebenen Adressbuch firmiert Querfurth als Lehrerin und Bewohnerin des Hauses Hindenburgstraße 172 (die Straße hieß bis 1933 Chaussee, ab 1947 Georg-Wilhelm-Str.; das Haus gehörte der Geschäftsstelle des Wilhelmsburger Spar- und Bauvereins und war Verkaufsstelle der Genossenschaft „Produktion“). Hatte sie hier zeitweilig Arbeit gefunden? Im öffentlichen Schulwesen war sie ab 1933 jedenfalls nicht mehr tätig.

Am 24.11.1934 beantragte Querfurth beim Regierungsbezirks Lüneburg eine finanzielle Unterstützungsleistung für den Betrieb ihres inzwischen eingerichteten Brotladens und den Schuldendienst für die dafür getätigten Investitionen. Sie informierte das Regierungspräsidium dabei auch über die Margen ihrer Produkte (Brot 11%, Gebäck 15%, Konfekt 20–30%) und rechnete ihr durchschnittliches Monatseinkommen vor (Einkommen 150–160 Reichsmark minus Miete, Beiträge, Schuldendienst ergeben 20–30 Reichsmark monatlich). Das Regierungspräsidium bat daraufhin seine Schulabteilung um eine Bewertung. Diese nahm die Sache in der Personalakte Querfurth auf und beauftragte den für die Volksschulen im Stadtteil Wilhelmsburg zuständigen Schulrat, vor Ort nachzuforschen. Irgendjemand vom Amt befragte Querfurths Nachbarn im Hause, die erzählten, Querfurth schaffe es nicht, weil sie „zu ehrlich“ sei. Der Schulrat befürwortete eine Unterstützung. Ob sie gezahlt wurde, sagt uns die Akte nicht.[5] Das Brotgeschäft erwies sich allerdings dauerhaft als sehr prekäre Erwerbsquelle.

1938 erscheint Querfurth mit zwei Einträgen im Adressbuch, als Lehrerin und als Betreiberin eines Brotgeschäftes, beide mit der Anschrift Veringstraße 157.

(3) Veringstraße 157 („Der Grieche“), Zustand ca. 2008.

 


Mit dem Brotgeschäft ergibt sich eine biographische Parallele zur Überlebensstrategie der bekannten Wilhelmsburger Sozialdemokratin und preußischen Landtagsabgeordneten Berta Kröger, die nach SPD-Verbot und kurzer Schutzhaft im Jahr 1933 einen Brotladen am Wilhelmsburger Vogelhüttendeich eröffnet hatte. Hatte Kröger Querfurth beraten? Kannten sich die beiden aus dem genossenschaftlichen Kontext, hatte Querfurth hier Hilfe gesucht?

Während Berta Kröger ihren Laden weiter betrieb , auch als sie ab 1945 wieder in die SPD-Politik einsteigen konnte, gab Karoline Querfurth 1938 das Geschäft in Wilhelmsburg auf und übersiedelte nach Stuttgart, wo sie u.a. bei der Firma Taylorix arbeitete, einem Hersteller für standardisierte Buchhaltungskarthoteken mit dazugehörigen Schreib- und Rechenmaschinen. Sie leistete hier vermutlich Bürodienste. Eigenartigerweise führte das Hamburger Adressbuch sie und ihren Brotladen weiter bis zu letzten Kriegsausgabe für das Jahr 1943, während Querfurth in den Stuttgarter Adressbüchern der Jahre 1940-1943 nicht erscheint. Wiederum Fragen: Warum Stuttgart? Weil es eine ISK-Hochburg war? Hier wirkte Willi Eichler, nach dem Tod Nelsons 1927 Vorsitzender des ISK und Herausgeber der zentralen Publikationen der Organisation.
Nach Kriegsende arbeitete Karoline Querfurth ab 1.10.1945 wieder als Lehrerin, und zwar im Schuldienst Baden-Württembergs, zuletzt an der Stöckachschule am Stöckachplatz in Ost-Stuttgart, einer Grund- und Hauptschule. Nach Hamburg kehrte sie nicht zurück. Sie starb am 5.8.1953 im Alter von 58 Jahren in Stuttgart, noch im Schuldienst.[5a]

 

Elfriede Paul

Elfriede Paul, geb.14.1.1900 in Köln, lebte von 1908 bis 1928 in Harburg. Sie war mit dem arbeitsuchenden Vater Arthur, einem Lithographen, sowie mit Mutter Anna und Schwester Elsbeth von Köln nach Görlitz, von Görlitz nach Harburg gekommen. Die Familie wohnte hier in der Friedhofstraße 7 in Eißendorf. Der Vater bekam bald eine auskömmliche Stelle als Drucker in der Werbeabteilung der Phoenix Gummiwerke, damals noch Harburg-Wien Gummiwaaren.
Elfriede Paul lebte ihre ganze Harburger Zeit im Elternhaus, das der Vater schließlich kaufen konnte, zuletzt in einem Anbau mit separatem Eingang.

(4) Das Haus Paul (mehrere Mietpartien) in der Friedhofstraße, Zustand ca. 2008

 


Paul wechselte als sehr gute Schülerin nach der 9. Klasse der Mittelschule direkt in die 10. Klasse des örtlichen Lyzeums. In ihrer Autobiographie bekennt sie, gern zur Schule gegangen zu sein. Als prägende Lehrerpersönlichkeiten erwähnt sie die Lehrer Kelch und Rektor Lübbert sowie ihre Englischlehrerin Maria Duwe, die sich ganz besonders um ihre Lernfortschritte gekümmert habe. [6]

1917 trat sie am Oberlyzeum St. Johannis in Hamburg eine Ausbildung zur Lehrerin an, die sie 1921 mit der ersten Lehramtsprüfung abschloss.[7]

Paul schildert in ihrer Autobiographie ihre starke Bindung an die Jugendbewegung, insbesondere an deren lebensreformerischen Flügel um die Hamburger Knud Ahlborn und Walter Hammer. Sie pflegte entsprechende Kontakte in Hamburg. Andererseits wollte sie auch in Harburg Jugendbünde kennenlernen, hier traf sie dem proletarischen Charakter der Stadt entsprechend überwiegend auf Arbeiterjugendliche und Jungarbeiter der SPD-nahen Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ), aber auch auf den sich gerade herausbildenden Kommunistischen Jugendverband (KJV).

Die Jahre 1918 bis 1923 waren in Harburg eine Hochphase der Arbeiterbewegung, zugespitzt, der Arbeiterparteien. Die Stadt erlebte drei Parteien, SPD, USPD und KPD, die dynamisch agierten, manchmal sogar miteinander kooperierten, wie etwa bei der Abwehr des Kapp-Putsches 1920. Die auch attraktive Jugendorganisationen aufbauten. Paul empfand die Notwendigkeit einer parteipolitischen Positionierung, sie gelangte über den „Vortrupp“, einer sozialdemokratischen Lebensreformbewegung innerhalb des Wandervogels, zur „Monistischen Jugend“, in der auch Kommunisten waren, entschied sich dann für den KJV, 1921 für die KPD.[8]

Paul war es im selben Jahr geglückt, eine Stelle als Hilfslehrerin an ihrer alten Mädchenmittelschule anzutreten. 1923 konnte sie zur ersten „Freien Weltlichen Schule“ Harburgs wechseln. Diese laizistische Alternative zur lutherischen Volksschule hatte damals noch kein eigenes Gebäude, sie stellte aus den Kindern interessierter Eltern aus ganz Harburg Sammelklassen zusammen, die von einem eigenständigen Kollegium mit gewähltem Schulleiter in den Räumen der Volksschule Maretstraße unterrichtet wurden. Wegen der Sammelklassen nannte man die Schule gemeinhin Sammelschule, ein Name, der sich auch bei den Behörden rasch einbürgerte.

In der Sammelschule traf sie die Lehrerin und sozialdemokratische Stadtverordnete Frida Blumberg wieder, die sie einst in den „Vortrupp“ eingeführt hatte. Paul bezeichnet sie als „meine ältere Freundin“.

Paul blieb in dem Kollegium der Sammelschule vermutlich nur für drei Monate. In dieser Zeit reifte in ihr die Erkenntnis, dass ihre Ausbildung am Lyzeum, ausgerichtet an Bildungsidealen des Bürgertums, sie nicht hinreichend für den Unterricht mit Arbeiterkindern befähigt hatte.[9] Vielleicht wirkte auch die Dominanz der um gut 20 Jahre älteren, in Jahren des Schulkampfes gestählten Führungsriege der Sammelschulgründer hemmend für die junge Idealistin. Sie ging „auf die Walz“, reiste und nächtigte auf Wandervogelart, und diente sich bei bei zahlreichen Einrichtungen und Projekten der Kinder- und Jugendfürsorge jeweils für ein paar Wochen oder Monate als Hilfskraft an. Sie lernte die kommunale Jugendfürsorge kennen, aber auch selbstverwaltete Initiativen wie ein Kinderheim der Roten Hilfe.

1924, Paul war gerade von ihrer sozialpädagogischen „Bildungsreise“ nach Harburg zurückgekehrt, bat sie der „Sozialsenator“ im Harburger Magistrat, der Sozialdemokrat Hugo Klemm, zu einem Gespräch. Er suchte eine Leitung für ein neues Heim für „Kinder asozialer, inhaftierter oder kranker Eltern“ in Harburg, und bot ihr diese Stelle an. Paul nahm das Angebot an.

Von 1924 bis 1928 ging Paul ganz im Aufbau des kommunalen Kinderheims „Am großen Dahlen Nr. 1“ auf. Es war eine ehemalige Fabrikantenvilla mit rund 10 Zimmern für insgesamt 20 bis 30 Kinder. Sie wohnte mit den Kindern im Heim, organisierte Verpflegung und Hygiene, Wanderungen und auch längere Fahrten mit Kochtöpfen und Schlafsäcken. Sie holte sich Unterstützung bei arbeitslosen SAJ- und KJV-Jugendlichen, gliederte sie als Helfer in ihr sozialpädagogisches Konzept ein – dies alles mit der vollen Unterstützung der Sozialverwaltung und der sozialistischen Abgeordneten des Stadtparlamentes.[10]

Auseinandersetzungen gab es allerdings auch, z.B. mit dem zugewiesenen ärztlichen Betreuer des Heims, einem Kinderarzt. Nach ihrer Beschreibung handelte es sich mit großer Sicherheit um Dr. med. Ernst Dudden, 1923 mit einer Arbeit über kindliche Tuberkulose promoviert, in der Nazizeit beratender Kinderarzt am Harburger städtischen Krankenhaus. Paul beschloss, sich medizinisch zu bilden, konnte sich vorstellen, ebenfalls Kinderärztin zu werden. Ende 1926 begann sie, neben ihrer Tätigkeit als Heimleiterin, ein Medizinstudium im Hamburger Universitätskrankenhaus Eppendorf.

1928 hat Elfriede Paul Harburg verlassen, um ihr Studium in Berlin fortzusetzen. Sie näherte sich inzwischen dem Physikum, das Studium verlangte nun mehr Zeit, Berlin bot den sich selbst ernährenden „Werkstudenten“ flexiblere Studienbedingungen als Hamburg. Ihr weiterer Werdegang als niedergelassene Ärztin, als kommunistische Widerstandskämpferin in der „Roten Kapelle“, als Gesundheitsministerin des Landes Niedersachsen 1945/46 und als führende Sozialhygienikerin in der DDR ist hinreichend dokumentiert und soll hier nicht Gegenstand sein.

(5) E.P. Anfang der 1940er Jahre, als niedergelassene Ärztin, kurz vor ihrer Verhaftung

 

Elfriede Paul hat die großen Lieben ihres Lebens tragisch verloren. Der Harburger Albert Voigts, Wandervogel, Sozialist und aus dem Facharbeitermilieu aufgestiegener Diplomingenieur, ihr als „Jugendfreund“ geschätzter Begleiter auch in Berlin, gehörte zu ihrer Widerstandsgruppe, wurde 1942 verhaftet und kam 1943 im KZ Sachsenhausen ums Leben. Auch Walter Küchenmeister, ebenfalls Genosse in der Roten Kapelle, ihr neuer Lebensgefährte, wurde 1942 verhaftet, dann zum Tode verurteilt und 1943 in Berlin-Plötzensee ermordet. Elfriede Paul starb 1980 in Ahrenshoop.

 

Frida Nettelmann

Frida Nettelmann, geb. 2.2.1903 in Harburg, war die Tochter des Kesselschmieds Wilhelm Nettelmann, über ihre Mutter ist nichts bekannt. Sie besuchte nach Abschluss des Harburger Lyzeums das Oberlyzeum Klosterschule Hamburg und schloss den Ausbildungsgang am 27.2.1925 mit der ersten Mittelschullehrerprüfung für die Fächer Deutsch und Englisch ab.[11]

Es folgten nun Jahre der Arbeitslosigkeit, über Jobs, Nachhilfeunterricht, Sprachunterricht etc. wissen wir nichts. Nettelmann engagierte sich in der SPD.[12] Daneben war sie Mitglied in der Deutschen Friedensgesellschaft, die den Standpunkt eines liberalen und sozialdemokratischen Pazifismus vertrat.[13]

Anfang 1928 kam sie endlich in Harburg in den Schuldienst. Nach einem kurzen Auftakt an der Mädchenmittelschule (Hermann-Maul-Straße 4) wechselte sie im April zur Sammelschule in Wilhelmsburg (Harburger Chaussee 45). Ende 1929 kam es dann erneut zu einem Wechsel, diesmal in die Sammelschule Heimfeld (Woellmerstraße 1). Dies war sicher ein Wunschziel, die Heimfelder Dependance der Sammelschule Maretstraße war noch im Aufbau und hatte ein junges Kollegium. Öffentliche Aufmerksamkeit erfuhr die junge Lehrerin durch eine Reise von Sammelschülern nach England, die sie organisierte und begleitete – eine frühe interkulturelle Verständigungsoffensive, die in den Weimarer Nachkriegsjahren sicherlich Seltenheitswert hatte. Nettelmann konnte inzwischen aus dem Elternhaus (Elisenstraße 25) aus- und in eine eigene Wohnung oder ein Zimmer in der Lindenstraße 13 in der Nähe des Rathauses einziehen (heute Julius-Ludowieg-Straße, das Haus steht nicht mehr).

Ihr Arbeitsverhältnis kam aber im September 1931 unter die Räder der von der preußischen Regierung verordneten und vom Harburger Oberbürgermeister Dudek vollstreckten Stellenstreichungen im Schulwesen. In Harburg-Wilhelmsburg standen, wie das sozialdemokratische Volksblatt mitteilte, 37 Junglehrer*innen „vor dem Nichts“.[14] Nach dem herrschenden last-in-first-out-Verfahren stand Nettelmann mit auf der Liste der Entlassenen. Dies war für sie insbesondere darum schmerzlich, als sie seit ihrem Einstieg 1928 stets in prekären Arbeitsverhältnissen stand (Befristung, Hilfslehrerstatus, Schulwechsel) und die Voraussetzungen für die notwendige zweite Lehramtsprüfung sich daher nicht hatten herstellen lassen. Alles kein Ruhmesblatt der preußischen und städtischen Schulpolitik, und in der SPD gab es darüber jede Menge Ärger.[15]

Nettelmann rettete sich gleich im Anschluss an eine höhere Privatschule im Hannoverschen Amt Neuhaus/Elbe. Betreiber war der Neuhauser Lehrer Friedrich Lampe, ein anerkannt qualifizierter Pädagoge. Die Schule erhielt staatliche Hilfen und zahlte auch in die Pensionskasse für Lehrer ein. Hier gelang ihr am 3. März 1932 endlich auch die zweite Lehramtsprüfung.[16] So war Nettelmann noch glimpflich davongekommen, Anfang 1933 wäre sie als Sammelschullehrerin vielleicht entlassen worden und hätte es dann weitaus schwerer gehabt, wieder in Arbeit zu kommen.

(6) Nettelmanns Karteikarte in der preußischen Schulverwaltung

 

So aber hielt sie bis Ostern 1934 in Neuhaus Stellung, um dann schrittweise in den Harburger Schuldienst zurückzukehren: erst Landschule Sinstorf bei Harburg, 1935 Volksschule Reinholdstraße in Harburg und dann die von den Nazis zur Volksschule zurückentwickelte ehemalige Sammelschule in Wilhelmsburg, 1936 oder 1937 Rückkehr in ihre erste Stelle an der Mädchenmittelschule (jetzt Eißendorfer Straße 26).

Wir sind hier an einem interessanten Punkt in Nettelmanns Laufbahn angekommen, dem Umstand nämlich, dass sie sowohl von den sozialdemokratischen Gründervätern der Sammelschulbewegung (Friedrich Schulze, Friedrich Gotthardt) als auch danach von dem Nazischulrat Himstedt geradezu hofiert wurde. Sie galt beiden Seiten stets als Idealbesetzung, und zwar im Wesentlichen aufgrund ihrer pädagogischen Befähigung und ihrer leidenschaftlichen Leistungsbereitschaft.[17] Es mag bei den einen ihre SPD-Mitgliedschaft und bei den anderen ihre spezifische Fähigkeit für den Mädchenunterricht als zusätzlicher Pluspunkt gegolten haben. Die tatsächliche Bewährung in der pädagogischen Praxis, die Elfriede Paul nicht so sehr reizte wie das Medizinstudium, und die Karoline Querfurth unter Beweis zu stellen verwehrt blieb, sie wurde Nettelmann zur Chance.

(7) Nazi-Schulrat Himstedt will Nettelmann fördern und schützen

 

In dieser Perspektive wird auch ihr weiterer Werdegang verständlich.

Am 26.5.1942 wurde Nettelmann von der Nazi-Schulverwaltung Hamburgs für eine Lehrerinnenstelle an der Lehrerinnenbildungsanstalt (LBA) Bonn/Bad Godesberg freigestellt und abgeordnet. Die LBA waren auf Anordnung Hitlers reichsweit als nach Geschlecht getrennten Ausbildungsstätten für Volksschullehrer und Volksschullehrerinnen eingerichtet worden. Sie ersetzten die pädagogischen Hochschulen und waren als Internatsschulen mit obligatorischen HJ- bzw. BDM-Organisationsstrukturen angelegt.
Die Hintergründe der Abordnung Nettelmanns sind einigermaßen unklar, beworben hatte sie sich aller Wahrscheinlichkeit nicht, es hätte auch wohl dem Führerprinzip widersprochen. Derlei Entscheidungen sind in NS-Akten schwer nachzuverfolgen. Vielleicht hatte ein Schulrat sich durch glanzvolle Zeugnisse über seine Untergebene nach oben profilieren wollen, vielleicht hatte ein Ministerialbeamter diese Aktenlage für eine Revanche gegen Konkurrenten genutzt. Egal, die Sache ging in Hamburg bis weit nach oben, letztlich forderte die Gauleitung der NSDAP von der Schulbehörde eine weltanschauliche Bewertung der Kandidatin, die auch angefertigt wurde und Nettelmann eine vorbildliche nationalsozialistische Gesinnung bescheinigte.

Nettelmann bewährte sich im Sinne der Bonner Anstalt und wurde im September 1944 zur kommissarischen Leiterin der Lehrerinnenbildungsanstalt Linnich/ Aachen ernannt. Sie ersetzte dort die bisherige Leiterin, die ihrerseits wegen ihrer Bindung an die bekennende Kirche und der Weigerung, in die NSDAP einzutreten, nach Bad Godesberg strafversetzt wurde. Im Oktober 1945 wurde Nettelmann, vermutlich auf Weisung der amerikanischen Besatzungsmacht, vom Dienst suspendiert.[18]

Sie zog sich zurück und ernährte sie sich von einer schmalen Pension, Übersetzungen ins und aus dem Englischen, Büroarbeit. Ende 1946 erhielt sie Post von der Hamburger Schulbehörde. Man habe jetzt endlich ihre Adresse ermitteln können und wundere sich, warum sie sich nicht zum Dienst melde. Nettelmann erwähnte in der Antwort ihre Suspendierung und ein noch ausstehendes Entnazifizierungsverfahren, offenbar glaubte sie nicht daran, für eine Lehrerinnentätigkeit noch akzeptabel zu sein. Außerdem schob sie Auslagen vor, die sie in Linnich nach einer Ausbombung für die Wiederherstellung ihres Haushalts gemacht habe, und die sie für eine unsichere Zukunft in Hamburg nicht preisgeben wolle. Verständlich allemal, die Sache zog sich.

Anfang Mai 1947 konnte Nettelmann schließlich Hamburg den für sie positiven Ausgang des Entnazifizierungsverfahrens in Stuttgart melden und kehrte Anfang Juni 1947 nach Harburg zurück. Sie bekam ihre frühere Stelle zurück, Lehrerin an der Mädchenmittelschule an der Eißendorfer Straße 26. Diesen Wunsch hatte sie in dem Brief an die Schulbehörde zart zum Ausdruck gebracht:

„(…) Wenn, wie Sie schrieben, eine Einstellung im Stadtteil Harburg möglich ist, so wäre ich sehr dankbar dafür, doch MUSS es nicht dieser Stadtteil sein. (…) Ich fühle mich verpflichtet, außerdem Folgendes zu sagen: Ich bin nur eine dürftige Lehrkraft, wenn ich in allen möglichen Fächern unterrichten muß, glaube gut zu arbeiten, wenn ich in meinen Fächern (Deutsch, Englisch, neuerdings auch Kunstgeschichte) beschäftigt werde, meine Besseres zu leisten, wenn zur unterrichtlichen Arbeit erzieherische hinzukommt, und bin ganz in meinem Element, wenn ich unterrichtend und erziehend in meinen Fächern mit nicht gar zu kleinen Kindern arbeiten darf.“

Es sei dem Autor eine persönliche Anmerkung erlaubt: Ich habe in Hamburg eine bereichernde Lehrerausbildung erfahren, zwei Staatsexamen glücklich hinter mich gebracht, auch einige Jahre als Lehrer gearbeitet, und ich bewundere die Klarheit und den Mut dieser Mitteilung. Hier spricht eine leidenschaftliche Pädagogin in einer komplizierten Lage in völlig offener Weise über ihre Möglichkeiten und Grenzen. Was für eine starke Persönlichkeit!

Nicht wunschgemäß gestaltete sich allerdings ihre Unterbringung. Die Schulbehörde sah sich nicht in der Lage, ihr etwas anderes anzubieten als eine kleine Kellerwohnung im Schulgebäude. Dies änderte sich erst 1950, als sie eine Wohnung weiter oben in Eißendorf fand, am Ehestorfer Weg 27.

Anfang 1952, die Mädchemittelschule war inzwischen „Technische Oberschule“ geworden, empfahl der nun zuständige Schulrat Dr. Hattermann in einem behördeninternen Vermerk, deren Kollegiumsmitglied Frida Nettelmann zur kommissarischen Schulleiterin der Volksschule Maretstraße zu bestellen. Deren Rektor Weber stand kurz vor dem Ruhestand. Aus dem Vermerk:

„Eine politische Belastung geht aus den Akten nicht hervor. Fräulein Nettelmann ist eine der tüchtigsten Lehrkräfte meines Kreises. Ihre vorzügliche pädagogische Begabung wird in ihrem Unterricht erkennbar. Die Kinder hängen mit Liebe an ihr. Darüber hinaus ist Fräulein Nettelmann eine Persönlichkeit, die von Eltern und Kollegen voll gewürdigt wird. Im Umgang mit Menschen ist sie warmherzig und freundlich, weiß sich aber voll durchzusetzen. Bei der Übernahme einer Schulleitung könnten ihre Fähigkeiten und ihre pädagogischen Anregungen sich noch mehr auswirken, als es schon jetzt der Fall ist.“[19] So geschah es.

(8) Klare Sache: die Einsetzung Nettelmanns als kommissarische Rektorin der Schule Maretstraße

 

Aus der kommissarischen Leiterin der Schule Maretstraße wurde dann bald deren Rektorin. 1957 zog sie in die Haakestraße 65 in Heimfeld und ab 1959 wohnte sie dann, ihrer neuen Wirkungsstätte noch näher, Roseggerstraße 5 in Wilstorf.

Ehrlich gesagt, die Lektüre der Personalakte lässt vermuten, dass die Schulbehörde nicht wirklich fürsorglich mit Nettelmann umging. Ihr hoher Qualitätsanspruch wurde ausgenutzt, ihr Funktionieren aus ihr herausgepresst. Ja, sie ließ sich leicht auspressen, keine Frage. Ihre administrativen Verpflichtungen, in der Schulleitung und in der Ausbildung von Referendarinnen und Referendaren, gingen über ihre Kräfte. 1965 wurde Frida Nettelmann pensioniert, sie war seit längerem schon krank und oft außer Dienst. Sie starb 1970.

+ + +

Die Lebensläufe der drei beschriebenen Frauen kennzeichnen die Risiken und Chancen des fürsorgerisch-pädagogisch-sozialmedizinischen Bereichs, in dem sie tätig wurden: Erstmalig wurde hier nach dem I. Weltkrieg eine Tür für qualifizierte Frauenarbeit aufgestoßen, was Kleinbürger- und Facharbeiterkindern mit bester Schulbiographie Wunschberufe und sozialen Aufstieg erschließen konnte. Oder zumindest befriedigende, identitätsstiftende Arbeit. Die Risiken dabei: Ohne patriarchale Fürsprecher in der Hierarchie, ohne restlosen Einsatz für beste Leistungen, ohne Raubbau an Gesundheit und – vielleicht vorhandenen – familiären Wünschen wären die Positionen, auch die kümmerlichen, nicht gegen die Konkurrenz der Männer zu erobern gewesen. Und schließlich: Die Wirtschaftskrise 1930 ff. und der Faschismus schlugen bleibende Wunden.

Es schmerzt mich, dass ich nur von Paul, die als „Veteranin“ des Antifaschismus in der DDR eine gerechte Würdigung erfahren hat, Bilddokumente liefern kann. Querfurth und Nettelmann bleiben hier ohne Gesicht, es gibt keine archivalisch verfügbaren Bilder von ihnen. Ich kann nicht glauben, dass diese Frauen unsichtbar waren. Wer hat Bilder?

Anmerkungen
1 Ellermeyer, Jürgen: Gib Gummi! Kautschukindustrie und Hamburg, Bremen 2006.
2 Niedersächsisches Landesarchiv (NLA) Nds. 120 Lüneburg Acc. 122/ 96 Nr. 109.
3 Staatsarchiv Hamburg (StAH) 430-5 1102 B Nr. 5.
4 StAH ES 10977.
5 Niedersächsisches Landesarchiv (NLA) Nds. 120 Lüneburg Acc. 122/ 96 Nr. 109. [5a] Landesarchiv Baden-Württemberg/ Statsarchiv Ludwigsburg, BL 204, Bü 2919; FL 200/20, Bü 3705; EL 350, Bü 26067.
6 Paul, Elfriede: Ein Sprechzimmer der Roten Kapelle, Berlin 1981, S. 10.
7 Ebd., S.15.
8 Ebd., S. 15-32.
9 Pauls weitere Darstellung (ebd, S.33), sie sei gleich nach dem Examen 1921 als Lehrerin in der Harburger Sammelschule angestellt worden, beruht wohl auf einem Erinnerungs- oder Lektorenfehler – der Gründungsverein dieser Schule bildete sich 1921, der Unterricht begann aber, nach zähen Verhandlungen mit dem preußischen Kultusministerium, erst im Frühjahr 1923. Auch ihre Aussage, sie habe ihre Stelle an der Sammelschule nach dreijähriger Tätigkeit gekündigt, ist anzuzweifeln, sie widerspricht ihrer Angabe, sie sei im Sommer 1923 zu einer Reise durch Deutschland aufgebrochen, habe an verschiedenen Orten in sozialpädagogischen Projekten mitgearbeitet und sei 1924 dann arbeitslos nach Harburg zurückgekommen. Ich datiere ihre Sammelschulzeit auf das Frühjahr 1923, zuvor war sie ab 1921 – tatsächlich direkt nach ihrem Examen – als Hilfslehrerin an der Mädchenmittelschule Harburg tätig gewesen. In dieser Sicht wird auch die Angabe, sie habe seit ihrem Examen drei Jahre als Lehrerin gearbeitet, plausibel.
10 Ebd., S. 42 ff.
11 BBF/DIPFArchiv/ Preußische Lehrerkartei.
12 Volksblatt v. 30.6.1930, Volksblatt v. 25.7.1930.
13 .Volksblatt v. 25.10.1930.
14 Volksblatt v. 12.10.1931.
15 Volksblatt v.10.9.1931.
16 S. Anm. 11.
17 StAH 361-3_A Nr. 0925. Die von Himstedt erwähnte Marie Duve/ Duwe war ebenso Pauls wie Nettelmanns Englischlehrerin in deren Mittelschulzeit und später Konrektorin der Mittelschule. Sie arbeitete mit einer selbst entwickelten Methodik, die sie auch in einem Schulbuch veröffentlichte (The New Guide, Diesterweg Frankfurt, zahlreiche Auflagen 1928 bis 1963).
18 Vgl. Pithan, Annabelle: Religionspädagoginnen des 20. Jahrhunderts, Göttingen 1997, S. 201 f.
19 Der erwähnte Gesinnungsnachweis der Schulbehörde ist nicht (mehr?) in der Personalakte Nettelmann erhalten.

Bildnachweis
(1) Paul, Sprechzimmer, s. Anm. 6
(2) Wikipedia, Stichwort Hützel (1.7.2020)
(3) Google Streetview
(4) Google Streetview
(5) Landesarchiv Berlin C_Rep. 118-01
(6) BBF/ DIPF, s. Anm. 11
(7)-(9) Staatsarchiv Hamburg, s. Anm. 17

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