Die radikale Linke in Harburg-Wilhelmsburg

Nachtrag 3 und Schluss: KPD und SPD

Text: Christian Gotthardt
Veröffentlicht im März 2019

(1) Schulungslager der Jugendorganisation der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) in Hannover 1931: Der barfüssige Organisationsleiter erklärt einem begriffsstutzigen Ordnungshüter und dessen Hund, dass alles in der rechten Ordnung ist. Wir können ihn identifizieren als Gustav Martens, zuvor Leiter der sozialdemokratischen Sozialistischen Arbeiterjugend in Harburg. Die SAP, in der sich auch Willi Brandt organisierte, wollte zwischen SPD und KPD vermitteln.

Nachdem der erste Teil des Nachtrags zum Buch „Die radikale Linke…“ neue Aktenfunde zur Revolutionszeit 1918-1923 beleuchtete und der zweite Teil sich der inneren (organisatorischen und ideologischen) Weiterentwicklung der Harburg-Wilhelmsburger KPD widmete, soll der abschließende dritte Teil nun das Verhältnis der KPD zur SPD in den Blick nehmen.

Auch für diesen Aspekt erweist sich das Jahr 1924 als entscheidender Startpunkt einer völlig neuen Konstellation und Aufgabenstellung für die KPD. In „Die radikale Linke…“ schrieben wir dazu.

„Wir erkennen in den Jahren 1924/ 1925 vielmehr eine eigentümliche Wendesituation. Hier scheidet sich die Zeit der Revolution von der Zeit der Republik. Vorher bestimmten Aufstände, Unruhen, Verfassungsfragen das politische Geschehen. Nachher bildeten Regierungskrisen, wirtschafts- und sozialpolitische Konzepte den Kern der politischen Auseinandersetzungen. Dem entsprach ein Wandel auch der politischen Formen. Waren vorher der Arbeiterrat, die Gefangenenbefreiung, die bewaffnete Aktion, die Beschlüsse fassende Volks- oder Streikversammlung die vorherrschenden Instrumente, so agierte man nachher in Parteien, in Protestversammlungen, Volksentscheiden, in Wahl- und Organisationskämpfen, in Parlamentsfraktionen. Die Massen der Straße wurden ersetzt durch die Massenorganisationen. (…)

Die Kommunisten begannen zu erkennen, dass ihnen vor 1923 gewisse politische Erfolge in den Schoß gefallen waren, eben weil die Situation revolutionär war, die Massen, unter Einschluss der sozialdemokratischen Anhänger, von sich aus auf die Straßen strömten, und der KPD dann die Rolle des vorwätrstreibenden Avantgarde von allein zuviel. So konnte zusammen mit der moderierenden, vermittelnden, aber eben von ihrer eigenen Basis mitgezogenen SPD zeitweilig sogar eine Art funktionierende Arbeitsteilung verwirklicht werden, die Aktionseinheit bis hin zur Einheitsfront.

Dagegen hatte sich im Jahr 1923 gezeigt, wie schnell diese Arbeitsteilung von der SPD gekündigt wurde, wenn deren eigene Anhängerschaft sie von ihrer Führung nicht mehr forderte. Die sozialdemokratischen Arbeiter hätten den Oktoberaufstand mit Sympathie verfolgt, aber auch mit den "Händen in den Hosentaschen", so eine damals in der KPD-internen Debatte oft gebrauchte Wendung.[1] Eine kommunistische Partei aber, der die Mehrheit der Arbeiter ihre aktive Unterstützung entzogen hatte, konnte keine Revolution anstreben. Sie musste diese Massen erst wieder für sich gewinnen, und wenn sie in einer wirtschaftlich und politisch stabilisierten Lage nicht mehr auf die Straße liefen, dann musste die KPD sie dort gewinnen, wo sie zu finden waren – in der Subkultur des sozialistischen Lagers. So änderte sich die Haltung der Kommunisten zur Sozialdemokratie erheblich: Ihr Ziel war jetzt nicht mehr, die SPD zu treiben, sondern sie zu ersetzen. Solange dies nicht erreicht war, hatte die KPD zu ihr nicht ein Verhältnis der Arbeitsteilung aufzubauen, sondern eines der Organisationskonkurrenz.“

Entsprechend ging sie vor. Die untenstehende Grafik verdeutlicht, dass es der KPD in den Jahren bis 1930 gelang, ein umfassendes Netzwerk konkurrierender Organisationen in allen traditionellen Zielgruppen und Mobilisierungsbereichen der SPD aufzubauen:

Organisation der Klasse: SPD

Organisation der Klasse: KPD

Andererseits: Konkurrenz hieß eben auch Nähe. Im Werben um die selben sozialen Milieus waren KPD und SPD auf wie in einem System kommunizierender Röhren miteinander verbunden und wirkten durch ihr Handeln (oder Nichthandeln) unmittelbar aufeinander ein.

In dieser Konstellation ständiger Wechselwirkung gewannen – je nach politischer oder wirtschaftlicher Konjunktur - die folgenden Wirkfaktoren besondere Bedeutung:

 

Das emotionale Erbe der Revolutionsjahre

Das unterschwellige Gefühl, von der jeweils anderen Partei schmählich verraten worden zu sein, klang nach 1924 keineswegs ab.

Insbesondere bei den SPD-Funktionsträgern blieb die Fassungslosigkeit über das bzw. die Abscheu vor dem großen Parteischisma von 1917 (USPD-Gründung) bis über 1933 hinaus handlungsbestimmend. Für sie blieb die kommunistische Bewegung ein illegitimer Bastard, ein Irrtum der Geschichte, der möglichst schnell auf Null gesetzt werden musste. Sie sahen durch die KPD die Gestaltungsmacht der Arbeiterbewegung (d.h. der SPD) gemindert, ihr Traum blieb der große Reset der deutschen Linken auf ihren Stand vor 1914. Die SPD bekämpfte die KPD vor allem durch Angriffe auf deren Führungspersonal, durch deren Denunziation als politische Hasardeure aus moralischer Verkommenheit. Es war dies, trotz aller Aktivität unter der Gürtellinie, vor allem eine politische Abgrenzung.

Für die KPD – insbesondere für ihre einfachen Mitglieder und Anhänger – bestätigte und verfestigte sich in den Jahren bis 1933 dagegen ein Misstrauen, das sich eher aus dem Gefühl der sozialen Ausgrenzung speiste. Die Erfahrung der Kriegs- und Revolutionsjahre, in denen sie mit hungrigen Mägen vor den Geschäften und Vorratsmagazinen standen, von der staatstragenden Sozialdemokratie und ihren militärischen Helfershelfern aus dunkler Zeit nach Hause geschickt, fand auch nach 1924 immer wieder neue Bestätigung. Dieses Misstrauen richtete sich gegen die „Bonzen“, die um des persönlichen Vorteils willen sich gegen die eigene Klasse wendeten. Wir haben diese soziale Aversion auf dieser Website bereits anhand der Wohnungspolitik der kommunal dominierenden SPD exemplarisch aufgearbeitet.[2] Sie prägte genauso die Wahrnehmung der kommunalen Sozialfürsorge, die Praktiken der kommunalen Versorgungsbetriebe, vor allen deren Tarifpolitik, und nicht zuletzt der sozialdemokratischen Gewerkschaftsführer und Betriebsräte. Die vielleicht meistgehassten Sozialdemokraten Harburgs waren der „Sozialsenator“ Hugo Klemm, der im bürgerlichen Teil Heimfelds wohnte, und der Phoenix-Betriebsrat Ludwig Peter vom Sunset Strip der Harburger Arbeiteraristokratie, der Hoppenstedtstraße.[3]

Beide Aversionen, die politische der SPD-Funktionsträger und die soziale der kommunistischen Basis, bildeten eine dauerhaft wirksame Grundstruktur der gegenseitigen Wahrnehmung. Weder die Mitglieder der SPD, noch die Funktionäre der KPD konnten, wenn sie es einmal versuchten, wirklich dagegen ankommen.

 

Bündniskonstellationen

Betrachten wir zunächst die lokale Ebene, also die ab 1919 nach allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrecht gewählten Kommunalparlamente: die Bürgervorsteherversammlung in Harburg, den Gemeinderat in Wilhelmsburg, schließlich die gemeinsame Bürgervorsteherversammlung der 1927 fusionierten Großstadt Harburg-Wilhelmsburg.

Gewählt wurden diese Gremien 1919, 1924, 1927 und 1929. Nur 1919 in Harburg erzielte die SPD eine absolute Mehrheit und konnte allein regieren. In allen anderen Urnengängen erreichte sie eine relative Mehrheit und brauchte Koalitionspartner bzw. Absprachen über das Abstimmungsverhalten.

Obwohl USPD/KPD und SPD in allen Wahlen gemeinsam über 50 % der Stimmen erhielten, wählte die SPD zu keinem Zeitpunkt diese Bündnisoption. Sie bevorzugte stets die Kooperation mit den Vertretern der bürgerlichen Parteien. Es ist zu vermuten, dass sich in diesem Verhalten das oben dargestellte emotionale Grundmuster abbildete und zugleich vertiefte. Politische und programmatische Gründe hätten durchaus dafür gesprochen, ein Linksbündnis 1924, 1927 oder 1929 zumindest auszuprobieren. Statt dessen reagierte die SPD z.B. 1927 auf einen entsprechenden Vorschlag der KPD mit dem Angebot, man könne ja in einer Runde darüber reden, zusammengesetzt aus 3 Vertretern der SPD, 3 der KPD und 3 des ADGB (die natürlich auch Sozialdemokraten sein würden).[4] Und nach der Wahl 1929 ging der sozialdemokratische Bürgermeister Dudek dazu über, der immer stärker werdenden KPD-Fraktion ihre demokratischen Rechte im Parlament durch administrative Repression zu entziehen. Ein symptomatischer Fall dieses Vorgehens, die Verhinderung der Besetzung eines der KPD zustehenden Senatorenpostens in exekutiven Magistrat, ist in „Die Linke“ ausführlich beschrieben.[5]

 

Wahlergebnisse

1924    
Wilhelmsburg SPD 32,0 %
  KPD 19,5 %
Harburg SPD 30,8 %
  KPD 14,1 %

Die SPD verlor den kleinbürgerlichen Anhang, den sie 1919 noch gewinnen konnte. Er wanderte zur Mieterpartei, mit der die SPD nun ein Bündnis einging. Die Wählerschaft der KPD zeigte sich konsolidiert, was nach dem gescheiterten Putsch 1923 nicht unbedingt zu erwarten war.

1927    
Harburg-Wilhelmsburg

SPD
KPD
43,3 %
16,7 %

Die Mieterpartei verlor an SPD und KPD. Die KPD konnte dadurch Stimmenverluste kompensieren, die sie durch ihre interne Organisationskrise in der ultralinken Phase ab 1924 selbst verschuldet hatte.

Bemerkenswert die realistische Wahlauswertung der SPD (unmittelbar nach der Wahl, später klang es wieder anders): Die Hoffnung, die KPD habe sich zerlegt (Mitgliederverluste!), sei zuschanden. Vor allem die besonders linksradikale KPD in Wilhelmsburg habe zugelegt. Spezialauswertung Friedrich Nowack: Die SPD habe die Mobilisierungsfähigkeit der KPD unterschätzt und zu sehr auf den Kampf gegen die Mieterpartei gesetzt. Das nächste Mal müsse vor allem die KPD bekämpft werden.

Hintergrund: das Wilhelmsburger Teilergebnis: SPD 37 %, KPD 26 %.[6]

1929    
Harburg-Wilhelmsburg

SPD
KPD
42,1 %
15,0 %

SPD und KPD verloren beide leicht. Bemerkenswert bei dieser Wahl war der agitatorische Schwerpunkt der SPD: Er zielte auf die KPD, und zwar mit Mitteln, die man nicht anders als demagogisch nennen kann. In der Wahlkampfausgabe des Volksblatts sind ca. 35 % des gesamten Zeitungstextes diesem Anliegen gewidmet.[7]

 

Wirtschaftskrise/ Verlust der Arbeit

Günter Könke hat die wesentlichen Merkmale der Krisenerscheinungen in Harburg-Wilhelmsburg treffend zusammengefasst:

„In Harburg-Wilhelmsburg und Umgebung kam es 1928/29 zu mehreren Betriebsschließungen. 1928 führte die durch Bankrott herbeigeführte Schließung der Ölwerke Teutonia zur Entlassung von rund 800 Beschäftigten; im selben Jahr schloss die Margarinefabrik Wahnschaffe, Müller und Co. In Wilhelmsburg ihre Tore. Im Juli 1929 wurde dann – schon durch den konjunkturellen Rückgang bedingt – der Betrieb „Elbewerk der Vereinigten Ölfabriken Thörl stillgelegt, wobei 413 Beschäftigte ihren Arbeitsplatz verloren. Für die Entwicklung des Arbeitsmarktes in Harburg ist insgesamt kennzeichnend, dass Harburg mit einer durchschnittlichen Arbeitslosenquote in die Krise hineinging, dann aber durch die Auswirkungen der Krise überdurchschnittlich hart getroffen wurde.

Zu Beginn des Jahres 1930 stand Harburg-Wilhelmsburg nicht nur mit an der Spitze der deutschen Großstädte, sondern nahm auch im Vergleich mit den durch die Krise stark betroffenen norddeutschen Groß- und Mittelstädten eine Spitzenstellung ein. Auf dem Höhepunkt der Krise im Juni 1932 gab es in Harburg-Wilhelmsburg zeitweilig fast 19.000 Arbeitslose; der Durschnitt des Jahres 1928 hatte noch bei knapp 3.000 gelegen.

Aufschlussreich für die mit dem Krisenverlauf verbundene Verschlechterung der Lage der Arbeitnehmer ist dabei auch die Struktur der Arbeitslosigkeit: Hatten im Anfangsstadium der Krise im Herbst 1929 noch fast alle Erwerbslosen in Harburg zur Gruppe der Hauptunterstützungsempfänger der Arbeitslosenversicherung gehört, so war nur ein Jahr später bereits ein Drittel der Arbeitslosen aus der Versicherung ausgesteuert und damit auf Krisen- und Wohlfahrtsunterstützung angewiesen. Ende 1932 bezog dann nur noch ein Achtel der arbeitslos Gemeldeten die regulären Unterstützungssätze der Reichsversicherungsanstalt.“[8]

Unter den Entlassenen waren naturgemäß auch viele Sozialdemokraten bzw. Mitglieder der sozialdemokratisch dominierten Gewerkschaften. Für viele darunter war die plötzliche Arbeitslosigkeit ein Schock. Es wirkte verstörend, nun in der von Brüning geschliffenen Sozialstaatskulisse herumzuirren und dabei die SPD hilflos an der Seite stehen zu sehen.

Die Wahrnehmung der SPD-Bündnispolitik auf Reichsebene verstärkte die Verstörung. Hatte die „staatstragende“ Beteiligung der SPD an der Regierung Müller II (Juni 1928 bis März 1930) anfangs noch als Versprechen sozialen Fortschritts gewirkt, zumal die SPD hier sogar den Kanzler stellte, so verdüsterte sich die Stimmung in der Partei bald merklich.

Da war zunächst, in Vorbereitung des Magdeburger Parteitages 1929, das Thema „Wehrfrage“, im Klartext: die militärische  Aufrüstung. Die Entscheidung für oder gegen die Anschaffung der Schlachtschiff-Baureihe „Panzerkreuzer A“ zerspahnte die SPD in zwei Haufen Späne, ganz grundsätzlich: in Pazifisten und Bellizisten. Da vollzog sich im Grunde ein Tabubruch in einem seit 1919 innerparteilich vermiedenem Thema. Die großen Parteiversammlungen in Harburg und Wilhelmsburg zeigten, dass die Mitgliedschaft und der örtliche Funktionärskörper einerseits als Pazifisten aus dem Weltkrieg zurückgekehrt waren und andererseits den deutschen Militaristen unter dem Etikett „Landesverteidigung“ jedes Verbrechen zutrauten.[9] Die SPD-Minister im Kabinett aber winkten die Aufrüstung durch.

Und es ging weiter. Beide in dieser „Großen Koalition“ diskutierten Lösungen für die Finanzierung der Arbeitslosenversicherung in der Krise (Beitragserhöhung oder Leistungskürzung) waren aus Arbeitersicht inakzeptabel. Schlimmer noch wirkte, als die Koalition an der Versicherungsfrage zerbrach, die Tolerierung der dann folgenden unsozialen Notverordnungsdiktatur Brünings – und die Bestätigung dieser Linie durch den Leipziger Parteitag der SPD Ende Mai/ Anfang Juni 1931. Dies löste in der Mitgliedschaft eine Welle der Empörung aus.[10]

Es ist wahrscheinlich, dass die latente politische Unzufriedenheit in der SPD-Mitgliedschaft (Stichwort: Verrat an politischen Grundsätzen) sich im Moment der persönlichen Krise insoweit radikalisierte, als auch bei langjährigen Mitgliedern Parteiaustritte vorstellbar und auch vollzogen wurden. Ich komme auf diesen Punkt noch zurück.

Jedenfalls markiert das Jahr 1930 einen deutlichen Wendepunkt, der vor allem im Wählerverhalten sichtbar wurde. Bei den Reichstagswahlen sackte der SPD-Anteil an den Harburg-Wilhelmsburger Stimmen deutlich ab: Von 47,4 % im Jahr 1928 auf % 39,0 1930 und 34,9 % Ende 1932. Neu war nun, dass gleichzeitig die KPD zulegen konnte. Ihr Anteil steigerte sich von 17,7 % im Jahr 1928 auf 19,5 % 1930 und 23,1 % Ende 1932. Da sich die seit 1930 schnell anwachsende NSDAP vor allem aus dem bürgerlichen Potential speiste, lassen die Zahlen eine starke Wählerwanderung von der SPD zur KPD vermuten.

Diese Zusammenhänge wurden den Sozialdemokraten ab 1930 zunehmend klarer. Aber welche Schlüsse zogen sie daraus? In einer großen, kontroversen Aussprache zur Auswertung der 1930er Reichstagswahl auf Unterbezirksebene standen sich im wesentlichen zwei Positionen gegenüber. Die einen drängten auf Verjüngung des Funktionärskörpers, Verlassen der Reichsregierung, Bekämpfung von Korruption und Vetternwirtschaft in den Leitungen der Kommunalbetriebe, Senkung der hohen Gehälter der Magistratsbeamten. Andere, zumeist aus den Reihen der höheren lokalen Funktionäre, plädierten für Verbleib in der Regierung und stärkere Propaganda.   

 

Verfolgungserfahrungen

Im Folgenden wird auf einen Wirkfaktor im Verhältnis KPD/ SPD eingegangen, der bisher in der Literatur kaum systematisch erfasst wurde: die polizeiliche/ justizielle oder durch sonstige Instanzen vollzogene individuelle Verfolgung oder Diskriminierung von KPD-Mitgliedern in den Jahren vor 1933. Da es sich bei diesem Phänomen um eine Massenerscheinung handelte, die zudem bei jedem betroffenen Menschen sowie den Familienangehörigen tiefe soziale und psychische Beeinträchtigungen bewirkte, soll es etwas eingehender betrachtet werden.

Polizeiliche und gerichtliche Ermittlungen gegen KPD-Mitglieder 1926 bis 1933

Liste Prozesse gegen KPD-Mitglieder

Die Liste vermittelt bereits auf den ersten Blick die Wucht der Verfolgungen seit Mitte der zwanziger Jahre: der immer schnellere Takt der Anklageerhebungen, die Ausweitung des Drucks auf den Funktionärskörper auf schließlich alle aktiven Mitglieder. Wer in Harburg aktives Mitglied der KPD war, hatte bis Anfang 1933 mindestens einen politischen Prozess am Hals gehabt. Dieses Bild spiegeln auch die Wiedergutmachungsverfahren überlebender Kommunisten nach 1945. Ihre polizeilichen Führungszeugnisse, die in den Verfahrensakten in der Regel enthalten sind, verzeichnen für die Jahre 1919 bis 1925 meist kleinere, der allgemeinen Not geschuldete Eigentumsdelikte (Mundraub, Diebstahl); soweit in dieser Zeit zu Verurteilungen politischer Natur gekommen war, führten oft Amnestien zur Tilgung. In den Jahren ab 1926 wurden dagegen fast ausschließlich politische Strafen eingetragen, die zumeist auch in vollem Umfang abgebüßt werden mussten.

Schaut man sich einzelne Verfahren genauer an, werden weitere Merkmale der neuen Verfolgungsqualität sichtbar.

 

Ausweitung des Katalogs strafwürdiger Handlungen

In den Revolutionsjahren sah sich die politische Justiz mit Massenaktionen, Barrikadenbau, Gefangenenbefreiungen, kollektiver Bewaffnung etc. konfrontiert. Sie verfolgte diese Handlungen als Akte des Aufruhrs, des Hochverrats. Danach entfielen diese Handlungen, unter Verfolgung geriet nun die normale parteipolitische Aktivität der KPD im Rahmen der wirtschaftlichen und politischen Ordnung der Weimarer Republik. Dies gelang, weil durch Verbote neue Straftatbestände künstlich geschaffen wurden. Zentrale Hebel hierfür waren Zeitungs- und Organisationsverbote, vor allem das Verbot des Rotfrontkämpferbundes (RFB) im Jahr 1929. Durch sie konnten zahllose harmlose Handlungen (Versammlungen, Flugblattverteilungen, Aufmärsche, Tragen von Abzeichen etc.) kriminalisiert und vor Gericht gebracht werden, ebenso der Selbstschutz gegen Naziüberfälle.

 

Wachsendes Missverhältnis von Straftat und Strafmaß

Zugleich wurde das geforderte oder geurteilte Strafmaß immer unverhältnismäßiger. So erhielt der Redakteur der Hamburger Volkszeitung Wienecke, der in Harburg eine Rede gehalten hätte, in dem o.g. Prozess im April 1928 eine Gefängnisstrafe wegen „Verunglimpfung der Reichsfahne“ von 6 Monaten. Die Staatsanwaltschaft hatte ein Jahr Haft gefordert.[11]  Der Wilhelmsburger KPD-Funktionär und Betriebsratsvorsitzende im Holzlager Reiherstieg, Pommeresche, bekam wegen Beteiligung an der Bliederstorfer Nazischlägerei im November 1931 11 Monate Gefängnis (während die mit den Kommunisten gemeinsam beteiligten Reichsbanner- und SAJ-Mitglieder straflos blieben).[12] Der Harburger ehemalige RFB-Leiter Knorre wurde im gleichen Monat zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt, weil er mit einem angeblich hochverräterischen Flugblatttext in der Jacke aufgegriffen wurde.[13] Der Harburger Kommunist Alfred Grünhof ging im Mai 1932 wg. Landfriedensbruchs für 8 ½ Monate ins Gefängnis, weil er die Exmittierung eines Mietschuldners verhindern wollte.[14]

Es war dies eine Praxis, die sich vom Anspruch einer angemessenen Ahndung strafbaren Handelns entfernt hatte, in der Verhinderung politischer Aktivität durch Abschreckung ihren Hauptzweck fand und in ihrem Nebeneffekt, der Ausschaltung des politischen Gegners durch lange Haftzeiten, der Schutzhaft der Nazis bereits recht ähnlich war.

 

Verschmelzung von Polizeiarbeit, justiziellem Handeln und sozialdemokratischer Parteipolitik

In Harburg-Wilhelmsburg agierte in den ersten Weimarer Jahren eine kommunale Schutz- und Kriminalpolizei. Unter dem sozialdemokratischen Stadtregiment hatte sie sich bald zu einem festen Bestandteil einer SPD-dominierten Verwaltung entwickelt. Dies blieb sie auch über ihre Verstaatlichung als preußische Polizei 1926 hinaus, da das bestehende Personal in gleicher Funktion übernommen wurde. Als Harburger Polizeipräsidenten setzte das preußische Innenministerium Beamte ein, die Erfahrungen mit Industriestädten und der Arbeiterbewegung hatten, mit sozialdemokratischen Verwaltungen umgehen konnten oder sogar selbst Sozialdemokraten waren.[15]

Polizeipräsident Erich Wentker (2) Polizeipräsident Erich Wentker

Diese Polizei überwachte die gesamte Tätigkeit der KPD, auch mit geheimdienstlichen Mitteln, und fungierte als wesentlicher Berichterstatter über mutmaßliche Straftaten ihrer Mitglieder gegenüber der Staatsanwaltschaft. Sie tat dies in enger Abstimmung mit dem Bürgermeister, aber auch nach Maßgabe von Hinweisen aus dem weiteren Kreis des gehobenen SPD-Funktionärskörpers.

So traten im erwähnten Wienecke-Prozess die Sozialdemokraten Gehrmann (langjähriger Ortsvorsitzender, Abgeordneter des Preußischen Landtages), Nowack (Vorsitzender des örtlichen Fabrikarbeiterverbandes, Reichstagsabgeordneter), Kanzler (1. Parteisekretär) und Weigel (1. Ortsvorsitzender) auf, um die ominöse „Verunglimpfung“ der Reichsfahne zu bezeugen.  Der Jungkommunist und Sprecher der Lehrlinge und Jungarbeiter bei der Phoenix, Walter Möller, musste im September 1930 erleben, dass seine Klage gegen seine Entlassung aus politischen Gründen an den Zeugenaussagen des sozialdemokratischen Betriebsratsvorsitzenden Peter vor dem Arbeitsgericht endgültig scheiterte.[16] Kurzum: Wer sich als Kommunist von der Justiz verfolgt sah, konnte als Hintermänner und Komplizen seiner Verfolger oft genug die Sozialdemokraten erkennen.

Roter Gummiknüppel

(3) Titelkopf der Jugend-Betriebszeitung der KPD in Harburg

 

Noch deutlicher war die Verfolgung von Kommunisten durch Sozialdemokraten in den Gewerkschaften zu erkennen. Letztere nutzten die KPD-Taktik der „Revolutionären Gewerkschaftsopposition“ (RGO) dazu, Kommunisten aus den Gewerkschaften auszuschließen. Die RGO war eine Verzweiflungstaktik angesichts der Massenentlassungen in der Krise. Sie zielte zunächst auf innergewerkschaftliche Opposition gegen die SPD- Funktionäre, z.B durch konkurrierende Listen bei Betriebsratswahlen, verstärkte Streikorientierung und Kampfbündnisse mit Erwerbslosen-Ausschüssen. Nicht alle KPD-Mitglieder unterstützten diese Politik kritiklos, so der Hobum-Betriebsrat Willi Milke, der darum aus der KPD zeitweilig ausgeschlossen wurde.[17] In den Metallbetrieben wurde die RGO generell nicht umgesetzt, hier blieb es z.B. bei Betriebsratswahlen bei den üblichen Vereinbarungen zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten über die Platzierung auf gemeinsamen Listen des Metallarbeiterverbands. Dieser war zu jener Zeit mit ca. 2.700 Mitgliedern nach dem Fabrikarbeiterverband (7.500) und vor den Bau- und Verkehrsarbeitern (1.400 bzw. 1.300) die zweitstärkste Einzelgewerkschaft vor Ort.[18] Kommunisten waren in der durchaus führungskritischen Mitgliedschaft gleichberechtigt und hatten auch Wahlfunktionen inne.[19]

Dort, wo die RGO umgesetzt wurde, führte sie zu zahlreichen Gewerkschaftsausschlüssen und mündete schließlich in eigene kommunistische Gewerkschaftsgründungen. Dies galt vor allem für die großen Fabriken der Gummi-, Öl- und Textilindustrie, die dem Fabrikarbeiterverband zugeordnet waren. Dessen Vorsitzender und Reichstagsabgeordneter Friedrich Nowack agierte traditionell als zügelloser Kommunistenfresser. Als auf einer Versammlung des Fabrikarbeiterverbandes am 19.1.1930 der Phoenix-Arbeiter Gollowski vorschlug, den Ausschluss der Opposition zu überdenken und eine Resolution der Kollegen seines Werkstattsaals vortrug, den kommunistischen Kollegen Henry Naujoks (Bruder von Harry Naujoks) wieder aufzunehmen, wischte Nowak dies mit dem Satz „Über Ausschlüsse wird nicht abgestimmt!“ von der Tagesordnung.[20] Ein weiterer Kernsatz Nowacks: „Wer zur RGO gehört, ist ausgeschieden.“[21] Im Bauarbeiterverband ging die SPD soweit, Teilnehmer an einer RGO-Veranstaltung im Parteiblatt öffentlich namentlich zu nennen, um sie dann aus dem Verband auszuschließen.[22]

(4) Friedrich Nowack

 

Mitgliederwanderungen

Mitgliederwanderungen von einer Partei zur anderen sind ein starkes Indiz für die Wahrnehmung parteipolitischer Erfolge oder Misserfolge durch ihre jeweilige Basis. Ich will nun versuchen, Wanderungsbewegungen ab 1924 zu erfassen und mit Blick auf alle genannten Wirkfaktoren auf ihre Motive hin zu untersuchen.

Eigentümlicherweise hatte sich das Verhältnis zwischen SPD und KPD durch den gescheiterten Putschversuch der KPD im Herbst 1923 nicht wesentlich verschlechtert. Die örtlichen KPD-Funktionäre hatten sich im Verlauf des Geschehens als besonnene Ordnungskräfte bewiesen und wesentlich zur Deeskalation beigetragen. Die Sozialdemokraten, selbst von der Hyperinflation und der Ernährungskrise schwer betroffen, konnten ihrerseits einiges Verständnis für die Novemberrevolte aufbringen. Carl Gehrmann plädierte ein Jahr nach den Ereignissen im Preußischen Landtag dafür, alle zu Haft verurteilten Beteiligten zu amnestieren.[23]

Weitaus gravierender war die Wirkung der KPD-internen Fraktionskämpfe, die dem Putschversuch folgten. Auf den Bezirk Wasserkante bezogen, werden sie in der Literatur gemeinhin als Sieg und politischer Durchmarsch der vereinigten Urbahns- und Thälmann-Anhänger beschrieben, als linksradikale Zuspitzung der putschistischen Strategie, verbunden mit schärferer Abgrenzung von der SPD, wiederauflebender Gewerkschaftsfeindlichkeit und innerparteilicher Funktionärsdiktatur.

Die Vorgänge in den Harburger und Wilhelmsburger KPD-Ortsgruppen belegen diese Einschätzung. Und sie machen auch die Schäden deutlich, die die KPD mit diesem Kurswechsel anrichtete.

Den Anfang machten eine Reihe von Parteiaustritten aus den Reihen der altgedienten Gruppen- und Gewerkschaftsfunktionäre. Der neue Kurs widersprach ihren politischen Auffassungen so grundlegend, dass sie überwiegend zur SPD überwechselten. Einer der Bekanntesten unter ihnen war Georg Reus, der in Rönneburg eine Mühle und ein Kraftwerk betrieb, wegen ihrer Kriegsbejahung 1914 aus der SPD ausgetreten und ca. 1920 in die Harburger KPD eingetreten war.[24] Er ließ sich 1925 für die SPD in den Kreistag Harburg wählen.[25] Auch der kommunistische Lehrer Otto Maass, nach der Revolution kurzzeitig Herausgeber einer gewerkschaftlichen Lehrerzeitung, KPD-Kandidat bei der preußischen Landtagswahl 1921 und Mitpionier der Freien Weltlichen Schule in Harburg, wechselte zur SPD.[26] Ebenso der Wilhelmsburger Kommunist Bruno Rogalski, Aktivist während des Hamburger Aufstands.[27] Andere zogen sich politisch zurück. So Hugo Paul, Gründungsmitglied der USPD der Harburger USPD 1918 und KPD 1919, Vorsitzender des Harburger Arbeiterrates in der Revolution und der USPD/KPD-Fraktion im Bürgervorsteherkollegium (Stadtparlament). Er trat erst 1945 wieder in Erscheinung, erneut als KPD-Ortsvorsitzender.[28] Franz Neuring, ebenfalls Gründungsmitglied der USPD und der KPD 1919, 1920 führend bei der Niederschlagung des Kapp-Putsches, legte mit politischer Begründung sein Bürgervorsteher-Mandat nieder. Er scheint die Stadt verlassen zu haben.[29]

Andere, die der linken Hamburger Führung zu „parlamentarisch“ oder zu „gewerkschaftlich“ waren, wurden aus ihren Funktionen gedrängt. Dieses Schicksal ereilte, wie bereits dargestellt, den Gewerkschafter August Wiering (er tauchte ein paar Jahre später dann auch in der SPD auf, als Bezirksleiter des Arbeitersamariterbundes).[30] Ebenso den Bürgervorsteher Heinrich Schubarth, der wie auch Wiering zeitweilig in die Leitungsgremien der KPD Wasserkante aufgestiegen war, sowie den an der Hamburger Parteizeitung tätigen Redakteur Heinrich Coerber. Nahezu alle Parlamentarier wurden ausgewechselt.[31]

Wie viele Mitglieder in dieser Phase in die SPD überwechselten, ist nur schwer abzuschätzen. Insgesamt verlor die örtliche KPD 1924 rund zwei Drittel ihrer Mitglieder von 1923, etwa 600 Personen.[32] Dies waren in der Mehrzahl wohl persönliche Rückzüge aus Frustration angesichts der innerparteilichen Misswirtschaft, selten jedenfalls ausdrücklich politische Statements. Die Harburger Basis war selbst meist linksradikal gestimmt. Diejenigen, die zur SPD wechselten, entstammten dem erfahrenen Altkader der Kriegs- und Revolutionsjahre, ich schätze ihre Anzahl auf etwa 30 Köpfe.

 

Mitgliederzahlen SPD und KPD 1919-1932

(5) Mitgliederzahlen SPD und KPD 1919-1932

 

Da die KPD-Linke in Hamburger Raum weitgehend unbehelligt die Führung stellte, blieb die „Vergrämung“ der als Rechte oder Versöhnler denunzierten Funktionsträger ein bis zum Ende der 1920er Jahre andauernder Vorgang. Allerdings stellte er sich immer weniger als „brain drain“ in Richtung SPD dar. Die Aus- und Übertritte nahmen ab, die an den Rand Gedrängten hielten stand und warteten auf bessere Zeiten.

Dies hatte unter anderem auch mit der SPD zu tun. So wie sie sich in den Jahren ab 1924 entwickelte, war sie für oppositionelle Kommunisten nicht mehr attraktiv. Zum einen hatte sie, seit sie ihren Koalitionspartners Mieterpartei im Stadtparlament durch vermehrte Zusammenarbeit mit den Bürgerlichen ersetzte, stark an sozialem Profil eingebüßt. Zum anderen kompensierte sie diesen Mangel ausgerechnet mit einer erheblich verstärkten antikommunistischen Agitation. Diese steigerte sich insbesondere im Verlauf der Kommunalwahl 1927, der Landtags- und der Reichstagswahl 1928 und der neuerlichen Kommunalwahl 1929. Dabei wurden die bestehenden Gräben zwischen SPD und KPD schnell verbreitert und vertieft.

Auf diese Weise wurden 1929 und 1930 zu Jahren des Umschlags in den Beziehungen der beiden Parteien. Von nun an verlor die SPD bei jeder Wahl Stimmen, während die KPD meist zulegte. Auch die Fließrichtung bei den Übertritten kehrte sich um: Nun kamen ausgetretene Sozialdemokraten zur KPD, so etwa Michael Lemb, der gleich in die Ortsgruppenleitung des illegalen RFB eintrat,[33] und der Gewerkschafter Karl Neddermeyer.[34]

So ging es, schubweise, weiter: Es kamen zunächst Sozialdemokraten aus den Schutzformationen Eiserne Front und Reichsbanner, denen die SPD zu lasch gegen die Nazis vorging. Dann die mit der Weltwirtschaftskrise arbeitslos gewordenen Sozialdemokraten, dann, 1931, die beiden großen Gruppen der bewussten Linken und der älteren SAJ-Kader. Letztere kamen aus etwa den gleichen Gründen und verdienen einen näheren Blick.

Die politische Konstellation, die vom Frühjahr1931 bis Sommer 1932 zu einer Austrittswelle führte, setzte drei wesentliche Triebkräfte frei: die wachsende Unzufriedenheit darüber, dass die SPD die unsoziale Notverordnungspolitik der Brüning-Regierung mittrug, das Entsetzen vieler Mitglieder über die weitere Empfehlung dieses Kurses auf dem Leipziger Parteitag, von dem man anderes erwartet hatte, schließlich die umfassende, noch nicht zuvor erlebte Arbeitslosigkeit, die einen großen Teil der jugendlichen und der ehedem erwerbstätigen Parteimitglieder ins Elend führte. Als linkssozialistische Reichstagsabgeordnete und Funktionäre des Parteiapparates gegen die Parteitagsbeschlüsse aufbegehrten und Max Seydewitz mit der Gründung der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) eine Politik- und Organisationsalternative anbot, konnten sich viele zum Austrittsentschluss durchringen. Nicht alle davon gingen in die SAP, einige kamen zur KPD.

Nennen wir ein paar Namen: Zu den „bewussten Linken“, wie ich sie oben nannte, gehörte August Neubacher, Bruder des Kommunisten und späteren Spanienkämpfers Max Neubacher, [35] ferner der Eisenbahner Wilhelm Kors, der in der Wilhelmsburger Ortsgruppe die Opposition der Unzufriedenen anführte.[36] Und auch Georg Reus, 1907 in die SPD eingetreten, 1914 ausgetreten, 1919 bis 1923 KPD, 1924 bis 1931wieder SPD.[37] Neubacher und Reus gingen gleich zur KPD. Die Stimmungslage von Reus, einem wahren „politischem Tier“, illustriert sehr schön diese Anekdote. Einem Polizisten, der ihm in seiner Gaststätte „Stadt Hannover“ die Einhaltung der Polizeistunde abforderte, brüllte er entgegen: „Halten Sie doch Ihr Maul, Sie Idiot!“ (200 Mark Strafe).[38] Kors ging erst im Herbst 1932 in die KPD, nach einem Zwischenspiel als aktiver Werber für die SAP.[39]

Nun zur SAJ:

Aus der Gruppe der Jugendlichen sind namentlich zu nennen: Gustav Martens, 2. Vorsitzender der Harburg-Wilhelmsburger SAJ. Er ging zeitweilig zur SAP und ihrer Jugendorganisation. Ebenso Hans Dewitz, der spätere Bezirksamtsleiter im Harburg der 1960er und 1970er Jahre. Otto Kloock, SAJ-Funktionär, und sein Bruder Heinrich kamen zur KPD; ihnen folgten Otto und Gertrud Nehring, letztere war Tochter des damaligen örtlichen SPD-Vorsitzenden Oswald Kanzler.

(6) SAJ-Mitgliedsbuch Gustav Martens

 

Als im Januar 1933 der ersehnte Widerstand von SPD und Reichsbanner gegen Hitlers Ernennung zum Reichskanzler ausblieb, als die SPD erst ihre Schutzformation Eiserne Front (Teil des Reichsbanners) auflöste und im Verlauf des Frühjahrs die SPD selbst verboten wurde und ihr Organisationsleben weitgehend einstellte, da wiederholte sich der 1931/32 bereits erlebte Effekt ein weiteres Mal. Nun schlossen sich viele Sozialdemokraten dem kommunistischen Widerstand an, oder präziser formuliert: Es entstanden „gemischte“ Widerstandsgruppen aus langjährigen Kommunisten, den Neukommunisten und SAP-lern von 1931/32 und den heimatlosen Sozialdemokraten von 1933. Letztere teilten sich nach der Befreiung 1945 etwa je zur Hälfte zwischen SPD und KPD auf (soweit sie überlebt hatten).

(7) Jungbanner (Jugendorganisation des Reichsbanners), Gruppe Harburg, bei einer Kundgebung in Lüneburg

 

Zur Frage der Quantitäten: Es scheint, dass die SAP-Gründung zwar ein mächtiges Initial für die SPD-Austritte gab, als Organisation aber nicht in dem gleichen Maße „zog“. Schon wenige Monate nach der Parteigründung war klar, dass an einen Massenzulauf nicht zu denken war, bzw. dieser sich vorwiegend auf den Jugendbereich beschränkte (60–70 Übertritte).[40] Den erwachsenen Sozialdemokraten erschien die starke KPD vor Ort einfach attraktiver.  Die zweite Austrittswelle Anfang 1933 kostete die SPD nach zeitgenössischen Berichten etwa 100 Mitglieder.[41] Rund anderthalb Jahre später, zum Jahresende 1934, notierte ein Instrukteur der illegalen KPD-Führung in seinem Bericht an die Zentrale über den Zustand der Widerstandsgruppen im Bezirk Wasserkante: „In Harburg ist die Situation am besten. Dort kamen etwa 160 SPD-Mitglieder und SAJ-ler zu uns.“[42] Es ist anzunehmen, dass er mit dieser Zahl die Summe aller Übertritte seit 1931 angab.

 

Walter Dudek, Emil Klein und Karl Kailuweit

Am 30. Januar 1933 übertrugen die regierenden Rechtsparteien Adolf Hitler die politische Macht auf Reichsebene. Am Morgen darauf traten die Sielreiniger des Harburger Tiefbauamtes in Streik, um dagegen zu protestieren. Als ihre Sprecher wirkten ihre Betriebsräte, der Sozialdemokrat und Reichsbannermann Emil Klein und der Kommunist Karl Kailuweit.

Auf Anweisung des Magistrats unter dem sozialdemokratischen Oberbürgermeister Walter Dudek wurden Klein und Kailuweit daraufhin fristlos entlassen. Als der Gesamtbetriebsrat der städtischen Beschäftigten dagegen Einspruch erhob, wurden sie wieder eingestellt. Der Magistrat klagte nun beim Arbeitsgericht, um ihre „Enthebung“ als Betriebsräte zu erwirken. Klein trat hierauf freiwillig zurück, Kailuweit wartete das Urteil ab. Er wurde vom Gericht seiner Funktion enthoben.[43]

(8) Veranstaltung mit Walter Dudek

Klein und Kailuweit fanden sich wenig später, im April 1933, unter denjenigen, die von den Nazis aus politischen Gründen aus dem öffentlichen Dienst entfernt wurden. Dudek war schon im März suspendiert worden. Er und ca. 100 weitere mittlere und hohe Stadtbeamte erhielten dann im Mai ihre Entlassung.[44]

 

Korrektur

In „Die radikale Linke…“, S. 85, erwähnte ich als erste weibliche KPD-Abgeordnete des Harburger Stadtparlamentes eine „Johanne Geisau (später verh. Kiehnert“). Wie ich kürzlich herausfinden konnte, hatte ich damit aus zwei Frauen ein und dieselbe Person gemacht.

So verhält es sich in Wahrheit: Johanne Geisau, geb. Marienberg, verw. Semling, verw. Geisau, kam am 4.1.1885 in Ostpreußen zur Welt. Ihre beiden Kinder wurden 1907 und 1911 geboren. Sie beteiligte sich während des Hamburger Aufstands 1923 an der Ausschleusung flüchtiger KPD-Genossen, in dem sie diese beherbergte, bis deren falsche Papiere fertig waren (Fall Schubarth). Von 1924 bis 1927 vertrat sie die KPD im Harburger Stadtparlament.[45]

Johanna („Hanne“) Kiehnert wurde als Johanna Otte am 11.11.1894 in Harburg geboren. Sie heiratete den bei Noblee und Thörl beschäftigten Verladearbeiter Karl Kiehnert. Ihre beiden Kinder kamen 1913 und 1915 zur Welt. Das Ehepaar war spätestens seit 1930 für die Harburger KPD aktiv. Beide beteiligten sich nach 1933 am Widerstand. Karl Kiehnert wurde im Juli 1934 verhaftet, Johanna ging daraufhin zunächst in den Untergrund, meldete sich aber im März 1935 bei der Gestapo. Beiden war wenig bis nichts nachzuweisen, jedenfalls nichts, dessen Strafmaß nicht schon durch U-Haft abgegolten war. Sie kamen im Verlauf des Jahres 1935 wieder frei.[46]

 

Bildnachweis

(1) Walter Ballhause (veröffentlicht in: Arbeiterfotografie, 2012)

(2) Ellermeyer/ Richter/ Stegmann: Harburg. Von der Burg zur Industriestadt, Harburg 1988, S. 419

(3) Ellermeyer/ Richter/ Stegmann: Harburg. Von der Burg zur Industriestadt, Harburg 1988, S. 435

(4) Handbuch des deutschen Reichstags, Wahlperiode 1928

(5) Grafik Angela Jansen

(6) https://gustavmartens.weebly.com/om-gustav--about-gustav.html

(7) Ellermeyer/ Richter/ Stegmann: Harburg. Von der Burg zur Industriestadt, Harburg 1988, S. 419

(8) https://gustavmartens.weebly.com/om-gustav--about-gustav.html

 

 

Anmerkungen

[1] Zetkin an den Parteitag 1924; Protokolle des Parteitags der KPD 1924, S.89. Vgl. Thalheimer, August: 1923: Eine verpasste Revolution? Berlin 1931, S. 27.

[2] Vgl. den Beitrag Arbeiteraristokratie in der Hoppenstedtstraße auf dieser Website.

[3] Im Fall Klemm reichten die Skandale, die ihm die KPD ankreidete, von Schikanen im Arbeitsamt über Misswirtschaft bei der Fürsorge bis zu Übergriffen der Bademeister im Schwimmbad. Verständlich in der sozialen Krise, aber nicht alles hatte Hand und Fuß. Indem ich dies schreibe, sitze ich an Klemms Schreibtisch, er ist aus den 1920er Jahren. Seine Witwe verkaufte ihn Anfang der 1950er Jahre an meinen Vater, der an ihm in seiner Praxis in Wilstorf über Jahrzehnte seine Patienten empfing. Seit 1996 steht er bei mir. Hugo Klemm hat schlimme sozialpolitische Maßnahmen exekutieren müssen, an deren Ausgestaltung er keinen Anteil hatte – sie waren diktiert von Brüning und Dudek. Die stete KPD-Schimpfe mag ihn verletzt haben. Er hat aber Kommunisten oft persönlich geholfen, vielleicht zur Kompensation. Der Fall Ludwig Peter liegt etwas anders, dessen Beziehungen zum Firmenvorstand waren durchaus speziell.

[4] Volksblatt für Harburg, Wilhelmsburg und Umgebung v. 27.9.1927.

[5] Die radikale Linke, S. 90 ff.

[6] Volksblatt v. 27.9 1927, 28.9.1927.

[7] Volksblatt v. 8.11.1929.

[8] Könke, Günter: Arbeiterschaft und sozialdemokratische Arbeiterbewegung in Harburg 1918-1933, in: Ellermeyer, Jürgen/ Richter, Claus/ Stegmann, Dirk (Hg): Harburg. Von der Burg zur Industriestadt, Harburg o.J., S. 403 – 419.

[9] Volksblatt v.21.1.1929, 5.3.1929.

[10] Volksblatt v. 9.6.1931.

[11] Volksblatt v. 10.3.1928.

[12] Volksblatt v. 24.11.1931.

[13] Bundesarchiv (BA) Berlin R 3003 14 a J 1422/ 31.

[14] Volksblatt v. 6.5.1932.

[15] So Erich Wentker (Amtszeit 1927 bis September 1932) und sein Nachfolger Erich Danehl. (bis Januar 1933). Zu Danehl vgl. Tucho auf dieser Website.

[16] Volksblatt vom 6.9.1930. Vgl. Volksblatt v. 15.11.1929, 16.11.1929, 6.5.1930. Vgl. Volksblatt v. 6.9.1930.

[17] Volksblatt v. 18.6.1931.

[18] Volksblatt v. 5.11.1931; Könke, S. 412 f.

[19] Volksblatt v. 21.11.1931, 24.11.1931.

[20] Volksblatt v. 25.1.1930.

[21] Volksblatt v. 6.11.1930. Vgl. Volksblatt v. 2.5.1930.

[22] Volksblatt v. 20.4.1931, 9.5.1931.

[23] Staatsarchiv Stade (StA Stade) 171 a Nr. 432.

[24] Saatsarchiv Hamburg (StAH) 351-11 Nr. 10470; HAN v. 10.2.1921.

[25] Harburger Anzeigen und Nachrichten (HAN) v. 30.11.1925

[26] HAN v. 17.2.1921; Volksblatt v. 10.7.1929.

[27] Volksblatt v. 5.10.1927. Vgl. Radikale Linke, Nachtrag 1 auf dieser Website.

[28] Die radikale Linke, S.75 ff.

[29] HAN v. 25.2.1919, 30.4.1924. Vgl. HAN v. 10.2.1921.

[30] Volksblatt v. 25.5.1928.

[31] Siehe Radikale Linke, Nachtrag 2 auf dieser Website.

[32] Entfällt.

[33] Die anderen, S. 26 f.

[34] StAH 430-4 1104 F Nr.5

[35] Günther, Barbara/ Markert, Margret/ Meyer, Hans-Joachim/ Möller, Klaus: Stolpersteine in Hamburg-Harburg und Hamburg-Wilhelmsburg, Hamburg 2012, S. 85 f.

[36] Siehe Lagerhaft für Politische auf dieser Website .

[37] StAH 351-11 Nr. 10470.

[38] Volksblatt v. 11.2 1930.

[39] Volksblatt v. 28.7.1932.

[40] Vgl. Volksblatt v. 23.12.1932.

[41] Eiber, Ludwig: Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Hansestadt Hamburg in den Jahren 1929 bis 1939. Werftarbeiter, Hafenarbeiter und Seeleute: Konformität, Opposition, Widerstand, Frankfurt/M. 2000, S.219.

[42] BA Berlin Ry 1/I 2/3 101.

[43] StAH 430-5 1104 E Nr. 20.

[44] Siehe Neue Aktenfunde auf dieser Website.

[45] StAH 215-2 C 99/24; HAN v. 30.4.1924.

[46] StAH 351-11 Nr. 16996, Nr. 15706. Vgl. den Bericht der Tochter Käthe Meyer über die Illegalität ihrer Mutter in die anderen, S. 138 f.

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