Rote Fahnen über Harburg

Die Ereignisse in unserer Stadt während der Novemberrevolution 1918

Text: Hans-Joachim Meyer
Veröffentlicht
1998

 

Die Broschüre von 1998 ist vergriffen. Sie steht hier unverändert in digitaler Form zur Verfügung und als pdf-Datei zum Download (2,6 MB).

(Ein Wegweiser zur aktuellen Literatur: Das Buch "Die radikale Linke als Massenbewegung" beschäftigt sich mit dem Zeitraum 1918–1933. Ergänzungen zum dort veröffentlichten Forschungsstand liefert der Artikel "Die radikale Linke in Harburg-Wilhelmsburg, Nachtrag 1" auf dieser Website.)

Vorwort

Vor achtzig Jahren kam es im kriegsmüden Deutschen Reich zur Novemberrevolution. Der Kaiser und die Fürsten der vielen Teilstaaten mußten gehen, Deutschland wurde am 9. November 1918 eine demokratische Republik.

Es war keine „Revolution von oben“, sondern eine wirkliche Volksrevolution. Die alten politischen Gewalten wurden von Arbeitern und Soldaten gestürzt. Getragen wurde sie fast ausschließlich von der Arbeiterbewegung, sichtbar an den roten Fahnen, die an Rathäusern, auf Bahnhöfen, Kriegsschiffen oder anderswo wehten. In vielen Städten bildeten sich Arbeiter- und Soldatenräte, die politisch mitentscheiden oder teilweise auch allein die Macht ausüben wollten.

Dieses Buch schildert, was sich damals in Harburg abspielte. Auch hier gab es einen Arbeiter- und Soldatenrat. Gestreift werden auch die Ereignisse in Wilhelmsburg und im heutigen Landkreis Harburg. Das Buch beginnt mit der Revolution im November 1918 und endet mit dem Belagerungszustand und der Verabschiedung der Weimarer Verfassung Mitte 1919.

Dies ist nicht die erste Arbeit über Harburg während der Novemberrevolution. Bereits 1976 nahmen sich die Harburger Schüler Frank Dee, Jürgen Dee, Andreas Schwesig und Roland Schwesig dieses Thema vor. Ihr Manuskript unter dem Titel „Die Novemberrevolution 1918/19 in Hamburg-Harburg“, das auszugsweise in der lokalen Presse veröffentlicht wurde, war eine große Hilfe für dieses Buch. Wir haben Zeitungen ausgewertet und auch untersucht, wie sich einige zentrale Ereignisse auf die Diskussion in Harburg auswirkten (z.B. der Mord an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg oder die Auseinandersetzung um den Versailler Vertrag). Vor allem haben wir ein etwas stärkeres Augenmerk auf die Harburger Organisationen der Arbeiterbewegung gelegt, die ja die Jahre 1918 und 1919 ganz wesentlich prägten.

Wie die vier Schüler standen wir von einem großen Dilemma: Die wichtigste Harburger Zeitung, das sozialdemokratische „Volksblatt“, stand uns für den Zeitraum, den dieses Buch behandelt, in den Archiven leider nicht zur Verfügung. Die wenigen „Volksblatt“-Zitate stammen aus einzelnen Exemplaren, die von den Schülern noch aufgetrieben werden konnten.

Natürlich stand eine Stadt wie Harburg damals nicht im Mittelpunkt des Geschehens, verglichen etwa mit Berlin, München, Bremen oder Hamburg. Vielleicht ist es aber gerade deshalb wertvoll, am Beispiel einer „ganz normalen“ Stadt zu untersuchen, warum die Novemberrevolution auf halbem Wege stecken blieb und letztlich auch die neu erkämpfte Demokratie nur auf sehr schwachen Füßen stand.

Den Kolleginnen und Kollegen des Staatsarchivs Hamburg danken wir für ihre Unterstützung.

 

Wie kam es zur Novemberrevolution?

Gegen Ende 1918 dauerte der Erste Weltkrieg schon über vier Jahre. Von der Begeisterung am 1. August 1914, zu der sich viele Menschen in der Hoffnung auf einen schnellen Sieg hatten hinreißen lassen, war nur noch wenig zu spüren. Millionen litten Hunger, dazu kam die Trauer über die umgekommenen oder verwundeten Soldaten. Längst hatten viele die Lüge vom „Verteidigungskrieg“ durchschaut. Den Herrschenden des deutschen Kaiserreiches ging es um die Erzgruben von Lothringen und um zusätzliches Land im Osten. Diese Kriegsziele wurden vom „Alldeutschen Verband“, von Wirtschaftsverbänden und ähnlichen Organisationen auch offen propagiert.

Es blieb nicht bei der Kriegsmüdigkeit. Immer mehr Menschen leisteten Widerstand. Im August 1917 meuterten Tausende Matrosen und Heizer der deutschen Hochseeflotte. Als Anführer wurden die Matrosen Reichpietsch und Köbis erschossen. Ende Januar 1918 streikten Millionen Munitionsarbeiter in Berlin und anderen Städten. Sie forderten den sofortigen Friedensschluß ohne Annexionen und das allgemeine Wahlrecht in Preußen (dort gab es bisher das berüchtigte Dreiklassenwahlrecht).

Dabei waren Streiks während des Krieges verboten. Deutschland war zwar nominell eine Monarchie mit einem Kaiser, einem Reichstag, einem Reichskanzler und Ministern, faktisch jedoch seit 1916 eine Diktatur der Obersten Heeresleitung unter Hindenburg und Ludendorff. Jede Regung gegen den Krieg wurde rücksichtslos unterdrückt. Die Führung der SPD hatte sich 1914 durch die Bewilligung der Kriegskredite und mehr noch durch die Politik des „Burgfriedens“ (Verzicht auf Streiks und andere Massenaktionen) zur Verbündeten der Herrschenden gemacht. Die Opposition innerhalb der SPD gegen diese Politik wuchs. Am 2. Dezember 1914 hatte Karl Liebknecht noch als einziger im Reichstag gegen die Kriegskredite gestimmt. Er gewann jedoch mehr und mehr Mitstreiter. Im April 1917 kam es zur Spaltung der SPD und zur Gründung der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD). Die radikalen Kriegsgegner um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, die sich „Gruppe Internationale“ oder „Spartakusbund“ nannten, traten der USPD ebenfalls bei.

Im September 1918 verschlechterte sich die militärische Lage für das Deutsche Reich zusehends. Nach den Jahren des Stellungskrieges hatten die USA und Frankreich eine große Offensive eingeleitet, Bündnispartner von Deutschland und Österreich-Ungarn drohten abzuspringen oder waren bereits abgefallen. In dieser Situation erklärte General Ludendorff, daß der Krieg nicht mehr zu gewinnen sei, und verlangte von der Reichsregierung, beim Präsidenten der USA um Waffenstillstand zu ersuchen.[1] Später wollten er und seine Anhänger davon nichts mehr wissen und behaupteten, das Heer sei durch die Novemberrevolution „von hinten erdolcht“ worden.

Ende Oktober 1918 sollte die deutsche Flotte auslaufen. Die Offiziere wollten eine erneute Schlacht gegen England und nach deren voraussichtlichem Scheitern den „ehrenvollen Untergang“. Dagegen meuterten in Wilhelmshaven am 29. Oktober die Mannschaften. 600 Matrosen wurden verhaftet und an Land geschafft. Die Unruhe auf der Flotte griff auf die Kieler Förde über. Auch hier kam es zu Festnahmen. Es ging das Gerücht um, in Kiel sollten Aufrührer erschossen werden. Darauf kam es zu machtvollen Demonstrationen von Arbeitern und Matrosen. Am 4. November wehten über den Schlachtschiffen im Kieler Hafen rote Fahnen. Die Offiziere wurden entmachtet, ein Arbeiter- und Soldatenrat übernahm die Regierungsgewalt in der Stadt. Etwa 40 000 Soldaten hatten sich den Aufständischen angeschlossen. Besonders die Matrosen halfen, die Revolution weiterzutragen. In vielen Städten bildeten sich ebenfalls Arbeiter- und Soldatenräte, am 6. November auch in Hamburg. Einen Tag später wurde in Bayern die Republik ausgerufen. Am 9. November kam es in Berlin zum Generalstreik. Reichskanzler Prinz Max von Baden verkündete eigenmächtig die Abdankung des Kaisers, um vielleicht auf diese Weise die Monarchie noch zu retten. Die Kanzlerschaft übergab er an den Sozialdemokraten Friedrich Ebert. Dieser bildete als provisorische Regierung einen „Rat der Volksbeauftragten“, dem je drei Mitglieder der SPD und der USPD angehörten. Einen Tag später floh Kaiser Wilhelm II. ins holländische Exil.

Arbeiter und Soldaten hatten also in kurzer Zeit, ohne daß es großes Blutvergießen gegeben hätte, den Kaiser und die vielen regierenden Fürsten in allen Teilen des Deutschen Reiches davongejagt. SPD und USPD schienen die Macht in Berlin und damit auch im Reich zu haben. Nicht nur für demokratische Wahlen, für die Gleichberechtigung der Frau, für die Verwirklichung sozialer Forderungen wie des Achtstundentages, sondern auch für eine grundlegende gesellschaftliche Erneuerung nach den Idealen der Sozialdemokratie schien der Weg frei zu sein. Erst das gesellschaftliche Eigentum an den Produktionsmitteln bedeute, so hieß es im „Erfurter Programm“ der SPD von 1891, „die Befreiung nicht bloß des Proletariats, sondern des gesamten Menschengeschlechts, das unter den heutigen Zuständen leidet“.[2] Wie es aussah, hatte die Sozialdemokratie beider Richtungen nun die Gelegenheit, ihre Programmatik in die Tat umzusetzen.

 

Auch Harburg wurde nicht vom „Aufruhr“ verschont

Harburg gehörte 1918 nicht zu Hamburg, sondern zum Königreich Preußen. Das Stadtgebiet beschränkte sich damals auf die Altstadt, Wilstorf, Heimfeld, Eißendorf und das Hafengebiet um das frühere Elbdorf Lauenbruch. Die Einwohnerzahl Harburgs betrug bei der Zählung von 1910 rund 67000.

Harburg war nach der einsetzenden Industrialisierung sehr schnell gewachsen und entwickelte sich zu einer typischen Arbeiterstadt. Es gab starke Organisationen der SPD und Gewerkschaften. Bei den letzten Reichstagswahlen von 1912 (erster Wahlgang) hatten in Harburg 67,8% der (männlichen) Wähler für die SPD gestimmt, im benachbarten Wilhelmsburg sogar 74,0%. In der Harburger Verwaltung hatte die SPD jedoch damals keinen Einfluß. Auch nach der Annexion des Königreichs Hannover durch Preußen im Jahre 1866 galt weiterhin die hannoversche Städteordnung. Das „Parlament“, das Bürgervorsteherkollegium, konnte damals nur von Harburgern gewählt werden, die das Bürgerrecht besaßen. Angehörige „höherer“ Schichten und Berufe waren zum Erwerb dieses Bürgerrechts verpflichtet, und diese sowieso schon privilegierten Kreise brauchten dafür auch nichts zu bezahlen. Auch Arbeiter konnten es theoretisch erwerben; die Kosten dafür waren jedoch so hoch, daß sie es sich faktisch nicht leisten konnten. Außerdem hatten sie im Betrieb keine Rechte, es galt das Prinzip des „Heuerns und Feuerns“, so daß häufiger Wohnungs- und Ortswechsel damals gang und gäbe war und sich auch aus diesem Grund eine Investition zum Erwerb des Bürgerrechts nicht lohnte. Bei der Wahl zum Bürgervorsteherkollegium im Jahre 1913 gab es nur 2055 Wahlberechtigte (gegenüber 15215 bei Reichstagswahl 1912).[1] Kein einziger Arbeiter wurde dort hineingewählt, statt dessen Kaufleute, Handwerker, Industrielle, Gast- und Landwirte, auch zwei Beamte.[2] An der Spitze der Verwaltung stand seit 1899 Oberbürgermeister Heinrich Denicke, ihm zur Seite standen ein Stadtsyndikus und fünf teils besoldete, teils ehrenamtliche Senatoren. Alle sieben zusammen bildeten den Magistrat der Stadt. Magistrat und Bürgervorsteherkollegium zusammen nannten sich die „Städtischen Kollegien“, die auch manchmal gemeinsam tagten. Denicke, ein nationalliberal eingestellter Politiker (wobei das „liberal“ bei dieser politischen Richtung schon damals sehr klein geschrieben wurde), war auch Vorsitzender des Kreiskriegervereins Harburg.

Im Jahre 1918 waren Harburgs Tageszeitungen wie die Presse in ganz Deutschland voll von Todesanzeigen. Die Ernährungsprobleme in der Stadt waren so prekär, daß sich Proteste und Unmut auch gegen die Harburger Verwaltung richteten. Denicke antwortete hierauf mit einem Durchhalteappell in den „Harburger Anzeigen und Nachrichten“ (HAN): Er erkenne an, daß Grund zur Klage über die Lebensmittelversorgung bestehe „und daß insbesondere die Arbeiter, die den Tag schwer arbeiten müssen, dieses am meisten empfinden. (...) Mit Klagen und Drohungen ist uns aber nicht geholfen. (...) Sollen wir dadurch, daß wir in der Heimat uns für besiegt erklären, alle Erfolge unserer tapferen Truppen in Frage stellen? Wir (...) wollen ferner durchhalten. Dann können wir fest darauf vertrauen, daß Gott mit unserer gerechten Sache sein wird, daß unsere Feinde einsehen lernen, daß sie uns nicht bezwingen können.“[3] Unaufhörlich wurden die Leser aufgefordert, Kriegsanleihe zu zeichnen. Am 31. Oktober 1918 erschien in den HAN eine Anzeige: „Wer Banknoten hamstert und Darlehenskassenscheine, handelt töricht. Sie sind zinslos, bei Brandfällen und Diebstählen tritt völliger Verlust ein. Wer Kriegsanleihe zeichnet, handelt klug. Sein Geld ist ebenso sicher angelegt wie in Banknoten, und noch nützlicher, denn er erhält halbjährlich todsicher seinen Zins.“[4] Am 2. November folgte ein neuer großer Aufruf zur Kriegsanleihe: „Jetzt ist die Zeit der vaterländischen Tat.“ Für den kommenden Sonntag, den 3. November, wurde ein „Volkszeichnungstag“ angekündigt. Die Zeichnungsstellen waren „nach der Kirchzeit“ geöffnet. „Wer sein Vaterland und sich selbst erhalten will, der zeichne, soviel er irgend kann. Wer schon gezeichnet hat, der zeichne mehr.“[5] 

(1) Mit Hindenburg für Kriegsanleihe

Als am Montag darauf in Kiel schon überall roten Fahnen wehten, erschien in den HAN ein langer Artikel unter der Überschrift „Unser Kriegs-Gemüsegarten in November“. Ausführlich wurde beschrieben, wie man im Winter sachgerecht Kartoffeln lagert und mit Gemüse umgeht.[6] Am 5. November sahen sich freilich auch die HAN genötigt, sogar auf Seite 1 von der beginnenden Revolution zu berichten: „Ausschreitungen von Matrosen in Kiel“. Die „Ausschreitungen“ wurden „sehr bedauerlich“ genannt, auch von einem Soldatenrat und von den roten Fahnen war die Rede. In der gleichen Ausgabe wurde den Lesern suggeriert, wer da wohl seine Hand im Spiel hatte: „Bolschewistische Propaganda der russischen Vertretung in Berlin“. Aus Moskau sei ein Kurier in Berlin angekommen. Aus einer beschädigten Kiste seien in deutsch abgefaßte Flugblätter herausgefallen, „die die deutschen Arbeiter und Soldaten zu blutigem Umsturz auffordern“. Urheber sei die „Gruppe Internationale“, die in diesem Text „nähere Anweisungen für diesen Kampf gibt und zum Meuchelmorde und Terror auffordert.“[7] 

(2) Noch kurz vor Kriegsende brachten die HAN solche Anzeigen

Am gleichen Tag wurde ein Aufruf des SPD-Parteivorstands veröffentlicht, der die Arbeiter vor unbesonnenen Handlungen warnte. „Durch unterschriftslose Flugblätter und durch Agitation von Mund zu Mund ist an Euch die Aufforderung ergangen, in den nächsten Tagen die Betriebe zu verlassen und auf die Straße zu gehen. Wir raten Euch dringend, dieser Aufforderung nicht zu folgen. Wir Ihr alle wißt, befindet sich die sozialdemokratische Partei im Zuge einer sehr wichtigen Aktion. Sie hat einige Genossen in die Regierung entsandt, damit diese schleunigst Frieden schließe und im Innern alle bürgerlichen Freiheiten herstelle, deren die Arbeiterklasse zu ihrer weiteren Entwicklung bedarf.“ Der Appell zählte auf, was inzwischen alles erreicht wurde, u.a. das Angebot des Waffenstillstands. Scheidemann (der als Staatssekretär in die Regierung eingetreten war, d.V.) habe „dem Reichskanzler empfohlen, dem Kaiser zu raten, zurückzutreten.“ Weiter hieß es dann: „Wir fordern Euch auf, diese Verhandlungen nicht durch unbesonnenes Dazwischentreten zu durchkreuzen. (...) Aktionen, die Erfolg versprechen, müssen von der Gesamtheit der Arbeiterschaft getragen sein. Für solche ist aber jetzt der Augenblick nicht da. Folgt darum keiner Parole, die von einer unverantwortlichen Minderheit ausgegeben wurde!“[8] Dieser Aufruf wurde in der ganzen sozialdemokratischen Presse, also vermutlich auch im Harburger „Volksblatt“, verbreitet. Wir zitieren ihn aus dem „Hamburger Echo“. Von den Unruhen in Kiel berichtete diese Zeitung erst auf den hinteren Seiten.

Daß die Aktionen der deutschen Matrosen auf „Bolschewismus“ hinausliefen, gehörte weiterhin zur Sprachregelung der HAN. Am 6. November las man dort unter der Schlagzeile „Der Aufruhr in Kiel“: „Das Vordringen der bolschewistischen Aktion hat nunmehr tatsächlich dazu geführt, daß über der Stadt Kiel und den im Kieler Hafen liegenden deutschen Kriegsschiffen die rote Fahne weht.“ Die Zeitung ereiferte sich: „Draußen rennen die Feinde gegen uns an, und hier drinnen glauben Verblendete, durch solche Umstürzereien dem Frieden und der allgemeinen Wohlfahrt zu dienen!“ Weiter wurde berichtet, daß sich auch schon in Hamburg etwas regte: Am 5. November hätten sich 5000 USPD-Anhänger im Hamburger Gewerkschaftshaus am Besenbinderhof versammelt. Der Abgeordnete Dittmann begrüßte die Kieler Vorgänge und forderte die Hamburger Arbeiter zu Sympathiestreiks auf. Die Beschwichtigungsversuche des SPD-Vorstands fruchteten offenbar nicht. Am Mittag des 6. November sei der Straßenbahnverkehr von Harburg nach Hamburg unterbrochen worden, die Straßenbahn fuhr nur bis zur Elbbrücke. Auch beim Eisenbahnverkehr gab es Störungen.[9]

Am nächsten Tag mußten die HAN eingestehen, daß auch in Hamburg das Militär kapituliert hatte. Noch schlimmer: Die Bewegung schwappte nach Süden über. In Wilhelmsburg wurde eine Straßenbahn angehalten, die Insassen „wurden zu demonstrieren gezwungen“. In Harburg forderten Plakate an den Litfaßsäulen zu Ruhe und Ordnung auf.[10] Das „Hamburger Echo“ vom 7. November berichtete aus Wilhelmsburg etwas ausführlicher: „Heute morgen gegen 10 Uhr kam ein Arbeiterzug von etwa 12 - 16 000 Personen von der Vulkan-Werft durch Neuhof und durch Wilhelmsburg. Der Zug bewegte sich über die Neuhofer Brücke, Reiherstiegdeich, Fährstraße, Vogelhüttendeich, Veringstr. usw. nach der Landesgrenze, Harburger Chaussee, dem Marinelazarett und über die Veddel nach Hamburg. In Wilhelmsburg wurde die dem Zuge begegnende Gendarmerie entwaffnet. Urlauber und Soldaten mußten ihre Waffen, Ehrenzeichen und Kokarden ablegen. Vor dem Marinelazarett wurde Halt gemacht und auf den Soldatenrat (d.h. vermutlich den Hamburger Soldatenrat, d.V.) ein Hoch ausgebracht. Die Harburger Elbbrücke war auf der Wilhelmsburger Seite mit zirka 100 bewaffneten Pionieren besetzt, um den Demonstrationszug nicht nach Harburg zu lassen. Genosse Bering begab sich zum Kommandanten der Garnison Harburg und erwirkte die Zurückziehung des Militärs.“ Der Bericht schließt: „In Harburg ist alles ruhig.“[11]

Die Ruhe hielt jedoch nicht lange vor. In den HAN, immer noch vom 7. November, war zu lesen: „Auch Harburg hat die von Kiel und Hamburg ausgehende Bewegung nicht verschont.“ „Heute gegen Mittag“ sei ein Trupp von den Elbbrücken nach Harburg zum Amtsgerichtsgefängnis in der Buxtehuder Straße marschiert, die Gefangenen wurden befreit. In den Industriebetrieben an Buxtehuder und Stader Straße sei die Belegschaft zur Arbeitsniederlegung aufgefordert worden. Die Soldaten in der Kaserne hätten die Kokarden abgenommen.[12] Gemeint war die Pionierkaserne am Schwarzenberg. Die „Wilhelmsburger Zeitung“ vom folgenden Tag schrieb: „Gestern mittag kam ein Trupp Soldaten, Marine und Infanterie, dem sich Zivilisten angeschlossen hatten, aus Wilhelmsburg nach der Harburger Elbbrücke. Die dort postierten Infanteriewachen ließen den Zug durch, der sich nunmehr über die Schloßstraße, Mühlenstraße, Sand nach der Buxtehuder Straße zum Amtsgerichtsgefängnis begab. Dort wurde der Inspektor zur Herausgabe der Schlüssel ersucht. Sämtliche Gefangenen wurden freigelassen. Dann ging der Zug nach den Industriegebieten, um die Arbeiter zum Niederlegen der Arbeit zu bewegen.“[13]

Das „Hamburger Echo“ hieß ab 8. November „Rote Fahne“ und war nun „amtliches Organ des Hamburger Arbeiter- und Soldatenrats“. Es berichtete über die Vorkommnisse vom Vortag in Harburg: „Ein Arbeiter- und Soldatenrat hat sich in Harburg gebildet. Er steht im Einvernehmen mit der Matrosendelegation, die heute vormittag vor dem ‘Kaiserhof’ (das Hotel an der Ecke Bremer Str./Lüneburger Str., d.V.) eintraf und dort mit dem Kommando verhandelte. Die heute morgen Verhafteten sind freigelassen worden. Die 9. und 20. Pioniere stehen im Einvernehmen mit dem Arbeiter- und Soldatenrat. Das Landsturmbataillon 75 liefert seine Achselstücke ab. Der Major übergab seinen Degen. Die auswärtigen Truppen wurden aus Harburg zurückgezogen.“ Demnach mußte es wohl im Laufe der Aktion Verhaftungen gegeben haben. Das Abnehmen der Achselstücke von den Uniformen wurde überall während der Novemberrevolution praktiziert und durchgesetzt zum Zeichen, daß die alte Ordnung ausgedient hat. Weiter heißt es im Bericht: „Um 12 ½ Uhr trat der Arbeiter- und Soldatenrat in Verhandlung mit der Geschäftsleitung und Redaktion des Volksblatts, in deren Verlauf vereinbart wurde, daß das ‘Volksblatt’ die Mitteilungen des Arbeiter- und Soldatenrats veröffentlicht.“[14] Das „Volksblatt für Harburg, Wilhelmsburg und Umgegend“ war die sozialdemokratische Tageszeitung Harburgs. Sie wurde im „Volksblatt“-Gebäude am Großen Schippsee hergestellt, wo auch die Harburger SPD und die Gewerkschaften ihren Sitz hatten. Anders als das „Hamburger Echo“ blieb das „Volksblatt“ Organ der SPD und mußte auch den Namen nicht ändern.

Die Bahnhöfe wurden inzwischen von Mitgliedern des Soldatenrats besetzt. „Jedem Soldaten und Offizier werden Waffen und Kokarden abgenommen. Die Umwälzung hat sich glatt und ohne Ausschreitung vollzogen.“[15]

Das „Volksblatt“ berichtete einiges über die Stimmung, die an diesem 7. November in Harburg herrschte. „Heute ist die Arbeitsruhe vollständig. In den Lebensmittelbetrieben darf gearbeitet werden, denn jede Hand, die der Ernährung des Volkes dient, soll sich rühren. Der Sympathiestreik soll bis Sonnabend (also bis zum 9. November, d.V.) dauern. In den Nachmittagsstunden zeigten die Straßen ein bewegtes Bild. Überall drängten sich große Massen Neugieriger. Geschäftsleute bewiesen zum Teil übergroße Ängstlichkeit. Sie verschlossen ihre Läden und verhängten ihre Schaufenster. Um fünf Uhr fand ein großer Umzug statt, an dem sich außer viel Militär tausend Zivilpersonen beteiligten. Alle Straßen waren von dichtgedrängten Menschenmassen bevölkert. Die Ruhe wurde nirgends gestört. Halbwüchsige Burschen, die sich gestern mittag an der Elbbrücke durch Hantieren mit Platzpatronen bemerkbar machten, wurden festgenommen und nach gehöriger Verwarnung wieder entlassen.“[16] Etwas ausführlicher schrieben die HAN über die Demonstration: „Der Demonstrationszug setzte sich um 5 Uhr unter Vorantritt der Kapelle des Ersatz-Pionierbataillons Nr. 9 und unter außerordentlich großer Beteiligung von Soldaten und Arbeitern von der Kaserne aus in Bewegung. Er berührte den Rathausplatz, 1. Wilstorfer Straße, Winsener Str., Kochstraße (heute Walter-Koch-Weg, d.V.), Reeseberg, Hauptbahnhof (Harburg, d.V.) und ging dann zur Kaserne. Vor Auflösung des Zuges wurde auf dem Kasernenhof eine Ansprache gehalten und dabei darauf hingewiesen, daß alle jugendlichen Personen unter 16 Jahren der Bewegung fernzubleiben haben. Es wurde zur Ruhe und Ordnung aufgefordert und sofortiges Erschießen derjenigen Personen angedroht, die beim Plündern angetroffen werden. Bei dem Zuge ereignete sich kein Zwischenfall; es wurde auch weiter für musterhafte Disziplin gesorgt. Soldatenpatrouillen durchstreiften am späten Abend und während der Nacht die Stadt, um nach dem Rechten zu sehen. Überall herrscht völlige Ruhe.“[17]

Daß die Platzpatronen einiger Jugendlicher einen solchen Wirbel machten, zeigt, wie unblutig und undramatisch die kaiserliche Ordnung in Harburg zusammenbrach. Überhaupt schienen Ruhe und Ordnung das wichtigste Anliegen zu sein, das die ganz plötzlich an die Macht geschobenen Gewerkschafts- und Parteivertreter hatten. Am Abend des 7. November fand (vermutlich im Volksblattgebäude) eine stark besuchte Funktionärsversammlung statt. Das „Volksblatt“ schrieb: „Ruhige Ordnung zu halten, dieses Mahnwort wurde den Verhandlungen vom Vorsitzenden Genossen Bering vorgestellt.“ Otto Adler, Geschäftsführer des Fabrikarbeiterverbandes (d.h. der stärksten freien Gewerkschaft in Harburg) und Vorsitzender des Gewerkschaftskartells der Stadt, äußerte seine Genugtuung, „daß jetzt, wenn auch spät, sehr spät, die Harburger Unternehmer eingesehen hätten und bereit wären, in den Gewerkschaften die Vertretung der Arbeiterschaft zu erblicken. Alle Streitfragen zwischen Arbeiterschaft und Unternehmern sollen durch Verhandlungen mit den Gewerkschaftsvertretern erledigt werden.“ Zum Schluß mußte wiederum vor bösen Buben gewarnt werden: „An die Bevölkerung richten wir die dringende Aufforderung: Sorgt dafür, daß die Kinder sich nicht in der Stadt herumtreiben! Achtet auf die Halbwüchsigen, die zu Unfug geneigt sind!“[18] 

(3) Traditionsfahne der Harburger Gewerkschaften vor 1869

Zuvor hatte die Zeitung noch berichtet, daß die Versammlung einige Vertreter in den Arbeiterrat nachwählte. Dieser war – zunächst mit einer Stärke von sechs Mann – auf ­dem Hof der Kaserne am Schwarzenberg bestimmt worden.[19]

Die Anerkennung der Gewerkschaften durch die Unternehmer und ihre Verbände wurde in Harburg bereits am folgenden Tag verwirklicht. Am Vormittag des 8. November gab es eine Unterredung zwischen dem Vorstand des Gewerkschaftskartells und dem Vorsitzenden des Verbandes der Arbeitgeber. Dieser erklärte sich bereit, „die Gewerkschaften als die Vertretung der Arbeiterschaft anzuerkennen und über alle Fragen wie Entlohnung, Arbeitszeit, Tarifverträge, Arbeitsnachweis, Kriegsbeschädigtenfürsorge usw. mit den Gewerkschaften zu verhandeln.“[20]

Im benachbarten Wilhelmsburg hatte, wie die „Rote Fahne“ berichtete, zunächst der Hamburger Arbeiter- und Soldatenrat das Sagen. Das „Hamburger Echo“, das unter diesem Namen jetzt wieder von der SPD herausgegeben wurde, schrieb noch am 10. November, daß sämtliche Anordnungen des Hamburger Arbeiter- und Soldatenrats auch für Wilhelmsburg gelten würden.[21] Wie in Harburg wurde besonders die Rüstungsproduktion sofort eingestellt, die Lebensmittelbranche arbeitete weiter. Der Verkehr zwischen Wilhelmsburg und Harburg ruhte am 8. November immer noch, was zu Versorgungsproblemen führte.[22] Bald danach gab es in Wilhelmsburg einen eigenen Arbeiter- und Soldatenrat. Seine Wahl wurde am 11. November im Saal der Gastwirtschaft Stüben und auf Betriebsversammlungen vorbereitet. Die Soldaten wählten bei Stüben einen Rat von 10 Personen, der dann seinerseits einen „engeren Rat“ bestimmen sollte. Die Arbeiter wählten einen Rat aus 18 Mitgliedern, der ebenfalls einen „engeren Rat“ als Exekutive zu bilden hatte.[23] Vorsitzender des Arbeiterrats wurde Wilhelm Henk, Kassierer bei der örtlichen SPD und Wilhelmsburger Berichterstatter für das „Volksblatt“. Den Soldatenrat leitete ein Herr Egeling. Der Wilhelmsburger Gemeinderat bewilligte später (am 28. November) für die laufenden Ausgaben des Rats 20 000 Mark und zwei Räume im Ratskeller des Wilhelmsburger Rathauses in der heutigen Mengestraße.[24] Am 16. November gründete sich im Ratskeller des Rathauses ein Bauernrat. Ein Vertreter des Wilhelmsburger Arbeiter- und Soldatenrats war dabei anwesend und forderte eine enge Zusammenarbeit bei der Lebensmittelversorgung.[25] 

 

„Wir werden gern zurücktreten."

Seit dem Vormittag des 8. November wehten in Harburg rote Fahnen – auf dem Rathaus, dem Landratsamt (an der Eißendorfer Straße, wo heute das Finanzamt steht) und auf dem Postamt.[1] In Harburg gab es eine Art Doppelherrschaft: Offiziell lag jetzt die Macht in den Händen des Arbeiter- und Soldatenrats. An ihrer Spitze standen zwei Persönlichkeiten: Ein Mann namens „Müller“, Leiter des Soldatenrats, und Hugo Paul, Mitglied der USPD und Leiter des Arbeiterrats. Um welchen „Müller“ es sich handelte, ist nicht sicher geklärt. Im Arbeiter- und Soldatenrat gab es einen Wilhelm Müller, Vorsitzender eines Verbandes der Büroangestellten, der in der Karlstraße (heute Kroosweg) wohnte,[2] und den Gewerkschaftssekretär Andreas Müller aus der Marienstraße. „Müller“ und Hugo Paul unterzeichneten anfangs die Aufrufe des Rats (später hatte der Soldatenrat dafür einen eigenen Schriftführer). Andreas Müller, der offenbar schon damals eine wichtige politische Rolle in Harburg spielte, wurde gleichzeitig dem Oberbürgermeister Denicke beigeordnet und wurde so faktisch Mitglied des Magistrats. Dieser behielt den anderen Teil der Macht in den Händen. Die Verwaltung (mit Denicke an der Spitze) war jetzt im Auftrag des Arbeiter- und Soldatenrats tätig, schien aber dennoch ein Eigenleben zu führen. In der Presse (z.B. den HAN) erschienen sowohl Anordnungen des Arbeiter- und Soldatenrats wie des Oberbürgermeisters. Die Verwaltung äußerte sich dabei hauptsächlich zu Fragen der Lebensmittelversorgung.

(4) Heinrich Denicke

(5) HAN-Schlagzeile verkündete das Ende des Kaiserreichs

Auch der Soldatenrat wollte nicht ganz allein bestimmen. Am 8. November verordnete er, daß jetzt die militärische Gewalt beim Garnisonsältesten, einem Major Fellinger, bei Müller und zwei weiteren Mitgliedern des Soldatenrats lag. Waffen durfte nur tragen, wer einen Waffenausweis hatte. Andere hatten ihre Waffen bis „spätestens morgen um 6 Uhr“ abends in der Pionierkaserne abzuliefern. Die aus der Haft entlassenen Personen, die „wegen ernster Vergehen und Verbrechen“ bestraft waren, wurden wieder „in Haft gesetzt“. „Mannschaften und Offiziere haben ihre Achselklappen und Rangabzeichen in der Garnison Harburg zu tragen.“ Als einzige demokratische Änderung des Dienstbetriebes wurde der Zapfenstreich abgeschafft und der Grußzwang in freiwilliges Grüßen umgewandelt. Alle Offiziere, die mit den Maßnahmen des Soldatenrats nicht einverstanden waren, sollten entlassen werden. „Sämtliche in Zukunft zu treffenden Maßnahmen sind nur mit Zustimmung des Soldatenrats zu treffen.“[3] 

Am Nachmittag des 8. November – es war ein Freitag – fand auf dem Schwarzenberg eine stark besuchte Kundgebung statt. Drei- bis viertausend Menschen strömten zusammen. Das „Volksblatt“ berichtete: „Der Vorsitzende des Arbeiterrats, Genosse Paul, wies in einleitenden Worten auf den Ernst der Stunde hin. Wir seien auf dem Wege zu einer freien Republik. Soeben sei aus München die Kunde von der Ausrufung der Republik Bayern gekommen. Binnen 24 Stunden kann auch für Preußen die Entscheidung gefallen sein. Der Militarismus und all jene Gewalten, die bisher das Volk beherrschten, seien zusammengebrochen. Alle Ausschreitungen müssen unterbleiben. Plünderer werden mit unnachsichtiger Strenge bestraft. Am Montag wird in allen Betrieben die Arbeit wieder aufgenommen. Die Lebensmittelbetriebe arbeiten ungestört weiter. Mit einem Hoch auf die freie Republik schloß der Redner.“[4] Laut HAN wählte Hugo Paul einige schärfere Formulierungen, die das „Volksblatt“ offenbar nicht drucken wollte: Er „wies auf die Ziele, die sich auch der hiesige Arbeiter- und Soldatenrat gestellt hat, die freie soziale Völkerbewegung, hin. Der bisher herrschenden Klasse sei die Macht genommen worden.“[5] Über die Rede von Andreas Müller stand im „Volksblatt“: „Genosse Arbeitersekretär Müller gab in einer etwa halbstündigen Rede ein Bild von der Lage, schilderte kurz die Ursachen der jetzigen Ereignisse und wies darauf hin, daß eine Bewegung wie diese nicht in Kleinigkeiten und Nichtigkeiten enden dürfe. Hat sich diese Bewegung erst einmal befestigt, was in kurzer Zeit der Fall sein werde, dann sollen die Herrschenden in Berlin nicht mehr wagen, sie unterdrücken zu wollen. In diesem Fall gibt es einen Kampf auf Leben und Tod, bei dem wir für fast alles einzustehen haben, oder es geht alles zugrunde. Jede Minute kann die Nachricht von Berlin eintreffen, daß der Kaiser, einer der Hauptschuldigen an dem heutigen Elend in der Welt, zurückgetreten ist. Der Rücktritt des Kaisers ist erstes Erfordernis für eine friedliche Entwicklung der Dinge. Um Wilhelm II. darf auch nicht ein Tropfen Blut mehr fließen. (Erregte Stimmen aus der Versammlung: ‘Abtreten! Zylinder nehmen!’) Für unsere Stadt Harburg ist alles geschehen, was im Interesse des Ganzen und für unsere Sache bisher geschehen konnte. Alle öffentlichen Gewalten haben sich dem Befehle des Arbeiter- und Soldatenrats unterstellt. Das Militär ist auf unserer Seite. Jeder soll sein Tagewerk weiter verrichten wie bisher. Niemand solle auch nur den geringsten Schaden erleiden. Unbotmäßigkeiten jeder Art werden wir auf das unnachsichtigste zu ahnden wissen. Für den Magistrat sei er, Müller, als Beigeordneter des Oberbürgermeisters bestimmt. Die Lebensmittelverteilung bleibt nach wie vor in den Händen des Magistrats, dessen Anordnungen in dieser Sache nach wie vor unbedingt nachgekommen werden muß.“[6]

Am Abend des 8. November wandte sich der Arbeiter- und Soldatenrat selbst in einem Aufruf an die Bevölkerung, der öffentlich angeschlagen wurde. Dort hieß es:
„An die Einwohnerschaft Harburgs! (...) Die öffentliche Gewalt ist von heute ab in die Hände des Arbeiter- und Soldatenrats übergegangen. Es wird bestimmt:

– Die städtischen Behörden haben ihre Tätigkeit wie bisher unter Kontrolle des Arbeiter- und Soldatenrats weiterzuführen.
– Das persönliche Eigentum untersteht unserem Schutze. Wer sich daran vergreift, wird streng bestraft.
– Räubereien und Plündereien werden mit dem Tode bestraft.
– Die Lebensmittelversorgung des Volkes geht vorläufig in bisheriger Form weiter.
– Theater und Kinos bleiben geöffnet.
– Polizeistunde regelt sich nach den bisherigen Bestimmungen.
– Verfügungen und Anordnungen können nur vom Arbeiter- und Soldatenrat erlassen werden.
– Jeder Beauftragte muß sich durch einen Schein, mit Namen und Unterschrift eines Mitgliedes des Rates versehen, ausweisen können.
Für den Soldatenrat: Müller. Für den Arbeiterrat: Paul.“

Im Anschluß daran forderte der Magistrat auf dem gleichen Plakat die Bevölkerung auf, „im Interesse der Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung“ den Anordnungen des Rats Folge zu leisten.[7]

Hier wurde also ein deutlicher Machtanspruch formuliert. Bemerkenswert war allerdings, daß in diesem ersten Aufruf des Rats keine politischen Ziele genannt wurden.

Am Sonnabend, dem 9. November, lasen die Harburger in großen Schlagzeilen von der Abdankung des Kaisers. Die Revolution schien endgültig gesiegt zu haben.

Auch die „Harburger Anzeigen und Nachrichten“ publizierten nun die Verlautbarungen des Harburger Arbeiter- und Soldatenrats. Irgendwelcher Kommentare enthielt die Zeitung sich. Von „Bolschewisten“, die nun auch in Harburg ihr Unwesen trieben, war jetzt plötzlich keine Rede mehr.

In Harburg gab der Arbeiter- und Soldatenrat bekannt, daß Polizeibeamte in Verbindung mit Beauftragten des Rates den Straßenverkehr zu regeln hätten. Für den kommenden Montag wurde noch einmal zur Wiederaufnahme der Arbeit aufgefordert. „Laut Vereinbarung mit den Herren Arbeitgebern ist der Lohn für die Streiktage nach dem bisher erzielten Durchschnittsverdienst bei der nächsten Lohnzahlung zu zahlen.“[8] In einer weiteren Anordnung wurde appelliert: Um die Knappheit von Banknoten und Kleingeld zu beseitigen, ist zurückgehaltenes Geld unverzüglich den öffentlichen Geldinstituten zuzuführen.[9]

Am Sonntag erschien dann ein längerer Aufruf des Arbeiter- und Soldatenrats, in dem er sich über seine politische Funktion äußerte. Auch dieser Text wurde auf Plakaten in Harburg angeschlagen. Es hieß dort:

„Aufruf an alle Volksgenossen! An die Einwohnerschaft von Harburg und Umgegend!
Nachdem der Arbeiter- und Soldatenrat sich in den Besitz der gesamten Macht gesetzt hat, halten wir es für unsere Pflicht, alle Volksgenossen darüber aufzuklären, daß wir unsere Macht rücksichtslos brauchen, aber niemals mißbrauchen werden. Denn wir wollen nicht die Herrschaft der Gewalt, sondern die Herrschaft des Rechts begründen. Wir wissen, daß eine Herrschaft der Macht nichts Dauerndes, sondern nur das Recht unvergängliche Werte schaffen kann. Wie wir stets bestrebt waren, den Weltkrieg, der in Wahrheit gar nicht Krieg, sondern Weltrevolution und Weltsintflut ist, durch einen allgemeinen Frieden des Rechts abzuschließen und zu sühnen, so sind wir auch bestrebt, innerhalb der einzelnen Staaten und Volkswirtschaften einen Rechtsfrieden aufzurichten. Wir wissen, daß es Unsinn und Wahnsinn wäre, einen Rechtsfrieden in der Welt zu wollen und andererseits die Diktatur einzelner Volksklassen innerhalb der Staaten zu verewigen. Wir wenden uns gegen jede Gewalt!

Wir wollen überall die Herrschaft des Rechts. Und nur deshalb, um gegenüber den bisherigen Gewalten die Herrschaft des Rechts aufzurichten, haben wir in den Arbeiter- und Soldatenräten eine vorläufige Organisation geschaffen. Wir wollen nur die alte Gewalt stürzen, damit ein wahrhaftes und neugeborenes Recht an ihre Stelle treten kann. Der Arbeiter- und Soldatenrat wird seine Herrschaft an dem Tag niederlegen, an dem er sichere Gewähr für die künftige Herrschaft des Rechts im deutschen Volksstaat in allen seinen Einrichtungen erlangt hat.

Wenn der neue Reichstag, der aus dem gleichen, direkten und geheimen Wahlrecht aller mündigen Männer und Frauen hervorgegangen ist, sich als Nationalversammlung konstituiert hat, wenn ferner in Staat und Gemeinden aufgrund desselben Wahlrechts wie zum Reichstag Vertretungen geschaffen sind, die allen Bevölkerungsklassen die Möglichkeit zur Mitarbeit sichern, wird der Arbeiter- und Soldatenrat gern zurücktreten.

Wir wollen niemanden terrorisieren, aber wir wollen und brauchen die Mitarbeit aller Volksgenossen ohne Ausnahme. Wir wollen den wahrhaft geistigen Kräften und Ideen des Volkes, die allein berufen sind, die neue Welt zu bauen, zum Durchbruch verhelfen, die unter der Herrschaft der bisherigen Gewalthaber nicht ans Licht steigen konnten.
Jeder einzelne soll in der neuen Welt frei seine Kräfte und Fähigkeiten regen können, solange er nicht die Freiheit seiner Mitmenschen behindert.

Volksgenossen, laßt euch nicht täuschen durch harte und bittere Geschehnisse dieser Tage. Sie waren unvermeidlich. Sie sind nur der Schlackenregen eines vulkanischen Ausbruchs, dem der glühende Strom lebendiger schöpferischer Kräfte folgen wird.

Volksgenossen! Wir sehen die neue Zukunft, wir sehen ihr Morgenrot emporsteigen. Glaubt mit uns an die glückliche, schönere und friedliche Welt, die wir schaffen wollen.
Helft alle mit dazu! Alle, ohne Ausnahme! Wir bauen für alle und alle müssen helfen. Denn wir wollen nicht die Herrschaft der Gewalt, sondern die Herrschaft des Rechts!

Harburg, den 10. November 1918.
Der Arbeiter- und Soldatenrat von Harburg und Umgegend.“[10] 

Aus diesem Aufruf wird deutlich: Der Harburger Arbeiter- und Soldatenrat sah sich selbst als Provisorium und wollte so früh wie möglich einer gewählten Volksvertretung Platz machen. Konkrete Vorstellungen über eine neue Gesellschaftsordnung wurden nicht formuliert, es blieb bei unverbindlichen Sehnsüchten („Morgenrot“, „glücklichere, schönere und friedliche Welt“). Ein Bruch mit den Stützen des alten Regimes, mit Besitzbürgertum, Armee und Beamtenschaft, wurde vermieden, im Gegenteil: „Alle, ohne Ausnahme“ sollten mitarbeiten. Alle Klassen, nicht nur das Proletariat, sollten in der neuen Ordnung ihren Platz haben. Von einer Politik nach der Losung: „Alle Macht den Räten“ (als ständiges Gestaltungsprinzip und nicht nur als Provisorium) war der Harburger Arbeiter- und Soldatenrat also meilenweit entfernt.

Am Montag, dem 11. November, wurden unter einer Anordnung erstmalig die Namen des Arbeiter- und Soldatenrats veröffentlicht: „W. Baetke, B. Fischer, H. Klemm, H. Paul, O. Günther, W. Müller, Pietsch, Paykowski, Richter, Adler, Bockelmann, Breu, Danker, Fricke, Gaebel, Hahnemann, Karolin, Kofahl, Korfhaus, Lazer, A. Müller, Marquardt, Neben, Peter, Schulz, Torge, Weeke.“[11] Neben Andreas Müller, Wilhelm Müller und Hugo Paul tauchten hier einige bekannte Namen auf. Hugo Klemm (SPD) trat später als Senator in den Magistrat ein und war bis 1933 einer der wichtigsten Harburger Kommunalpolitiker. Otto Adler (SPD) war noch längere Zeit Vorsitzender des Gewerkschaftskartells in Harburg. Carl Danker (USPD) trat später der KPD bei. Bei „Peter“ handelte es sich um Ludwig Peter, der später lange Jahre Betriebsratsvorsitzender auf der heutigen Phoenix war.[12]

(6) Solche Ausweise hatten die Mitglieder des Arbeiter- und Soldatenrats

Es wurde mitgeteilt, daß sich die Polizeidirektion in den Dienst des Arbeiter- und Soldatenrats gestellt hat. Polizeibeamte sollten nun zusammen mit einem „Militär-Unteroffizier“ Dienst tun. Ein einfacher Soldat langte dafür offenbar nicht.

Der Rat mußte sich mit ganz praktischen Dingen beschäftigen. Münzgeld war so knapp, daß Thörls Vereinigte Harburger Ölfabriken und die Vereinigten Gummifabriken Harburg-Wien (die heutige Phoenix) keine Löhne auszahlen konnten. Statt dessen gaben sie Gutscheine aus, die ab 2. Januar 1919 bei der Hannoverschen Bank (heute die Deutsche Bank an der Ecke Bremer Straße / Harburger Rathausstraße) eingelöst werden konnten. Der Rat bestimmte, daß solche Gutscheine auch bei Geschäftsleuten in Zahlung genommen werden konnten.[13] 

Der Arbeiter- und Soldatenrat veröffentlichte seine Anordnungen mit dem Zusatz „von Harburg und Umgegend“. Das war keine leere Floskel. Seine Zuständigkeit erstreckte sich auch auf den Kreis Harburg-Land (ohne Wilhelmsburg), zu dem die Stadt Harburg selbst damals nicht mehr gehörte, nicht jedoch auf den Kreis Winsen. In Winsen hatte sich am 8. November ein eigener Arbeiter- und Soldatenrat gebildet, an dem auch ein früherer Harburger mitwirkte: ein Sozialdemokrat namens Max Corsing.[14]  Im Kreis Harburg-Land sollten Gendarmen und Hilfsgendarmen die Aufgaben der Polizei weiterführen, und zwar ohne Beauftragte des Harburger Arbeiter- und Soldatenrats.[15]  Dennoch mußte der Rat ab und zu selbst tätig werden. In Eddelsen waren drei Soldaten in das Haus des Gemeindevorstehers eingedrungen und hatten Essen und Unterkunft verlangt. Danach wollten sie gleich die Gendarmerie entwaffnen. Die Soldaten wurden, wie es hieß, „dem Harburger Arbeiter- und Soldatenrat überstellt“. Vielleicht wegen dieses Vorfalls wurde verfügt, daß „Haussuchungen und Requisition“ im Landkreis nur unter Hinzuziehung des zuständigen Gendarmeriewachtmeisters oder Mitglieder des Arbeiter- und Soldatenrats vorgenommen werden durften.[16]  Später gab es auch einen Arbeiter- und Soldatenrat für den Kreis Harburg-Land. Er wurde am 28. Dezember auf einer Kreiskonferenz aller Räte im Harburger Landratsamt gewählt. Wilhelm Henk aus Wilhelmsburg wurde als „Verwaltungsbeirat“ für den Landkreis benannt. Mit ihm hatte sich jetzt Landrat Rötger abzustimmen.[17] 

Das bürgerliche Harburg blieb jedoch nicht stumm. Obwohl der Kaiser schon in Holland war, meldeten sich die „Vaterlandsverteidiger“ immer noch zu Wort. Am 12. November las man in den HAN eine Anzeige unter der Überschrift „Hunde an die Front“: „Besitzer kriegsbrauchbarer Hunde“ sollten ihr Tier dem „Vaterland leihen“, weil sie an der Front Melde-Tätigkeiten übernehmen könnten.[18] Einen Tag später sprach sich ein „liberaler Verein“ aus Mitgliedern der linksliberalen Fortschrittlichen Volkspartei (der späteren Deutschen Demokratischen Partei, DDP) für die möglichst schnelle Einberufung einer Nationalversammlung aus, um den Einfluß der Räte zu beenden.[19]

(7) Hunde – das letzte Aufgebot?

Am gleichen Tag erschien in großer Aufmachung eine merkwürdige Anzeige in den HAN. Sie warb für die Unterstützung des Arbeiter- und Soldatenrats, da dieser „in seiner bisherigen Haltung für Aufrechterhaltung von Ruhe, Ordnung und Sicherheit tatkräftig eintritt“. Unterzeichnet wurde der Aufruf von allen, die im bürgerlichen Harburg Rang und Namen hatten: Kaufleute, Lehrer, Industrielle wie Max Brinckman (HOBUM), W. Christiansen (Christiansen & Meyer), Senator Hastedt, August Prien, Teischinger (Harburg-Wien, heute Phoenix). Jüdische Kaufleute wie Iwan Hahn und Ludwig Fließ standen darunter einträchtig neben der erzreaktionären und antijüdischen Pseudogewerkschaft „Deutsch-nationaler Handlungsgehilfenverband“.[20] Was war wohl das Motiv für eine derartige Anzeige? Vermutlich wurde die Unterstützung bewußt so demonstrativ ausgedrückt, weil die Unterzeichner wußten, daß von diesem Rat „Ruhe und Ordnung“ und nicht etwa Veränderung zu erwarten waren. Der Wink mit dem Zaunpfahl der „bisherigen Haltung“ sollte wohl signalisieren, daß man auch anders könnte, wenn der Rat die Erwartungen der Unternehmer nicht erfüllte.

Der Rat bemühte sich denn auch nach Kräften, der alten Beamtenschaft nicht auf den Schlips zu treten. Die Zollbeamten des Außendienstes, so ordnete er an, „sind im Dienste zum Tragen des Seitengewehres (Säbel) berechtigt.“[21] Wenn allerdings Geschäftsleute Lebensmittel horteten, anstatt sie unter die Leute zu bringen, schritt der Rat ein. Am 16. November wurde auf seine Veranlassung das Geschäft de Vlieger in der Lüneburger Straße durchsucht. Gefunden wurden 90 Gläser Öl, 8 Zentner Roggen, 3 Zentner Mehl. Die Waren wurden beschlagnahmt. „Mit großer Dreistigkeit wurde versucht, die Beschlagnahme zu vereiteln. Auf Veranlassung des Schwiegersohns von de Vlieger, Dr. Schmidt, erschienen bewaffnete Soldaten. Der Putsch wurde jedoch bemerkt und verhindert.“[22] Offenbar traten hier Soldaten gegen den eigenen Soldatenrat auf – ein Zeichen, daß beileibe nicht alle Uniformierten hinter der neuen Ordnung standen.

(8) Harburgs Bürgertum unterstützt den Arbeiter- und Soldatenrat

Am gleichen Tag verkündete der Arbeiter- und Soldatenrat eine wichtige Errungenschaft der Revolution: Am kommenden Donnerstag, dem 21. November, werde der Achtstundentag in Kraft treten. Im Lebensmittelgewerbe und im Verkehrswesen seien Ausnahmen zulässig, insgesamt dürfe aber auch hier nicht länger als 48 Stunden pro Woche gearbeitet werden. Weitere Ausnahmen seien für eine Übergangszeit möglich, wenn eine Betriebsversammlung zustimme. Längere Arbeitszeit müsse dann aber in Form von Überstunden abgegolten werden. Bei der achtstündigen Arbeitszeit sei der gleiche Lohn zu zahlen wie vorher bei der längeren Arbeitszeit. In Streitfällen sei der Wirtschaftsausschuß des Arbeiter- und Soldatenrats anzurufen.[23]

Für die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln war zwar der Magistrat zuständig. Aber nach dem Bericht eines Zeitzeugen kümmerte sich der Arbeiter- und Soldatenrat auch selbst um dieses Problem. So schickte er Abordnungen in den Landkreis, um mit den Bauern über die Herausgabe von Kartoffeln zu verhandeln. Dabei wurde auch ab und zu mit Gewalt gedroht. Aber den Bauern sei nie alles weggenommen worden.[24]

In Lohmanns Park (er lag damals zwischen Haake- und Heimfelder Straße in der Nähe des Lohmannswegs) veranstaltete die Harburger USPD am 17. November eine Kundgebung. Hauptredner war der USPD-Vorsitzende der Ortsgruppe Hamburg, Wagner: „Das Herrentum sei gebrochen, die Revolution habe gesiegt und nun hieße es, einen rein sozialistischen Staat zu gründen, der zum Wohle der gesamten Arbeiterschaft sei.“ Trotz aller Differenzen sprachen bei solchen Kundgebungen noch Vertreter beider Arbeiterparteien. Arbeitersekretär Müller (SPD) fand es wichtig, daß jetzt die Zerrissenheit aufhören und Einigkeit erzielt werden müsse. Hugo Paul (USPD) schlug vor, daß Vertrauensmänner aus beiden Parteien über die Einheit reden sollten.[25]

Es war die erste Veranstaltung der neugegründeten USPD-Ortsgruppe. Die „Rote Fahne“, die auch über diese Veranstaltung berichtete, schilderte die Schwierigkeiten, vor denen die Partei stand. „Hier wie auch in vielen anderen Orten Deutschlands hatte man mit den schwierigsten Verhältnissen zu kämpfen, keine Presse, keine geschulten Redner, dazu Versammlungsverbot usw., immer auf Hamburg angewiesen, wo oft ebenfalls ein Mangel an Rednern vorhanden war. ... Befreit vom Belagerungszustand war es endlich möglich, am Sonntag, dem 17. November, eine Volksversammlung einzuberufen. Auf zwei kleine Inserate und einige hundert Laufzettel hatten sich doch ca. 800 Personen eingefunden; sie lauschten mit sichtlichem Interesse den Ausführungen des Genossen Wagner.“ Es stand für ihn fest, daß die Mittelmächte den jetzigen Weltbrand heraufbeschworen hätten. Die Unabhängigen hätten deshalb auch nicht an den „Verteidigungskrieg“ geglaubt. Die Revolution sei geglückt. Als die kapitalistische Macht einsah, daß sie die Knebelung der Arbeiterschaft in der bisherigen Form nicht mehr durchführen konnte, habe sie sanftere Saiten aufgezogen, „doch ohne den von ihr beabsichtigten Erfolg. Was die Peitsche nicht vermochte, brachte auch das Zuckerbrot nicht fertig.“ Andreas Müller (SPD) wird von der Zeitung mit den Worten zitiert: Jetzt sei nicht die Zeit, über Fehler zu diskutieren. Es müsse über die Einigkeit geredet werden, „sonst geht die ganze augenblickliche Bewegung verloren, zumal schon reaktionäre Massen am Werke seien.“[26]

Zu den Gründungsmitgliedern der Harburger USPD gehörten: Friedrich Nowack, Hein Weller, Emil Schiusdziara (genannt „Schus“), Franz Neuring, Carl Danker, August Wiering, Gustav Bergmann sen., Hugo Paul, Karl Wüpperling, August Ernst, Hans Knorre, Kurt Hüllner. Friedrich Nowack ging ein Jahr später wieder zur SPD, Franz Neuring und Gustav Bergmann gründeten kurz danach die KPD. Kurt Hüllner hatte am Kieler Matrosenaufstand teilgenommen.[27]

Die Rätebewegung schien in Harburg trotz der Selbstbeschränkung des Arbeiter- und Soldatenrats auf die Zeit bis zur Konstituierung einer gewählten Gemeindevertretung so populär zu sein, daß sich auch Kräfte an die Gründung von Räten machten, die nicht zur Arbeiterschaft oder den Soldaten gehörten.

So wurde am 18. November ein „Bürgerrat“ für die Stadt Harburg gegründet. Vertreter verschiedener wirtschaftlicher Körperschaften und Standesvereinigungen hoben ihn aus der Taufe. Er verabschiedete eine Entschließung, in der es hieß: Zur Aufrechterhaltung eines geordneten Staats- und Wirtschaftslebens in einem Volksstaat sei die Mitarbeit des Bürgertums nicht zu entbehren; sie seien entschlossen, dessen volle Gleichberechtigung bei allen staatlichen Maßnahmen zu wahren. Man stelle sich aber „auf den Boden der Tatsachen“. Der Bürgerrat wolle seine Interessen wahrnehmen und bei der Beschlußfassung in der Stadt mitwirken. Auch andere Räte, die sich neben dem Arbeiter- und Soldatenrat gebildet hätten, wolle der Bürgerrat ansprechen.[28]

Über Aktivitäten dieses Bürgerrats – außer der Abgabe von Erklärungen – ist jedoch nichts bekannt, auch in den ihm nahestehenden „Harburger Anzeigen und Nachrichten“ wurde wenig berichtet.[29] Eine gewisse Bedeutung hatte er als propagandistisches Gegengewicht gegenüber dem Arbeiter- und Soldatenrat. Einfluß auf die Harburger Verwaltung blieb ihm offenbar verwehrt.

Für den 20. November wurde im Kreis Harburg-Land ein „Bauernrat“ nach Tostedt einberufen. Auch in Wilhelmsburg gab es, wie bereits erwähnt, einen solchen Bauernrat.[30]

Einem Harburger „Beamtenrat“, von dem am 29. November berichtet wurde, war ein ähnliches Schicksal wie dem „Bürgerrat“ beschieden: Es gab weder Resonanz noch Aktivitäten, die irgendein Presseecho fanden.[31]

Es gab aber auch Stimmen, die von Räten überhaupt nichts hielten. So wurde gerade in jener Zeit – offenbar vom preußischen Kultusministerium – die Bildung von „Schülerräten“ empfohlen, was natürlich nichts mit der politischen Rätebewegung zu tun hatte. Die Prima des Harburger Realgymnasiums (es war das Schulgebäude in der Eißendorfer Straße, in dem heute die Gesamtschule Harburg untergebracht ist) lehnte im Dezember „einmütig und aus freien Stücken“ einen Schülerrat ab. „Der Gedanke ist in unseren Augen so unsinnig und töricht, daß wir auf die schärfste Weise gegen ihn Protest erheben.“ Einmal seien die Verhältnisse in der Schule so, daß sie keinen Schülerrat bräuchten, außerdem würde er eine Entfremdung zwischen Lehrern und Schülern bewirken. „Überdies würde durch einen Schülerrat der Geist der Unterordnung und Disziplin, der die Vorbedingung für eine gute Erziehung bildet, völlig zerstört werden.“[32] Man sieht: Irgendein revolutionärer Funke war zu diesen Schülern, die vermutlich ausschließlich aus der Oberschicht stammten, nicht übergesprungen.

In der Nacht vom 10. zum 11. November war der Waffenstillstand unterzeichnet worden. Die deutschen Truppen, die noch außerhalb der Grenzen standen, mußten nach Deutschland zurückgeführt werden. Auf den Harburger Arbeiter- und Soldatenrat kamen jetzt neue Aufgaben zu. Innerhalb von 8 Tagen, so meldete die Presse am 20. November, müßten in Harburg Stadt und Land Gebäude bereitgestellt werden, in die Militär einquartiert werden konnte.[33] Der Rat hatte sich auch um Entlassungsgelder z.B. für Unteroffiziere zu kümmern.[34]

Angeblich zur Sicherung der Harburger Einwohnerschaft wurden in Harburg bewaffnete Kräfte gebildet, die in enger Beziehung zur Leitung der Harburg-Wien (Phoenix) standen und auch auf deren Gelände stationiert waren. Es war eine „Sicherheitswache“, die mit einem nicht näher beschriebenen „bewaffneten Automobil“ ausgerüstet war. In Fällen von Plünderung oder Einbrüchen sollte sie „jederzeit alarmiert werden“ können. Man brauchte nur bei Emil Teischinger oder Carl Maret jr. vom Vorstand der Harburg-Wien anzurufen. Der Soldatenrat fungierte als Mitunterzeichner für die Bildung dieser „Wache“. Ob diese Truppe auch vom Soldatenrat kontrolliert wurde oder selbstherrlich schalten und walten konnte, geht aus den Berichten nicht hervor.[35]

Aus den Nachrichten, die aus Berlin eintrafen, mußten die Harburger den Eindruck gewinnen, daß große gesellschaftliche Veränderungen bevorstünden. So hatte der Rat der Volksbeauftragten unter Friedrich Ebert eine Kommission beauftragt, schleunigst ein Gutachten zu erstellen, „welche Betriebe sofort vergesellschaftet werden sollen“. Ebert erklärte: „Die Sozialisierung ist eingeleitet, aber ohne Experimente, nicht auf einzelne Fabriken, sondern auf ganze Gruppen erstreckt.“[36] Damals konnte noch niemand wissen, daß die Tätigkeit dieser Kommission wie das Hornberger Schießen ausging: Nicht ein einziger Betrieb wurde sozialisiert.

Die Vorliebe des Arbeiter- und Soldatenrats für die Farbe Rot hielt sich in Grenzen. Ab 28. November mußten die Mitglieder schwarz-rot-goldene Binden tragen, die mit „Arbeiter- und Soldatenrat Harburg“ bestempelt waren. Wer unbefugt ähnliche Binden trug, sollte „unnachsichtig bestraft“ werden.[37]

Der Wilhelmsburger Arbeiter- und Soldatenrat hatte sich wie der Harburger hauptsächlich mit der Lebensmittelversorgung zu beschäftigen. Oft mußten Häuser nach gehorteten Waren durchsucht werden. Das „Hamburger Echo“ berichtete über eine solche Aktion: „Bei dem Arbeiter- und Soldatenrat in Wilhelmsburg laufen fortgesetzt Anzeigen ein, daß dieser oder jener Lebensmittel hat, die nicht rechtmäßig in seinen Besitz gelangt sein können. Eine auf eine derartige Anzeige hin unternommene Haussuchung bei dem Lokomotivführer Opfermann, Eichenallee, förderte dann auch ein ganzes Lager von Lebensmitteln ans Tageslicht. Man fand u.a. Roggen, Bohnen, Graupen, Haferflocken, Reis, Kaffee, Nudeln, Tee, Hafergrütze, Maizena, Grieß, Weizenmehl, Zucker, Seifenpulver und eine ansehnliche Menge Weine und sonstige Getränke. Außerdem brachte O., der gerade vom Dienst kam, noch zehn Pfund Kartoffelmehl mit. Sämtliche Sachen, die wahrscheinlich nur von Diebstählen herrühren, wurden beschlagnahmt. Alle bisher und in Zukunft beschlagnahmten Lebensmittel sollen, soweit sie sich dazu eignen, in erster Linie dazu dienen, unseren Kranken eine bessere Kost zuteil werden zu lassen.“[38] Ein ständiges Problem in Wilhelmsburg waren die Lebensmitteldiebstähle auf dem Bahnhofsgelände. Hier organisierte der Rat Soldatenpatrouillen und drohte, daß auf Plünderer sofort geschossen werde.[39] Am 19. November konnte die Wilhelmsburger Gendarmerie wieder ihren Dienst antreten. Die Polizisten gingen gemeinsam mit Mitgliedern des Arbeiter- und Soldatenrats auf Streife. Es wurde verordnet: „Im Dienste tragen sie ein deutlich sichtbares rotes Abzeichen. Ihren Anordnungen ist unbedingt Folge zu leisten.“[40] 

Auch die Rolle eines Fundbüros übernahm der Wilhelmsburger Arbeiter- und Soldatenrat. Am 20. November las man in der Presse: „Gefunden wurde ein Portemonnaie mit Inhalt. Abzuholen beim A.- und S.-Rat im Ratskeller, Wilhelmsburg.“[41] 

 

Die Harburger Räte entmachteten sich selbst

Die Wahlen zur Nationalversammlung nahmen konkrete Formen an. Das Deutsche Reich wurde in 38 Wahlkreise eingeteilt. Harburg und der Kreis Harburg-Land gehörten zum Wahlkreis 16, der die Regierungsbezirke Hannover, Hildesheim, Lüneburg und Braunschweig umfaßte.[1] 

Die Tage der Räteherrschaft schienen also gezählt zu sein. Der Ton derer, denen die ganze Richtung sowieso nicht paßte, wurde schärfer. Die bürgerliche Presse schoß sich wieder auf den „bolschewistischen“ Feind ein. Am 4. Dezember las man in den „Harburger Anzeigen und Nachrichten“ auf Seite 1 Schlagzeilen wie „Bolschewismus in einer Berliner Fabrik“ und „Ein Putsch der Spartakusleute in Essen“.[2] Gegenüber dem Arbeiter- und Soldatenrat vor Ort hielt sich die Zeitung weiterhin zurück. Sie veröffentlichte die Beschlüsse des Rats, ohne sie zu kommentieren.

Am 6. Dezember sollte im Harburger Rathaus die erste Sitzung der Städtischen Kollegien nach der Revolution stattfinden. In der veröffentlichten Tagesordnung kam der Arbeiter- und Soldatenrat immerhin in Punkt 2 vor. Punkt 1 hieß: „Bewilligung von Beihilfen für zwei Kaninchen-Ausstellungen.“ Dann kam Punkt 2: Bewilligungen „von Entschädigungen und Vergütungen für im Dienste des A.- und S.-Rates stehende Personen.“[3] An der Sitzung nahmen als Vertreter des Rats Arbeitersekretär Müller und Hugo Klemm teil. Bevor man auf die Kaninchen zu sprechen kam, hielt Oberbürgermeister Denicke doch noch eine Ansprache zur aktuellen politischen Situation. Zum Ausgang des Krieges meinte er: Es sei nicht unser Amt, die Frage nach Schuld am Krieg zu stellen. Er dankte „unseren tapferen, braven Truppen“. „Nicht als geschlagenes Heer, sondern unbesiegt und ungebrochen in ihrer Seele kehren sie heim.“ Mit ähnlichen Worten begrüßte auch der Sozialdemokrat Ebert in Berlin die zurückkehrenden Soldaten. Denicke sagte dann, er stelle sich in „Anerkennung der neuen republikanischen Staatsform (...) auf den Boden der vollzogenen Tatsache.“ Er bekannte sich auch zur Zusammenarbeit mit dem Arbeiter- und Soldatenrat und gab bekannt, daß Andreas Müller als Beigeordneter künftig im Magistrat mitwirken würde. Er schloß mit dem Wunsch, „daß unsere Stadt bis zur gesetzlichen Neuordnung aller Verhältnisse vor weiteren inneren Erschütterungen bewahrt bleiben möge“.[4] Der verlorene Krieg, die Abdankung des Kaisers und die Revolution waren offensichtlich ein schwerer Schlag für den im Grunde sehr konservativen Mann. Dennoch besaß er Realismus genug, um mit der Sozialdemokratie und dem Rat zu kooperieren. Daß diese mit ihrer neuen Macht übervorsichtig umgingen und nicht gerade eifrig auf Veränderungen drängten, mag den Oberbürgermeister in seiner Haltung bestärkt haben.

Der Arbeiter- und Soldatenrat hatte mehrere Kommissionen gebildet, so auch eine Polizeikommission, die mit der alten Polizeidirektion zusammenarbeiten sollte. Obleute waren ein Herr Bolten und der spätere SPD-Senator Hugo Klemm. Auch diese Kommission beschäftigte sich mit dem zentralen Thema der Revolution in Harburg: mit der Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung. In einem Aufruf, der am 7. Dezember veröffentlicht wurde, hieß es: „Im Interesse der öffentlichen Sicherheit und Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung wird folgendes bestimmt: Das ziellose Auf- und Abwandern in der Lüneburger Straße und 1. Wilstorfer Straße vom Sand bis zur Moorstraße wird allen jugendlichen Personen bis zum 18. Lebensjahre von 6 Uhr abends streng verboten. Die Militärpatrouillen sowie die durch Armbinden mit dem Aufdruck ‘Polizei’ erkenntlichen Sicherheitsorgane und die städtischen Polizeibeamten sind auf strenge Durchführung dieser Verordnung hingewiesen. ... Zuwiderhandlungen werden unnachsichtig bestraft.“[5]

(9) Das Harburger Theater

Harburg hatte damals ein Stadttheater in der Turnerstraße (heute Friedrich-Ludwig-Jahn-Straße; das Theater wurde im Zweiten Weltkrieg durch Bomben zerstört). Hier fand am 9. Dezember, an einem Sonntagvormittag, eine Soldatenversammlung statt. Eingeladen hatte der Arbeiter- und Soldatenrat. Hauptredner war Andreas Müller, rund 1000 Menschen waren erschienen. Auch er beschäftigte sich mit der Kriegsschuldfrage. Anders als Denicke sprach er die kriegerische Politik des Kaiserreichs in den Vorjahren des Weltkriegs an: im China-Feldzug, im Burenkrieg und in der Marokko-Affäre. „Der Redner“, so berichteten die HAN, „ging auch auf das Treiben der Spartacusgruppe ein, das energisch bekämpft werden müsse.“ Zum Schluß betonte er, die schnelle Einberufung der Nationalversammlung sei erforderlich. Die Zeitung vermerkte an dieser Stelle Zwischenrufe wie: „Der 16. Februar ist viel zu spät!“[6]

Auch die Harburger Arbeiterparteien tagten. Am 13. Dezember traf sich die USPD, bei der ein Genosse Bergmann aus Hamburg sprach. Der Redner schilderte, wie „die Gegenrevolution immer frecher ihr Haupt erhebt“. Er forderte: „Arbeiter, seid auf dem Posten!“ Die „Rote Fahne“ schrieb dann offenbar ganz ohne Ironie: „Von einer Diskussion wurde Abstand genommen, um den Eindruck des Referats nicht zu verwischen.“ Auf dieser Versammlung wurde auch berichtet, daß ein Brief von der SPD „zwecks Verständigung“ eingegangen war. Er sollte auf der nächsten Mitgliederversammlung besprochen werden. Der Brief war wohl ein Ergebnis der Vereinbarung zwischen Andreas Müller und Hugo Paul auf der USPD-Gründungsversammlung vom 17. November.[7]

Die „Rote Fahne“, ursprünglich Organ des Hamburger Arbeiter- und Soldatenrats, war inzwischen Parteizeitung der Hamburger USPD geworden. Vom 16. Dezember an hieß sie „Hamburger Volkszeitung“ (HVZ). Die Harburger USPD-Mitglieder, die ja keine eigene Tageszeitung hatten, wurden aufgefordert, die HVZ zu abonnieren. Die Zeitung unterhielt Filialen in mehreren Hamburger Stadtteilen und im Umland, südlich der Elbe in Wilhelmsburg, Neuhof und Moorburg, später auch im (damals hamburgischen) Cuxhaven, aber merkwürdigerweise nicht in Harburg. Entsprechend spärlich waren die Berichte aus der Stadt.[8]

Schon kurze Zeit danach fand eine weitere USPD-Versammlung statt. Dort wurde in einer Resolution der frühe Termin der Wahl zur Nationalversammlung bedauert. Die Partei finde sich jedoch mit der Tatsache ab und verspreche, „alle Kräfte anzuspannen, um die sozialistischen Früchte der Revolution zu sichern.“[9]

In Lüneburg tagte (vermutlich am 9. Dezember) eine Vertreterversammlung aller Arbeiter- und Soldatenräte aus dem Regierungsbezirk Lüneburg. 23 Delegierte waren von den Arbeiterräten entsandt, 38 von den Soldatenräten. Auch der in Tostedt gebildete Bauernrat schickte zwei Vertreter. Aus Harburg waren Otto Adler vom Arbeiterrat und Wilhelm Müller (in der Presse wurde er als „Unteroffizier“ aufgeführt) vom Soldatenrat gekommen. Ein Mitglied der USPD – z.B. Hugo Paul – war aus Harburg nicht nominiert worden. Die Versammlung hatte Delegierte zu wählen, die am 16. Dezember an einer Reichskonferenz aller Arbeiter- und Soldatenräte in Berlin teilnehmen sollten. Einstimmig wurde ein Beschluß gefaßt, wonach die Versammelten „einmütig und geschlossen“ hinter der Regierung Ebert und Haase stünden. Gefordert wurde „die baldige Einberufung einer Nationalversammlung“.[10] Wie man sieht, hatten Anhänger einer Räteherrschaft auch in diesem Gremium, das ganz überwiegend aus SPD-Mitgliedern bestanden haben dürfte, keine Stimme.

Der Harburger Arbeiter- und Soldatenrat tauchte immer seltener unter Aufrufen oder Verordnungen auf. Meist unterzeichnete die Verwaltung mit Bürgermeister Denicke ohne Gegenzeichnung des Rats, und zwar nicht nur zu Fragen der Lebensmittelversorgung. Auch die Polizei verordnete mehr und mehr alleine, auch ohne die Polizeikommission des Rats. Aber hin und wieder wurde der Rat doch aktiv. So erschien am 13. Dezember eine Verordnung: „Alle zur Entlassung kommenden Militärpersonen, welche von auswärts kommen, haben sich in der städtischen Badeanstalt entlausen zu lassen. Die Entlausung in der Badeanstalt kann nur bei denen vorgenommen werden, denen vorher in der Kaserne die Haare geschnitten worden sind. Erst nach der Entlausung werden ihnen Lebensmittelkarten ausgehändigt. Wer den Nachweis führt, daß er innerhalb der letzten 8 Tage entlaust worden ist, ist von einer Wiederholung der Entlausung befreit. Diese Maßnahme erfolgt im Interesse der öffentlichen Gesundheit, da sonst die Gefahr der Verbreitung von Fleckfieber besteht.“ Unterzeichner waren von der Abteilung Polizeiwesen des Arbeiter- und Soldatenrats Klemm und Müller sowie Tilemann von der Polizeidirektion.[11] 

Die bürgerlichen Kräfte Harburgs bemühten sich weiterhin, ihre eigenen „Räte“ als Opposition gegen den Arbeiter- und Soldatenrat aufzubauen. Denn noch war ja nicht geklärt, welche Rolle die Räte einmal spielen sollten, zumal die bürgerliche Presse voll von angeblichen Aufständen der „Spartakisten“ und „Bolschewisten“ war. So berief der „Harburger Bürgerrat“ am 16. Dezember eine „Bürgerversammlung“ im Hotel „Deutsches Haus“ ein. Das Gebäude stand an der Wilstorfer Straße, dicht am Krummholzberg. Der Redner, ein Justizrat Rose, beklagte, daß die „Bürger“ es versäumt hätten, im Gegensatz zu den Arbeitern und teilweise auch den Bauern Räte zu bilden. Er verlangte den Stop von „wirtschaftlichen Experimenten“ vor dem Zusammentreten der Nationalversammlung. Eine Resolution wurde verabschiedet: Der „Bürgerrat“ solle die Interessenvertretung bei den Behörden wahrnehmen „unter bewußter Abkehr von einseitiger Klassenpolitik“. Verlangt wurde der „unbedingte Schutz des Eigentums gegen gesetzlose bolschewistische und andere gewaltsame Eingriffe“.[12] Parallel dazu formierten sich die bürgerlichen Parteien. Die Hauptpartei des konservativen Bürgertums in Harburg war Ende 1918 die rechtsliberale „Deutsche Volkspartei“ (DVP). Die „Harburger Anzeigen und Nachrichten“ standen damals dieser Partei am nächsten, bevor die Zeitung gegen Ende der Weimarer Republik noch weiter nach rechts driftete. Am 17. Dezember erschien ein Aufruf zum Eintritt in die DVP. Sie definierte sich selbst als „Mittelpartei für die Bürger, Bauern und Arbeiter“, und sie „läßt sich weder nach rechts noch nach links drängen“. Unter dem Aufruf standen viele bekannte Namen aus Harburgs Industrie: Friedrich Hastedt (aus der Brauer- und Weinhändlerfamilie Hastedt, die den früheren „Hastedts Park“ besaß), Georg Lühmann (Lühmanndruck), Carl Maret (Harburg-Wien bzw. Phoenix), Hermann Maul (Kaufmann und Senator), Arnold Mergell (HOBUM), Friedrich Thörl (F. Thörls Vereinigte Harburger Ölfabriken).[13]

Kurze Zeit danach wurde in Harburg zur Gründung einer Partei aufgerufen, die noch weiter rechts stand. In Harburg-Stadt und -Land sollte die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) aus der Taufe gehoben werden. Als Ziele wurden angegeben: Einberufung der Nationalversammlung, die „endgültige Beseitigung der Klassenherrschaft“ (womit selbstredend nicht die Marxsche klassenlose Gesellschaft gemeint war, sondern die Beseitigung des Einflusses der Arbeiterklasse) und „ein starker nationaler Staat mit gesicherter und fester Autorität“. Ob dabei an eine Republik oder mehr an eine Monarchie gedacht war, verschwieg der Aufruf. Unter den Unterzeichnern waren auffallend viele Gutsbesitzer aus dem Landkreis. Aus Harburg unterzeichneten u.a.: Dr. Ernst Eger (ein Sohn des 1913 verstorbenen Industriellen Ernst Eger, 1925 wurde er Harburger Vorsitzender des „Vereins für das Deutschtum im Ausland“[14]), Richard Hastedt (aus der schon bei der DVP erwähnten Familie Hastedt) und der Bauunternehmer August Prien, der am 13. November noch seinen Namen für die Unterstützung des Harburger Arbeiter- und Soldatenrats gegeben hatte.[15]

Die Lebensverhältnisse waren immer noch bedrückend. Lebensmittel gab es nur auf Karten. Die vielen im Krieg eingesetzten Pferde wurden nun nicht mehr gebraucht. Fast in jeder Ausgabe der „Harburger Anzeigen und Nachrichten“ gab Oberbürgermeister Denicke bekannt, wo man Pferdefleisch kaufen konnte. Am 18. Dezember erschien eine Meldung, daß die Eisenbahndirektion Altona mit der Einstellung des „bürgerlichen Reiseverkehrs“ drohte. Grund wären die vielen Truppentransporte, die Lieferung von Lokomotiven an Frankreich und die starke Beanspruchung der Bahn für Lebensmitteltransporte.[16]

Der Ton der bürgerlichen Presse, auch der „Harburger Anzeigen und Nachrichten“, wurde immer polemischer. Hauptzielscheiben waren natürlich der Spartakusbund, waren Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, die am konsequentesten für die Räteherrschaft in einer sozialistischen Republik eintraten. Gemeint war jedoch die Arbeiterbewegung insgesamt. Am 19. Dezember fragten die HAN auf Seite 1 mit dicker Überschrift: „Übergangswirtschaft zum Untergang?“ Die Duldung des „Terrorismus des Proletariats“ drohe den „Bürgerkrieg“ zur ständigen Einrichtung zu machen. Es bestehe die Gefahr der „Fremdherrschaft auf dem Wege der Liebknechtschaft“.[17] Zu Weihnachten erschien in der gleichen Zeitung ein Kommentar, der deutlicher als je zuvor mit der Novemberrevolution abrechnete: „Während wir noch um den Frieden mit unseren Feinden ringen, hat daheim im Lande die Revolution den inneren Frieden verscheucht. Das deutsche Volk sieht auf das strahlende Licht der Weihnachtskerzen die düsteren Schatten fallen, die das innere Chaos, drohende Hungersnot und Anarchie vor sich herscheuchen. (...) Es weht ein Geist über unser Land, der unserem eigenen Wesen fremd ist. Die Revolution hat Strömungen den Weg geebnet, die all das, was uns bisher stark machte, was uns heilig, lieb und wert war, verwischen und auslöschen wollen. Die deutsche christliche Familie ist der Hort, der Fels, an dem diese Strömungen sich brechen sollen. Die christliche Familie ist der Born, aus dem diejenigen Kräfte quellen, die uns wieder stark machen und die unser Volk wieder aus seinem tiefen Fall erheben werden.“[18]

Am 30. Dezember kehrten Truppen des Pionierbataillons Nr. 9 von der Front zurück. Unter klingendem Spiel marschierten sie vom Harburger Bahnhof zum Rathausplatz. Oberbürgermeister Denicke begrüßte sie dort persönlich: „Wir sahen schon im Geiste unsere Truppen ruhmreich als Sieger unter dem Geläute der Glocken in ihre Garnisonen wieder einziehen. Aber gegen eine solche Übermacht von Feinden der fast ganzen Welt kann auch das tapferste Heer mit der Zeit nicht bestehen. Unbesiegt und ungebrochen kehren Sie stolz erhobenen Hauptes wieder zurück.“ Es herrschte offenbar eine Stimmung, als hätte es nie eine Novemberrevolution gegeben. Harburgs Soldatenrat trat bei diesem Empfang nicht in Aktion.[19]

Wenn man auch vom Arbeiter- und Soldatenrat nur noch wenig hörte: Es gab ihn noch. „Vor einigen Tagen“, so meldete die Presse am 2. Januar 1919, hätte eine Sitzung der Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte des Kreises Harburg im Harburger Landratsamt (Eißendorfer Straße / Ecke Bennigsenstraße) getagt. Auf dieser Sitzung wurde beschlossen, den Wilhelmsburger mit dem Harburger Soldatenrat zu vereinigen.[20] In Wilhelmsburg hatte es schon seit längerem eine Diskussion gegeben, ob der Ort überhaupt einen Soldatenrat benötige. Denn es gab ja dort keine Garnison, sondern wohl nur ein Lazarett und eine Sicherheitswache. Der Harburger Soldatenrat dachte jedoch anders als die Versammlung im Landratsamt. Er bejahte den Wilhelmsburger Soldatenrat, allerdings mit einer etwas seltsamen Begründung. „Die eigenartige Lage Wilhelmsburgs und die aus verschiedenen Gegenden zusammengewürfelte Bevölkerung ließen eine solche Entscheidung als geraten erscheinen.“ Der hohe Anteil der Polen in Wilhelmsburg war vielen Harburgern suspekt. „Da nun aber Wilhelmsburg, wie vorhin schon erwähnt, über Truppen nicht verfügt, ein militärischer Schutz aber sehr leicht notwendig werden kann, hat sich der Harburger Soldatenrat geschlossen hinter den Wilhelmsburger A.- und S.-Rat gestellt und seine Autorität in Wilhelmsburg anerkannt. Er ist bereit, bei konterrevolutionären Umtrieben dem Wilhelmsburger A.- und S.-Rat die eingehendste Unterstützung zu leisten. Die Bevölkerung möge dies beachten.“[21] 

Am 6. Januar wurden dann „Richtlinien für die Tätigkeit und Organisation der Arbeiter- und Soldatenräte im Regierungsbezirk Lüneburg“ veröffentlicht. Unterzeichnet wurden sie von Regierungspräsident Dr. Mauve und von Otto Adler. Letzterer unterschrieb für einen „Verwaltungsbeirat der Arbeiter- und Soldatenräte des Regierungsbezirks Lüneburg“. Es war paradox: Je mehr sich die Räte von der Macht zurückzogen, desto schneller wuchsen deren Ausschüsse und Verwaltungsebenen. Nach diesem Beschluß definierten sich die Räte als Kontrollorgane der Behörden. Sie sollten zu allen wichtigen Verhandlungen hinzugezogen werden. Sie durften auch Einspruch erheben. Der entscheidende Passus hieß aber: „Die Zuständigkeiten der Behörden bleiben unverändert. Die Exekutive steht ihnen ausschließlich zu. Alle störenden Eingriffe der A.- und S.-Räte in die Verwaltung müssen unterbleiben.“[22] Mit diesem Satz entmachteten sich die Räte selbst. Und das, obwohl es noch gar keine Nationalversammlung gab, die ja möglicherweise den Räten eine bestimmte Funktion (etwa in Form einer zweiten Kammer) hätte zuweisen können. Bislang hatte es immer geheißen: Die Räte üben ihre Macht bis zum Zusammentreten der Nationalversammlung aus, und dort werde dann endgültig über die neue Verfassung (und auch über das Schicksal der Räte) entschieden. Nun strichen die Räte zumindest hier in Harburg und Umgebung selbst die Segel, ganz ohne Druck von außen.

Der Wilhelmsburger Arbeiter- und Soldatenrat verhielt sich allerdings gegenüber der Verwaltung etwas aufmüpfiger als der Harburger Rat, auch nach dem Beschluß der Räte im Regierungsbezirk Lüneburg. In der Silvesternacht hatte der Verwalter des Lebensmittellagers der Gemeinde Wilhelmsburg, Kuhlmann, große Mengen Butter verschwinden lassen. Darauf wurden Kuhlmann und einige andere Angestellte der Gemeinde vom Rat einfach abgesetzt. Die Gemeindevertretung segnete diese Aktion im Nachhinein ab. Eine Vollversammlung bei Stüben sprach dann auch noch dem Bürgermeister sein Mißtrauen aus und verlangte einstimmig auf einen USPD-Antrag, der Arbeiter- und Soldatenrat solle „nach einer geeigneten Persönlichkeit Ausschau halten, die bei einer eventuellen Neubesetzung in Frage kommen kann.“[23]

 

Wollten die Räte überhaupt eine sozialistische Revolution?

Die Forderungen der Arbeiter- und Soldatenräte im ganzen Reich waren sehr unterschiedlich. Man kann die Programmpunkte in drei Kategorien einteilen:

a) Demokratisierung der Armee,
b) Politische Forderungen (wie z.B. Abdankung des Kaisers) und
c) Forderungen nach gesellschaftlichen Veränderungen.

Das 14-Punkte-Programm des Kieler Arbeiter- und Soldatenrats, das am 5. November bekannt wurde, beschäftigte sich zum größten Teil mit den Zuständen in der Armee. Dazu gehörten: Sachgemäße Behandlung der Mannschaften durch Vorgesetzte, keine Ausfahrt der Flotte, Entlassung der Offiziere, die sich nicht den Anordnungen des Soldatenrats fügten. Der Rest waren politische Forderungen wie Rede- und Pressefreiheit, Unterlassung der Briefzensur. Gesellschaftliche Veränderungen wie Sozialisierung der Produktionsmittel wurden überhaupt nicht verlangt.[1]

Der Harburger Arbeiter- und Soldatenrat wiederum stellte in seiner ersten Stellungnahme fast nur politische Forderungen, allerdings sehr allgemein gehalten. Er verlangte statt einer „Herrschaft der Gewalt“ die „Herrschaft des Rechts“, und er kündigte die Bildung einer Nationalversammlung an, die aus gleichen, direkten und geheimen Wahlen hervorgehen soll. Danach habe sich die Herrschaft des Rats erledigt.[2] 

Andere Räte waren wesentlich radikaler. So wollte der Stuttgarter Arbeiter- und Soldatenrat am 6. November die Abdankung aller Dynastien und die Auflösung des Land- und Reichstags. Delegierte der „Arbeiter, Soldaten, Kleinbauern und Landarbeiter“ sollten die Regierung übernehmen. Ferner verlangte er den 7-Stundentag und gleiche Löhne für Männer und Frauen. Außerdem propagierte er eine grundlegende Änderung der Gesellschaftsstruktur: „Banken und Industrien sind zugunsten des Proletariats zu enteignen.“[3]

Ähnlich weitgehend verhielten sich die Berliner Arbeiter- und Soldatenräte in ihrem Aufruf vom 10. November. Deutschland wurde als „sozialistische Republik“ bezeichnet. Die Dynastien hätten ihre Existenzberechtigung verwirkt. Zu den politischen Forderungen gehörten der sofortige Waffenstillstand und Friede. Zu den gesellschaftlichen Veränderungen hieß es: „Die rasche und konsequente Vergesellschaftung der kapitalistischen Produktionsmittel“ sei „ohne starke Erschütterung durchführbar“. Und sie sei notwendig, um „die wirtschaftliche Versklavung der Volksmassen, den Untergang der Kultur zu verhüten.“[4]

Aus den Berliner Arbeiter- und Soldatenräten bildete sich ein „Vollzugsrat“, dem der „Rat der Volksbeauftragten“, also die Reichsregierung unter Ebert und Haase, verantwortlich war. Auch im Vollzugsrat spitzte sich bald die Diskussion zu, ob eine gewählte Nationalversammlung oder ein Rätesystem angestrebt werden solle. Am 16. November stand eine Resolution zur Debatte, in der es hieß: „Arbeiter und Soldaten haben das alte Regierungssystem beseitigt. In der revolutionären Organisation der Arbeiter- und Soldatenräte hat sich die neue Staatsmacht verkörpert.“ Die Sicherung dieser Macht könne „nicht erfolgen durch Umwandlung des deutschen Staatswesens in eine bürgerlich-demokratische Republik, sondern in eine proletarische Republik auf sozialistischer Wirtschaftsgrundlage“. Aus allen Arbeiterräten Deutschlands sollte ein Zentralrat gebildet werden, der „eine neue, den Grundsätzen der proletarischen Demokratie entsprechende Verfassung zu beschließen hat.“[5] Diese Resolution wurde in dieser Form jedoch mit 12 gegen 10 Stimmen abgelehnt. Statt dessen wurde ein gesamtdeutscher Rätekongreß gefordert, der einen Zentralrat zu wählen habe und die Grundsätze einer Verfassung ausarbeiten solle. Diese sei einer Nationalversammlung zum Beschluß vorzulegen.[6]

Dieser Reichskongreß der Arbeiter- und Soldatenräte tagte vom 16. bis zum 19. Dezember in Berlin. Der übergroße Teil der Delegierten bekannte sich zur SPD. Mit 400 gegen 50 Stimmen wurde beschlossen, für den 19. Januar die Wahl einer verfassunggebenden Nationalversammlung anzusetzen. Ein Antrag, daß den Räten die höchste gesetzgebende und vollziehende Gewalt zustehen sollte, wurde fast ebenso klar abgelehnt.[7] Damit erlitten die Anhänger des Rätesystems eine deutliche Niederlage. Aus Harburg waren auf dem Kongreß Otto Adler und Wilhelm Müller zugegen. Von beiden gab es jedoch weder einen Diskussionsbeitrag noch einen Antrag.[8]

Warum konnte sich das Rätesystem nicht durchsetzen? Zweifellos hat das Beispiel der Oktoberrevolution des Jahres 1917 in Rußland die Arbeiter und Soldaten in Deutschland inspiriert, ebenfalls Arbeiter- und Soldatenräte zu bilden. Auch der Name „Rat der Volksbeauftragten“ für die Regierung der Revolution entsprach dem russischen „Rat der Volkskommissare“. Mit dieser Ähnlichkeit der Namen erschöpften sich aber die Gemeinsamkeiten. In Rußland hatten sich schon bei der Revolution von 1905 Räte gebildet. Sie hatten dort also eine längere Tradition.

Der Grundgedanke der Räte war, daß sich in einer sozialistischen Revolution die Arbeiterklasse ein eigenes Machtorgan schaffen müsse – zur direkten Interessenvertretung und, um die Errungenschaften der Revolution zu sichern. Das ist keine russische Erfindung. Auch die französische Revolution, in deren Tradition auch unsere bürgerliche Demokratie ganz wesentlich steht, ließ sich von diesem Grundsatz leiten. Die französische Nationalversammlung war kein „Organ des ganzen Volkes“, sondern ein Klassenorgan. Der „bürgerliche Stand“ hatte sich in ihr als Nation konstituiert, die alten Mächte, nämlich Adel und Klerus, waren in späteren Phasen der Revolution im Parlament gar nicht vertreten.

Außerdem waren die Räte ein Versuch, unmittelbare Macht auszuüben. Das heißt: Die gewählten Vertreterinnen und Vertreter sollten gleichzeitig auch Exekutive sein.

In der deutschen Arbeiterbewegung gewann schon vor dem Ersten Weltkrieg die Vorstellung mehr und mehr Anhänger, nicht durch eine sozialistische Revolution, sondern durch schrittweise Reformen des bestehenden Systems könne die Lage der Arbeiterklasse verbessert werden. Bestärkt wurde diese Richtung durch die Reichstagswahlen, bei denen die Sozialdemokratie trotz Repression, etwa durch Bismarcks Sozialistengesetz, immer mehr Stimmen gewinnen konnte.

Daher erhielt nach der Novemberrevolution die Forderung, „alle Macht“ an die Räte zu übertragen, nur wenig Anklang. Harburg bildete da keine Ausnahme, wie die Beschlüsse der Räte selbst im „roten“ Berlin und des gesamtdeutschen Rätekongresses zeigten.

Völlig falsch wäre es aber, daraus zu schließen, die Arbeiter und Soldaten hätten in den Monaten November und Dezember keine sozialistische Umwälzung gewollt. Das zeigen einige hier zitierte Beschlüsse von Arbeiter- und Soldatenräten. Auch der Rätekongreß in Berlin beauftragte die Regierung, „mit der Sozialisierung aller hierzu reifen Industrien, insbesondere des Bergbaues, unverzüglich zu beginnen“. Also sofort, unabhängig vom Zusammentreten einer verfassunggebenden Versammlung.[9]

Drohte eine Revolution nach russischem Vorbild?

Die Presse der alten Mächte – in Harburg die „Harburger Anzeigen und Nachrichten“ – nannte die Bewegung, die mit dem Aufstand der Kieler Matrosen begann, „bolschewistisch“. Vor allem während der Auseinandersetzungen in Berlin zwischen Anhängern einer Rätedemokratie und der Nationalversammlung wuchs die Kampagne gegen ein mögliches „Abgleiten in russisches Fahrwasser“. In der Schußlinie lag natürlich hauptsächlich der Spartakusbund, der als „Filiale Moskaus“ denunziert wurde.

Die SPD verhielt sich gegenüber dem Spartakusbund nicht viel anders. Der führende Sozialdemokrat Philipp Scheidemann begründete später, warum er am 9. November die „Deutsche Republik“ ausgerufen hatte. Karl Liebknecht wolle vom Balkon des Schlosses die Sowjetrepublik ausrufen, hatte es geheißen. „Nun sah ich die Situation klar vor Augen. (...) Deutschland also eine russische Provinz, eine Sowjet-Filiale?? Nein! Tausendmal nein!“[1] Deswegen sah er sich veranlaßt, Liebknecht zuvorzukommen und die Republik auszurufen. Dafür handelte er sich freilich einen heftigen Wutausbruch seines Parteifreundes Ebert ein, der immer noch einer Monarchie anhing und am liebsten Prinz Max von Baden als „Reichsverweser“ – also als Platzhalter für einen künftigen Kaiser oder König – gesehen hätte.

Für eine Revolution nach russischem Muster fehlten jedoch in Deutschland alle Voraussetzungen. Wer sollte Träger einer solchen Revolution sein? Die Räte selbst lehnten, wie das Harburger Beispiel illustriert, eine Räteherrschaft als ständige Einrichtung in ihrer großen Mehrheit ab. Die russischen Bolschewiki verfügten über eine gut organisierte Partei, die selbst durch tiefste Illegalität und blutigste zaristische Repression nicht gebrochen werden konnte. In Deutschland gab es nichts Vergleichbares. Die USPD war sich zwar einig in der Ablehnung der Kriegs- und Burgfriedenspolitik der SPD gewesen. Über den Weg zum Sozialismus herrschten jedoch sehr verschiedene Ansichten. Symptomatisch war, daß sich die Hauptkontrahenten der beiden ideologischen Strömungen in der Vorkriegs-SPD – Karl Kautsky, der weitgehend an marxistischen Positionen festhielt, und Eduard Bernstein, der an ein friedliches „Hineinwachsen“ in den Sozialismus durch Reformen glaubte – gemeinsam in der USPD wiederfanden. Allerdings trat Bernstein bald wieder zur SPD über.

Der Spartakusbund, der immer noch Teil der USPD war, gründete sich erst am 31. Dezember 1918 als eigene Partei, als „Kommunistische Partei Deutschlands (Spartakusbund)“. Daß sich der Spartakusbund mit der russischen Revolution eng verbunden fühlte, ergab sich aus dessen internationalistischer Position von selbst. Eine von seinen Gegnern behauptete russische „Sowjet-Filiale“ hätte es aber, wäre Spartakus an die Macht gekommen, mit großer Sicherheit nicht gegeben. Rosa Luxemburgs kritische Haltung zu bestimmten Erscheinungsformen der Sowjetmacht in Rußland ist bekannt. Im Programm, das auf dem Gründungsparteitag der KPD angenommen wurde, stehen folgende bemerkenswerte Abschnitte: „Der Spartakusbund ist keine Partei, die über die Arbeitermasse oder durch die Arbeitermasse zur Herrschaft gelangen will. Der Spartakusbund ist nur der zielbewußteste Teil des Proletariats, der die ganze breite Masse der Arbeiterschaft bei jedem Schritt auf ihre geschichtlichen Aufgaben hinweist. ... Der Spartakusbund wird nie anders die Regierungsgewalt übernehmen als durch den klaren, unzweideutigen Willen der großen Mehrheit der proletarischen Masse in Deutschland, nie anders als kraft ihrer bewußten Zustimmung zu den Ansichten, Zielen und Kampfmethoden des Spartakusbundes.“[2] Der in der bürgerlichen Presse – auch in den „Harburger Anzeigen und Nachrichten“ – immer wieder heraufbeschworene „Spartakus-Putsch“ war also reine Zweckpropaganda. Sie sollte die nötige Pogromstimmung gegen die Räte, gegen den fortschrittlichen Teil der Arbeiterbewegung und gegen jede revolutionäre Veränderung überhaupt anfachen.

Eine besondere Kostprobe ihrer Propaganda gegen Spartakus boten die „Harburger Anzeigen und Nachrichten“ am 4. Januar 1919: „Wie Spartakus arbeitet und zahlt“ lautete eine Schlagzeile auf Seite 1. „Wie von zuverlässiger Seite mitgeteilt wird“, zahlte Spartakus an jedes neue Mitglied 30 Mark Handgeld und zum Teil 30 Mark Tagegeld. Anwerber erhalten 50 Mark Belohnung für jedes Mitglied. Woher das Geld kam war klar: „Geld wie Heu, man hat es ja! Dafür sorgen schon die russischen Bolschewiki!“ Rein zufällig stand in der gleichen Ausgabe zu lesen, was zu dieser Zeit verdient wurde. Ein erwerbsloser Mann über 20 Jahre – und davon gab es nach Kriegsende sehr viele – erhielt 5 Mark pro Tag, also lächerlich wenig, gemessen an den 30 Mark „Tagegeld“ bei Spartakus.[3] Von einem Masseneintritt in den Spartakusbund in Harburg, der nach dieser Zeitungsmeldung eigentlich hätte stattfinden müssen, ist jedoch nichts bekannt.

Drei Tage später erschien eine SPD-Anzeige in der gleichen Zeitung zur Wahl der Nationalversammlung. Als einziger Gegner wurden nicht etwa die bürgerlichen Parteien, sondern Liebknecht angeprangert: „Das Volk soll sich selbst regieren. Nicht Schrecken, nicht die ‘eiserne Faust’ Liebknechts sollen das Volk vergewaltigen; herrschen soll die Vernunft. Dann sind gesichert Demokratie und Freiheit, Recht und Gerechtigkeit! Dann wird freie Bahn sein für jeden Tüchtigen, dann werden Stadt und Land sein eine einzige große Arbeitsgemeinschaft zu Nutz und Frommen der Gesamtheit. So wird das deutsche Volk, das tüchtigste der Welt, wirtschaftlich und geistig wieder gesund werden.“ Wie man sieht, waren sich die Verfasser für einen gehörigen Schuß Nationalismus nicht zu schade. Auch Sozialismus kam in der Anzeige vor, sehr unscharf definiert als „planmäßige Ordnung der Wirtschaft durch die Allgemeinheit zum Nutzen der Allgemeinheit“.[4]

 

Die Blockade der „Harburger Anzeigen und Nachrichten“

Am 19. Januar sollte die Nationalversammlung gewählt werden, und der Wahlkampf war in vollem Gange. Von allen kandidierenden Parteien erschienen Anzeigen in der Presse. Dabei wurde nicht immer seriös vorgegangen. Einige Anzeigen, die vor dem „bolschewistischen Chaos“ warnten, erschienen anonym, so z.B. einen Tag vor der Wahl eine Anzeige in den HAN gegen „Verstaatlichung, Sozialismus und Bolschewismus“.[1]

Am 8. Januar meldeten die HAN: „Eine sozialdemokratische Demonstration vor unserer Geschäftsstelle wurde gestern nachmittag von den Arbeitern der Niemeyerschen Eisenwerke in Szene gesetzt.“ Vorher schon versammelten sich Menschen auf dem Sand. Kurz nach drei Uhr traf dann der Demonstrationszug von der Buxtehuder Straße über die Mühlenstraße (heute Schloßmühlendamm) auf dem Sand ein. Redner waren der Volksblattredakteur Zielke und ein Arbeiter der Niemeyer-Fabrik.

Was war geschehen?

Stein des Anstoßes war ein anonymes Flugblatt, das als lose Beilage mit den HAN vertrieben wurde. Es wurde nicht mitgeteilt, von wem das Flugblatt stammte. Die Zeitung betonte lediglich: „Das Flugblatt ist nicht von der uns nahestehenden Deutschen Volkspartei ausgegangen.“ Auch über den Inhalt erfuhr man aus der Zeitung nichts. Vermutlich wurde die SPD wegen der ungenügenden Lebensmittelversorgung scharf angegriffen.

Die Redner forderten, die HAN abzubestellen. Eine Delegation wurde zum Geschäftsführer Lühmann geschickt, um eine Gegendarstellung zu erwirken.

Während der Kundgebung wurden die hinteren Ausgänge des Gebäudes besetzt, an denen die Zeitungen ausgeliefert wurden. Auch einige Soldaten halfen dabei mit. Die Zeitungsausträger sollten veranlaßt werden, die Arbeit niederzulegen, was wohl teilweise auch gelang.

Der Arbeiter- und Soldatenrat wurde zur Vermittlung angerufen. Dieser erklärte laut HAN, „daß er keinen Auftrag zur Besetzung des Ausgangs gegeben habe und daß dieser sofort freizugeben sei.“ Es war aber nicht mehr möglich gewesen, alle Zeitungsausträger wieder zusammenzuholen „und die Zeitungen allen unseren Lesern zustellen zu lassen“.

Das „Hamburger Echo“ schrieb ebenfalls über den Vorfall, verschwieg allerdings auch den Inhalt des Flugblatts: „Die ‘Harburger Anzeigen und Nachrichten’ hatten in ihrer Montagsnummer ein von Gemeinheiten gegen die Arbeiterschaft strotzendes Flugblatt beigelegt, das die Harburger Arbeiterschaft aufs schärfste erbitterte. Die Erbitterung gegen die Verbreiter der Sudelschrift, das hiesige Kreisblatt, verdichtete sich zum Beschluß der beleidigten Arbeiter, das Kreisblatt eines anderen zu belehren. Die Arbeiter der Fabriken von Koeber, Niemeyer und Christiansen & Meyer verständigten sich schnell und zogen gestern nachmittag in geschlossenen Zügen vor das Lühmannsche Geschäftshaus am Sand“. Dann folgte der Bericht über die Verhandlungen und das Versprechen, eine Gegendarstellung zu bringen. Der Artikel schloß: „Vor einer Wiederholung derartiger pöbelhafter Angriffe gegen die Sozialdemokratie sind die unanständigen Gegner nun gewarnt.“[2]

Die HAN vom 8. Januar erschien tatsächlich mit der Gegendarstellung auf Seite 1: Das Blatt erklärte, „daß die in dem Flugblatt aufgestellten Behauptungen unwahr und wider besseres Wissen erfolgt sind, und (wir) nehmen die Behauptung mit dem Ausdruck des größten Bedauerns zurück.“ Weiter hieß es: „Wir verpflichten uns, in Zukunft derartige unwahre Behauptungen weder in einem Flugblatte noch in unserer Zeitung zu verbreiten. Ausdrücklich erklären wir, daß die Rationierung der Lebensmittel auf Grundlage gerechter Verteilung die Durchhaltung während des Krieges möglich machte, und daß wir nur durch Beibehaltung dieser Rationierung diese schweren Zeiten überwinden werden.“[3]

Mit der „Wilhelmsburger Zeitung“ hatten die Arbeiterparteien ähnlichen Ärger. Am 21. Dezember fand bei Stüben in Wilhelmsburg eine Frauenversammlung der SPD statt. Darüber berichtete das „Hamburger Echo“: „Unter Verschiedenes kam noch die Haltung der Wilhelmsburger Zeitung zur Sprache. Es wurde dazu aufgefordert, diesem gegnerischen Hetzblatt die Tür zu weisen und auf das Volksblatt oder Hamburger Echo zu abonnieren.“[4] Einen Anlaß für diesen Zornesausbruch teilte das „Echo“ leider nicht mit.

 

Der Mord an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg und sein Echo in Harburg

Während in Harburg die alte Verwaltung auf Kosten des Arbeiter- und Soldatenrats schrittweise ihre Kompetenzen wiedergewann, hatte sich auch in Berlin die Lage grundlegend geändert. „Das Alte und Morsche, die Monarchie, ist zusammengebrochen“, hatte der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann am 9. November den jubelnden Massen zugerufen. In Wirklichkeit war der Machtapparat des „Alten und Morschen“ jedoch quicklebendig und griff schon einen Tag später ins Geschehen ein – und zwar in Gestalt des Generals Wilhelm Groener, der inzwischen die Stelle Ludendorffs in der Obersten Heeresleitung eingenommen hatte. Am Abend des 10. November rief er um 10 Uhr abends Ebert an und versicherte ihn der Unterstützung durch die Armeespitze. Der Preis dafür war: Ein Weitertreiben der Revolution in Richtung „Bolschewismus“ (worunter er und seine Gesinnungsfreunde alle Spielarten des Sozialismus verstanden) müsse verhindert werden. Groener selbst schrieb darüber später: „Das Offizierskorps konnte aber nur mit einer Regierung zusammengehen, die den Kampf gegen den Radikalismus und Bolschewismus aufnahm. Dazu war Ebert bereit, aber er hielt sich nur mühsam am Steuer und war nahe daran, von den Unabhängigen und der Liebknechtgruppe über den Haufen gerannt zu werden.“ Über das Gespräch am 10. November schrieb Groener: „Das Offizierskorps verlange von der Regierung die Bekämpfung des Bolschewismus und sei dafür zum Einsatz bereit. Ebert ging auf meinen Bündnisvorschlag ein. Von da ab besprachen wir uns täglich abends auf einer geheimen Leitung zwischen der Reichskanzlei und der Heeresleitung über die notwendigen Maßnahmen. Das Bündnis hat sich bewährt.“[1] Wie Groener über die Novemberrevolution dachte und welches Weltbild ihn dabei prägte, schrieb er in einem Brief an seine Frau, den er ungeniert später in seinen Lebenserinnerungen publizierte: „Vier Jahre war das deutsche Volk ungebrochen gegen eine Welt von Feinden – nun läßt es sich wie eine Leiche umwerfen von einer Handvoll Matrosen, denen das russische Gift des Herrn Joffe und Genossen eingespritzt war. Und wer sind die Drahtzieher? Juden hier wie dort.“[2] Wegen des Bündnisses mit diesem Mann sollten später ganze Generationen von Historikern, Geschichtslehrern und Politikern Ebert als großen Staatsmann feiern.

Eberts Kollegen in der Regierung, die übrigen fünf Volksbeauftragten, wußten von diesen Kontakten nichts. Durch das geheime Bündnis erreichte es die alte kaiserliche Generalität, daß das Heer bewaffnet in Berlin einrücken konnte und daß die Offiziere keinerlei Einmischungen von Arbeiter- und Soldatenräten befürchten mußten. Nach außen hin lief alles unter dem Motto „geordnete Rückführung des Heeres“. Am 6. Dezember ging es mit einem dilettantischen Putschversuch los: Ein Trupp Militärs wollte den Vollzugsrat verhaften und Ebert zum Präsidenten ausrufen. Am 10. Dezember rückte die Garde-Kavallerie-Schützen-Division in Berlin ein – bei „Heil dir im Siegerkranz“, schwarz-weiß-roten Fähnchen, mit Minenwerfern, Maschinengewehren und Kanonen. Am 24. Dezember wurde sie zum ersten Mal von Ebert eingesetzt: gegen Matrosen der „Volksmarinedivision“, die wegen zu geringer Bezahlung meuterten. Aus Protest dagegen traten die USPD-Mitglieder aus dem Rat der Volksbeauftragten zurück. Sie wurden durch zwei SPD-Mitglieder ersetzt: Rudolf Wissell und Gustav Noske. Letzterer wurde für die Armee zuständig. Am 6. Januar demonstrierten Hunderttausende in Berlin gegen die Absetzung des Polizeipräsidenten Eichhorn (USPD). Einige Arbeiter und Soldaten waren bewaffnet. Es bildete sich ein Revolutionsausschuß, der die Regierung Ebert für abgesetzt erklärte. Auch Karl Liebknecht gehörte dem Ausschuß an.

(10) Barrikadenkämpfe im Berliner Zeitungsviertel im Januar 1919

Obwohl die Kämpfe als „Spartakus-Unruhen“ bezeichnet wurden, war der Spartakusbund keineswegs die treibende Kraft der Aktion. Liebknecht hatte sich eher spontan dem Revolutionsausschuß angeschlossen. Die Absetzung der Regierung ließ sich leicht dekretieren. Sie aber auch durchzusetzen, dafür hatte niemand ein Konzept. Für die Regierung war aber jetzt der Vorwand geliefert, das Militär einzusetzen und alle niederzuschlagen oder zu erschießen, die auch nur im Verdacht standen, Spartakisten oder andere Anhänger der Rätebewegung zu sein. Den Auftrag dazu erhielt der Sozialdemokrat Gustav Noske, der ihn auch ohne Zögern annahm mit den berüchtigten Worten: „Meinetwegen! Einer muß der Bluthund werden; ich scheue die Verantwortung nicht!“[3]

Es kam zu Barrikadenkämpfen. Schließlich setzten sich Reichswehrtruppen und eilig gebildete Freikorps durch. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, die sich in Berlin versteckt hielten, wurden am 15. Januar aufgespürt, verhaftet und brutal ermordet. Die Mörder-Soldaten wurden von einem Hauptmann Waldemar Pabst kommandiert. Pabst berichtete später, Noske habe ihm nach der Aktion „lange die Hand gedrückt“.[4]

Wie kamen die Berliner Ereignisse in Harburg an? „Anarchie in Berlin“, „Chaos in Berlin“, „Spartakistenputsche im Reiche“ – mit solchen Überschriften warteten z.B. die „Harburger Anzeigen und Nachrichten“ vom 9. Januar auf. Frankreichs Ministerpräsident Clémenceau soll gedroht haben: Falls sich in Deutschland „eine bolschewistische Regierung bilden sollte“, werde sich Frankreich aus der Waffenstillstandskommission zurückziehen.[5] Das hätte neue Kämpfe mit den Entente-Mächten nach sich ziehen können. Der Harburger Arbeiter- und Soldatenrat meldete sich jetzt wieder verstärkt zu Wort und fühlte sich verpflichtet, für Ordnung zu sorgen. In einem Aufruf des Soldatenrats „an die Bevölkerung Harburgs“ heiß es: „Der Soldatenrat der Garnison steht geschlossen hinter der Regierung Ebert–Scheidemann und hat beschlossen, für den ruhigen Verlauf der Wahl zur Nationalversammlung sich zur Verfügung zu stellen. Die Kameraden verurteilen jedes gegen Ruhe und Ordnung gerichtete Unternehmen und werden für die Aufrechterhaltung der Ruhe und Sicherheit in der Stadt eintreten.“[6] Nicht nur am 19. Januar sollte gewählt werden. Schon für den Sonntag danach, den 26. Januar, waren Wahlen zur verfassunggebenden preußischen Landesversammlung angesetzt. Der Arbeiter- und Soldatenrat (für ihn unterschrieb Hugo Klemm) verfügte zusammen mit der Polizeidirektion: „An den Wahlsonntagen (19. und 26. d. Mts.) werden Genehmigungen zu Tanzlustbarkeiten oder sonstigen Lustbarkeiten in öffentlichen Lokalen nicht erteilt.“[7]

Der Arbeiter- und Soldatenrat hatte seit dem 10. Januar ein Büro im Rathaus, Zimmer 15. Sprechzeiten waren 11-1 Uhr vormittags und 4-6 Uhr nachmittags.[8]

Die Stimmung gegen Spartakus wurde weiter angeheizt, und dabei war kein Mittel zu abgegriffen. Am 13. Januar hieß es in den HAN auf der ersten Seite über die „Kampftaktik der Spartakisten“: „Sie ist außerordentlich blutig und feige zugleich. Die Taktik der Spartakisten besteht darin, Frauen und Kinder dann vor die Maschinengewehre zu treiben, wenn es dem Gegner gelingt, ihnen auf den Leib zu rücken.“[9] Der Haß, der auf diese Art geschürt wurde, beeinflußte auch die Wahlveranstaltungen. Am 12. Januar, so konnte man in den HAN lesen, „versammelten sich auf dem Schwarzenberge die Gewerkschaften und am ‘Wilstorfer Park’ die Fabrikarbeiter, um in geschlossenem Zuge mit ihren Fahnen und je einer Musikkapelle zu einer Demonstration nach dem Rathausplatz zu ziehen. Der Platz war noch nicht halb gefüllt, wohl infolge des schlechten Wetters. In dem Zuge sah man Schilder mit der Aufschrift ‘Tod und Verderben Rosa Luxemburg’, ‘Nieder mit Liebknecht’, ‘Für die Freiheit’ u.a.m. Vor dem Rathause nahmen die Vereine Aufstellung. Nach einem Chorlied wurden von zwei Stellen Reden für den Sieg der einigen sozialistischen Republik gehalten. Nach einem Hoch auf die Sozialdemokratie und einem Gesangsvortrag war die Kundgebung beendet.“[10] Das „Hamburger Echo“ schrieb dagegen von einer „Riesenversammlung, wie sie Harburg noch nicht gesehen hat.“[11]

Währenddessen stand das „Sicherheitsauto“, das bei Harburg-Wien stationiert war, auf Anordnung des Soldatenrats in ständiger Alarmbereitschaft. Bei der angespannten politischen Situation vergaß der Arbeiter- und Soldatenrat nicht, für Sitte und Anstand bei der Jugend zu sorgen. So erschien am 13. Januar wiederum eine Anordnung des Rats gemeinsam mit der Polizeidirektion: „Allen jugendlichen Personen bis zum 18. Lebensjahre“ werde das „ziellose Auf- und Abwandern“ in der Lüneburger und der 1. Wilstorfer Straße „von 6 Uhr abends ab strengstens verboten.“[12]

Am 16. Januar wurde in der Presse über die Verhaftung Liebknechts und Luxemburgs berichtet. In den HAN war zu lesen: „Gestern abend ist Karl Liebknecht in der Wohnung eines seiner Freunde verhaftet worden. Man brachte ihn in das Stabsquartier im Eden-Hotel. (...) Bei dem Abtransport setzte sich Liebknecht mit großer Pose auf den Rücksitz des Kraftwagens nieder. Hierdurch erregte er die Wut der Umstehenden in so hohem Maße, daß einer der Leute, kurz bevor der Kraftwagen anfuhr, sich auf Liebknecht stürzte und ihm einen wuchtigen Hieb über den Kopf versetzte. Kurz darauf wurde auch Rosa Luxemburg im Eden-Hotel eingeliefert, wo sie sich zur Zeit noch befindet. Das Hotel wurde aufs schärfste gegen die Außenwelt abgesperrt.“[13]

Einen Tag später hieß es in der Zeitung unter der Überschrift „Das Ende von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg“: „Die blutrünstigen Hauptanstifter der Berliner Straßenschlachten, Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, sind nunmehr selbst Opfer der Unruhen geworden. Beide waren in Haft genommen; Liebknecht entfloh und wurde auf der Flucht von seinen Transporteuren erschossen, an Rosa Luxemburg übte die wütende Menge Lynchjustiz. Liebknecht hat somit sein Ende selbst verschuldet, die Gewalttat an Frau Luxemburg muß man bedauern; beide gehörten ob ihrer Freveltaten vor die ordentlichen Gerichte, deren Spruch sie nunmehr entzogen sind.“[14] Man muß den HAN zugute halten, daß die hier geschilderte Tötungsversion amtlich verbreitet wurde. Daß Soldaten der Garde-Kavallerie-Schützen-Division beide Führer der Arbeiterbewegung skrupellos und geplant umbrachten und die Leiche Rosa Luxemburgs in den Landwehrkanal warfen, wurde erst später bekannt.

Ob es gegen diese Mordtat in Harburg zu Protestaktionen kam, konnten wir bisher nicht feststellen. Überhaupt muß an dieser Stelle die Frage gestellt werden, wie viele Anhänger der Spartakusbund oder die Rätebewegung in Harburg in diesen Tagen und Wochen hatten. Belege dafür konnten wir bisher nicht finden, auch nicht in der uns zugänglichen Presse. Das muß aber nichts bedeuten, weil besonders die HAN dem Spartakusbund und der KPD nicht gerade wohlgesinnt waren. Wir wissen bisher auch nicht, welche Position z.B. Hugo Paul, USPD-Mitglied und Vorsitzender des Arbeiterrats, zur Rätebewegung hatte. Die KPD hatte die Kandidatur für die Nationalversammlung abgelehnt, daher gibt es auch keine Stimmenzahlen für die KPD aus Harburg zu dieser Zeit.

Später, als Karl Liebknecht bestattet werden sollte, fanden in ganz Deutschland Gedenkfeiern statt. Für den 26. Januar wurde eine Veranstaltung im Hamburger Gewerkschaftshaus angekündigt. Dazu aufgerufen hatte der Hamburger Arbeiter- und Soldatenrat, Redner war Heinrich Laufenberg.[15]

 

Die Wahlen zur Nationalversammlung: 69,7 % in Harburg für SPD und USPD

In einem letzten Aufruf vor der Wahl zur Nationalversammlung bekannte sich die SPD zu ihrem sozialistischen Ziel und grenzte sich scharf von den bürgerlichen Parteien ab – ein Zeichen, daß sich die Partei einer gewissen Grundstimmung, die nach Veränderung drängte, nicht ganz entziehen wollte: „Wir wollen dem Kapitalismus nicht gestatten, daß er die geistig und körperlich Schaffenden aufs neue ausbeutet und unterdrückt, wir wollen, daß das arbeitende Volk nach sozialistischen Grundsätzen den ungeschmälerten Ertrag seiner Arbeit genießen soll. ... Die sozialdemokratische Partei bekämpft die bürgerlichen Parteien, die aus Deutschland eine Geldsackrepublik machen wollen, ebenso wie die Partei der Unabhängigen, die im Kampfe zwischen Volksrecht und Terror keinen festen Standpunkt zu gewinnen vermochte und die für den notwendigen Schutz eigener Volksinteressen nach außen kein Verständnis bekundet hat.“[1]

(11) Anzeigen in den HAN zur Wahl der Nationalversammlung

Die Wahl fand in der emotionsgeladenen Atmosphäre nach den Kämpfen in Berlin am 19. Januar statt. Wahlberechtigt waren jetzt alle Männer und Frauen vom 20. Lebensjahr an. Im ganzen Land wurde die SPD mit 37,9% (163 Sitzen) die bei weitem stärkste Partei. Die USPD bekam 7,6% und 22 Mandate. Das bedeutete: Selbst wenn beide Parteien zusammengegangen wären, hätte das noch keine Mehrheit ergeben. Die bürgerlichen Parteien waren insgesamt stärker: Zentrum 19,7% (91 Sitze), DDP 18,6% (75), DVP 4,4% (19), DNVP 10,3% (44). Im Februar wählte dieses Parlament Friedrich Ebert zum Reichspräsidenten. Eine Regierung wurde aus SPD, Zentrum und DDP gebildet. Scheidemann wurde Ministerpräsident (später nannte sich dieses Amt wieder „Reichskanzler“), Noske Wehrminister. Daß die von den Arbeiterparteien und Räten geforderte Sozialisierung der Produktionsmittel bei einer so zusammengesetzten Regierung keine Chance hatte, war klar.

(12) Die SPD grenzte sich vom Spartakusbund ab

In Harburg und Wilhelmsburg sahen die Ergebnisse so aus:[2]

SPD und USPD bekamen also in Harburg 69,7%, in Wilhelmsburg sogar 77,7% der Stimmen – eine starke Stellung, wenn auch nicht wesentlich mehr als bei den vorangegangenen Reichstagswahlen von 1912. Von den Harburger Kandidatinnen und Kandidaten der Arbeiterparteien wurde jedoch niemand in die Nationalversammlung hineingewählt.

Die Wahlen am Sonntag danach zur verfassunggebenden preußischen Landesversammlung hatten für Harburg und Wilhelmsburg ein ähnliches Ergebnis, allerdings bei geringerer Wahlbeteiligung. Diesmal kamen bei der Linken auch Harburger zum Zuge: Gewählt wurden Arbeitersekretär Andreas Müller und Barbara Gotthusen (beide SPD). Hugo Paul, der für die USPD kandidiert hatte, schaffte den Sprung ins Parlament dagegen nicht.[3]

Vor dieser Wahl gab es in Wilhelmsburg eine Wahlveranstaltung besonderer Art. Für den 24. Januar lud die USPD zu einer „großen polnischen Versammlung“ in das Lokal Bachmann (Veringstr. / Ecke Neuhöfer Str.) ein. Das Thema hieß: „Wir Polen und die Preußenwahl“.[4] Die meisten der Wilhelmsburger Polen stammten aus der Provinz Posen und benachbarten Gegenden, die damals noch zu Preußen gehörten. Diese Polen waren also deutsche Staatsbürger und damit wahlberechtigt.

(13) SPD-Anzeige zur Preußen-Wahl

Zwischen den Wahlanzeigen erschienen jetzt in der Presse wie z.B. in den HAN Aufrufe, sich für ein Freikorps Lützow zur Verfügung zu stellen. Es gehe um den Schutz „gegen Bolschewismus und polnische Anmaßung“. Mit der letzteren Bemerkung wurde darauf angespielt, daß Deutschland in Kürze größere Teile seiner Ostgebiete an den neu zu schaffenden polnischen Staat abtreten mußte. „Eile tut not“, hieß es in dem Aufruf. Die Freiwilligen sollten sich unter dem Losungswort „Lützows wilde, verwegene Jagd“ melden. Die Aufstellung des Korps erfolge „im Auftrage der Reichsregierung im Rahmen der erprobten Garde-Kavallerie-Schützen-Division“, also eben der Garde, die Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg auf dem Gewissen hatte.[5]

Am 20. Januar legte das Offizierskorps des Pionierbataillons 9 seinen Dienst nieder, trat sozusagen in den Streik. Grund waren Streitereien mit dem Hamburger Korps-Soldatenrat, der einen neuen Regierungserlaß über die Wiedereinführung von Rangabzeichen und Grußpflicht nicht akzeptieren wollte. Außerdem sollte das Offizierskorps verkleinert werden – eine unabdingbare Aufgabe nach dem Krieg, nicht nur für Harburg. Der Harburger Soldatenrat verurteilte die Aktion und sagte, eigentlich hätten die Offiziere verhaftet werden müssen. Unternommen wurde jedoch offenbar nichts.[6]

Ende Januar mußte der Harburger Arbeiter- und Soldatenrat wieder mal für Ruhe und Ordnung sorgen. Hugo Klemm und Bolten unterzeichneten zusammen mit der Polizeidirektion einen Aufruf: Es sei vorgekommen, daß die festgesetzte Polizeistunde überschritten wurde. Gäste hätten sich darauf berufen, daß sie vom Garnisons-Soldatenrat verlängert worden sei. „Wir weisen demgegenüber darauf hin, daß die polizeiliche Tätigkeit lediglich im Einvernehmen mit dem Arbeiter- und Soldatenrat ausgeübt wird.“ Der habe aber von sich aus keine Verlängerung der Polizeistunde genehmigt.[7]

Am 30. Januar erschienen in Harburg fünfzehn Marinesoldaten mit einer Barkasse aus Hamburg. Sie zogen zur Gummifabrik Harburg-Wien und besetzten dort Hauptkontor und Telefonzentrale. Offenbar wußten sie nichts von dem dort stationierten „bewaffneten Automobil“. Sie verlangten Gummi für einen „obersten Marinerat der Unterelbe“. Die Polizeikommission des Soldatenrats war mit einigen Soldaten schnell zur Stelle. Da die Marinesoldaten keine Ausweise hatten, wurden sie aus Harburg abgeschoben. Die HAN verbuchten die Aktion unter „spartakistische Räuberei“.[8]

 

Denn goht wi to Foot!

Dem ursprünglichen Geist der Revolution folgend, hatten sich im Reich mehrere Räterepubliken gebildet – so in Bremen, Cuxhaven und später in München. Gegen sie setzte Wehrminister Noske Truppen in Marsch, reguläre Reichswehrtruppen oder Freikorps. Bei den Kämpfen um die Bremer Räterepublik mußte auch Harburg Partei ergreifen. Der Hamburger Soldatenrat hatte nämlich beschlossen, die Bremer Genossen mit bewaffneten Matrosen zu unterstützen, und diese mußten zwangsläufig durch Harburg.
Am 4. Februar tat der Harburger Arbeiter- und Soldatenrat etwas bisher Unerhörtes: Er beschloß, gegen das Vorgehen der Regierung in der „Bremer Angelegenheit“ Protest zu erheben. Die Harburger Garnison werde sich bei möglichen Kämpfen neutral verhalten.[1] Offensichtlich waren nun auch SPD-Mitglieder nicht mehr bereit, das rabiate Vorgehen ihres Ministers Noske zu tolerieren. Der Beschluß wurde einstimmig gefaßt und sofort per Telegramm nach Berlin übermittelt:

„Die gemeinsame Versammlung des Arbeiter- und Soldatenrates Harburg verurteilt aufs schärfste das Einschreiten der Division Gerstenberg gegen Bremen. Nachdem die Grundlage zu einer Einigung durch den Rücktritt der bisherigen Volksbeauftragten und der Ablieferung der Waffen an das 9. A.-K. gegeben war, mußte es Aufgabe der Regierung sein, die Division Gerstenberg zurückzurufen und damit Blutvergießen zu vermeiden. Nachdem aber zum Schaden der Arbeiterklasse die Division Gerstenberg doch in Bremen eingedrungen ist und sehr kostbares Arbeiterblut vergossen wurde, verlangt der Harburger Arbeiter- und Soldatenrat die sofortige Zurückziehung der Division aus Bremen und Besetzung durch Truppen des 9. A.-K. Wir fordern die Regierung dringend auf, unserem Antrag zu entsprechen, damit weiteres Blutvergießen vermieden wird.“[2]

Einen Tag später bekam der Arbeiter- und Soldatenrat wohl Angst vor der eigenen Courage. Die Presse meldete, daß die von Noske geschickte Division Gerstenberg inzwischen in Bremen eingerückt sei. Zwischen Eisenbahnern und Hamburger Matrosen, die nach Süden wollten, war es zu Reibereien gekommen. Der Rat beschloß am 5. Februar: „Der Arbeiter- und Soldatenrat in Hamburg hatte den Plan gefaßt, der spartakistischen Bewegung in Bremen gegen die jetzt bestehende Regierung durch Entsendung von Truppen Unterstützung zu leihen. Ferner haben Truppen, die nach Harburg kamen, mehrere Eisenbahnbeamte bedroht. Dem entgegenzutreten, stellten am 5. Februar die Eisenbahn- und Postbediensteten in Hamburg den Betrieb ein. Diesem Vorgehen schlossen sich die Harburger Eisenbahn- und Postbeamten an. Gegen das Verhalten des Arbeiter- und Soldatenrats in Hamburg legt die gesamte Harburger Beamtenschaft auf das allerentschiedenste Einspruch ein und erklärt, daß in ähnlichen Fällen wieder so gehandelt würde.“[3] Von Neutralität war nun keine Rede mehr. Die Eisenbahner protestierten gegen den Hamburger Arbeiter- und Soldatenrat ganz offenkundig auch mit dem Ziel, das Entsenden von revolutionären Truppen zu unterbinden. Und der Harburger Rat schloß sich dem an.

Wer von Hamburg nach Süden wollte, um die Bremer revolutionären Arbeiter zu unterstützen, mußte nun die Straßenbahn benutzen. Am 5. Februar las man in den HAN: „Im Laufe des Vormittags kamen hier fortgesetzt mit der Straßenbahn aus Hamburg bewaffnete Marinesoldaten an, die angeblich die nach Bremen führenden Straßen besetzen sollten. Gerüchte wollen wissen, daß sich Teile der Division Gerstenberger (gemeint ist Gerstenberg, d.V.) im Anmarsch auf Harburg befinden.“[4]

Dieses Ereignis hat der Hamburger Schriftsteller und Zeitgenosse Willi Bredel in seiner Geschichte „Denn goht wi to Foot...“ verarbeitet. Danach wollte auch der spätere KPD-Vorsitzende Ernst Thälmann mit dem Zug fahren, um die Bremer Räterepublik zu unterstützen. Laut Bredel streikten die Eisenbahner aus Protest gegen das Vorgehen der Regierung, und da Streik nun mal Streik sei, könnten sie auch Thälmann und die Matrosen nicht mitnehmen. Wütend über solche kurzsichtige Sturheit soll Thälmann gerufen haben: „Denn goht wi to Foot!“.[5] Wenn die Geschichte so stimmt, stellt sich die Frage, warum Thälmann nicht, wie man in der Presse lesen konnte, zusammen mit den Matrosen ebenfalls die Straßenbahn genommen hat, denn sie fuhr ja. Oder hat sich der Disput in Harburg abgespielt, und der Hamburger Bredel hat die Geschichte, weil die Stadt Harburg für ihn wohl nicht literaturfähig war, einfach nach Hamburg verlegt?

Wer am 5. Februar ab Harburg weiter in Richtung Bremen wollte, mußte nämlich wie in Bredels Geschichte tatsächlich zu Fuß gehen. Dabei kam es auf dem Bahnhofsgelände zu heftigen Auseinandersetzungen. Ein Zug aus Cuxhaven mit revolutionären Infanteristen und Matrosen war unterwegs nach Harburg. Wegen des Streiks endete die Fahrt zunächst in Stade. Der Stader Soldatenrat erzwang jedoch die Weiterfahrt; hier war also offenbar die Solidarität mit der Bremer Räterepublik kein großes Problem. In den Harburger Bahnhof konnte der Zug jedoch nicht einfahren, weil das Stellwerk von dem streikenden Personal verlassen worden war. Nun versammelte sich eine größere Menschenmenge vor dem haltenden Zug – ein Zeichen, daß auch in Harburg eine gewisse Stimmung vorhanden war, die Soldaten zur Unterstützung Bremens durchzulassen. In den HAN las man dann: „Man bedrängte den Weichensteller, eine Weiche umzulegen; einige Personen drangen in den Spannwerksraum und rüttelten dort an den Apparaten. Als der Bahnhofsvorsteher Harder hinzukam, um dem Weichensteller beizustehen, erging an ihn die Aufforderung, den Zug in den Bahnhof einzulassen; er erklärte das für unmöglich, da die Stellwerke nicht besetzt seien. Es erschollen Rufe ‘An die Laterne’, und ein Mitglied des Stader S-Zentralrats (wohl Soldaten-Zentralrats, d.V.) erklärte den Bahnhofsvorsteher für verhaftet. Dieser protestierte, weil der Betreffende keinen Ausweis hatte; schließlich nahm ein Sicherheitswachmann, der sich legitimieren konnte, die Verhaftung vor. Herr Harder wurde in ein Auto geladen, durch die Stadt zur Kaserne gefahren und hier vernommen; er berief sich auf seine Dienstvorschriften und wurde wieder entlassen. Der Zug mußte nach dem Bahnhof Unterelbe zurückgeschoben werden.“[6]

(14) Der Harburger Hauptbahnhof in den 20er Jahren

Gegen Abend kam dann ein Zug aus Hamburg an. Auch hier wurde das Personal angeblich mit Drohungen gezwungen, den Zug zu fahren. Die Weiterfahrt durch Harburg nach Bremen gelang ebenfalls nicht. „Die Leute hatten anfänglich keine Lust, den Weg weiter zu Fuß fortzusetzen; ein Redner verhieß ihnen dann gute Quartiere und gute Verpflegung, und der Trupp zog nach Fleestedt ab. Außerdem kamen hier von Hamburg aus im Laufe des Nachmittags bis zur späten Abendstunde noch einzelne größere Trupps schwerbewaffneter Soldaten und Arbeiter und marschierten meistenteils die Winsener Chaussee entlang nach Fleestedt, Glüsingen, Hittfeld; andere zogen nach Nenndorf. In Fleestedt war eine etwa 500 Mann starke Sicherheitsmannschaft einquartiert. Mit Munition und Decken beladene Kraftwagen sowie Lazarettautos sah man mehrfach die Stadt durcheilen.“ Natürlich hatten auch ganz gewöhnliche Reisende das Nachsehen, vor allem solche, die den umgekehrten Weg von Bremen nach Harburg und Hamburg nehmen wollten. Sie mußten auf dem Bahnhof Hittfeld aussteigen und gelangten teils zu Fuß, teils auf Ackerwagen nach Harburg. „An der Endstation der Straßenbahn in Wilstorf staute sich die Menschenmenge, und nur mit vieler Mühe konnten die Leute mit der Straßenbahn nach Hamburg gebracht werden.[7]

Die Division Gerstenberg hatte inzwischen im Auftrag Noskes Bremen vollständig eingenommen. Am nächsten Tag strömten die zur Unterstützung Bremens entsandten revolutionären Soldaten wieder durch Harburg nach Hamburg und anderswo zurück. Zu Transportproblemen kam es offenbar nicht mehr, weil der Streik der Eisenbahner nur für einen Tag angesetzt war.[8]

Die Gerstenberg-Truppen rückten inzwischen weiter in Richtung Cuxhaven vor, und Gerüchte wollten nicht verstummen, daß sie auch über Harburg nach Hamburg kommen könnten. Die „Hamburger Volkszeitung“ meldete am 20. Februar, daß in Wilhelmsburg „junge Burschen der Gerstenbergtruppe aufgetaucht“ seien. Die Zeitung schrieb: „Die freie Hamburger Arbeiterschaft wird niemals diese Truppen in Hamburg dulden und lehnte jede Verantwortung für die Folgen ab.“[9]

 

Hungerunruhen, Wahlen zum Stadtparlament und das Ende der Räte

Im gesamten Deutschen Reich wurden jetzt die Räte, soweit sie politische Macht beanspruchten, mit Waffengewalt niedergerungen. Ganz besonders galt das natürlich für die letzten Räterepubliken. Die Reichsregierung warb unaufhörlich Frei­korps an – zur Unterstützung der regulären Truppen gegen die Räte im eigenen Land, aber auch gegen eine angeblich drohende Invasion der russischen Bolschewiki oder gegen den neu entstehenden polnischen Staat. Auch in den „Harburger Anzeigen und Nachrichten“ gab es laufend Anzeigen wie diese: „Deutsche, macht Deutschland stark!“ Ein „Freikorps Hülsen“ sollte aufgestellt werden zum Schutz der Ostgrenzen vor den „frechen Polen“. Die Anwerbestelle befand sich in Hannover.[1] 

In Harburg und Wilhelmsburg hatte sich – dafür gibt es klare Indizien – die Stimmung unter der Arbeiterschaft radikalisiert. Dabei mußte es nicht einmal politische Anlässe geben. Da die Bevölkerung Hunger litt, war die Grenze zwischen politischen Aktionen, Hungerunruhen und Plünderungen nicht immer klar zu ziehen. Wenn die Polizei einschritt und jemanden verhaftete, entstand nicht selten ein Auflauf, und es kam zu Gewalttätigkeiten. So meldeten die HAN am 13. Februar, daß im benachbarten Wilhelmsburg „wegen der großen Beraubungen der Eisenbahn durch bewaffnete Banden“ der Belagerungszustand verhängt wurde. Weiter hieß es: „Augenblicklich herrschen in Wilhelmsburg trostlose Zustände. Bei den bereits gemeldeten Bandendiebstählen am Güterbahnhof wurden vorgestern nacht 19 Personen festgenommen. Beim Abtransport dieser Leute auf Lastautos nach Harburg stellten sich junge Burschen dem Transport entgegen. Es kam zu wüsten Zusammenstößen. Ein Trupp Polen und junge Leute stürmten die Wache, zerbrachen die Gewehre, vernichteten die Waffen und zerstörten das ganze Wachlokal. Hierbei wurde der Gendarmerie-Wachtmeister Kujahn durch einen Schuß und einen Säbelhieb verwundet. Es heißt, daß der Oberwachtmeister Selke verschwunden oder getötet sei. Viele Sicherheitsmannschaften, darunter auch der Obmann des Harburger Soldatenrats, wurden verwundet.“ Das Gemeindeschlachthaus und andere Läden wurden geplündert. Natürlich wußte die Zeitung zu sagen, wer vielleicht hinter den „Polen und jungen Leuten“ steht: „An der Spitze dieser Horde steht angeblich ein Hamburger Spartakist, ein Führer des roten Soldatenbundes. Heute morgen sind zwei Kompanien von Harburg und zwei Kompanien von Hamburg, außerdem Artillerie und andere Truppenformationen zur Unterdrückung der Unruhen abgerückt.“[2] Am nächsten Tag war zu lesen: In Wilhelmsburg herrsche wieder Ruhe, „nachdem es gelungen ist, von den Räubern 20 dingfest zu machen.“[3]

Bemerkenswert ist, daß der Belagerungszustand in Wilhelmsburg am 12. Februar nicht von irgendwelchen übergeordneten Instanzen, sondern vom dortigen Arbeiter- und Soldatenrat verhängt wurde. In dem Beschluß hieß es: „Alle Personen, welche ohne Erlaubnis mit Waffen oder beim Plündern und Rauben angegriffen werden oder am Aufruhr sich beteiligen, werden standrechtlich erschossen.“[4] Auch das „Hamburger Echo“ berichtete über die Unruhen: Der Harburger Arbeiter- und Soldatenrat habe drei Autos mit zwei Maschinengewehren geschickt, um die Gefangenen nach Harburg zu bringen. „Als dann die Gefangenen in ein Rot-Kreuz-Auto verladen wurden, durchbrach die Menge den Absperrungskordon und stürzte nach den Autos, die sich aber auch in demselben Augenblick in Bewegung setzten.“ In der Fährstraße fielen dann Schüsse, ein Polizist stürzte schwerverletzt vom Auto ab. „Inzwischen war aber die Masse so zum Aufruhr gekommen, daß sie die Wache stürmte und sich der dort lagernden Waffen bemächtigte, worunter sich auch ein schweres Maschinengewehr befand. Die Waffen wurden fast alle zertrümmert. Die nur in geringer Anzahl vorhandenen Sicherheitsmannschaften waren dagegen machtlos. Nunmehr schwang sich der Unabhängige Bruhn empor und suchte die Menge zu beruhigen, was ihm, wie es scheint, auch zum Teil gelungen ist. Er versprach, den am Tage über Wilhelmsburg verhängten Belagerungszustand wieder aufzuheben und für Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung zu sorgen.“ Die Plünderungen gingen jedoch bis in den Abend weiter, auch das Gemeindelager war betroffen. Acht Mann der Harburger Sicherheitskompanie, die zur Unterstützung des Wilhelmsburger Soldatenrats gekommen war, konnten noch vier Faß Butter retten.[5] Der USPD-Mann Bruhn wurde vom Wilhelmsburger Rat bezichtigt, für die Plünderungen verantwortlich zu sein, da er Verstärkung aus Harburg abgelehnt hatte. Dabei hatte Bruhn ja versucht, wie auch das „Echo“ berichtete, die Menschen zu beruhigen. Zu den Wilhelmsburgern, die das Harburger und Hamburger Militär am nächsten Tag verhaftete, gehörten auch Bruhn und ein weiterer USPD-Mann. Das „Hamburger Echo“ schrieb: „Von 9 Uhr abends sind die Straßen menschenleer und auch das lichtscheue Gesindel muß sich zur Ruhe begeben. Zusammenstöße sind bisher nirgends erfolgt. Im übrigen wird Vorsorge getroffen, daß sich Zustände, wie sie bereits eingetreten waren, nicht wieder einbürgern.“[6] In den nächsten Tagen wurde bekannt, daß aus dem Gemeindeschlachthaus insgesamt 2700 Pfund Fleisch hinausgeschleppt wurden.[7] Bruhn wurde auch beschuldigt, hinter dem „Roten Soldatenbund“ zu stehen, der die Aktionen angeblich zu verantworten hatte. Am 20. Februar wurde der Belagerungszustand wieder aufgehoben.[8] Die Folgen der Knappheit und der Plünderungen wirkten aber noch nach. Am 29. März meldete das „Hamburger Echo“: „Wilhelmsburg ohne Butter. Was schon lange befürchtet werden mußte, ist eingetreten. Durch die großen Bandendiebstähle und die langsame Bahnbeförderung ist es leider nicht möglich, die Butter bereits in dieser Woche zu verteilen. Die Ausgabe erfolgt Anfang nächster Woche. ... Das hat also die Bevölkerung diesem Diebespack zu verdanken. Die Allgemeinheit muß darunter leiden; deshalb kann gegen diese Diebesbanden gar nicht scharf genug vorgegangen werden.“[9]

In Harburg selbst kam es wenig später am 26. Februar zu einem ähnlichen Vorfall. Die HAN berichteten von „groben Ausschreitungen“ in der Marienstraße in der Nähe des Rathauses. Ein betrunkener Matrose wurde von der Polizei abgeführt. „Nun glaubte die sich ansammelnde Menge, für den Verhafteten Partei nehmen zu müssen.“ Vor der Polizeiwache wurde die Freilassung des Verhafteten gefordert. Es fielen Schüsse aus der Menge. Sicherheitsmannschaften versuchten, die Menge abzudrängen, und schossen ebenfalls. Über Verletzte wird nichts berichtet.[10] 

Teilweise rekrutierten sich die Banden aus demobilisierten Soldaten, die ihre Waffen nicht abgeliefert hatten. So hatten im Februar „bewaffnete Autobanditen“ Eißendorf unsicher gemacht. Auch sie hatten es auf Lebensmittel abgesehen und überfielen ein Haus in der Wilhelminenstraße (heute Eichenhöhe). „Die stark mit Waffen aller Art ausgerüsteten Räuber schüchterten die Hausbewohner ein, fesselten und knebelten sie und plünderten dann ein Rauchhaus. Ihre Beute war so groß, daß sie außer ihrem mitgeführten Auto noch einen Zweispänner zum Transport der Räucherwaren benutzen mußten. Unerkannt und unbehelligt entkamen die Raubgesellen.“[11]

Am 2. März sollte ein neues Bürgervorsteherkollegium gewählt werden, und zwar erstmalig nach demokratischen Grundsätzen. Am 21. Februar trat das Stadtparlament in seiner alten Zusammensetzung zum letzten Mal zusammen. Oberbürgermeister Denicke verabschiedete die Abgeordneten. Er meinte, daß die hannoversche Städteordnung zwar Kritik verdiene. Die letzten 60 Jahre seit 1858 hätten jedoch im Bereich Hannover, also auch in Harburg, zu einer „gleichen Blüte“ geführt wie in vergleichbaren anderen preußischen Städten.

Wieder beherrschte der Wahlkampf die Seiten der Presse. Zu wählen waren 48 Abgeordnete. Die SPD stellte dann auch 48 Kandidatinnen und Kandidaten auf. Die konkurrierende USPD brachte es „nur“ auf 47. An der Spitze der SPD-Liste stand Andreas Müller. Es folgten der spätere Senator Hugo Klemm, dann der Arzt und Gründer des Arbeiter-Samariter-Bundes in Harburg, Emil Hirschfeld (er wurde schon 1919 Senator). Der Parteisekretär Carl Gehrmann, der ein Jahr später bei der Bekämpfung des Kapp-Putsches in Harburg eine große Rolle spielen sollte, kam auf Platz 6. Weitere bekannte Namen waren der Lehrer Friedrich Gotthardt (Platz 8) und die beiden Gewerkschaftssekretäre Emil Seidenschnur (10) und Otto Adler (11). Erstmalig konnten sich auch Frauen aufstellen lassen. Großen Mut besaßen die Harburger Sozialdemokraten dabei nicht, obwohl sie sich so vehement für das Frauenstimmrecht eingesetzt hatten: Erst auf Platz 12 kandidierte die Hausfrau und spätere bekannte Kommunalpolitikerin Henriette Westphal.

Die USPD-Liste führte der Dreher und Vorsitzende des Arbeiterrats Hugo Paul an. Die erste Frau – die Hausfrau Frieda Enkhusen – kam hier auf Platz 7. Der Schlosser Carl Danker erhielt Platz 10.[12] 

(15) USPD-Anzeige in den HAN zur Wahl des Harburger Stadtparlaments

Auf der bürgerlichen Seite stellte nur die DDP eine Parteiliste auf, die von Fritz Grothe angeführt wurde. Daneben gab es Listen, die Berufs- und Standesinteressen repräsentieren sollten. So kandidierte eine „Liste Lampe“ der selbständigen Handwerker. Laut HAN sollen DVP und DNVP diese Liste unterstützt haben.[13]  Eine „Liste Maul“ (angeführt von dem Harburger Kaufmann Hermann Maul, dem späteren Senator und Harburger Ehrenbürger) stand für den Harburger Haus- und Grundbesitzerverein. Schließlich ging noch eine „Liste Richard Palm“ ins Rennen, für die sich der Harburger „Bürgerrat“ stark machte.

Am 27. Februar kündigte der Harburger Soldatenrat seinen Rücktritt an. „Da die Demobilmachung zum überwiegenden Teile beendet und die ungeheuren Werte des Demobilmachungsgeräts usw. gesichert sind, ferner, weil die Nationalversammlung legitime Gesetzeskörper eingesetzt hat und in allernächster Zeit die Gemeindevertretung in Harburg gewählt wird, erachten wir unsere bisherige Tätigkeit als erledigt. In Anbetracht dessen haben wir heute beschlossen, mit dem 28.d.M. von unserem Posten zurückzutreten. Zum Schutze Harburgs bleibt die Garnisonswach- und Sicherheitskompagnie weiter bestehen.“[14] 

Die SPD bot in ihrer Politik ein widersprüchliches Bild. Einerseits erweckte sie in den Wahlanzeigen den Eindruck, ein neues Zeitalter habe begonnen. So las man in einer großen Erklärung zur Harburger Wahl am 28. Februar: „Die endlich erfolgte Aufhebung der Klassenherrschaft im Rathause ist die Vollendung unserer demokratischen Verfassung unserer Stadtgemeinde. Die Bahn für sozialdemokratische Verwaltungstätigkeit, für wahre Bildungspflege ist frei!“[15] Gleichzeitig wurde in der Presse ausführlich über die Debatten in der Weimarer Nationalversammlung berichtet, und hier wurde deutlich, daß ein wirklicher Bruch mit der imperialistischen wilhelminischen Ära nur halbherzig oder gar nicht vollzogen worden war. So beschloß die Nationalversammlung mit großer Mehrheit, und zwar auch mit den Stimmen der SPD, die „Wiedereinsetzung Deutschlands in seine kolonialen Rechte“. Als einzige Partei stimmte die USPD dagegen.[16] Bekanntlich mußte Deutschland nach dem Krieg seine Kolonien abgeben. Die Kolonialpolitik des wilhelminischen Reichs, der Versuch, gegen Großbritannien und Frankreich eine Neuaufteilung der Welt durchzusetzen, war aber eine wesentliche Ursache des Krieges gewesen. Außerdem ging Kolonialpolitik (oder „Weltpolitik“, wie man damals beschönigend sagte) einher mit brutaler Unterdrückung der Bevölkerung in den Kolonien, und da stand Deutschland (etwa bei der Bekämpfung des Herero-Aufstands in Südwestafrika) den anderen imperialistischen Mächten keineswegs nach.

Die Regierung war, wie schon erwähnt, eine Koalitionsregierung aus SPD, der linksliberalen DDP und der katholisch orientierten Zentrumspartei (Z). Die Sozialisierung wurde zwar immer noch ins Auge gefaßt, aber schon deutlich verwässert. So erschien am 3. März ein Aufruf der Reichsregierung „An die Arbeit! Nur sie kann uns retten!“ Die Streikbewegung, die damals das ganze Land überzog, sollte beendet werden. Es wurde eine „wirtschaftliche Demokratie“ versprochen. Sogar die Räte sollten mit veränderter Funktion weiterbestehen: als Kontrollorgan in den Betrieben. Die Regierung propagierte eine „konstitutionelle Fabrik auf demokratischer Grundlage. All das in Verbindung mit der Sozialisierung der Wirtschaftszweige, die sich, wie vor allem Bergwerke und die Erzeugung von Energie, zur Übernahme in die öffentliche oder gemischtwirtschaftliche Bewirtschaftung eignen oder der öffentlichen Kontrolle unterstellt werden können.“[17] Hier wurde wirklich alles offengelassen: Die Zahl der zu sozialisierenden Wirtschaftssektoren wurde erheblich eingeschränkt, und wie diese „Sozialisierung“ dann letztendlich auszusehen hatte (ob „Übernahme“ oder „Kontrolle“), war mehr als nebulös.

Am 2. März fand die Wahl zum Harburger Bürgervorsteherkollegium statt. Sie brachte eine übergroße Mehrheit für die Arbeiterparteien:

Die SPD bekam also allein 59,3% der Stimmen, die USPD 11,0%.[18] Beide Arbeiterparteien pendelten um die 70%. Die USPD hatte sich jedoch seit den Wahlen zur Nationalversammlung auf Kosten der SPD stärken können.

Nach den Wahlen zum Harburger Gemeindeparlament war auch das Ende des Arbeiterrats gekommen. Er wollte seine Tätigkeit nur noch als „wirtschaftliche Interessenvertretung“ fortsetzen. Am 8. März stand zu lesen: „Nachdem in Harburg die Bürgervorsteher auf Grund des gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts gewählt worden sind, beschloß der Harburger Arbeiterrat in der Vollversammlung am 6. März, seine öffentliche politische Tätigkeit einzustellen und sein Bureau am 8. März zu schließen. Der Arbeiterrat selbst wird als wirtschaftliche Interessenvertretung der arbeitenden Bevölkerung weiterbestehen. Als wir in den Tagen der Umwälzung die öffentliche Gewalt an uns nahmen, an Stelle der Herrschaft der Gewalt die Herrschaft des Rechts zu setzen, riefen wir die Einwohnerschaft Harburgs zur Mithilfe auf. Diese Hilfe ist uns reichlich zuteil geworden, und im Verein mit dieser Hilfe gelang es uns, unsere Stadt Harburg vor Unruhen und Erschütterungen zu bewahren. Wir danken allen, die in den kritischen Tagen treu auf ihrem Posten blieben und zum Wohle unserer Gemeinde tätig waren.“[19] 

Am 10. März traf sich der Wilhelmsburger Arbeiterrat. Auch er legte seine politischen Funktionen nieder, wollte aber ehrenamtlich zur Vertretung der wirtschaftlichen Interessen der Arbeiterschaft auch künftig tätig sein.[20] 

Im Deutschen Reich gab es weiterhin Streiks und Kämpfe. In einigen Städten spielten die Räte immer noch eine wichtige politische Rolle. In München stand die Ausrufung einer Räterepublik bevor. Ob in der bürgerlichen Presse von Unruhen oder Verbrechen die Rede war: Überall war „Spartakus“ am Werk, der Mord an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg hatte daran nichts geändert. So meldeten die HAN am 7. März, daß sich am Tag vorher kurz nach acht Uhr ein räuberischer Überfall auf eine Villa an der Buxtehuder Straße ereignet habe. Nur zwei Frauen seien im Hause gewesen. Fünf Männer verlangten „im Auftrage der Spartakusleute“ sämtliches Geld und alle Wertgegenstände. „Auffallend ist der Umstand, daß das bei solchen Gelegenheiten jederzeit bereitstehende Sicherheitsauto (Wir erinnern uns: das „bewaffnete Automobil“, d.V.) in der Gummifabrik telephonisch nicht zu erreichen war.“[21] Am 14. März erschien die Zeitung mit der Schlagzeile auf Seite 1: „Achtung! Bolschewistengefahr!“ Eine „russische Bolschewistenwalze“ bedrohe das Land. Überall gebe es Aufruhr, so in Berlin und Oberschlesien. Die Grenzen in Ostpreußen seien in Gefahr. „Diese Bolschewistengefahr, die von Rußland aus droht, rückt in der Tat immer näher, und es wäre lebensgefährliche Torheit, wenn wir die Größe dieser Gefahr nur einen Augenblick verkennen wollten. Daß sie bisher nicht über die ostpreußische Grenze hereinbrach, lag einmal daran, daß die Witterung noch nicht so einladend war, und daß zweitens die Bolschewistenheere in den russischen Ostseeprovinzen noch genug zum Plündern fanden.“[22] Der bevorstehende Sommer mit seinen warmen Tagen versprach also, ganz fürchterlich zu werden.

In Harburg fanden damals Tanzveranstaltungen am laufenden Band statt – in den Lokalen an der Buxtehuder Straße wie Gambrinus oder Sanssouci, im Hotel Kaiserhof, im „Goldenen Engel“, bei Wolckenhauer und Flora in Eißendorf, bei Dittmers Tivoli in Wilstorf oder Heitmann’s Höh’ in Appelbüttel. Die Menschen hatten wohl, wie anderswo auch, nach dem Krieg mit seinen Entbehrungen einen großen Nachholbedarf, trotz der immer noch bedrückenden Lebensverhältnisse Spaß zu haben und ausgelassen zu sein. Selbst hierin witterten einige die Machenschaften des „Bolschewismus“. So erschien in den HAN am 28. Februar 1919 eine persönlich eingesandte Anzeige eines Bürgers H.G. mit der Überschrift „Gegen den Tanz-Bolschewismus“. Es ist schwer vorstellbar, daß solche Anzeige ohne inhaltliche Zustimmung der Redaktion abgedruckt worden wäre. „Lawinenartig ergießt sich der Strom des grenzenlosen Unglücks über unser deutsches Vaterland“, beklagte der Bürger. Aber die deutschen Männer gäben sich, anstatt sich gegen das Unglück aufzuraffen, hemmungslos „Musik, Lärm und Tanz“ hin. Wenn das so weiterginge, bliebe den 70 Millionen Deutschen nur noch „der deutsche Totentanz“.[23] 

Tanz und ähnliche Lustbarkeiten waren – freilich aus ganz anderen Gründen – auch bei der politischen Arbeiterbewegung verpönt, sogar bei der Jugend. Was die Jugend angeht, so ist es erstaunlich, daß in diesen revolutionären Zeiten kaum von eigenständigen politischen Aktivitäten berichtet wurde. Vielfach hatten die Eltern, sogar wenn sie politisch organisiert waren, wenig Verständnis dafür, daß sich die Arbeiterjugend organisieren wollte. So legte z.B. der (sozialdemokratische) Arbeiter-Jugendbund, der die Mädchen und Jungen von 14 bis 18 Jahren ansprach, in Wilhelmsburg großen Wert darauf, auch die Eltern in die Arbeit einzubeziehen. Vielleicht spielte auch der Hintergedanke eine Rolle, daß die Eltern in der Regel die Mitgliedsbeiträge der Jugendlichen bezahlen mußten. Am 30. März veranstaltete er bei Stüben eine Feier, zu der auch die Eltern geladen waren. Sie war gut besucht, von den Eltern waren offenbar nur wenige erschienen. Der Jugendausschuß verfaßte einen Aufruf:

„An die Eltern und Freunde der Jugend! Euch haben wir auf unserer Feier zahlreich erwartet. Nun, die Jugend, der unsere Veranstaltung hauptsächlich galt, war ja gut vertreten. Die Revolution hat auch der Jugend freie Bahn geschaffen, und wenn wir uns nun ehrlich bemühen, vorwärts zu schreiten und uns weiterzubilden, anstatt im dumpfen Kientopp oder auf dem Tanzboden unsere freie Zeit zu vertändeln, so ist es doch wirklich kein unbilliges Verlangen, von den Eltern dabei unterstützt zu werden. Wir sind doch das kommende Geschlecht, wir sollen Träger der Zukunft sein. Dessen sind wir uns bewußt geworden, und wir handeln danach.“ Sie wollten nun eine neue Abendveranstaltung eigens für die Eltern ausrichten, um deren „Vertrauen und Achtung“ zu bekommen. „Also, Ihr Eltern, kommt am 27. April und gebt uns durch Euer Erscheinen Mut und Lust zum fröhlichen kräftigen Weiterarbeiten.“[24] 

Die Arbeiter-Jugend hatte übrigens ein so strammes Programm, daß für Kino und ähnliche „Ausschweifungen“ auch gar keine Zeit war. Hier ein „Programmangebot des Arbeiter-Jugendbundes, Abteilung Wilhelmsburg:
Sonntag, 6. April: Außenspiele im Volkswohl, Abfahrt 2 Uhr von Witt.
Montag, 7. April: Reigenüben bei Bastian, abends 8 Uhr.
Mittwoch, 9. April: Vortrag über Zweck und Ziele des Jugendbundes, präzise 7 Uhr.
Gäste zu allen Veranstaltungen willkommen.“[25] 

Am Rande ist zu vermerken, daß es nach der Novemberrevolution auch Versuche der Arbeiterbewegung gab, im Bereich der Kultur eigenständige Wege zu gehen. So gründeten zwei Mitarbeiter des Harburger Stadttheaters ein eigenes Ensemble unter dem Namen „Soziale Bühne“. Am 25. Mai wurde im Hotel „Kaiserhof“ zum ersten Mal das Drama „Im Schatten leben“ – ein Stück aus dem Bergarbeitermilieu – des sozialdemokratischen Politikers Emil Rosenow aufgeführt.[26] 

 

Neue Arbeiterräte – ein Köder für Revolutionäre?

Im März gab es Überlegungen bei der SPD, den Räten eine Kontrollfunktion in mehreren Bereichen zuzuweisen, z.B. bei der Mitwirkung an Sozialisierungsmaßnahmen, zur Kontrolle der Betriebe, zur Überwachung der Gütererzeugung. Entsprechende Vertretungen auf Reichsebene könnten auch an sozialpolitischen Gesetzentwürfen mitwirken. Sie sollten auch selbst Gesetzesanträge stellen können.[1] Die Reichsregierung stimmte später einem entsprechenden Gesetzentwurf zu.

Im Kreis Harburg-Land bereitete man sich schon früh auf diese neue Rolle der Räte vor. Am 18. März erschien ein Aufruf des Landrats Rötger zu „Neuwahlen zu den Arbeiter- und Bauernräten“. In Berlin sollte am 8. April ein gesamtdeutscher Kongreß aller Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte tagen, und dazu sollten die bestehenden Räte neu gewählt werden, die dann ihrerseits Delegierte nach Berlin schicken würden. Hierfür gab es eine Wahlordnung. Interessant ist, daß alle, die über 10 000 Mark im Jahr verdienten, nicht wählen durften: „Wahlberechtigt und wählbar zu den Arbeiterräten sind alle Personen beiderlei Geschlechts, die das 20. Lebensjahr erreicht haben und gegen Lohn und Gehalt beschäftigt sind, sofern das Jahreseinkommen den Betrag von 10 000 Mark nicht überschreitet.“[2]

Inzwischen wurde von der Weimarer Nationalversammlung ein Sozialisierungsgesetz verabschiedet. Es war ein Rahmengesetz; einzelne Betriebe konnten gegen Entschädigung der Eigentümer vergesellschaftet werden. Dafür war in jedem Einzelfall noch ein gesondertes Gesetz nötig. So hoch die Hürden waren – formal wurde der Eindruck gewahrt, daß eine Umgestaltung der Wirtschaft vorbereitet wurde, wobei die Räte als beratende Organe diesen Prozeß begleiten sollten. Ungewollt wurde dieser Eindruck durch bürgerliche Zeitungen wie die HAN noch verstärkt, die selbst in diesen sehr zögerlichen Gesetzen „Bolschewismus“ witterten. Am 19. März kommentierte die Zeitung das Sozialisierungsgesetz: „Es ist also leider mit Sicherheit zu erwarten, daß die Verderbnis, die in Rußland vom Bolschewismus auf die gesamte Volkswirtschaft übergegangen ist, auch in Deutschland bald ihre Spuren zeigt, daß also im Gefolge der Sozialisierung gerade diejenigen Krankheitserscheinungen auftreten, die die Regierung durch ihr schwächliches Entgegenkommen gegen die Arbeiterforderungen bekämpfen will. Das Rätesystem wird sich ausbreiten und wird sich wie ein Alpdruck auf die deutsche Wirtschaft legen. Die Unternehmungslust wird allmählich absterben und der deutsche Arbeiter die Folgen dieser verhängnisvollen Politik bald am eigenen Leibe spüren.“[3]

Ebenfalls am 19. März kamen im Harburger Rathaus die neu gewählten Bürgervorsteher zusammen. Oberbürgermeister Denicke bot ihnen – auch im Namen des gesamten Magistrats – gute Zusammenarbeit an und versprach, daß er allen Vorschlägen „eine gewissenhafte und sorgfältige Beachtung schenken“ würde. Er beklagte die zunehmende „Nichtachtung von Gesetz und Recht“. „Wortführer“ des Bürgervorsteherkollegiums – also eine Art Parlamentspräsident – wurde Hugo Klemm (SPD), sein Stellvertreter Palm (obwohl dessen dem „Bürgerrat“ nahestehende Liste nur drei Mandate gewonnen hatte), Schriftführer Friedrich Gotthardt (SPD). Trotz der übergroßen Mehrheit der Arbeiterparteien im Parlament stand eine Abwahl des Oberbürgermeisters nicht zur Debatte. Harburgs Unternehmer sollten nicht unnötig verschreckt werden. Der sehr konservative Politiker Denicke blieb bis 1925 im Amt. Ähnlich zierte sich die SPD in Hamburg, das Amt des Ersten Bürgermeisters zu übernehmen. Der führende Hamburger Sozialdemokrat Otto Stolten vertrat offen den Standpunkt: An die Spitze einer solchen Stadt gehöre ein Mann, „der auch den alten hamburgischen Familien nahestehe“.[4]

Aber die eigenartige Symbiose zwischen Denicke und der SPD-Mehrheit schien leidlich zu funktionieren. Zwei Tage später gab Denicke die Richtlinien zur „Wahl zum Arbeiterrat der Stadt Harburg“ bekannt. Sie beruhten auf einer Verordnung des Zentralrats, der sich immer noch „Zentralrat der deutschen sozialistischen Republik“ nannte, vom 1. März 1919. Die Wahl des Arbeiterrats sollte am 30. März stattfinden. Wahlberechtigt waren – wie im Landkreis – alle Arbeiter, Angestellten und Beamten, die nicht mehr als 10 000 Mark im Jahr verdienten. Arbeitslose durften natürlich auch wählen. Als eine Art Ausweis für die Wahl diente entweder eine Beschäftigungs-Bescheinigung des Arbeitgebers oder die Arbeitslosenkarte. Gewählt wurde nach dem Verhältniswahlrecht. Denicke rief dazu auf, Wählerlisten anzumelden.[5]

Fünf solcher Listen wurden aufgestellt, 48 Mandate waren zu vergeben. Wie bei der Bürgervorsteherwahl stellten die Sozialdemokraten genau 48 Leute auf, die USPD 47. Angeführt wurde die SPD-Liste von Gewerkschaftssekretär Otto Adler, die USPD-Liste von Stellmacher Oestreich. Für die DDP stand eine Liste Dr. Herz, für das Zentrum die Liste Wolpers und für die DVP die Liste Hockemeyer.

Wieder gab es Wahlanzeigen. Am 29. März, also einen Tag vor der Wahl, veröffentlichten die HAN zwei große (getrennte) Aufrufe der beiden sozialdemokratischen Parteien. Die USPD reklamierte für sich: „Einzig und allein stand am 7. November 1918 die Unabhäng. Sozialdemokratische Partei den Bajonetten der Militärkaste gegenüber. Nur dieser Partei hat das Proletariat seine jetzigen Rechte zu verdanken. Auch nur sie fordert: Einordnung des Rätesystems in die Verfassung, entscheidende Mitwirkung der Räte bei der Gesetzgebung, Stadt- und Gemeindeverwaltung und in den Betrieben.“ Die USPD vertrat also nicht die absolute Forderung „Alle Macht den Räten“, sondern eine Art gemeinsame Herrschaft von Räten und Parlamenten. Die SPD beschränkte sich in ihrer Annonce auf reine Sympathiewerbung: „Beamte, Angestellte, Arbeiter und Arbeiterinnen! Bei der Wahl zum Arbeiterrat gilt es, tüchtige und erfahrene Organisatoren zu wählen, die mit dem wirtschaftlichen Leben vertraut sind. Die von der Sozialdemokratischen Partei (Mehrheitspartei) aufgestellten Gewerkschaftsvertreter bieten die Gewähr für eine gute Vertretung aller gegen Lohn und Gehalt Arbeitenden.“[6]

Die Wahl zum Arbeiterrat am 30. März brachte folgendes Ergebnis: Nur 9697 Harburgerinnen und Harburger hatten ihre Stimme abgegeben. Bei der Wahl zur Nationalversammlung waren es noch 28 542 gewesen. Es bekamen:

Schuld an der viel geringeren Wahlbeteiligung war wohl, daß niemand so recht sagen konnte, welche Kompetenzen der neue Arbeiterrat tatsächlich haben sollte.[7]

Die anderen Gruppen, die aus Konjunkturgründen Räte gründeten, weil sie glaubten, nur so mitreden zu können, meldeten sich hin und wieder auch zu Wort. So tagte am 21. März der „Beamtenrat“ im Hotel „Deutsches Haus“ in der Wilstorfer Straße. Er protestierte gegen die Neuregelung der Teuerungszulagen, sie seien viel zu gering bemessen.[8]

 Am 9. April kam der Arbeiterrat im großen Saal des Volksblattgebäudes zusammen. Otto Adler leitete die Sitzung. Er verhieß, daß diese Räte „außerordentlich wichtig und entscheidend im Wirtschaftsleben“ sein würden. Konkreter wurde er allerdings nicht. Es sei zu erwarten, daß die Arbeiterräte recht bald in der Verfassung verankert würden. „Damit hätten dann auch die Arbeiterräte festen Boden unter den Füßen“, wurde er von den HAN zitiert. Daß von diesen Wünschen fast nichts übrigbleiben sollte, ahnten wohl damals im Gebäude am Großen Schippsee nur wenige.

Der Vorstand sollte aus dem Vorsitzenden, seinem Stellvertreter und zwei Schriftführern bestehen. Die SPD reklamierte den ersten und zweiten Mann für sich, was die USPD bewog, überhaupt niemanden ins Rennen zu schicken.

In den Kommissionen des Arbeiterrats (z.B. für Wirtschaft, Lebensmittelversorgung) wirkten die USPD-Vertreter allerdings mit.

Eine Erklärung der USPD zur Frage einer Räteregierung wurde vom Arbeiterrat zur Kenntnis genommen, der Abdruck dieser Erklärung im Volksblatt jedoch abgelehnt.

 

Wachsende Unzufriedenheit und getrennte Maikundgebungen

Laufend wurde jetzt in Harburg für Freikorps und auch reguläres Militär geworben. Am 22. März erschien in den „Harburger Anzeigen und Nachrichten“ ein Aufruf, daß sich Freiwillige „gegen das Eindringen der Bolschewisten im Osten“ sammeln sollten. Die Anlaufadresse war in Hannover, sogar der Zentralrat für die Provinz Hannover stand unter dem Anzeigentext.[1]

In Hamburg gab es eine Werbestation für die „Deutsche Schützendivision Lüttwitz“, die „mit Genehmigung des Reichswehrministers Noske“ um Freiwillige warb.

Wiederum in Hannover sammelte sich eine „Freischar Tüllmann“: „Not ist da! Die Heerhörner rufen zum Heerbann! Friesen und Niedersachsen – Nie haben sie Euch vergebens gerufen, wenn es galt, germanische Gaue zu schützen. Deutschlands Osten ist in Gefahr!“

Und in der Harburger Pionierkaserne warb ein Major Hueg für den Aufbau einer neuen Reichswehr. Dieser Major sollte ein Jahr später beim Kapp-Putsch eine unrühmliche Rolle in Harburg spielen.[2]

Auch in Harburg gab es eine Werbestelle für Freikorps: Im Gasthaus „Stadt Lübeck“ in der Schloßstraße Nr. 2 konnte man sich für das „Freikorps Hülsen“ melden.[3] In der Ludwigstraße 7 (heute Hölertwiete) konnten Fußartilleristen und Fahrer für die Fußartillerie antreten. Auch Ungediente unter 21 waren willkommen, wenn sie eine Erlaubnis der Eltern mitbrachten.[4] Im „Posthof“ am heutigen Alten Postweg wurden Freiwillige für ein „Freikorps Schleswig-Holstein, Regiment Schelle“ gesucht.[5]

Einige dieser Truppen zeigten auch in ihrer Aufmachung ganz offen, wes Geistes Kind sie waren. So prahlte das Freikorps Tüllmann in seinen Anzeigen mit Totenköpfen an den Uniformmützen.[6]

(16) Werbung für Freikorps-Einheiten

In dieser komplizierten Zeit, in der sich die gegenrevolutionären Kräfte in aller Offenheit formierten, zeigten die Harburger Anhänger des Spartakusbunds Flagge. Am 5. April wurde im „Wilstorfer Park“ eine Harburger Ortsgruppe der KPD gegründet. Referent war Heinrich Laufenberg, nach den Novemberereignissen führendes Mitglied der Hamburger „Linksradikalen“ (dann der KPD) und Vorsitzender des Hamburger Arbeiterrats. Er sprach zum Thema „Bürgerliche Demokratie oder proletarische Diktatur“. Er war ein entschiedener Anhänger des Rätesystems und Gegner jeder Mitarbeit in bürgerlichen Parlamenten. Nach der Spaltung der KPD im Jahre 1920 wurde er der führende Kopf der links von der KPD stehenden „Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands“ (KAPD). Die HAN schrieben über die Gründungsveranstaltung: „Viele zu dieser Versammlung erschienene Neugierige, die im Geiste schon die Maschinengewehre prasseln und die Handgranaten krachen hörten, kamen nicht auf ihre Rechnung. Abgesehen von einem ohrenbetäubenden Lärm, als Redakteur Zielke (vom „Volksblatt“, d.V.) dem Referenten entgegenzutreten versuchte, nahm die Versammlung einen sachlichen Verlauf.“[7]

Der „Wilstorfer Park“ (Adresse damals Winsener Str. 12, gegenüber dem Reeseberg) war eines der von der Arbeiterbewegung oft genutzten Versammlungs- und Tanzlokale Harburgs. Im Volksmund hieß er immer noch „Burg Blankenburg“ nach dem früheren Besitzer, einem Feldwebel des 1. Garderegiments Potsdam, den es ins proletarische Harburg verschlagen hatte. Das Gebäude hatte fünf Säle, von denen einer angeblich mit 50 000 Muscheln verkleidet war. 3000 Leute konnten hier tagen. Der dazugehörige Garten (laut Werbeplakat „einzig in ganz Deutschland“) warb mit einem „Goldfischteich, Caroussel, Schießbuden und einer Felsenburg“.[8]

Am 11. April tagte das Bürgervorsteherkollegium. Im Mittelpunkt der Diskussion stand die prekäre Ernährungslage. Auf Antrag der SPD wurde eine fünfköpfige Ernährungskommission beschlossen. Sie sollte zusammen mit dem Magistrat in Hamburg, Lüneburg, Hannover und Berlin vorstellig werden, um die Versorgung Harburgs mit Lebensmitteln zu verbessern. Dr. Hirschfeld (SPD) warnte vor schlimmen Folgen, wenn der Rückgang der Milchlieferungen nicht gestoppt werde. Hugo Paul (USPD) verlangte mehr Volksküchen sowie Sozialisierung der Bäckereien und Schlachtereien.[9] Der Kohlemangel beeinträchtigte auch die Stromerzeugung und führte dazu, daß in Hamburg zeitweise keine Straßenbahn fuhr. Die Harburger Linie 33 endete dann in Wilhelmsburg.[10]

(17) Heinrich Laufenberg (links) vom Hamburger Arbeiterrat und Wilhelm Heise vom Soldatenrat

Die Nationalversammlung beschloß am 15. April, den 1. Mai als gesetzlichen Feiertag zu begehen. In der Koalitionsregierung, die ja auch von bürgerlichen Parteien wie Zentrum und DDP mitgetragen wurde, gab es dagegen erhebliche Widerstände. In der dritten Lesung wurde namentlich abgestimmt; 161 Abgeordnete waren für und 86 gegen den Antrag, 10 enthielten sich. SPD und USPD stimmten vollzählig dafür, aber auch einige Abgeordnete aus Zentrum und DDP. Ein weitergehender Antrag der USPD, auch den 9. November als Feiertag einzuführen, fand keine Mehrheit.[11]

Den „Harburger Anzeigen und Nachrichten“ ging der 1. Mai als arbeitsfreier Tag so gegen den Strich, daß die Zeitung – was nur bei ganz wichtigen politischen Anlässen vorkam – diesem Thema auf Seite 1 einen ausführlichen Kommentar widmete. Sie denunzierte den 1. Mai als Parteiangelegenheit der SPD. Bitterböse war sie auf die DDP, die linksliberale Konkurrentin der rechten Deutschen Volkspartei (DVP): „Die bürgerliche Mehrheit des deutschen Volkes wird in diesem Jahre durch Reichsgesetz verpflichtet, die Maifeiern der Sozialdemokratie zum mindesten als müßige Zuschauerin mitzubegehen. Sie verdankt dieses zweifelhafte Vergnügen der demokratischen Partei, die der sozialdemokratischen Fraktion und der Regierung in der Nationalversammlung im letzten Augenblick noch durch einen Kompromißvorschlag hilfreiche Hand geleistet hat. Wenn wir also die Maifeier als offiziellen Feiertag über uns ergehen lassen müssen, so wissen wir, daß die Demokratie (gemeint war die Partei DDP, d.V.) an der Wiege auch dieses sozialdemokratischen Sprößlings Platz gestanden hat. Das Bürgertum wird die Maifeier unter Protest hinnehmen. Aber auch die Sozialdemokraten werden ihres Werkes nicht froh werden. Hier wie auf dem sozialen Gebiete bewahrheitet sich der Satz, daß die Sozialdemokratie die Geister, die sie rief, nicht loswerden kann.“ Die Zeitung spöttelte, daß am 1. Mai vielleicht auch keine Züge fahren und keine Kellner bedienen würden, so daß die Arbeiter überall vor verschlossenen Türen stehen könnten.[12]

(18) USPD-Maikundgebung 1919 auf dem Sand

Folgerichtig waren die Harburger Maifeiern und Demonstrationen der Zeitung nur knappe zehn Zeilen wert. Die Arbeiterparteien hatten sich inzwischen so sehr zerstritten, daß keine gemeinsame Kundgebung mehr zustande kam. Redner auf der SPD-Feier war Carl Gehrmann. Wo sie stattfand – nämlich vor dem Rathaus –, teilten die HAN nicht mit. Allerdings stand dort: „Die Pionierkapelle trug mehrere Konzertstücke vor.“ Wie man sieht, scheint die musikalische Begleitung von Maifeiern durch Uniformträger – seien es nun Soldaten oder Polizisten – in Harburg eine gewisse Tradition zu haben. Die USPD veranstaltete eine Kundgebung auf dem Sand. Hier verschwieg die Zeitung den Redner Hugo Paul. Ob auch die gerade gegründete KPD am 1. Mai eigene Aktivitäten durchführte, war nicht zu ermitteln. Rathaus und Sand waren allerdings nicht weit voneinander entfernt, und zwischen beiden Kundgebungen herrschte ein Kommen und Gehen. Das „Hamburger Echo“ berichtete: „Die Maiversammlung auf dem Rathausplatz war sehr gut besucht; unaufhörlich wogte die Menschenmenge vom Rathausplatze nach dem Sande hin und zurück, um die Verbindung zu den auf dem Sande tagenden Unabhängigen und der Mehrheit auf dem Rathausplatze aufrechtzuerhalten. Kein Mißton hat die Feier gestört.“[13] Nachmittags wurde bei Regenwetter eine Demonstration durch einige Hauptstraßen zum Volkswohl-Gebäude unternommen. Das „Echo“ berichtete: „Der Demonstrationszug versprach nach den Vorbereitungen einen gewaltigen Umfang anzunehmen. Doch der Wettergott machte einen dicken Strich durch alle Hoffnungen. Bei dem Wetter war es wirklich ein Opfer der Tausenden Genossen und Genossinnen, die am Zuge nach dem ‘Volkswohl’ teilnahmen. Hier hielt nach einem Liedervortrag der zahlreich erschienenen Sänger Genosse Baetke eine mit Beifall aufgenommene Ansprache. Gesangsvorträge folgten. Das vorgesehene Konzert kam leider nicht zur Geltung. In der großen Halle herrschte bis in die späten Abendstunden dichtes Gedränge.“[14] Die Maidemonstrationen zum Arbeiterlokal „Volkswohl“ in Appelbüttel (dem sich ein größeres Freizeitgelände anschloß) gehörten übrigens lange Jahre zum festen Programm an jedem 1. Mai in Harburg. Heute erinnert an das Lokal nur noch die Straße „Volkswohlweg“.

In Wilhelmsburg gab es ein langes Hin und Her, ob SPD und USPD den 1. Mai gemeinsam oder getrennt begehen sollten. Laut „Hamburger Echo“ stellte die USPD für eine gemeinsame Feier Vorbedingungen. Auf der Mai-Veranstaltung sollten gefordert werden:
„1. Auflösung aller von Noske geschaffenen Freiwilligen-Regimenter,
2. Anknüpfung freundschaftlicher Beziehungen zu allen Nationen und sofortiger Anschluß an die russische Sowjetrepublik.“

Anfang April tagten in Wilhelmsburg SPD- und Gewerkschaftsfunktionäre. Die Zeitung schrieb zu den drei Forderungen, im allgemeinen waren die Teilnehmer damit einverstanden und wollten diese Ziele auch in die Mairesolution aufnehmen. „Sofortiger Anschluß an die russische Sowjetrepublik“, und das auch noch mit SPD-Unterstützung? Auch wenn man einen gewissen Wilhelmsburger Hang zu politischen Übertreibungen in Rechnung stellt, muß der Berichterstatter hier wohl einiges durcheinandergebracht haben. Oder die „Echo“-Redaktion wollte sich über das damals wie heute ungeliebte Wilhelmsburg lustig machen. Weiter hieß es über die Versammlung: „Trotzdem wurde beschlossen, die Maifeier nicht mit der U.S.P. gemeinsam zu machen, da letzten Endes doch neue Streitigkeiten daraus entstehen würden.“[15] Aus der Tatsache, daß SPD-Führung und Gewerkschaftskartell gemeinsam beschlossen, wer an ihrer Mai-Veranstaltung teilnehmen sollte und wer nicht, wird noch etwas anderes deutlich: Die Freien Gewerkschaften wurden immer mehr zu einer Richtungsgewerkschaft der SPD, obwohl es inzwischen nicht nur eine Arbeiterpartei gab, und das wurde, wie man an diesem Beispiel sieht, auch gar nicht sonderlich kaschiert. Vor diesem Hintergrund konnte es dann kaum verwundern, daß die Kommunisten später eine eigene Gewerkschaft, die „Revolutionäre Gewerkschafts-Opposition“ (RGO), gründeten.

Zur Wilhelmsburger Maidemonstration der SPD erschienen dann laut „Hamburger Echo“ 12000 Menschen, der USPD wurden nur 1000 zugeschrieben.
Bei den HAN war mit den zehn Zeilen das Thema 1. Mai jedoch nicht vorbei. Eine Woche später öffnete das Blatt einem „San.Rat Dr. Frank“ aus Diepholz die Spalten für einen Artikel „Weltarbeitstag statt Weltfeiertag“. Die Ziele des Feiertags, u.a. „gerechter Friede“, würden, so schrieb er, Deutschlands Feinde nicht beeindrucken. „England samt dem rachsüchtigen Frankreich wird sich also nicht im mindesten durch unsere gerechten und völkerbeglückenden Forderungen beirren lassen, das unbesiegte, aber in seiner Volkswirtschaft erstickte deutsche Volk ... aus seinen Klammern loszulassen.“ Am 1. Mai hätten 20 Millionen Menschen in Deutschland bei einem Durchschnittsverdienst von 6 Mark pro Tag 120 Millionen Mark erwirtschaften können. Besser als ein Feiertag sei also ein „Weltarbeitstag“, am besten von 16 Stunden. Der ganze Tagesverdienst müßte (an wen? d.V.) abgeliefert werden. Rentner sollten ihre Tagesrente beisteuern. „Das würde 1. unseren Feinden Achtung abringen und 2. dazu dienen, unseren Kriegsbeschädigten, Kriegswitwen und -waisen ihre Rente sicherzustellen.“[16] Daß sich bei diesem famosen Vorschlag die Unternehmer den an einem solchen 16-Stunden-Tag erzielten Profit ganz unpatriotisch selbst in die Tasche steckten, war dem Verfasser offenbar so selbstverständlich, daß er sich darüber überhaupt nicht ausließ.

Die Streitkultur (oder richtiger Streit-Unkultur) zwischen den Arbeiterparteien wurde auch dadurch beeinflußt, daß in Orten wie Harburg oder Wilhelmsburg fast jeder jeden kannte. Die Auseinandersetzungen glichen daher oftmals dem Treppenhaus-Gekeife von Nachbarinnen und Nachbarn. Dafür ein Beispiel aus dem „Hamburger Echo“: Am 10. April fand bei Stüben in Wilhelmsburg eine Frauenversammlung der USPD statt. Eine Genossin Baumann referierte dort zur Frauenfrage. Die SPD-Zeitung schrieb dann über den Verlauf der Veranstaltung: „Während des Vortrags mußte man bemerken, daß Steine an die Fenster geworfen wurden und im Saal einer Pfui rief und verschwand. Die Anwesenden waren empört, glaubten aber, es sei ein dummer Junge gewesen. Trotzdem wagte ein Jüngling der USP. zu sagen, es könne niemand anderes gewesen sein als unsere Genossin Medrow, und er forderte die Genossin M. auf, den Saal zu verlassen, trotzdem sie gar nicht anwesend war. Eine Frau sagte: Messer raus! und andere sagten: Zerreißt sie! Muß man sich da nicht fragen, sind das noch Menschen? An der Aussprache beteiligte sich Riemer von der USP., der es verstand, den richtigen Ton in die Versammlung hineinzutragen, indem er das übliche Geschimpfe über unsere Regierung anfing. Auch der Gemeinderat, dem er auch angehört, arbeitet nicht nach seinen Wünschen. Als dann Genosse Dräger sich zu Wort meldete, entstand ein wahres Wutgeheul. Der soll nicht reden, schmeißt ihn raus, der hat den Speck gefressen, hieß es.“[17] Angespielt wurde hier offenbar auf die ständigen Diebstähle von Lebensmitteln, die immer noch die Atmosphäre zwischen beiden Parteien vergifteten. Der USPD wurde vorgeworfen, hinter den Unruhen und Plünderungen gestanden zu haben. Diese beschuldigte wiederum SPD-Mitglieder, die ja inzwischen näher an den (sprichwörtlichen wie real existierenden) Fleischtöpfen der Gemeinde saßen, heimlich Lebensmittel abzuzweigen.

Natürlich können wir nicht nachprüfen, was an diesem Bericht Dichtung und Wahrheit war. Die „Hamburger Volkszeitung“ der USPD zog in ähnlicher Weise über die SPD her und nannte die Sozialdemokraten damals mit Vorliebe „die Abhängigen“ (im Gegensatz zu den „Unabhängigen“, wie die USPD salopp genannt wurde). Sicherlich hatte die USPD nach dem Mord an zahllosen Revolutionären, geschehen unter der Verantwortung eines sozialdemokratischen Ministers, ein paar Gründe mehr, zornig zu sein. Bei der breiten Masse derer, die nur losen Kontakt zur Arbeiterbewegung hatten oder überhaupt nicht organisiert waren, mußte solche Form der Auseinandersetzung aber das Vorurteil bestärken: Politik ist ein schmutziges Geschäft, von dem man tunlichst die Finger lassen soll. Und überhaupt: Wenn die Linken so miteinander umgehen, warum soll man sich da auch noch selbst engagieren?

Am 4. Mai fanden Kreistagswahlen statt. Harburg als kreisfreie Stadt war daran nicht beteiligt, wohl aber die Gemeinden im Kreis Harburg-Land. Der massive Einsatz von Militär gegen die Rätebewegung oder der Mord an Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg und anderen Revolutionären hatte noch keine größere Auswirkung auf das Wahlverhalten, insbesondere auf das Verhältnis zwischen SPD und USPD. In Wilhelmsburg, der weitaus größten Gemeinde des Landkreises, wurden 9 Sozialdemokraten und nur 1 USPD-Mann in den Kreistag gewählt (dazu 6 Bürgerliche). Altenwerder schickte 1 SPD-Mitglied, der Wahlbezirk Nr. 1 (zu dem Hausbruch und Neugraben gehörten) 3 Bürgerliche und 1 SPD-Abgeordneten in den Kreistag. Der Kreistag insgesamt war so zusammengesetzt: 18 Bürgerliche, 15 SPD, 1 USPD.[18]

In den folgenden Wochen beherrschten die Friedensbedingungen, die Deutschland zu erfüllen hatte, die politische Diskussion auch in Harburg. Am 7. Mai wurden sie in Versailles durch Frankreichs Ministerpräsident Clémenceau dem deutschen Außenminister Graf Brockdorff-Rantzau überreicht. Besonders die Reparationen – in Form von Geld und Gütern – waren drückend. Der Versailler Vertrag war jedoch kein „Diktat“, wie nationalistische Politiker behaupteten. Die deutsche Seite konnte Gegenvorschläge machen, tat dies auch und erzielte hier und da Verbesserungen. Insgesamt wurde der Vertrag von der Reichsregierung zunächst als unannehmbar bezeichnet. Ministerpräsident Scheidemann trat zurück, auch Ebert soll den Rücktritt erwogen haben.[19] Zur Unterzeichnung gab es jedoch keine Alternative. Bei einer Ablehnung wäre Deutschland besetzt und möglicherweise geteilt worden. Militärischen Widerstand gegen einen Einmarsch der Entente bezeichneten selbst Hindenburg und Groener als aussichtslos.[20] Dennoch drückten die Rechtsparteien den Unterzeichnern den Stempel des „Verräters“ auf und entfachten eine nationalistische Hetze, die alle Errungenschaften der Revolution, überhaupt alle demokratischen Rechte gefährdete.

Eigentlich hätte der Versailler Vertrag Deutschland der Sowjetmacht in Rußland näherbringen müssen, die durch den ähnlich harten Vertrag von Brest-Litowsk in Mitleidenschaft gezogen war. Zu jener Zeit war Sowjetrußland aus innenpolitischen Gründen jedoch als Buhmann unverzichtbar, auch (und gerade) für die SPD-Führung. Bemerkenswert ist, daß später zwei bürgerliche Politiker – Reichskanzler Wirth und Außenminister Rathenau – eine andere Politik wagten und 1922 mit der Sowjetunion den Vertrag von Rapallo abschlossen, in dem sie u.a. auf gegenseitige Kriegsentschädigungen verzichteten. Der dadurch gewonnene außenpolitische Spielraum trug nicht unwesentlich dazu bei, daß in den folgenden Jahren die Reparationsbedingungen nach und nach abgemildert wurden. Dennoch wurde das Stichwort „Rapallo“ von deutschen bzw. bundesdeutschen Regierungen gleich welcher Farbe immer nur mit der Kneifzange angefaßt. Nach 1945 gehörte die Distanzierung von „Rapallo-Anwandlungen“ lange Zeit zur selbstverständlichen Pflichtübung jeder Bundesregierung.

Die Städtischen Kollegien Harburgs tagten am 16. Mai. Oberbürgermeister Denicke hielt eine längere Rede, in der er die Friedensbedingungen verurteilte. Er sprach von einem „Gewaltfrieden“, der uns „auf Jahrzehnte zum Lohnsklaven unserer Feinde herabdrücken und jeden wirtschaftlichen Aufschwung für Deutschland unmöglich erscheinen läßt.“ Zu diesen Bedingungen dürfe es nur ein „festes, einmütiges Zusammenstehen aller Deutschen, ohne Unterschied ihrer Parteizugehörigkeit, ein einmütiges ‘Unannehmbar’ geben.“[21] Offensichtlich gab es im Rathaus keinen Widerspruch zu dieser Rede. Überall gab es Protestversammlungen gegen die Friedensbedingungen, auch in Harburg, Wilhelmsburg, in den übrigen Gemeinden des Kreises Harburg-Land und in Buxtehude. Am 13. Mai stellte sich Carl Gehrmann (SPD) bei einer Kundgebung auf dem Sand hinter die Haltung der Reichsregierung, die Unterzeichnung abzulehnen. „Der Redner erklärte, daß ein Ende mit Schrecken immer noch besser sei als ein Schrecken ohne Ende.“[22] Letztlich wurden jedoch verhängnisvolle Illusionen geweckt. Der Versuch, die Reparationsleistungen zu erfüllen und eben dadurch die Unerfüllbarkeit des Vertrages zu beweisen, hat sich im Nachhinein als richtig erwiesen.

Auch die Gebietsabtretungen wurden von den Parteien heftig bekämpft. Dabei war z.B. die Wiederherstellung des polnischen Staates, der ja in den „polnischen Teilungen“ durch Rußland, Österreich-Ungarn und Preußen von der Landkarte gestrichen worden war, eine historische Notwendigkeit, zu der auch Preußen seinen Beitrag zu leisten hatte. Leider wurde diese Tatsache – auch in Harburg – offenbar von keiner Partei klar ausgesprochen. Durch solche Unterlassungen wurde der Nährboden für Revancheforderungen der nationalistischen Rechten bereitet.

 

Streiks gegen Lohnkürzungen und politischen Mord

Am 15. Mai probte das Harburger Parlament ein Stückchen Machtwechsel in der Exekutive, dem Magistrat. Es beschloß eine Änderung des Harburger Verfassungsstatuts. Der Magistrat setzte sich nun zusammen aus dem Bürgermeister (der nicht mehr unbedingt rechtskundig sein mußte), einem rechtskundigen Syndikus, einem Stadtbaurat, einem besoldeten rechtskundigen Senator und acht unbesoldeten Senatoren (bisher vier), darunter (wie bisher) zwei aus dem Handels- und Gewerbestand.[1] Jetzt konnte der Magistrat durch Sozialdemokraten erweitert werden, was die Partei auch nutzte. So wurde in Harburg die Exekutive wenigstens etwas den Mehrheitsverhältnissen im Stadtparlament angepaßt. Zuvor hatte die SPD gedroht, daß sie bei einer Ablehnung ihres Antrags dem Etat nicht zustimmen würde. Carl Gehrmann mahnte außerdem eine Änderung der Gemeindeordnung an.[2]

In der Nationalversammlung wurde in diesen Tagen der Entwurf einer Verfassung diskutiert. Der Rätegedanke wurde dort aufgenommen, allerdings nicht in Form eigenständiger Machtausübung, sondern der Mitbestimmung. „Die Arbeiter und Angestellten sind dazu berufen, gleichberechtigt mit dem Unternehmer in der Regelung der Lohn- und Arbeitsbedingungen sowie in der gesamten wirtschaftlichen Entwicklung der produktiven Kräfte mitzuwirken. Die beiderseitigen Organisationen und ihre Vereinbarungen werden anerkannt.“ Es sollten Betriebsarbeiterräte, Bezirksarbeiterräte und ein Reichsarbeiterrat gebildet werden. Die Arbeiterräte auf Reichs- und Bezirks­ebene würden dann auch die Ausführung der Soziali­sierungsgesetze kontrollieren. Der Reichsarbeiterrat sollte zusam­men mit den Unternehmerorganisationen einen „Reichs­wirtschaftsrat“ gründen, der auch Gesetzentwürfe abfassen konnte.[3]

Die Unzufriedenheit der Menschen nahm zu, es gab Streiks und Kundgebungen. Am 28. Mai traten in Harburg 120 Postangestellte in den Ausstand. Anstatt einer versprochenen Erhöhung wurden Zuwendungen gekürzt. Der Streik dauerte bis zum 2. Juni und brachte nur einen Teilerfolg. Die Kürzungen fielen zwar geringer aus, für die Streiktage gab es aber kein Geld.[4]

Am 3. Mai endete in Bayern die letzte Räterepublik in Deutschland. Freikorps- und Reichswehrtruppen marschierten in München ein und richteten ein Blutbad an, Revolutionäre wie Egelhofer und Landauer wurden ermordet. Am 5. Juni wurde der Vorsitzende des Münchener Vollzugsrats, der Kommunist Eugen Leviné, durch ein Standgericht erschossen. Dagegen gab es überall Protestkundgebungen, die trotz aller parteipolitischen Gegnerschaft von der SPD mitgetragen und zum Teil auch einberufen wurden. So rief die Hamburger SPD am 6. Juni zu einer Kundgebung auf dem Heiligengeistfeld auf. Demonstranten versuchten, ins Hamburger Rathaus einzudringen. Vom Rathausbalkon wehte zeitweise eine rote Fahne mit Trauerflor. Die Bürgerschaft war zeitweise beschlußunfähig, weil die bürgerlichen Abgeordneten wegen der roten Fahne den Saal verließen.[5]

(19) Eugen Leviné

Auch in Harburg fand am 6. Juni eine Kundgebung statt. Darüber berichteten die „Harburger Anzeigen und Nachrichten“: „Eine Protestversammlung hatten gestern nachmittag die Mehrheitssozialisten und die Unabhängigen Sozialisten auf dem Sand einberufen, in der vor einer zahlreichen Menschenmenge von den Rednern Paul, Gehrmann, Hirschfeld und Baetke mit scharfen Worten energischer Protest gegen das bereits vollstreckte Todesurteil an Leviné in München eingelegt wurde. Leviné sei als Märtyrer für die Revolution gestorben, und an seiner Leiche sollten sich die Mehrheitssozialisten und die Unabhängigen die Hände reichen zu einem Bündnis gegen die jetzige Regierung Ebert-Scheidemann und die Militärdiktatur von Noske. Die Versammlung wurde aufgefordert, als Protest die Arbeit für den Nachmittag und Abend ruhen zu lassen, am Sonnabend jedoch in vollem Umfang wiederaufzunehmen. Diese Arbeitsruhe solle als Generalprobe für einen bei nächster Gelegenheit zu erklärenden Generalstreik gegen die Regierung angesehen werden.“[6]

Wenn der Sachverhalt so zutraf, wie die Zeitung schrieb, war dieser gemeinsame Protest von SPD und USPD gegen die Reichsregierung und ihren SPD-Minister Noske bemerkenswert. Er dürfte jedoch kein Einzelfall gewesen sein, denn auch in der SPD nahm der Unmut gegen das Wüten von Reichswehr- und Freikorpseinheiten mehr und mehr zu. So verlangten Anträge auf dem SPD-Parteitag in Weimar, der vom 10. bis zum 15. Juni tagte, den Rücktritt Noskes und sogar seinen Parteiausschluß, erzielten dort jedoch keine Mehrheit.[7]

Für den USPD-Abgeordneten Hugo Paul sollte diese Kundgebung ein Nachspiel haben. Es muß auch ein Flugblatt gegeben haben, das von SPD und USPD unterzeichnet war und zum allgemeinen Streik aufrief. Am 13. Juni tagte das Bürgervorsteherkollegium. Als es um die Bewilligung von zwei Stellen für die Polizei ging, beschwerte sich Paul, daß Beamte der Polizei bei ihm aufgetaucht wären und wissen wollten, wer einen Aufruf zum Generalstreik unterzeichnet hätte. Er „gab seiner Verwunderung Ausdruck, daß man noch zwei Wachtmeisterstellen nachfordere, wo seiner Meinung nach die Kriminalpolizei noch sehr viel Zeit übrig haben müßte, sonst hätten die Beamten sich nicht um Angelegenheiten bekümmert, die sie nichts angingen. Es seien zwei Beamte zu ihm gekommen und hätten sich bei ihm erkundigt, von wem der Generalstreik vor einigen Tagen veranlaßt worden sei. Solche politischen Spitzeleien müßten jetzt aufhören. Die Kriminalpolizei sollte sich lieber für die großen Schiebungen interessieren als für Politik.“ Hirschfeld (SPD) war derselben Meinung, aber der Abgeordnete Stockhausen meinte ganz ohne Spaß, „daß die Beamten sich nur privat erkundigt hätten, ob die von Paul und Gehrmann unterzeichneten Aufrufe auch tatsächlich von diesen herausgegeben worden seien.“ Andreas Müller (SPD) kritisierte ebenfalls die Polizei: „Es hätte keine Veranlassung vorgelegen, zwei Beamte zur Erkundung der Unterschriften abzuschicken. Die Polizei hätte sich nicht um politische Angelegenheiten zu kümmern.“[8] Trotz dieser Kritik wurden die beiden Stellen bewilligt.

Auf einer weiteren Sitzung des Kollegiums am 16. Juni kam dieses Thema noch einmal zur Sprache. Dort wurde auch deutlich, wer den Einsatz der beiden Beamten möglicherweise zu verantworten hatte. Senator Dr. Behrens verteidigte die Polizei: Sie hätte sich nicht politisch betätigt, sondern rein dienstlich gehandelt. Die Gewerkschaften wären nicht vom Streik verständigt gewesen und hätten dies der Polizei mitgeteilt. Daher mußten die Beamten prüfen, ob die Unterschriften nicht gefälscht waren. Hugo Paul beharrte aber auf seinem Standpunkt. Einige SPD-Abgeordnete kippten jetzt um. Der Vorsitzende des Gewerkschaftskartells Otto Adler, der auch für die SPD im Stadtparlament saß, widersprach der Erklärung des Senators jedenfalls nicht. Er sagte: Die Polizeidirektion habe vollkommen richtig gehandelt.[9]

Ein Anruf Adlers bei seiner eigenen Partei hätte klären können, was es mit dem Flugblatt auf sich hatte. Ein Gewerkschaftsführer, der in einer solchen politischen Angelegenheit eher der Polizei Auskunft gibt als bei seiner eigenen Partei anfragt, gibt schon ein eigenartiges Bild ab. Eine Erklärung für die Funkstille zwischen SPD- und Gewerkschaftsführung, die auch noch beide im selben Haus saßen, und für die divergierenden Bewertungen der Polizeimaßnahme im Parlament könnte sein, daß eine Aktion gegen die Regierung und gegen Politiker der eigenen Partei zusammen mit der USPD nicht überall in der Harburger SPD auf Gegenliebe stieß.

Aber vielleicht war einfach nur das SPD-Telefon besetzt gewesen.

Am 13. Juni wurde Rosa Luxemburg in Berlin-Friedrichsfelde beerdigt. Wieder gab es in vielen Städten Kundgebungen. In Hamburg zog am gleichen Tag eine Demonstration vom Heiligengeistfeld zum Gewerkschaftshaus.10  Ob in Harburg eine Aktion stattgefunden hat, war bisher nicht zu ermitteln.

Am 19. Juni streikten die Angestellten der Harburger Eisen- und Bronzewerke. Gefordert wurde die Bezahlung nach Tarif, innerhalb von 14 Tagen müsse ein positives Resultat erzielt werden.[11]

Wem es schlecht ging, der konnte jetzt auf ganz anderen Wegen zu Wohlstand kom­men. In mehreren großen Anzeigen (zuerst am 24. Juni) warben die „Harburger Anzeigen und Nachrichten“ für den Einsatz Freiwilliger im Baltikum zum Kampf gegen die Sowjetmacht in Rußland. Zum Lohn sollten sie Land erhalten: „Schafft Euch eine neue Zukunft als Ansiedler im Baltenland.“ Anwerbestellen gab es ganz offen in Kasernen der Reichswehr, z.B. in Münster und Minden.[12]

(20) Wer im Baltikum gegen die Sowjetmacht kämpfen wollte, wurde mit Siedlungsland belohnt

Die HAN-Ausgabe des 27. Juni stand wieder einmal im Zeichen einer großen politischen Strafpredigt auf Seite 1. Unter dem Titel „Der böse Geist der deutschen Politik“ zitierte die HAN eine nationalliberale Zeitung (gez. „Natlib. Korr“), die sich über den Zentrumspolitiker Matthias Erzberger geäußert hatte. Erzberger hatte 1918 für das Deutsche Reich den Waffenstillstand unterzeichnet und war seitdem Zielscheibe des Hasses der Rechten. Der Artikel schloß mit den Bemerkungen: „Die Stunde der Abrechnung mit diesem Reichsverderber hat geschlagen, leider erst, nachdem er die Reichspolitik bis in den Abgrund gesteuert hat.“[13] Der Zeitpunkt war natürlich mit Bedacht gewählt, denn einen Tag später unterzeichnete die Regierung den Versailler Vertrag. Der haßerfüllte Schreibstil zeigt, welche Richtung die politische Rechte in Deutschland (lange vor dem Aufstieg der NSDAP) noch nicht einmal ein Jahr nach der Revolution eingeschlagen hatte. Wer sich selbst und der Bevölkerung tagtäglich einredete, Deutschland habe 1918 nur politisch, nicht aber militärisch eine Niederlage erlitten („im Felde unbesiegt“), brauchte natürlich Sündenböcke, gegen die sich die ganze Flut des Hasses richten konnte, um die Menschen über die wahre Lage zu täuschen. Die von den HAN angekündigte „Abrechnung“ kam dann bekanntlich zwei Jahre später. Am 26. August 1921 wurde Erzberger von zwei früheren Offizieren, die sich im Geheimbund „Organisation Consul“ organisiert hatten, ermordet.

 

Der Harburger 60-Pfennig-Aufstand und der Belagerungszustand

Am 23. Juni 1919 gab es in Hamburg einen Aufruhr, der als „Sülze-Unruhen“ in die Geschichte einging. Vor der Fleischfabrik eines Dr. Heil wurde ein Faß mit verfaulten Tierkadavern gefunden. Sofort entstand das Gerücht, Heil habe ungenießbares Fleisch zu Sülze verarbeitet. Die Fabrik wurde von einer empörten Menge gestürmt, Heil konnte sich nur knapp retten. Die Unruhen weiteten sich jedoch am nächsten Tag aus, auch vor dem Rathaus wurde protestiert. Der Senat setzte Freiwilligen-Verbände gegen die Demonstranten ein, es gab einen Toten und 15 Verletzte. Nun wurde das Rathaus die ganze folgende Nacht über beschossen. Schließlich verkündete der Senat den Belagerungszustand. Obwohl sich die Lage allmählich beruhigte, trat auch noch die Reichswehr in Aktion. Am 1. Juli wurde Hamburg auf Befehl des Ministers Noske von Truppen unter dem Befehl des Generals von Lettow-Vorbeck besetzt. Nur nebenbei: Nach Lettow-Vorbeck, der 1920 den Kapp-Putsch gegen die demokratische Republik unterstützte, ist immer noch die Kaserne in Hamburg-Wandsbek benannt.

Dieses Beispiel zeigt wiederum, wie bei schlechten und sich weiter verschlechternden Lebensumständen erheblicher Teile der Bevölkerung aus einem eher geringfügigen Anlaß Unruhen großen Ausmaßes entstehen konnten.

Am Morgen des 27. Juni gab es in Harburg einen ähnlichen Vorfall, der vielleicht von den Hamburger Ereignissen beeinflußt worden war. Ein Bauer wollte auf dem Sand ein Pfund Kartoffeln für 30 Pfennig verkaufen. Ein Händler namens Sieb schritt dagegen ein und verlangte, er solle 60 Pfennig nehmen. Ob dies der Wahrheit entsprach oder nur ein Gerücht war, ist nie mit Sicherheit geklärt worden. In den HAN war dann zu lesen: „Der Vorfall wurde bekannt und versetzte die Marktbesucher in Aufregung. Man drang mit Gewalt in den Siebschen Laden ein, um Sieb zu fassen; dieser war aber nicht anwesend. Die aufgeregte Menge wandte sich dann an das Vliegersche und das andere Siebsche Geschäft in der Mühlenstraße (heute Schloßmühlendamm, d.V.) und holte dort einige Waren heraus.“ Gegen 11 Uhr zog ein Trupp zum Gerichtsgefängnis und verlangte Freiheit für die politischen Gefangenen und für „wegen geringer Vergehen“ verurteilte Personen. Nach Verhandlungen wurden die Forderungen auch erfüllt. Matrosen und Mitglieder der USPD, so meldete die Zeitung, versuchten, die Menge von Ausschreitungen abzuhalten. Dann wurden andere Läden nach gehorteten Waren durchsucht, auch die Marmeladenfabrik Wilkens am heutigen Walkmühlenweg. Gegen Mittag erschien eine Protestdemonstration vor dem Harburger Rathaus. Eine Abordnung wurde bei Denicke wegen der schlechten Versorgungslage vorstellig. Denicke gestand den Demonstranten zu, daß nun auch Arbeiter in die Lebensmittelkommission Harburgs aufgenommen werden sollten.[1] 

Gleichzeitig wurde bekannt, daß der Belagerungszustand über die weitere Umgebung Hamburgs, also auch nach Harburg, ausgedehnt wurde. Diese Verschärfung der Situation hing nicht mit den Harburger Protestaktionen zusammen, sondern war schon vorher geplant. In den entsprechenden Meldungen der Presse und Verfügungen des Militärs fand sich jedenfalls kein Hinweis auf Harburger Ereignisse. „Die Unruhen in Hamburg“, schrieben die HAN am 27. Juni, „haben insofern auch unsere Stadt in Mitleidenschaft gezogen, als nunmehr von dem kommandierenden General des IX. Armeekorps der Belagerungszustand auch über die weitere Umgebung von Hamburg verhängt worden ist. Die Grenze des betroffenen Bezirks geht ... links der Süderelbe über Francop, Fischbek, Ehestorf, Sinstorf und Bullenhausen mit diesen Ortschaften; eingeschlossen sind also auch Wilhelmsburg und Harburg. Wie schon erwähnt, ist die Maßnahme erfolgt lediglich in Rücksicht auf die Hamburger Vorgänge, insbesondere, um zu verhindern, daß etwa Hamburger Tumultuanten über die Süderelbe vorstoßen.“[2] Der Einmarsch zusätzlicher Reichswehr-Einheiten nach Harburg war offenbar noch nicht vorgesehen, hing aber wohl wie ein Damoklesschwert über der Stadt. Weiter schrieb die Zeitung: „Die Bevölkerung hat sich bisher stets ruhig und mustergültig verhalten, und man hat zu ihr das volle Vertrauen, daß auch in Zukunft hier keine Änderung eintreten wird. Der regelmäßige Gang des bürgerlichen Lebens erleidet durch den voraussichtlich kurz vorübergehenden Belagerungszustand keine Behinderung; zu irgendwelcher Beunruhigung liegt kein Anlaß vor. Auch das Eintreffen einer Abteilung Infanterie hängt mit der Verhängung des Belagerungszustandes zusammen“.[3] Dieser letzte Satz verursachte wohl in Harburg einige Aufregung. Am nächsten Tag kam in den HAN das Dementi. Das Wörtchen „nicht“ sei (in dem zuletzt zitierten Satz) vergessen worden.[4] Weiter hieß es in dem Artikel vom 27. Juni: „Diese Truppe war schon seit längerer Zeit zur Verstärkung des Pionierbataillons nach hier kommandiert und ist erst jetzt hier angelangt.“[5] Daß sich gar nichts ändern würde, war offensichtlich in der Absicht geschrieben, keine Gegenaktionen wie in Hamburg zu provozieren. Es änderte sich in der Tat eine ganze Menge, wobei allerdings an diesem Tag die konkreten Auswirkungen noch nicht abzusehen waren. Die vollziehende Gewalt in Harburg ging nämlich auf den Garnisonsältesten des Garnisonskommandos Harburg über. Und das war Major Hueg vom Pionierbataillon. Einen entsprechenden Erlaß veröffentlichte Hueg ebenfalls am 27. Juni. Die Zivilverwaltung sollte in ihrer Funktion bleiben, hätte sich aber den Anordnungen Huegs zu fügen. Ein Kriegsgericht wurde eingerichtet, das Verstöße gegen den Belagerungszustand zu ahnden hatte. Zu jeder Zeit waren Hausdurchsuchungen möglich. Plakate, Zeitungen und Schriften durften nur mit Genehmigung der Polizeibehörde veröffentlicht werden. Alle Klubs und Vereine zu politischen Zwecken oder zur Besprechung politischer Angelegenheiten waren geschlossen.[6] Diese letzte Bestimmung richtete sich anscheinend nicht, wie wir noch sehen werden, gegen die politischen Parteien.

(21) Noch nicht einmal ein Jahr nach der Revolution befahl in Harburg wieder ein Offizier

Harburgs Bevölkerung ließ sich aber, wie man am folgenden Tag in der Presse lesen konnte, durch den Belagerungszustand nicht einschüchtern. „Die Unruhen, von denen Harburg gestern leider nicht verschont geblieben ist, haben am Nachmittag noch einige Nachwirkungen gehabt. So wurden mehrere Bäckereigeschäfte gezwungen, Brot ohne Marken zu verkaufen, weil angeblich auch Soldaten Brot ohne Marken erhalten hätten; in den meisten Fällen wurde aber der Kaufpreis bezahlt. In der Schloßstraße wurde die aus 30 Mann bestehende Ablösung der Elbbrückenwache von einer aufgeregten Menge angehalten und entwaffnet, der Führer, ein Feldwebel, mit einem Gewehrkolben schwer mißhandelt; Lebensgefahr soll trotz der schweren Verletzungen für ihn nicht mehr bestehen. Ein Anschlag jugendlicher Elemente auf den (Harburger, d.V.) Hauptbahnhof wurde durch besonnene Arbeiter abgewendet. Überhaupt bemühten sich allerorten die Funktionäre der beiden sozialdemokratischen Parteien, die Menge zu beruhigen und von Ausschreitungen abzuhalten. Der Abend, die Nacht und auch der heutige Vormittag verliefen darauf ruhig ... Aus dem Gefängnis sind gestern 65 Personen befreit worden. – Trotz des Belagerungszustandes ist Militär nicht in Aktion getreten. Wie wir hören, soll auch etwa noch von auswärts kommendes Militär nicht in der Stadt untergebracht werden, um Aufregung zu vermeiden.“[7]

Auch hier wurde deutlich, daß SPD- und USPD-Politiker gemeinsam zur Beruhigung der Lage beitragen wollten. Weder die USPD noch KPD nutzten die Gunst der Stunde aus, um die empörten Menschen zu weitergehenden Aktionen anzustacheln. Der Grund kann nur sein, daß alle Arbeiterparteien, SPD, USPD und KPD ein gemeinsames Interesse daran hatten, unter allen Umständen zu verhindern, daß wie in Hamburg auch in Harburg Reichswehr eingesetzt wurde. Am 28. Juni war nämlich ebenfalls zu lesen, daß in Hamburg bereits 54 Menschen getötet worden waren.[8] Insgesamt gab es bei den „Sülze-Unruhen“ und dem nachfolgenden Wüten der Reichswehr und Let­­tow­­- Vor­beck-Truppen in Hamburg 62 Tote und über 100 Verletzte.[9]

Am 27. Juni fand im Saal des Hotels „Kaiserhof“ eine Versammlung statt, zu der SPD, USPD und KPD gemeinsam aufgerufen hatten. Am nächsten Tag wurde ein von dieser Versammlung ausgehender Aufruf veröffentlicht: Die organisierten Arbeiter „sämtlicher sozialistischer Parteien Harburgs“ seien gestern zusammengetreten. Eine Zwölferkommission solle für Sicherheit und Ordnung bürgen, wenn drei Forderungen erfüllt sind:
1. Sofortige Entfernung ortsfremder Truppen
2. Sofortige Aufhebung des Belagerungszustandes
3. Kontrolle der Lebensmittelverteilung und der Preisbildung durch die von
der Arbeiterschaft als Zwölferkommission gewählte Vertretung

Die Zwölferkommission sollte im Rathaus tagen. Zu ihr gehörten: Paul, Neuring, Danker, Schlosser, Wiedemann, Lautenbach, Gaebel, Fritsche, Tangermann, Breitenfeld, Müller, Fürchtenicht.[10] Bei „Müller“ dürfte es sich wiederum um den Gewerkschaftssekretär Andreas Müller (SPD) handeln. Hugo Paul und Carl Danker waren von der USPD, Neuring gehörte der KPD an. Eine Parteizugehörigkeit der anderen war nicht zu ermitteln. Die Versammlung beschloß eine Resolution, die ebenfalls in den „Harburger Anzeigen und Nachrichten“ publiziert wurde: „Die von mehr als 900 Personen aller sozialistischen Parteien besuchte Versammlung am 27. Juni 1919 im ‘Kaiserhof’ ist der Ansicht, daß die organisierte Arbeiterschaft Harburgs selbst in der Lage und bereit ist, für (...) Ruhe und Ordnung in der Stadt zu sorgen. Sie hat die erforderlichen Maßnahmen für die nächste Zeit bereits getroffen und wird auch weiterhin dafür eintreten, sie ist aber weiterhin der Ansicht, daß ein Grund zur Verhängung des Belagerungszustandes in Harburg nicht vorhanden ist. Es wird daher die sofortige Aufhebung des Belagerungszustandes und die sofortige Zurückziehung der Freiwilligen-Verbände verlangt.“ Unterzeichnet war der Aufruf wiederum gemeinsam von SPD, USPD und KPD.[11] Diesem Text zufolge mußte als Folge des Belagerungszustands schon im Juni auswärtiges Militär nach Harburg gekommen sein.

(22) Protest von SPD, USPD und KPD gegen den Belagerungszustand

Major Hueg zog die Daumenschrauben fester an. Er verordnete: Versammlungen von mehr als 10 Personen auf Straßen und öffentlichen Plätzen sind verboten. Versammlungen in geschlossenen Räumen „zu anderen als geselligen Zwecken bedürfen meiner Genehmigung“.[12] Am 1. Juli gab Hueg dann bekannt, daß in Hamburg die Truppen Lettow-Vorbecks einmarschiert sind. Er warnte vor Gerüchtemachern, die Unruhe stiften wollten. „Ich hoffe, daß in Harburg keinerlei militärische Maßnahmen erforderlich sein und Ruhe und Ordnung auch ohne sie aufrecht erhalten bleiben werden.“[13]

Die neu gebildete Zwölferkommission und die anderen Politiker Harburgs kümmerten sich dann um die Ursachen der Harburger Unruhen, die mit den Angriffen auf den Händler Sieb begonnen hatten. Die Zwölferkommission (unterzeichnet von Paul, Neuring, Fritsche, Gadau) bezeichnete die Aktion gegen Sieb als „völlig ungerechtfertigt“ und wollte über „die Drahtzieher des nicht zur Ausführung gekommenen Putsches zu gegebener Zeit genauere Angaben machen.“[14] Die Befürchtungen, die hier zum Ausdruck kamen, beruhten auf einer alten Erfahrung der Arbeiterbewegung. Nicht selten wurden und werden Unruhen und Ausschreitungen von Polizei oder Geheimdiensten provoziert oder sogar von ihnen selbst durchgeführt, um danach Repressionen größeren Stils einleiten zu können.

Am 3. Juli tagte das Bürgervorsteherkollegium. „Wortführer“ (Parlamentspräsident) Klemm (SPD) erklärte, daß die „bedauerlichen Vorfälle“ vom 27. Juni auf ein falsches Gerücht zurückzuführen seien. Die SPD plädierte für eine Einwohnerwehr, die unbewaffnet sein und sich besonders aus der Arbeiterschaft rekrutieren sollte. Hugo Paul (USPD) beschuldigte eine „bestimmte Clique von Menschen“. „Die Unabhängigen wie die Kommunisten hätten ein lebhaftes Interesse daran, die Urheber zu ermitteln.“ Eine Einwohnerwehr lehnte er ab. Statt dessen „müßten die Arbeiter der großen Werke bei solchen Unruhen geschlossen den schlechten Elementen entgegentreten und sie zu beruhigen versuchen.“ Der SPD-Antrag wurde an den Magistrat weitergeleitet.[15] Zwei Monate später, am 6. September, rief dann der Magistrat zur Bildung einer solchen Einwohnerwehr auf. Sie sollte die Stadt „gegen Aufruhr, Plünderung und Bandendiebstähle“ schützen. Der Dienst sollte ehrenamtlich sein, die Mitglieder konnten ihre Führer selbst wählen. Die Angehörigen der Wehr sollten „der gesetzmäßigen demokratischen Regierung“ treue Dienste leisten. Die Geschäftsstelle befand sich im Rathaus.[16] Am 21. September trat die Einwohnerwehr dann auf dem Hof der Pionierkaserne zum ersten Mal zusammen. Sie war in Kompanien, Züge und Gruppen eingeteilt. Als Führer wurde der Kaufmann Graepel gewählt, sein Stellvertreter der Krankenkassenbeamte Wodrig.[17] Graepel wurde später Vorsitzender des Arbeitgeber- und Industrieverbandes von Harburg-Wilhelmsburg. Von einer Art „roten Garde“ aus Arbeitern war die Truppe also weit entfernt. Am 5. November warb die Harburger Handelskammer mit einer großen Anzeige für den Eintritt in die Einwohnerwehr: „Niemand stehe zurück, der noch Sinn hat für deutsche Arbeit und Ordnung.“[18] Offenkundig war das nicht der Geist, der den SPD-Antragstellern im Rathaus vorgeschwebt hatte. Das Vertrauen auf die Verläßlichkeit dieser Truppe schien dann auch selbst bei der SPD nicht eben groß zu sein. In den entscheidenden Tagen des Kapp-Putsches von 1920 setzte sich der Sozialdemokrat Carl Gehrmann selbst an die Spitze der Einwohnerwehr.

 

Harburger Arbeiter vor dem Kriegsgericht

Der Belagerungszustand führte nicht zu einer politischen Friedhofsruhe in Harburg. Es gab Veranstaltungen, und es wurde auch gestreikt. Am 7. Juli kündigten die Eisenbahner an, die Arbeit einzustellen. Gefordert wurde, die Lebensmittelpreise zu senken. Die Ortsgruppe Harburg des „Deutschen Eisenbahner-Verbandes“ erklärte: Sie hoffe, „daß die in den Kampf tretenden Eisenbahner sich der Sympathie der klassenbewußten Arbeiterschaft und auch der gesamten übrigen Bevölkerung Harburgs versichert“ sein dürfen.[1] Bei der Abstimmung über den Streik gab es eine ganz knappe Mehrheit: 217 stimmten in Harburg dafür und 208 dagegen. Das bedeutete aber: Die Zweidrittelmehrheit war nicht erreicht, der Streik fand nicht statt, zumindest nicht offiziell. Dennoch fielen Züge aus. Der Güterverkehr nach Cuxhaven ruhte völlig.[2]

Am 14. Juli trat zum ersten Mal das auf Grundlage des Belagerungszustandes eingerichtete „Außerordentliche Kriegsgericht“ zusammen. Es sollte die bei den Harburger Unruhen festgenommenen Täter aburteilen. Der Arbeiter Otto Schidlack wurde beschuldigt, gegen Verordnungen des Belagerungszustandes verstoßen zu haben. Er habe sich einer aus Arbeitern bestehenden Sicherheitswehr angeschlossen. Ein Trupp dieser Sicherheitswehr habe in der Lämmertwiete eine Pionierpatrouille angehalten in der Annahme, es seien keine aktiven Soldaten mehr. Nach diesem Irrtum wurden die Soldaten von der Sicherheitswehr zur Kaserne am Schwarzenberg geleitet. Dabei soll der Angeklagte versucht haben, die Soldaten von der Reichswehr zur Sicherheitswehr abzuwerben. Außerdem soll er sie gebeten haben, in der Kaserne gegen die Wiedereinführung von Arreststrafen, des Zapfenstreichs und des Stahlhelmtragens zu protestieren. Beantragt wurden 9 Monate Gefängnis, verurteilt wurde der Arbeiter zu 3 Monaten.[3]

Der Harburger Hauptbahnhof wurde nach Ausrufung des Belagerungszustands von Truppen des Mecklenburger Reichswehr-Infanterie-Regiments besetzt, also wiederum von auswärtigem Militär. Am 9. Juli wurde der Bahnhof bei einer Aktion dieser Truppe von Zivilisten geräumt. Der Kranführer Arthur Weiß zeigte sich dabei angeblich „renitent“ und habe die Soldaten mit „Noskegarde“ beschimpft. Da der Arbeiter Epileptiker war, kam er mit 3 Tagen Gefängnis davon.[4]

Am 21. Juli waren mehrere Arbeiter angeklagt, die sich am 27. Juni an Plünderungen beteiligt haben sollen. Ein Polizist sagte als Zeuge aus: Eine Versammlung der KPD am 26. Juni hätte beschlossen, das Geschäft des Herrn Sieb zu „syndikalisieren“. Das hätte dann zu den Unruhen geführt. Wenn das wahr gewesen wäre, hätte also die KPD den Aufruhr inszeniert, und Neuring wäre nur aus Tarnungsgründen der Zwölferkommission beigetreten. Die Aussage des Polizisten ist jedoch völlig unglaubwürdig. Zwar gab es in diesen Jahren syndikalistische Tendenzen unter den Arbeitern. Der Syndikalismus wollte einen Sozialismus, der ohne Staatsapparat und Parteien auskommt; Träger der Revolution und der Verwaltung der Betriebe sollten die Gewerkschaften sein. Nach der Spaltung der KPD gab es solche Vorstellungen in Teilen der KAPD, die links von der KPD stand. Hätte sich die KPD tatsächlich mit der „Syndikalisierung“ von Harburger Betrieben beschäftigt, wären es sicherlich die großen Fabriken gewesen und nicht ein kleiner Händler. Die Verteidigung brachte vor, daß die Tat der Angeklagten schon vor der Verkündigung des Belagerungszustands begangen wurde, deswegen sei das Kriegsgericht gar nicht zuständig. Die Richter stimmten dem zu und überwiesen die Angelegenheit an ein ordentliches Gericht. Die Angeklagten blieben jedoch in Haft.[5]

Der größte Prozeß dieses Gerichts wurde gegen zehn Angeklagte angestrengt. Die „Harburger Anzeigen und Nachrichten“ berichteten darüber am 29. Juli:

„Die schwerste Attacke, die bei den Unruhen am 27. Juni geleistet wurde, war der Überfall auf eine 18 Mann starke Abteilung Regierungstruppen in der Schloßstraße. Lange hatte man nach den Tätern gefahndet, um in der Hauptsache doch nur diejenigen zu fassen, die sich von gewissenlosen Hetzern verführen ließen, während die Rädelsführer sich zur rechten Zeit aus dem Staube machten. (...) Die Vorfälle, die zur Aburteilung gelangten, spielten sich folgendermaßen ab: Bald nach den Plünderungen wurde unter der aufrührerischen Menge die Nachricht von dem Eintreffen der Regierungstruppen aus Oldenburg verbreitet und dabei kräftig gehetzt. Als dann gegen 6 Uhr abends ein Trupp von 18 Mann über den Sand marschierte, um die Elbwache abzulösen, wurden ihnen Schimpfworte wie ‘Noske-Garde’, ‘Bluthunde’ usw. entgegengeschleudert. Um Reibereien zu verhüten, gebot der Führer der Truppe, Offiziersvertreter Hoffmann, seinen Leuten, sich ruhig zu verhalten. Eine immer größer werdende Menschenmenge folgte der Abteilung, die dann plötzlich in der Schloßstraße von allen Seiten umringt und zur Abgabe von Waffen aufgefordert wurde. Die Soldaten ließen sich teilweise einschüchtern und gehorchten. Widerstand leisteten Hoffmann, ein Sergeant und zwei Gefreite. Über ersteren fiel die Menge her und schlug ihn mit Gewehrkolben nieder, den anderen Chargierten wurden die Waffen bzw. Tornister weggerissen. Der schwer mißhandelte Offiziersvertreter wurde zunächst in ein Haus und dann ins Lazarett geschafft, wo er einige Zeit in Lebensgefahr schwebte. Er wurde glücklicherweise wiederhergestellt, leidet aber heute noch an den Folgen der Mißhandlung.

Mit einigen Gewehren versehen, zog der Pöbel nach dem Bekleidungsamt des Pionierbataillons 20 in der Bahnhofstraße (heute Schellerdamm, d.V.) und, als er hier nichts ausrichten konnte, nach dem (Harburger, d.V.) Hauptbahnhof, um auch hier die Wache zu entwaffnen. Einigen Soldaten wurden die Achselklappen abgenommen, als jedoch militärische Verstärkung heranrückte, stob die Menge auseinander.

Einer der Haupttäter war der 19-jährige Arbeiter Heinrich Christian Barfuß aus Neuland. Er war damals aktiver Soldat beim Pionierbataillon Nr. 9 und scheute sich nicht, seinen Kameraden in den Rücken zu fallen, sie zu entwaffnen und ebenso bei dem beabsichtigten Überfall auf die Bahnhofswache eine Rolle zu spielen.“[6]

Auch die anderen Angeklagten waren Arbeiter, 18- bis 20-jährig, nur einer war bereits 32 Jahre alt. Bei den Plädoyers ging es wieder darum, ob das Kriegsgericht überhaupt zuständig war. Der Anklagevertreter berief sich darauf, daß um 6 Uhr bereits die Presse vom Belagerungszustand berichtet hatte. Er beantragte für zwei Angeklagte Zuchthaus von 5 bzw. 4 Jahren, die anderen sollten mit Gefängnis bestraft werden. Die Verteidigung argumentierte, daß erst am folgenden Tag, also am 28. Juni, die Plakate vom Belagerungszustand in Harburg aushingen.

„Während der langen Beratung benutzte der Angeklagte Schröder, der in Untersuchungshaft saß, die große Menschenmenge im Gerichtssaal dazu, ganz unauffällig zu verschwinden und zu flüchten. Die aufgenommene Verfolgung hatte bisher keinen Erfolg.

Um 4 Uhr nachmittags wurde das Urteil gefällt. Der Gerichtshof erklärte sich für zuständig, da während der Tat der Belagerungszustand in den Harburger Zeitungen veröffentlicht war und diese Bekanntmachung völlig genüge. Darauf wurden Waltereit und Schröder zu je 2 Jahren, Barfuß zu 2 Jahren und 6 Monaten, Schallehn und Ziegler zu je 1 Jahr, Fleske zu 10 Monaten, Buchholz zu 8 Monaten Gefängnis bei sofortiger Verhaftung und von Soosten zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Die anderen Angeklagten erzielten Freispruch.“[7]

Noch nicht einmal ein Jahr nach der Revolution hatte sich die Lage radikal geändert. Damals nahmen Arbeiter den Soldaten die Achselstücke ab und wollten damit zeigen, daß die alte Ordnung vorbei war und eine neue Zeit begann. Jetzt saßen Offiziere über Arbeiter zu Gericht und verurteilten sie zu hohen Strafen, selbst dann, wenn sie keine Gewaltaktionen begangen hatten. Die Arbeiter waren in der Kaiserzeit für die konservative Presse der „Pöbel“, und jetzt waren sie es wieder.

Das einheitliche Handeln der Arbeiterparteien scheint aber den Major Hueg bewogen zu haben, vorsichtig zu taktieren. Trotz des Belagerungszustandes konnten in Harburg Parteiversammlungen stattfinden, auch von der USPD. So wurde für den 31. Juli im „Kaiserhof“ eine USPD-Veranstaltung zum Thema „Imperialismus und Weltfriede“ angekündigt.[8] Hueg mußte diese Veranstaltung, wie es den Bestimmungen des Belagerungszustandes entsprach, ja wohl genehmigt haben.

Danach normalisierte sich die Lage in Harburg allmählich. Dennoch wurde der Belagerungszustand erst gegen Ende des Jahres aufgehoben.

 

Neue Verfassung: Was von den Räten blieb

Am 14. August 1919 trat die Weimarer Verfassung in Kraft. In ihr war nun endgültig festgeschrieben, daß die politische Macht im Reich, in den Ländern und Gemeinden ausschließlich bei den gewählten Parlamenten (bzw. bei der den Parlamenten verantwortlichen Exekutive) lag. Zur Beschwichtigung der Arbeiterbewegung waren aber die Räte nicht ganz unter den Tisch gefallen. Sie tauchten im Artikel 165 (Arbeiter- und Wirtschaftsräte) auf. Sie konnten aber nur „mitwirken“ und „mitgestalten“, meist auch noch in Gemeinschaft mit den Unternehmern, zu denen sie im Interessengegensatz standen. „Die Arbeiter und Angestellten“, so begann der Artikel, „sind dazu berufen, gleichberechtigt in Gemeinschaft mit den Unternehmern an der Regelung der Lohn- und Arbeitsbedingungen sowie an der gesamten wirtschaftlichen Entwicklung der produktiven Kräfte mitzuwirken. Die beiderseitigen Organisationen und ihre Vereinbarungen werden anerkannt.“ Die Arbeiter und Angestellten konnten Betriebsarbeiterräte, Bezirksarbeiterräte und einen Reichsarbeiterrat bilden. Auf Bezirks- und Reichsebene konnten sie u.a. bei der Ausführung von Sozialisierungsgesetzen „mitwirken“, aber nicht allein. Dazu sollten sie mit den Vertretungen der Unternehmer „und sonst beteiligter Volkskreise“ zu Bezirkswirtschaftsräten und einem Reichswirtschaftsrat zusammentreten. Sozial- und wirtschaftspolitische Gesetzentwürfe „von grundlegender Bedeutung“ konnten sogar dem Reichswirtschaftsrat „zur Begutachtung“ vorgelegt werden, und der Reichswirtschaftsrat konnte auch selbst Gesetze einbringen (bei der Reichsregierung oder, falls diese nicht zustimmt, auch im Parlament).[1] Da für die Arbeit des Reichswirtschaftsrates jedoch der Konsens zwischen Arbeitern und Unternehmern Bedingung war, blieb dieses Gremium in der ganzen Zeit der Weimarer Republik dann auch völlig bedeutungslos.

Immerhin war die Mitbestimmung in der Verfassung festgeschrieben, und zwar für alle Bereiche der Wirtschaft. Das ist erheblich mehr, als das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland bietet.

Die Verfassung ermöglichte die Vergesellschaftung von Produktionsmitteln. Insofern war sie (übrigens ebenso wie das Grundgesetz) keineswegs auf eine kapitalistische Wirtschaftsordnung festgelegt. In Artikel 153 (Eigentum, Enteignung) hieß es zum Thema Enteignung: „Eine Enteignung kann nur zum Wohle der Allgemeinheit und auf gesetzlicher Grundlage vorgenommen werden. Sie erfolgt gegen angemessene Entschädigung, soweit nicht ein Reichsgesetz etwas anderes bestimmt.“ Das heißt: Theoretisch waren auch entschädigungslose Enteignungen möglich, wenn das Parlament das beschließen würde. Zusätzlich gab es noch einen Sozialisierungsartikel Nr. 156: „Das Reich kann durch Gesetz ... für die Vergesellschaftung geeignete private wirtschaftliche Unternehmungen in Gemeineigentum überführen. Es kann sich selbst, die Länder oder die Gemeinden an der Verwaltung wirtschaftlicher Unternehmungen und Verbände beteiligen oder sich daran in anderer Weise einen bestimmenden Einfluß sichern.“[2]

Bei entsprechendem politischem Druck der Arbeiterparteien und der Gewerkschaften auf das Parlament wäre es also durchaus möglich gewesen, größere Betriebe und die großen Banken zu sozialisieren. Doch die revolutionäre Welle war am Abebben, die Chance dazu, die unmittelbar nach der Revolution zweifellos gegeben war, wurde nicht ergriffen. Viele Arbeiter waren vom Verlauf der Revolution enttäuscht, ein Teil wurde radikaler, ein größerer Teil resignierte. Die bürgerlichen und nationalistischen Kräfte, die das Rad wieder zurückdrehen wollten, gewannen bald Oberwasser.

Von den Räten als Instrument direkter politischer Machtausübung durch Arbeiter und Soldaten blieben letztlich Arbeiterräte mit Mitbestimmungsrechten im betrieblichen Bereich. Sie leben den heutigen Betriebs- und Personalräten der Unternehmen und Behörden weiter.

Was versäumt wurde

„Die deutsche Revolution fand ein unwissendes Volk, eine Führerschicht bürokratischer Biedermänner. Das Volk rief nach dem Sozialismus, doch nie in den vergangenen Jahren hatte es klare Vorstellungen vom Sozialismus gewonnen, es wehrte sich gegen seine Bedrücker, es wußte, was es nicht wollte, aber es wußte nicht, was es wollte. Die Rechtssozialisten und Gewerkschaftsführer waren versippt und verfilzt mit den Gewalten der Monarchie und des Kapitalismus, deren Sünden waren ihre Sünden. Sie hatten sich abgefunden mit dem bürgerlichen juste milieu, ihr Ideal war die Überwindung des Proletariats durch den kleinen gehobenen Bürger. Ihnen fehlte das Vertrauen zu der Lehre, die sie verkündet hatten, das Vertrauen zum Volk, das ihnen vertraute.

Am Tage nach der Revolution nahmen sie den Kampf auf, nicht gegen die Feinde der Revolution, nein, gegen ihre leidenschaftlichen Pioniere, sie hetzten und jagten sie, bis sie zur Strecke gebracht waren, und quittierten den Dank in den Salons der feinen Gesellschaft. Sie haßten die Revolution, Ebert hatte den Mut, es auszusprechen.

Das Volk, durch die Monarchie ferngehalten von der Verwaltung seiner Geschichte, verzichtete jetzt freiwillig, der Fuchsbau der alten reaktionären Bürokratie, anstatt ihn zu zerstören, wurde gehätschelt und gepflegt, bald pfiff aus ihm die Antwort.“[1]

Der Schriftsteller Ernst Toller, von dem diese bitteren Worte stammen, war selbst Teilnehmer der Novemberrevolution, war Mitglied der Räteregierung in Bayern und wurde deswegen zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt. Als er diese Zeilen zu Papier brachte, hatte er Deutschland bereits verlassen müssen. Sein Buch „Eine Jugend in Deutschland“, aus dem das Zitat stammt, schrieb er 1933 in Amsterdam im Exil.

Zweifellos brachte die Revolution Verbesserungen wie das allgemeine Wahlrecht (auch für Frauen), den Achtstundentag, die Anerkennung der Gewerkschaften als Tarifpartner, Festschreibung der Grundrechte in der Verfassung, die Sozialverpflichtung der Eigentums und die Möglichkeit, große Industriebetriebe und Banken zu vergesellschaften. Das grundlegende Versäumnis der Revolution war jedoch: Die alten Machtverhältnisse blieben im Kern erhalten. Denjenigen, die kein oder nur ein vorübergehendes Interesse an einer demokratischen Entwicklung des Staates hatten, wurde kein Haar gekrümmt. Es blieben die Generäle, die selbst im Geiste des preußischen Kadavergehorsams erzogen worden waren und auch ihre Untergebenen in diesem Geist erzogen. Es blieben die Richter, die gegen Anhänger der Linken drakonische Strafen verhängten und bei rechtsstehenden Straftätern „nationale Gesinnung“ als „mildernden Umstand“ gelten ließen. Es blieben die Besitzer der Schwerindustrie und der großen Banken, die von der Aufrüstung und dem Weltmachtstreben des Kaiserreichs profitiert hatten, die aus diesem Grunde den Versailler Vertrag ablehnten und auf Revanche hinarbeiteten. Es blieb der ostelbische Großgrundbesitz, eine der gesellschaftlichen Hauptstützen des Kaiserreichs, der Adels- und Militärkaste und später der demokratiefeindlichen deutschnationalen Partei, auf dessen großen Gütern illegale Reichswehreinheiten exerzieren und sich faschistische Fememörder verstecken konnten.

Viele der sozialen Errungenschaften der Revolution wurden dann auch nach und nach abgeschafft, vor allem in wirtschaftlichen Krisenzeiten wie der Inflation oder der Weltwirtschaftskrise. Der erste großangelegte Versuch, die Demokratie wieder zu beseitigen, geschah im Kapp-Putsch im März 1920. Viele Reichswehr-Einheiten, die von Minister Noske gegen die Rätebewegung eingesetzt wurden, putschten nun gegen ihre damaligen Auftraggeber. Nach Auffassung der Putschisten hatte der Mohr seine Schuldigkeit nun getan. Gegen den Angriff von rechts auf die Republik funktionierte das Instrument Reichswehr auf einmal nicht, die Regierung mußte aus Berlin fliehen. Die Republik wurde nur durch den dreitägigen Generalstreik der Arbeiter, Angestellten und Beamten gerettet. Noske war nun auch in der SPD nicht mehr zu halten und mußte seinen Hut nehmen, sehr zum Bedauern des Reichspräsidenten Ebert.

Die Harburger Arbeiterbewegung zeigte damals eine Entschlossenheit, die sonst in Deutschland zu dieser Zeit keineswegs mehr selbstverständlich war. Der Sozialdemokrat Carl Gehrmann übernahm während des Putsches den Befehl über die Einwohnerwehr und verhaftete kurzerhand den Major Hueg und dessen Stellvertreter, weil die beiden sich weigerten, sich klar zur demokratischen Republik zu bekennen. Die Arbeiter holten sich Waffen aus der Pionierkaserne und zwangen die Truppen des Putsch-Hauptmanns Berthold, die von Stade nach Hamburg marschieren wollten und sich in der Heimfelder Schule an der Woellmerstraße verschanzt hatten, nach einem Schußwechsel zur Kapitulation. Harburg war eine der wenigen Städte in Deutschland, wo die Putschisten nicht erst durch den Streik, sondern schon im Ansatz militärisch besiegt wurden.

Bei den Wahlen zum Reichstag am 6. Juni 1920 hatte sich dann die politische Landschaft grundlegend geändert. Die SPD verlor im Reich fast die Hälfte ihrer Stimmen und sackte von 37,9% auf 21,6% ab. Die USPD legte von 7,6% auf 18,0% zu, die erstmals kandidierende KPD gewann 2,0%. Insgesamt verloren die Arbeiterparteien fast 4%. Am rechten Rand gewannen besonders die Deutschnationalen an Stimmen. In Harburg erhielten (in Klammern: die Wahl zur Nationalversammlung 1919) die SPD 43,5% (63,1%) die USPD 18,5% (6,6%), die KPD (die hier offenbar nach der Parteispaltung vorübergehend nicht existent war) nur 0,2%. In Wilhelmsburg waren die Ergebnisse: SPD 50,2% (63,8%), USPD 17,6% (13,9%), KPD 0,0%. In beiden Orten gewannen die Rechten an Stimmen.[2]

Auch dem Reichspräsidenten Friedrich Ebert sollte sein Bündnis vom November 1918 mit den Mächten der alten Ordnung schlecht bekommen. Als die konservativen Kräfte Ebert nicht mehr gegen eine mögliche sozialistische Revolution brauchten, schossen sie ihn bei jeder Gelegenheit politisch an, warfen ihm Korruption vor und belegten ihn sogar mit einem Landesverratsprozeß, weil er während des Krieges im Jahre 1918 einen Metallarbeiterstreik unterstützt hatte. Das zermürbte ihn so, daß er am 28. Februar 1925 als kranker Mann starb. Das Volk wählte Hindenburg zum Nachfolger. In ihm sahen viele nicht den Präsidenten einer demokratischen Republik, sondern den heimlichen Ersatzkaiser.

Es gab später nur wenige Momente, in denen die Arbeiterbewegung einheitlich handelte und ihre Ziele auch durchsetzen konnte. Am 30. Januar 1933 war dann der Zeitpunkt gekommen, wo die ultrarechten Feinde der Demokratie endlich die Gelegenheit bekamen, mit den verhaßten „Novemberverbrechern“ abzurechnen. Massiv von wichtigen Industriekonzernen finanziert und gefördert, konnten Hitler und die NSDAP die Macht übernehmen. Die Gründe, warum das möglich wurde, sind auch in den Versäumnissen der Jahre 1918 und 1919 zu sehen.

Es bleibt noch zu erwähnen, welchen weiteren politischen Weg einige Persönlichkeiten der Novemberrevolution in Harburg nahmen.

Der sozialdemokratische Gewerkschaftssekretär Andreas Müller blieb noch lange Zeit Bürgervorsteher im Harburger Parlament. Als treibende politische Kraft bei der SPD trat jedoch immer stärker Carl Gehrmann hervor.

Gehrmann wurde 1876 in Elbing geboren und kam 1912 als Parteisekretär nach Harburg. Nach dem Krieg war auch er Bürgervorsteher. Von 1921 bis 1933 vertrat er außerdem die SPD im preußischen Landtag. Seine hervorragende Rolle bei der Niederschlagung des Kapp-Putsches in Harburg ist bekannt. Gerade deswegen zog er sich den besonderen Haß der Rechten, vor allem der Nazis zu. Während der Nazidiktatur wurde er mehrfach verhaftet. Nach 1945 wurde er Kreisvorsitzender der SPD in Harburg. Er wurde in die Hamburger Bürgerschaft gewählt und schied dort 1953 aus Altersgründen aus, wirkte dann aber noch einige Jahre als Richter beim Hamburger Verfassungsgericht.[3]

Hugo Paul, 1884 geboren, stammte aus Braunschweig. 1897 verteilte er dort die ersten Flugblätter für die SPD. 1900 kam er nach Harburg und arbeitete als Dreher bei Traun & Söhne (der heutigen New-York-Hamburger Gummiwaaren-Compagnie). Im Krieg brach er mit der SPD und wurde Gründungsmitglied der USPD in Harburg. Später gehörte er der KPD an und war lange Zeit Bürgervorsteher. Auch nach 1945 saß er für die KPD im Harburger Bezirksausschuß. 1956, nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen in Ungarn, zog er sich enttäuscht aus der Politik zurück. 1958 starb er.[4]

(23) Carl Gehrmann und Hugo Paul

 

Anmerkungen

Wie kam es zur Novemberrevolution?
1 A. Ritter, Susanne Miller, Die deutsche Revolution 1918-1919. Frankfurt/Main 1968, Seite 21 ff.
2 Programme der deutschen Sozialdemokratie. Hannover, 1963, Seite 78.

Auch Harburg wurde nicht vom „Aufruhr“ verschont
1 Peter-Christian Witt, Kommunalpolitik in Harburg zwischen Interessen lokaler Eliten und Entstehung einer modernen Leistungsverwaltung (1867-1914). In: Jürgen Ellermeyer u.a. (Hrsg.): Harburg. Von der Burg zur Industriestadt. Beiträge zur Geschichte Harburgs 1288-1938. Hamburg 1988, Seite 225.
2 Ebd., Seite 233.
3 Zitiert nach: Helmut Stubbe-da Luz, Die Oberbürgermeister. Heinrich Denicke (Harburg), Bernhard Schnackenburg (Altona), Erich Wasa Rodig (Wandsbek). Hamburg 1992, Seite 24.
4 Harburger Anzeigen und Nachrichten (HAN), 31.10.1918.
5 HAN, 2.11.1918.
6 HAN, 4.11.1918.
7 HAN, 5.11.1918.
8 Hamburger Echo, 5.11.1918.
9 HAN, 6.11.1918.
10 HAN, 7.11.1918.
11 Hamburger Echo, 7.11.1918.
12 HAN, 7.11.1918.
13 Wilhelmsburger Zeitung, vermutlich vom 8.11.1918. Zitiert nach: Frank Dee, Jürgen Dee, Andreas Schwesig, Roland Schwesig, Die Novemberrevolution 1918/19 in Hamburg-Harburg. Harburg 1976 (Unveröffentlichte Schülerarbeit), Seite 14.
14 Die Rote Fahne (ehemals Hamburger Echo), 8.11.1918.
15 Wilhelmsburger Zeitung, 8.11.1918, zitiert nach: Frank Dee u.a., a.a.O. Seite 20.
16 Volksblatt für Harburg, Wilhelmsburg und Umgegend (Volksblatt), 8.11.1918, zitiert nach: Frank Dee u.a., a.a.O. Seite 60.
17 HAN, 8.11.1918.
18 Volksblatt, zit. nach: Frank Dee u.a., a.a.O. Seite 61.
19 Ebd.
20 Die Rote Fahne (Hamburger Echo), 8.11.1918.
21 Hamburger Echo, 10.11.1918.
22 Die Rote Fahne, 9.11.1918.
23 Hamburger Echo, 12.11.1918.
24 Albertus Gehrkens, Wilhelmsburg in den Kriegsjahren 1914-18. In: Wilhelmsburger Adreßbuch 1919/20, Seite 33.
25 Hamburger Echo, 20.11.1918.

„Wir werden gern zurücktreten“
1 HAN, 8.11.1918.
2 Allgemeiner Kongreß der Arbeiter- und Soldatenräte, Berlin, 16. bis 21. Dezember 1918. Stenographische Berichte. (West-) Berlin 1973, Seite 207.
3 HAN, 9.11.1918.
4 Volksblatt, 9.11.1918, zit. nach: Frank Dee u.a., a.a.O. Seite 29.
5 HAN, 9.11.1918.
6 Volksblatt, 9.11.1918, zit n. ebd. Seite 30.
7 Jürgen Ellermeyer u.a. (Hrsg.), Harburg. Von der Burg zur Industriestadt. Beiträge zur Geschichte Harburgs 1288-1938. Hamburg 1988, Seite 365.
8 HAN, 9.11.1918.
9 Ebd.
10 Frank Dee u.a., a.a.O. Seite 61 ff. (Das Plakat lag im Original vor).
11 HAN, 11.11.1918.
12 Otto A. Friedrich, Ein Werk im Spiegel der Weltwirtschaft. Freiburg 1956, Seite 23.
13 HAN, 11.11.1918.
14 Dirk Stegmann (Hrsg.), Der Landkreis Harburg 1918 - 1949. Gesellschaft und Politik in Demokratie und nationalsozialistischer Diktatur. Hamburg 1994, Seite 17.
15 HAN, 11.11.1918.
16 HAN, 12.11.1918.
17 Hamburger Echo, 31.12.1918.
18 HAN, 12.11.1918.
19 HAN, 13.11.1918.
20 Ebd.
21 HAN, 14.11.1918.
22 HAN, 16.11.1918.
23 Ebd.
24 Frank Dee u.a., a.a.O. Seite 32 f.
25 HAN, 18.11.1918.
26 Die Rote Fahne, 22.11.1918.
27 Mitgeteilt von Margarete Dreibrodt.
28 HAN, 19.11.1918.
29 Siehe auch Frank Dee u.a., a.a.O. Seite 33 f.
30 HAN, 15.11.1918 und 19.11.1918.
31 HAN, 29.11.1918.
32 HAN, 11.12.1918.
33 HAN, 20.11.1918.
34 HAN, 21.11.1918.
35 HAN, 23.11.1918.
36 HAN, 28.11.1918.
37 Ebd.
38 Hamburger Echo, 23.11.1918.
39 Hamburger Echo, 16.11.1918.
40 Hamburger Echo, 19.11.1918.
41 Hamburger Echo, 20.11.1918.

Die Harburger Räte entmachteten sich selbst
1 HAN, 3.12.1918.
2 HAN, 4.12.1918.
3 HAN, 5.12.1918.
4 HAN, 7.12.1918.
5 Ebd.
6 HAN, 10.12.1918.
7 Die Rote Fahne, 14.12.1918.
8 Die Rote Fahne, ebd.
9 Hamburger Volkszeitung (früher Rote Fahne), 20.12.1918.
10 HAN, 11.12.1918.
11 HAN, 13.12.1918.
12 HAN, 17.12.1918.
13 Ebd.
14 Harburger Jahrbuch 1955, Hamburg-Harburg 1955, Seite 5.
15 HAN, 28.12.1918.
16 HAN, 18.12.1918.
17 HAN, 19.12.1918.
18 HAN, 24.12.1918.
19 HAN, 31.12.1918.
20 HAN, 2.1.1919.
21 Hamburger Echo, 18.1.1919.
22 HAN, 6.1.1919.
23 Hamburger Echo, 14.1.1919.

Wollten die Räte überhaupt eine sozialistische Revolution?
1 Frank Dee u.a., a.a.O. Seite 11 f., zitiert wurde aus den HAN vom 6.11.1918, die wiederum (und zwar nicht vollständig) aus der Kieler Zeitung vom 5.11.1918 zitierte.
2 Frank Dee u.a., a..a.O. Seite 62 f.
3 Rainer Holze, Günter Hortzschansky, Siegfried Ittershagen, Kurt Wrobel, Novemberrevolution 1918/1919. Anschauungsmaterial. Berlin (DDR) 1978. Seite 11.
4 Wolfgang Malanowski, November-Revolution und die Rolle der SPD 1918. Frankfurt 1968, Seite 147.
5 Gerhard A. Ritter, Susanne Miller (Hrsg.), Die deutsche Revolution 1918 - 1919. Frankfurt (Main) 1968, Seite 102.
6 Ebd.
7 G. Prüfer, W. Tormin, Die Entstehung und Entwicklung der Weimarer Republik bis zu Eberts Tod. Hefte zum Zeitgeschehen, Heft 2. Hannover 1960, Seite 14.
8 Allgemeiner Kongreß der Arbeiter- und Soldatenräte, ebd.
9 Gerhard A. Ritter, Susanne Miller, a.a.O. Seite 239.

Drohte eine Revolution nach russischem Vorbild?
1 Gerhard A. Ritter, Susanne Miller, a.a.O. Seite 72.
2 Hermann Weber, Völker hört die Signale. Der deutsche Kommunismus 1916 - 1966. München 1967, Seite 36.
3 HAN, 4.1.1919.
4 HAN, 7.1.1919.

Die Blockade der „Harburger Anzeigen und Nachrichten“
1 HAN, 18.1.1919..
2 Hamburger Echo, 11.1.1919.
3 HAN, 8.1.1919.
4 Hamburger Echo, 22.12.1918.

Der Mord an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg und sein Echo in Harburg
1 Wilhelm Groener, Lebenserinnerungen, in: Gerhard A. Ritter, Susanne Miller, Die deutsche Revolution 1918 - 1919 a.a.O. Seite 92.
2 Wilhelm Groener, Lebenserinnerungen, in: Lothar Berthold, Helmut Neef, Militarismus und Opportunismus gegen die Novemberrevolution. Berlin (DDR) 1978, Seite 422 f.
3 Gustav Noske, Von Kiel bis Kapp, in: Gerhard A. Ritter, Susanne Miller, a.a.O. Seite 169.
4 Wolfgang Malanowski, a.a.O. Seite 107.
5 HAN, 9.1.1919.
6 HAN, 10.1.1919.
7 HAN, ebd.
8 Ebd.
9 HAN, 13.1.1919.
10 Ebd.
11 Hamburger Echo, 15.1.1919.
12 HAN, 13.1.1919.
13 HAN, 16.1.1919.
14 HAN, 17.1.1919.
15 Hamburger Echo, 25.1.1919.

Die Wahlen zur Nationalversammlung: 69,7 % in Harburg für SPD und USPD
1 HAN, 17.1.1919.
2 Fred Schmitz, a.a.O. Seite 129, (Wilhelmsburg:) Hamburger Echo, 21.1.1919.
3 HAN, 20.1.1919 und 29.1.1919.
4 Hamburger Volkszeitung, 22.1.1919.
5 HAN, 24.1.1919.
6 Hamburger Echo, 31.1.1919.
7 HAN, 31.1.1919.
8 HAN, 1.2.1919.

Denn goht wi to Foot!
1 HAN, 5.2.1919.
2 Hamburger Echo, 6.2.1919.
3 HAN, 6.2.1919.
4 HAN, 5.2.1919.
5 Willi Bredel, Unter Türmen und Masten. Dortmund 1981, Seite 269.
6 HAN, 6.2.1919.
7 Ebd.
8 HAN, 7.2.1919.
9 Hamburger Volkszeitung, 20.2.1919.

Hungerunruhen, Wahlen zum Stadtparlament und das Ende der Räte
1 HAN, 10.2.1919.
2 HAN, 13.2.1919.
3 HAN, 14.2.1919.
4 Hamburger Echo, 13.2.1919.
5 Hamburger Echo, ebd.
6 Hamburger Echo, 15.2.1919.
7 Hamburger Echo, 16.2.1919.
8 Hamburger Echo, 18.2.1919 und 20.2.1919.
9 Hamburger Echo, 29.3.1919.
10 HAN, 27.2.1919.
11 Hamburger Echo, 23.2.1919.
12 HAN, 25.2.1919.
13 Ebd.
14 HAN, 27.2.1919.
15 HAN, 28.2.1919.
16 HAN, 1.3.1919.
17 HAN, 3.3.1919.
18 Ebd.
19 HAN, 8.3.1919.
20 Hamburger Echo, 12.3.1919.
21 HAN, 7.3.1919.
22 HAN, 14.3.1919.
23 HAN, 28.2.1919.
24 Hamburger Echo, 5.4.1919.
25 Hamburger Echo, 6.4.1919.
26 HAN, 26.5.1919.

Neue Arbeiterräte - ein Köder für Revolutionäre?
1 Franz Osterroth, Dieter Schuster, Chronik der deutschen Sozialdemokratie. Hannover 1963, Seite 217 f.
2 HAN, 18.3.1919.
3 HAN, 19.3.1919.
4 Ursula Büttner, Hamburg zur Zeit der Weimarer Republik. Hamburg 1996, Seite 15.
5 HAN, 22.3.1919.
6 HAN, 29.3.1919.
7 HAN, 31.3.1919.
8 HAN, 25.3.1919.

Wachsende Unzufriedenheit und getrennte Maikundgebungen
1 HAN, 22.3.1919.
2 HAN, 31.3.1919.
3 HAN, 2.4.1919.
4 HAN, 25.4.1919.
5 HAN, 7.5.1919.
6 HAN, 11.4.1919.
7 HAN, 7.4.1919.
8 Gastliches Harburg. Vom Goldenen Engel zur Goldenen Wiege. Veröffentlichung des Helms-Museums Nr. 62. Hamburg 1990, Seite 50 und Umschlagseite.
9 HAN, 12.4.1919.
10 HAN, 16.4.1919.
11 HAN, 17.4.1919.
12 HAN, 30.4.1919.
13 Hamburger Echo, 3.5.1919.
14 Hamburger Echo, ebd.
15 Hamburger Echo, 10.4.1919.
16 HAN, 7.5.1919.
17 Hamburger Echo, 13.4.1919.
18 HAN, 6.5.1919.
19 G.Prüfer, W. Tormin, a.a.O. Seite 25.
20 G.Prüfer, W. Tormin, a.a.O. Seite 29 ff.
21 Fred Schmitz, Harburg. Die Geschichte einer deutschen Stadt zwischen Königtum und Diktatur. 1851-1937. Seite 137.
22 HAN, 12.5.1919 und 14.5.1919.

Streiks gegen Lohnkürzungen und politischen Mord
1 Fred Schmitz, Harburg. Die Geschichte einer deutschen Stadt zwischen Königtum und Diktatur 1851 - 1937. Harburg 1969, Seite 136.
2 HAN, 15.5.1919.
3 HAN, 3.6.1919.
4 HAN, 30.5.1919 und 2.6.1919.
5 HAN, 7.6.1919
6 Ebd.
7 L. Berthold u.a. (Autorenkollektiv), Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung (Chronik), Teil II, Berlin (DDR) 1966, Seite 68.
8 HAN, 14.6.1919.
9 HAN, 17.6.1919.
10 HAN, 14.6.1919.
11 HAN, 20.6.1919.
12 HAN, 24.6.1919.
13 HAN, 27.6.1919.

Der Harburger 60-Pfennig-Aufstand und der Belagerungszustand 
1 HAN, 27.6.1919.
2 HAN, ebd.
3 HAN, ebd.
4 HAN, 28.6.1919.
5 HAN, 27.6.1919.
6 HAN, ebd.
7 HAN, 28.6.1919.
8 HAN, ebd.
9 L. Berthold u.a. (Autorenkollektiv): Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Chronik, Teil II, Berlin (DDR), Seite 69.
10 HAN, 28.6.1919.
11 HAN, ebd.
12 HAN, ebd.
13 HAN, 1.7.1919.
14 HAN, 2.7.1919.
15 HAN, 4.7.1919.
16 HAN, 8.9.1919.
17 HAN, 23.9.1919.
18 HAN, 5.11.1919.

Harburger Arbeiter vor dem Kriegsgericht
1 HAN, 7.7.1919.
2 HAN, 8.7.1919.
3 HAN, 15.7.1919.
4 HAN, 17.7.1919
5 HAN, 23.7.1919.
6 HAN, 29.7.1919.
7 Ebd.
8 HAN, 30.7.1919.

Neue Verfassung: Was von den Räten blieb
1 Rudolf Schuster (Hrsg.), Deutsche Verfassungen. München 1981, Seite 128.
2 Rudolf Schuster, Seite 126.

Was versäumt wurde
1 Ernst Toller, Eine Jugend in Deutschland. Reinbek 1963, Seite 81.
2 Statistik des Deutschen Reiches, Band 290,I
3 100 Jahre Sozialdemokratische Partei Deutschlands - SPD-Distrikt Harburg. Harburg 1963, Seite 11.
4 HAN 11.4.1987.

 

Bild- und Dokumentennachweis

(1) Anschläge. Ebenhausen 1972, S.10

(2) Harburger Anzeigen und Nachrichten (HAN), 2.11.1918

(3) IG Chemie Harburg, 100 Jahre Gewerkschaftsbewegung in Harburg. Harburg 1969, S.7

(4) Helmut Stubbe-da Luz, Die Oberbürgermeister. Hamburg 1992, S.12

(5) HAN 11.11.1918

(6) HAN 11.4.1987

(7) HAN, 12.11.1918

(8) HAN, 13.11.1918

(9) Von der Burg zur Industriestadt. Hamburg 1988, S.391.

(10) Deutscher Bundestag, Fragen an die Deutsche Geschichte. Bonn 1977, S.271

(11) HAN 11.1.1919 und 14.1.1919

(12) HAN 7.1.1919

(13) HAN, 24.1.1919

(14) Wolfgang Becker, Harburg, wie hast Du Dich verändert. Harburg 1997, Seite 14

(15) HAN, 28.2.1919

(16) HAN, 9.5.1919, Anschläge. Ebenhausen 1972, S.24

(17) Staatsarchiv

(18) HAN, 11.4.1987

(19) Rainer Holze u.a. (Autorenkollektiv), Die Novemberrevolution 1918/19, Berlin (DDR), S.64

(20) HAN, 24.6.1919

(21) HAN, 27.6.1919

(22) HAN, 28.6.1919

(23) 100 Jahre Sozialdemokratische Partei Deutschlands. SPD, Distrikt Harburg. Harburg 1963, S.11; HAN 11.4.1987

Die Kopien der „Harburger Anzeigen und Nachrichten“ aus den Jahren 1918 und 1919 stammen aus dem Staatsarchiv Hamburg.

 

Herausgeber:
Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes /
Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN/BdA), Kreisvereinigung Harburg

Hamburg-Harburg 1998
Alle Rechte bei der VVN/BdA Hamburg
Hein-Hoyer-Str. 41, 20359 Hamburg

 

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